Investitionen, Konzessionssystem, Einnahmen und politische Variablen – Ein neues, von den Regierungen in Caracas und Washington angekündigtes Abkommen bestätigt den Erdölsektor als zentrale Achse der Annäherung zwischen beiden Ländern.
Ein redaktioneller Beitrag von von Misión Verdad
Die Regierungen Venezuelas und der Vereinigten Staaten haben ein „historisches Abkommen“ im Erdölsektor angekündigt, das eine für US-amerikanische Unternehmen günstige venezolanische Konzessionsvergabe für 17 Ölfelder vorsieht.
Donald Trump und sein Außenminister Marco Rubio bezeichneten die Partnerschaft als „das größte Erdölabkommen in der Geschichte der Welt“.
Die venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez wiederum bezeichnete die Partnerschaft am Abend des 29. August als einen Meilenstein, der die „wirtschaftliche Wiedergeburt“ des Landes markieren werde.
UMFANG UND RESERVEN
Rodríguez zufolge wird das Abkommen eine Laufzeit von 25 Jahren haben. Dies widerspricht Behauptungen, die in einigen Medien und sozialen Netzwerken verbreitet wurden, wonach es angeblich eine Laufzeit von 100 Jahren haben soll.
Der Vertrag sieht den Einstieg US-amerikanischer Unternehmen in acht Erdölblöcke vor, die insgesamt 17 Felder umfassen. Die dort vorhandenen Reserven belaufen sich insgesamt auf 65 Milliarden Barrel Erdöl.
Die Präsidentin erklärte jedoch, dass in den neu konzessionierten Feldern ein erreichbares Produktionsziel von 1,5 Millionen Barrel pro Tag besteht. Es ist offensichtlich, dass dieses Ziel nicht bereits am ersten Tag des Abkommens erreicht sein wird. Tatsächlich wird es Monate dauern, bis die Transaktion die ersten Barrel hervorbringt, und bis das kumulierte Produktionsziel von 1,5 Millionen Barrel erreicht wird, könnten Jahre vergehen.
Dies deutet darauf hin, dass während der Laufzeit des Abkommens, entsprechend den Angaben der Präsidentin, das Ziel für die förderbare Rohölmenge bei rund 11 Milliarden Barrel liegen wird. Damit ergibt sich eine wichtige Unterscheidung zwischen den von Trump angekündigten 65 Milliarden Barrel und der praktischen Realität des Abkommens.
Der US-Präsident könnte dabei auf seine üblichen maximalistischen Ankündigungen zurückgreifen, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass sich sein Land in der Schlussphase der Zwischenwahlen befindet, während gleichzeitig infolge der von seiner Regierung ausgelösten Krise in der Straße von Hormus eine Krise bei den Kraftstoffpreisen und den Erdölreserven herrscht.
Diese Faktoren verdeutlichen die dringende Notwendigkeit, zwischen der Rhetorik des Präsidenten und den praktischen und glaubwürdigen Dimensionen des bedeutenden Abkommens zu unterscheiden.
INVESTITIONEN, PRODUKTION UND GEWINNE
Die Vereinbarung verspricht Investitionen in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar für ihre Umsetzung. Ein nicht unwesentlicher Aspekt dieser Ankündigung ist der bedeutende Beitrag, den dies zur venezolanischen Gesamtwirtschaft leisten könnte, indem durch neue Investitionen frische Einnahmen ins Land fließen.
Der jährliche Zufluss von Investitionen in Milliardenhöhe direkt in die Felder könnte erheblich zum venezolanischen Währungssystem beitragen, was sich wiederum auf die Stabilität des Wechselkurses und die Inflation auswirken würde.
Die venezolanische Regierung erklärte, sie erwarte während der Laufzeit des Abkommens Steuereinnahmen von „mindestens“ rund 209 Milliarden US-Dollar. Diese Zahl wurde auf Grundlage eines Weltmarktpreises von 65 US-Dollar pro Barrel berechnet.
