Alles Faschisten außer Luigi?

Des neuen Linken-Chef Luigi Pantisanos Gleichsetzung zwischen CDU und Faschismus ist kein rhetorischer Unfall gewesen – sie zeigt recht deutlich, dass das linke Milieu Andersdenkende schon im Grundsatz verabscheut.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Kaum Parteivorsitzender, schon die erste Rücktrittsforderung: Luigi Pantisano aus dem schwäbischen Waiblingen, neuer Vorsitzender der Linkspartei, gewählt von sagenhaften 53,3 Prozent der Delegierten des linken Parteitages vom letzten Wochenende, hat keinen guten Stand. In einem Interview mit der Bildzeitung am Rande des linken Catwalks stellte er klar, dass er zwischen der Union und »den Faschisten« gar keinen Unterschied erkennen könne. Das war selbst Daniel Günther zu viel, dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten und CDU-Vordenker in Sachen »Koalitionsbereitschaft mit der Linkspartei«. Ganz dienstlich und nicht als Privatmann – das muss man heutzutage offenbar betonen – forderte er daraufhin den Rücktritt des Pantisano.

Das liegt natürlich auf der Hand, denn Günther gibt seit Monaten den Kanalarbeiter, wenn es darum geht, die Linken seiner Union als koalitionsfähig schmackhaft zu machen. Die radikalen Ansichten des Herrn Pantisano stehen diesem Vorhaben aber ganz grundsätzlich im Wege. Wie soll er seinen Kameraden aus der Partei nun vermitteln können, dass diese Linken an sich ganz umgängliche Typen sind, wenn sie gleichzeitig das Bad ausschütten, ohne vorher das Kind aus der Wanne genommen zu haben? Pantisano dämmerte das vielleicht, er entschuldigte sich in aller Eile und parallel erklärte die andere Vorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, ihre Offenheit in puncto Koalitionsbereitschaft mit der Union in Ostdeutschland.

Faschismus ist, wenn einer anders denkt?

Daniel Günther teilte über die Medien mit, dass er die Entschuldigung nicht für ausreichend halte – aber an der Stelle verlassen wir die Szene, denn das übliche Geplänkel im Fegefeuer politischer Eitelkeiten, das man in anderen Milieus mit dem Label »Pack schlägt sich, Pack verträgt sich« trefflich ausstattet, hat wirklich keinen Erkenntnisgewinn und dient nur dem Ego-Marketing diverser Karrieristen aller politischen Couleur. Bezeichnend an dieser Causa ist etwas anderes: Pantisano stand recht gelassen vor dem Fragesteller der Bild und postulierte seinen Vergleich auf eine Weise, die verriet, dass das, was er da von sich gab, eine ziemlich weitverbreitete Ansicht in seinem Milieu ist – eine, die man nicht verheimlichen oder wenigstens leise formulieren muss, sondern ganz ungeniert ausposaunen kann. Auf dem Parteitag selbst musste er keine Rüge erwarten, ganz im Gegenteil, mit seiner Betrachtung zu Union und Faschisten, er meinte wohl die AfD, traf er voll und ganz den Spirit des veranstalteten Zirkusses.

Ein Blick in die Straßen des Landes lohnt sich, jedenfalls dann, wenn die von pensionierten Studienrätinnen gegen rechts – meist als Omas bekannt, wenn auch häufig enkellos – oder juvenileren Demonstranten ebenfalls gegen rechts bevölkert werden. Diese Proteste werden zwar nicht aus der Linkspartei heraus organisiert, sondern oft stecken Sympathisanten und sogar Parteigänger der Sozialdemokratie und der Grünen dahinter (wenn auch NGO-kaschiert), aber der Geist ist dennoch derselbe. Dort bezieht man Stellung gegen die AfD, aber da schwingt immer auch mehr mit, gegen wen man sich positioniert: Man zeigt überdies an, dass man gegen die Union, den Konservatismus – hin und wieder auch den Liberalismus – und die Kirche eingestellt ist. Man protestiert gegen Männer und Querdenker, gegen Traditionalisten und Skeptiker, gegen Kernkraftbefürworter und Fahrzeugführer von Verbrennern. Kurz: Andersdenkende haben es auf solchen Demonstrationen schwer, sie gelten bei der dortigen Klientel als problematisch und toxisch.

