Rechts- oder Linksträger?

Sie haben Polohemden im Schrank? Werfen Sie sie schnell weg, wenn Sie politisch nicht falsch verortet werden wollen. Eine Glosse.

Ein Beitrag von Roberto De Lapuente

Die positive Nachricht vorneweg: Das Folgende ereignete sich im benachbarten Österreich – es hätte ganz genau so auch bei uns stattfinden können. Tröstlich ist an der Causa jedoch, dass nicht nur hierzulande ein übergeschnapptes Klima herrscht, sondern eben auch bei den Nachbarn. Alles andere daran ist beklemmend – und teuer. Den österreichischen Steuerzahler hat die Erkenntnis der Professorin und Modeforscherin Elke Gaugele aus Wien um die 400.000 Euro gekostet. Ihr wissenschaftliches Forschungsergebnis ist bahnbrechend: Blümchenkleider, Polohemden und Hoodies seien der gewandete Ausdruck von Rechtsextremismus. Wer derlei Kleidungsstücke trage, könnte mit erhöhter Wahrscheinlichkeit jemand sein, der »rechts« stehe – was genau mit dem Begriff des Rechten gemeint sein könnte, wird nach guter alter Meinungskorridormanier selbstverständlich nicht gelüftet.

Nazimoden 2026

Vor bald zwei Jahren erfuhr man in Deutschland, dass Einstecktücher und Perlenkette – Accessoires, wie sie AfD-Vorsitzende Alice Weidel trägt – einen tiefen Blick in die Hinrichtungsstätte Plötzensee erlaube. Die Regisseurin Christina Friedrich äußerte sich damals in der taz so. Und ja, es gab wohl einen Redakteur, der das für eine konsistente Äußerung hielt, die unbedingt das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte. In Plötzensee rechnete die Nationalsozialisten auf bestialische Art und Weise mit ihren Gegnern ab. Etliche, die in das Attentat vom 20. Juli 1944 verwickelt waren, sollten dort »wie Schlachtvieh« aufgehängt werden – so lautete der Führerbefehl. Ein Kamerateam soll die grausige Hinrichtung aufgenommen haben. Ob Hitler die Bilder je gesehen hat, weiß niemand zu berichten. Wie die erwähnte Filmschaffende damals auf diese Konnotation zwischen Perlenkette und Hinrichtung, zwischen Einstecktuch und Plötzensee kam, lässt sich hier nicht klären – womöglich braucht diese Implikationsmeisterleistung auch eher fachmännische Betreuung als küchenpsychologisches Ereifern.

Nun also Polohemden, Blümchenkleider und Kapuzenpullover. Die Modeforscherin denkt dabei nicht gleich an Plötzensee – immerhin noch eine positive Nachricht also. Aber an Rechtsextreme denkt sie wohl. Der Schluss liegt auch nahe, denn im Grunde lässt sich ein Rechtsextremer auch an folgenden Klamotten erkennen: Socken, Unterhosen und Kniestrümpfe. Ferner kommen dazu: Boxershorts, Slips, Feinrippunterwäsche, Achselshirts, T-Shirts, Sweatshirts, Rollkragenpullover, Troyer, Cardigans, Westen, Fleecejacken und Trenchcoats. Viele Rechtsextreme kleiden sich auch mit Mänteln, Sakkos, Smokings, Hemden mit und Hemden ohne Kragen, Holzfällerhemden, Trachtenhemden, Jeans, Schlaghosen, Cargohosen, Faltenröcken, Miniröcken, Sommerkleidern und Jogginganzügen. An den Füßen geht es auch rechtsextrem zu: Hausschuhe, Sandalen, Espadrilles, Mokassins, Halbschuhe, Gummistiefel, Wanderschuhe und Turnschuhe weisen darauf hin. Nicht zu vergessen: Schiebermützen, Baseballcaps, Sonnenhüte, Strohhüte, Zipfelmützen, Schals, Halstücher, Krawatten, Fliegen, Hosenträger, Gürtel, Handschuhe und Fäustlinge.

Manchmal sind Rechtsextreme auch komplett nackt oder tragen genitalbetonte Badehosen. Außerdem extrem rechtsextrem: Stützstrümpfe, Gebisse, Hörgeräte und Brillengestelle. Umstandskleider liegen bei Rechtsextreminnen im Trend. Bei Tische stecken diese Leute sich Servietten in den Hemdkragen, stochern mit Gabeln im Essen herum, nutzen Messer oder Löffel und führen hin und wieder auch ein Glas an den Mund. Wenn Sie jemanden sehen, der einen Mund im Gesicht trägt, könnte es ein Rechtsextremer sein! Anders gesagt: Diese Rechtsextremen sind wahrlich überall!

Der rechtsextreme Mantel des Schweigens

Das muss freilich auch die besagte Modeforscherin bemerkt haben, weswegen sie noch einen Puffer für ihre These einbaute: »rechtsextreme Mode sei parasitär«. Die Trendsetter von rechts kopierten das, was Linke oder die Mitte trage – sie schaue sich ab, was sich in anderen politischen Lagern übergeworfen wird, und täten es dem politischen Kontrahenten gleich. Deswegen tragen Rechtsextreme jetzt Hoodies, die man sonst als Tracht im Antifa-Block gesehen hat – Rechtsextreme schlüpfen folglich in eine andere Rolle, versteckten sich so im Schafspelz, der wiederum durchaus aus Synthetik sein kann. Wenn Ihnen eine Person in Badehosen begegnet, dann sollten Sie in Habachtstellung gehen: Es könnte ein Rechter sein, der auf links macht – echte Linksträger erkennen Sie … ja, woran eigentlich?

Wir leben wahrlich in absurden Zeiten mit noch viel absurderen Theorieansätzen, die mehr über die Vertreter dieser »Wissenschaftlichkeit« verraten als über die Gegenstände ihrer Betrachtung. Das Böse ist bekanntlich banal – es kleidet sich, wie sich alle Welt kleidet. Die Nationalsozialisten wünschten sich einst, neben jenen unsäglichen Gruß, auch einen guten Morgen. Wollen wir nicht beginnen, diese Form der Freundlichkeit abzuräumen, weil die Niederträchtigen dieselbe anbrachten? Die Banalität des Bösen, man könnte es auch so lesen, findet sich in »Forschungsergebnissen« wie diesen wieder. Es ist die akademische Perfidie, die in schierer Banalität Unfug verbreitet, der nur ein Motiv zu haben scheint: Die Gesellschaft einnebeln und mit Fantasiethesen ein Klima schaffen, in dem keiner mehr weiß, was wahr und unwahr oder wichtig und unwichtig ist.

Wer in Polohemden den Rechtsextremismus entdeckt, wird ihn irgendwann auch in Espadrilles, Lesebrillen oder Kaffeetassen finden. Ja, der will früher oder später jeden zum Rechtsextremisten erklären und seinen persönlichen Wahn an der Gesellschaft austoben – selbstverständlich gutdotiert von Steuergeldern. Totalitäres Denken fängt ganz offenbar nicht mit der Präsenz von Uniformen an, sondern im Nachdenken darüber, was ich morgen noch anziehen darf und was besser nicht, um nicht von Modeforscherinnen politisch verortet werden zu können. Die Akademie der Künste in Wien täte gut daran, den Mantel des Schweigens über ihre Professorin zu hüllen – aber Mäntel, so muss man im Zweifelsfalle fast annehmen, gehören zur rechtsextremen Garderobe.


Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.

Quelle: https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/rechts-oder-linkstraeger/

Titelbild: KI generiertes Symbolbild

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