Die Präsidentin erklärte, Venezuela erwarte Einnahmen von mindestens 19 US-Dollar für jedes geförderte und verkaufte Barrel. Rund 11 Milliarden Barrel bei einem Mindestpreis von 19 US-Dollar ergeben tatsächlich die genannte Summe.
Die Einzelheiten der Einnahmegrundlage werden jedoch deutlich, wenn man bestimmte Aspekte des für dieses Abkommen geltenden Konzessionssystems aufschlüsselt.
KONZESSIONSSYSTEM
Wie die Präsidentin erklärte und wie es im reformierten Organgesetz über Kohlenwasserstoffe (LOH) festgelegt ist, sind die venezolanischen Reserven nicht übertragbar und bleiben Eigentum der Nation. Daher muss zwischen Förderrechten und dem Eigentum an den unterirdischen Reserven unterschieden werden.
Der geschätzte Gewinn pro gefördertem und verkauftem Barrel innerhalb der 17 Felder beträgt 19 US-Dollar, wobei er je nach internationalem Ölpreis höher oder niedriger ausfallen kann. Dieser liegt derzeit bei 65 US-Dollar.
Diese Einnahmen ergeben sich aus dem für das Abkommen vorgesehenen Lizenzgebührensystem gemäß der LOH. Für die konzessionierten Greenfields gelten eine Einkommensteuer (ISLR) von 32 Prozent und Lizenzgebühren von mindestens 16 Prozent.
Warum „mindestens“ 16 Prozent Lizenzgebühren? Dies erklärt sich aus der LOH. Für die Entwicklung von Greenfields ist ein Mindestanteil an Lizenzgebühren in dieser Höhe vorgesehen, doch jede Lagerstätte und jedes Feld weist eigene Besonderheiten auf. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer geologischen Komplexität. Dies bedeutet: Je komplexer ein Feld ist, desto niedriger sind die Lizenzgebühren, bis hinunter zu 16 Prozent. Bei geringerer Komplexität fallen die Lizenzgebühren höher aus und können 20 oder 25 Prozent erreichen.
Die Lizenzgebühren werden prozentual berechnet. Bei einem Ölpreis von 70, 80 oder 85 US-Dollar pro Barrel würde Venezuela daher für jedes in den 17 vom Abkommen erfassten Feldern geförderte Barrel höhere Einnahmen aus Lizenzgebühren erzielen. Dadurch könnte die angekündigte Marke von 209 Milliarden US-Dollar deutlich überschritten werden.
An dieser Stelle ist es notwendig, einen Vergleich mit den jüngsten Steuersystemen anzustellen, die für neue Erschließungsprojekte, also Upstream-Investitionen, in Venezuela gelten.
Bis zu diesem Jahr richtete sich das venezolanische Konzessionssystem nach der 2001 geschaffenen und 2006 reformierten LOH. Technisch gesehen ist die heutige LOH eine Reform desselben Gesetzes von 2001, allerdings gibt es bedeutende Änderungen beim Konzessionssystem für Greenfields. Nach dem Gesetz aus den 2000er-Jahren galt für die meisten Erschließungsprojekte eine Einkommensteuer von 32 Prozent und eine Lizenzgebühr von 30 Prozent. Bei neuen Upstream-Projekten lag die Mindestlizenzgebühr bei 20 Prozent.
Die Schwäche dieses Gesetzes bestand darin, dass es für reife Felder galt und dort große Vorteile bot, zugleich aber erhebliche Einschränkungen für Investitionen in Greenfields schuf. Investitionen in Greenfields sind äußerst kostspielig und technisch komplex. In vielen Fällen kann ein Unternehmen jahrelang in Explorations- und Produktionsprozesse investieren, bevor die ersten Barrel gefördert werden.
Zum weiteren Vergleich: In den 1990er-Jahren galt während der sogenannten „Öffnung des Erdölsektors“ ein völlig anderes System. Für Greenfields wurde eine Einkommensteuer von 32 Prozent bei lediglich einem Prozent Lizenzgebühren eingeführt. Tatsächlich gab es steuerliche Anreize und Lizenzgebühren von nur einem Prozent, die geradezu lächerlich gering waren, zu einer Zeit, als ein Barrel 15, 20 oder 25 US-Dollar kostete. Zudem orientierten sich die Preise für schweres und extra-schweres Rohöl aus dem Orinoco-Erdölgürtel, das als Bitumen verkauft wurde, an den Kohlepreisen. Die Unternehmen erhielten das Rohöl praktisch kostenlos.