Nicht jeder Demonstrant mag bei diesen Ereignissen sofort annehmen wollen, dass jemand aus der Phalanx nicht gern gesehener Andersdenkender per se ein »Fascho« sein muss – aber recht häufig liegt diese Einordnung ja doch recht nahe, denn sie ist so herrlich unkompliziert und benötigt weder Kreativität noch profundes Wissen. Der Faschismus-Vorwurf hat in diesem Milieu eine gewisse Tradition – er ist älter als ein Jahrhundert, denn schon in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts erklärten Kommunisten voller Durchblick, dass reformoffene Sozialdemokraten nichts weiter als »Sozialfaschisten« seien. Wer nicht in den weltrevolutionären Kategorien der Internationalen dachte, war also definitiv faschistisch. Diese Schmähkultur aus dem linken Milieu wurde nach dem Zweiten Weltkrieg weiter kultiviert. Gelegentlich lag man mit dem Vorwurf auch richtig, schließlich fanden sich im Nachkriegsdeutschland viele, die in ihrem ersten Leben »Faschist« waren – sehen wir man von der Tatsache ab, dass diese Veteranen wohl eher nationalsozialistisch waren als faschistisch, was in der Tat nicht dasselbe war. Aber man darf nicht zu viel Hintergrundwissen erwarten, wenn die Pantisanos dieser Welt Statements verbreiten. Es war in jenem Nachkriegsdeutschland jedoch auch keine Seltenheit, dass man mit dieser unflätigen Kategorisierung einfach nur Bürgern schmähen wollte, die mit Faschismus und artverwandten Bewegungen gar nichts zu tun hatten.

Ein Kulturkampf des Unterkomplexen

Ziehen wir ein prominentes Beispiel heran: Franz-Josef Strauß. Er hat sich zeit seines Lebens mit jenen dunklen Jahren deutscher Geschichte auseinandergesetzt, seine Geschichte nie versteckt. Strauß war Offizier der Wehrmacht, aber ein Gegner der Nationalsozialisten – als Konservativer konnte er keine Sympathie für die Nazis aufbringen, deren Weltbild alles andere als konservativ geprägt war. Nun war dieser Strauß zwar ein politisch intellektueller, aber auch windiger Charakter, was ihn einige Gegner in der Bundesrepublik bescherte. Junge und protestfrohe Leute setzten ihn damals schon mit dem Faschismus gleich; Strauß litt darunter, dass sie seinen Namen aus Transparenten willentlich mit Doppel-S schrieben statt mit Eszett – der Bayer war in seinem Vorleben aber kein SS-Mitglied, ganz anders als mancher Sittenwächter auf der anderen Seite. Den Protestpöbel kümmerte all das herzlich wenig, er hielt sich nicht mit Fakten auf und erteilte der Komplexität der historischen Wahrheiten aus Gründen der Vereinfachung eine Abfuhr. Es ging schließlich und endlich um die richtige Haltung zu Strauß, den man ja durchaus herzlich unsympathisch finden konnte, dessen politische Agenda man auch nicht teilen musste, der aber eines sicher nicht war: ein Faschist oder Nazi.

Aber ein Rechter war er dennoch. Sebastian Haffner weist in seinem Buch »Anmerkungen zu Hitler« darauf hin, dass die Nationalsozialisten besonders von rechts attackiert wurden – die Konservativen, deren viele nach Rom als heimliche Hauptstadt blickten, waren keine Freunde des Regimes. Götz Aly greift in seinem aktuellen Buch »Wie konnte das geschehen?« nochmals auf. Diese Erkenntnisse gehen aber im zeitgenössischen Kulturkampf unter, auch weil man den mit unterkomplexen Mitteln der Simplifizierung betreibt. Ja, weiterbetreibt – denn innerhalb eines gar nicht mal so kleinen Teils des linken Milieus ist es seit jeher Gepflogenheit, die Union – damals noch durchaus konservativ – mit den Nazis gleichzustellen. Unter westlichen Linken war es auch nicht so unüblich, Sozialdemokraten – damals noch durchaus sozialdemokratisch – auch weiterhin als »Sozialfaschisten« zu rufen. Ein Stück weit muss man sich die westliche Linke der Sechziger- und Siebzigerjahre als paranoid vorstellen. Die Bundesrepublik war für sie häufig nicht weniger als die Fortsetzung des Nationalsozialismus mit freundlicheren Mitteln.

Damals liebäugelten sie bereits mit dem Orient, den sozialen Bewegungen in der islamischen Welt, die man als Gegenkonzept zu einem Kapitalismus verstand, der selbstverständlich auch faschistisch sei. Er habe immerhin den Nationalsozialismus gefördert und finanziert – eine Behauptung, die für den italienischen Faschismus weitaus stärker zutrifft, als für die deutsche Modifikation dieses Phänomens unter dem Namen des Nationalsozialismus. Haffner weist auch darauf hin: Hitler war kein Mann der Eliten – Mussolini hingegen schon. Aber auch an diesem Punkt bleibt links häufig gezielt unterkomplex, es dient schließlich der guten Sache und trifft nur Kapitalistenärsche, die man ohnehin verachtet. Wer schon vor Jahren in der Bewertung dieser Dinge anders dachte, wer dem Thema die Komplexität gewährte, das es verdiente, musste mit Schmähung und Gleichsetzung rechnen. So der Historiker Ernst Nolte zum Beispiel, der in den Sechzigerjahren die Dimitroff-These hinterfragte, die aus ideologischen Gründen den (Finanz-)Kapitalismus zum Urheber des Faschismus erkor. Nolte wurde schon damals in die rechte Ecke gestellt, wie man heute zu sagen pflegt. Denn er sah historische Zusammenhänge zwischen den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, was man ihm nicht durchgehen lassen konnte. Die Nähe zwischen Linken und Islam hat die Zeiten bekanntlich überdauert, der Islamismus wird in der heutigen Zeit bevorzugt heruntergespielt – wer ihn thematisiert und das anders sieht: Richtig! Der gilt schnell mal als faschistisch! Worin man in diesem Milieu weiterhin ein antikapitalistisches Motiv im islamistischen Streben sieht, lässt sich inhaltlich kaum erklären – wohl aber emotional.

Die Linke ist Teil der neofaschistischen Architektur

Die Geschichte der Linken fing nicht verheißungsvoll an. Das linke Bürgertum kulminierte in einem Wohlfahrtsausschuss, drang darauf einen neuen Menschentypus zu schaffen, eingebettet in eine völlig überarbeitete gesellschaftliche Struktur mit Institutionen, die nicht historisch vorbelastet sein sollten – dieses von den Jakobinern machtverwaltete Frankreich war weder besonders tolerant, pazifistisch oder gelassen. Es ließ die damaligen Zeitgenossen wissen, dass man nun endlich die Defizite des menschlichen Daseins begriffen habe und eine Umwertung aller Werte alternativlos sei – wer sich dem widersetzte, ganz gleich mit welcher Erklärung, musste damit rechnen geköpft zu werden. Auch die Guillotine war ein Stück »Aufklärung«, man wollte möglichst effizient und fortschrittlich Andersdenkende eliminieren – vor diesem Hintergrund kann man auch die Einschätzung des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt verstehen, die er vor einiger Zeit in einem Interview mit der Welt am Sonntag vertrat, als er das Fallbeil als Vorgeplänkel zum Holocaust skizzierte. Die neue Tötungskultur der Jakobiner etablierte eine Art der »aufgeklärten wissenschaftlichen Vernichtung«, die später ihren höllischen Höhepunkt fand, als man sich im Zuge der Endlösung fragte, wie man möglichst effizient und wenig nervenbelastend – für die Henker – im großen Stile töten könne.