Diese Unterscheidung ist notwendig, um die Größenordnungen des heutigen Systems einordnen zu können. Bei Upstream-Investitionen und der Entwicklung von Greenfields mit unkonventionellem Rohöl, wie dem schweren und extra-schweren Rohöl aus dem Erdölgürtel, ist das System für die 17 im Jahr 2026 an die Vereinigten Staaten konzessionierten Felder für den Staat weniger vorteilhaft als dasjenige der LOH aus den 2000er-Jahren. Es ist jedoch eindeutig wesentlich vorteilhafter als das System der „Öffnung des Erdölsektors“ in den 1990er-Jahren.
Dieser Aspekt ist untrennbar mit der nationalen Souveränität und der vorteilhaften Verfügung über die natürlichen Ressourcen verbunden. Über die offensichtliche mathematische Abwägung hinaus ist in diesem Fall vor allem wichtig, dass die Abkommen mit dem Investitionsbedarf Venezuelas vereinbar und angemessen sind.
Im internationalen Vergleich werden weltweit neue Erdölprojekte genehmigt, die große Investitionen erfordern und technisch hochkomplex sind. Betrachtet man den amerikanischen Kontinent, gibt es bemerkenswerte Beispiele in Kolumbien, Argentinien, Kanada und den Vereinigten Staaten. Diese Länder entwickeln ebenso wie Venezuela Investitionen in unkonventionelle Rohölvorkommen auf Grundlage von porösem Gestein (Shale Oil) sowie in Schweröl.
Vergleicht man das in diesen Tagen angekündigte Konzessionssystem zwischen Venezuela und den Vereinigten Staaten mit den Vertragsbedingungen in diesen Ländern, erhält Venezuela bei Steuern, Lizenzgebühren und dem sogenannten Government Take, also den staatlichen Einnahmen aus dem Eigentum an den Ressourcen beziehungsweise aus deren Rente, vergleichbare Vorteile. Anders gesagt: Die venezolanischen Einnahmen aus den 17 zu konzessionierenden Feldern bewegen sich innerhalb des internationalen Standards für Gewinne aus Upstream-Investitionen in neue Projekte zur Förderung unkonventionellen Rohöls.
Die US-Regierung macht kein großzügiges Zugeständnis, indem sie ihren Unternehmen gestattet, innerhalb des Rahmens von 16 Prozent Lizenzgebühren und 32 Prozent Einkommensteuer zu zahlen. Tatsächlich richtet sich dies nach den technischen Gegebenheiten. Obwohl das schwere und extra-schwere venezolanische Rohöl sehr dicht und schwierig zu fördern ist, bleiben die Investitionskosten für die Förderung jedes einzelnen Barrels beherrschbar und können im Vergleich zu anderen Feldern in den Vereinigten Staaten oder Argentinien deutlich niedriger sein.
Unkonventionelle Rohöle, wie jene aus dem Erdölgürtel, benötigen erhebliche Vorteile und Anreize für die äußerst kostspieligen ersten Investitionsphasen, was moderate Lizenzgebühren und Steuern voraussetzt. Das Abkommen zwischen Venezuela und den Vereinigten Staaten stellt weder eine Ausnahme dar noch ist es für eine der beiden Seiten außergewöhnlich vorteilhaft. Es bewegt sich vollständig innerhalb des weltweiten Standards für Upstream-Investitionen und neue Erschließungsprojekte für unkonventionelles Rohöl.
EINIGE POLITISCHE UND GEOPOLITISCHE VARIABLEN
Auf politischer Ebene ist zunächst ein sehr wichtiger Aspekt hervorzuheben. Die venezolanische Regierung hat bewiesen, dass sie über die politischen und institutionellen Fähigkeiten verfügt, ein Abkommen dieser Größenordnung zu gestalten und auszuhandeln und aus einer Partnerschaft, der asymmetrischer Zwang vorausging, erhebliche Vorteile zu ziehen. Mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln ist niemals einfach, erst recht nicht im venezolanischen Kontext nach dem 3. Januar.