Die zeitgenössischen Jakobiner dürfen nicht auf die Lösung ihrer Probleme durch eine Guillotine setzen. Aber sie enthaupten mit den kleinkarierten und niederträchtigen Mitteln, die ihnen der zivilisierte Staat gerade so lässt. Sie üben sich in sozialem Ausschluss, fordern Maulkörbe und kultivierten ein Klima, in dem leidige Problematiken gar nicht erst angesprochen werden dürfen. Einen Andersdenkenden in die Nähe zum Faschismus zu rücken, ist dabei die fieseste Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht, die andere Werte- und Moralvorstellungen pflegen. Einen lästigen Zeitgenossen mit diesem Vergleich zu überziehen, ist immer auch von der Berechnung getragen, dass etwas hängen bleibt, was den Kontrahenten hoffentlich möglichst lange aus dem Rennen wirft. Andersdenkende als Vertreter des Faschismus einzunorden: Das ist gewissermaßen das hinterfotzige Fallbeil unserer Zeit, ein – unter bürgerlichen Aspekten – nicht statthafter Anschlag auf die Integrität von Leuten, die eben nicht das Welt- und Menschenbild verinnerlicht haben, das man »unter Linken« als unumstößliche Wahrheit handelt, als gäbe es darüber nichts zu streiten. Zudem ist es beliebt, dass sich diese zeitgenössische Linke gerne von den Übeln der Zeit abspaltet, Ines Schwerdtner ist hierbei beispielhaft. Im Bundestag ruft sie der AfD zu, dass sie »die Nachfahren des Verbrechens des Holocaustes« seien. Damit sagt sie auch, dass in ihrem Milieu keine solchen Nachfahren zu finden wären. Entweder gibt es in ihrer Partei also eine Sippenhaft über Zeitenläufte hinweg – oder sie formt die Wahrheit nach ihren Gunsten. Man darf von zweiterem ausgehen. Die Abspaltung von der Schuld, um den politischen Kontrahenten zu schaden: Das ist ein klarer Missbrauch der Gedenkkultur und ein revisionistischer Kniff.

Natürlich sollte man das alles nun nicht falsch verstehen: Man muss die Union, die Luigi Pantisano rhetorisch mit Faschismusnähe ausstattete, nun wirklich nicht schätzen – man kann sogar alles falsch finden, was diese Partei und ihre Schranzen anstellen. Das steht jedem offen, ohne dass man gleich den unterkomplexen, aber in der Sache völlig eskalierenden Vorwurf des Faschismus aufkommen lässt. Nicht jeder, der beispielsweise applaudiert, wenn ein Schwarzer zusammengeschlagen wird, ist ein Nazi oder Faschist, die Motive können so vielfältig sein, wie es die Gesellschaft zuweilen ist – Nazi oder Faschist: das sind ohnehin lediglich historische Begrifflichkeiten. Manchmal ist so ein klatschender Zeitgenosse ganz lapidar einfach nur ein Arschloch – und nicht jedes Arschloch ist gleich Faschist. Es gibt sogar viele Linke, die Arschlöcher sind. Aber da der neue Vorsitzende der Linken unbedingt über Faschismus sprechen will, sollte man ihm diesen Gefallen in aller Kürze tun. Es formiert sich ja durchaus einer, ausgebrütet in den Kulturstätten europäischer Zentralverwaltung: In Brüssel und Straßburg. Dort krallt sich der Eurofaschismus nationale Autonomien, unterläuft die Justizapparate der Mitgliedsländer und reißt Macht an sich, die den europäischen Souveränen und ihren Institutionen zustehen würde. Pantisanos Linke, die heutigentags jeden Kritiker der europäischen Idee sofort in die Internationale der Rechtspopulisten einordnet, ganz schamlos zum Nazi, Fascho und Rechten erklärt, gibt sich koalitionsfähig als europahörige Partei. Um Ihre Aussage aufzugreifen: Kann man jetzt noch einen Unterschied zwischen den Linken und den anderen Faschisten machen, Herr Pantisano?


Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.

Quelle: https://overton-magazin.de/kommentar/politik-kommentar/alles-faschisten-ausser-luigi/

Titelbild: FyrtaarnCC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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