Das von Präsidentin Rodríguez angekündigte Abkommen ist aus venezolanischer Perspektive eindeutig praktisch, tragfähig und vorteilhaft. Möglich wird dies aufgrund zweier objektiver Realitäten: Die Vereinigten Staaten benötigen Erdöl mit langfristiger Perspektive, und die derzeitige venezolanische Regierung bestimmt die Dynamik des Landes. Sie ist diejenige, die trotz des konstanten Drucks während zwölf Jahren der Sanktionen ihre Handlungsfähigkeit bewahrt hat. Anders ausgedrückt: Es war Zeit zu verhandeln.
Zweitens verwischt diese Vereinbarung die in der Rhetorik beider Seiten gezogenen Trennlinien. Die Vereinigten Staaten haben gegenüber Venezuela asymmetrischen Zwang ausgeübt, während die venezolanische Regierung strategische Anpassung eingesetzt hat, um mit diesem Umfeld umzugehen. Zwischen diesen beiden Polen bestehen jedoch zugleich jene praktische Übereinstimmung und Konvergenz, die die Beziehungen zwischen Washington und Caracas stets bestimmt haben: der Erdölsektor. Hier liegt das Feld realer Partnerschaften, und hier lösen sich ideologische Imperative und Parolen auf, um der Realpolitik in ihrer deutlichsten Form Platz zu machen.
Drittens stellt das Abkommen einen jener seltenen Momente in der Politik dar, in denen der Vorteil der einen Seite nicht zwangsläufig den Nachteil der anderen bedeutet. Die von der Präsidentin veröffentlichten Daten zeigen unwiderlegbar, dass beide Seiten gewinnen.
Venezuela, das die Vereinigten Staaten stets als Absatzmarkt und wichtigen Abnehmer venezolanischen Erdöls betrachtet hat, stellt unter neuen Bedingungen die Grundlagen einer Beziehung wieder her, die aufgrund der illegalen Sanktionen niemals hätte unterbrochen werden dürfen.
Im geopolitischen Bereich deutet dieses Abkommen auf eine bedeutende Neubewertung sowohl des Umfelds der venezolanischen Energiewirtschaft als auch der Bedürfnisse der Vereinigten Staaten hin.
Rein rhetorisch betrachtet war eine Verhandlung mit dem Chavismus weder für Trump noch für Rubio eine ideale Situation. Die Erklärung dafür liegt jedoch nicht in Caracas, sondern in der Straße von Hormus. Das militärische Abenteuer der Vereinigten Staaten im Iran hat die Sicherheitsbedingungen in dieser Meerenge, im Roten Meer und in ganz Westasien grundlegend verändert und die politische Architektur verschoben, auf der das Kräfteverhältnis der US-amerikanischen Militärmacht beruhte. Das Ergebnis ist fatal: Die Region der großen Erdölbecken ist nicht mehr und wird auch nicht mehr genau das sein, was sie vor dem vergangenen Februar war.
Die US-amerikanischen Erdölreserven befinden sich nahe am Zusammenbruch, und die Kraftstoffpreise setzen Bevölkerung und Wirtschaft weiterhin unter Druck.
Unabhängig davon, ob die gegenwärtige Krise nachlässt, sind die strukturellen Bedingungen in den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Westasien zerbrochen. Die Region ist kein sicherer Raum für neue Investitionen mehr, wie sie es einst war.
Anders ausgedrückt: Die geopolitischen Bedingungen bleiben darauf ausgerichtet, dass Venezuela seine Stellung als bedeutender Akteur im Energiesektor zurückgewinnt. Doch dieser Weg ist nicht einfach. Das Land wird sich der Herausforderung stellen müssen, sich innerhalb der variablen Geometrie zu behaupten, die sein Modell internationaler Beziehungen geprägt hat, um die neuen Risiken einer starken Abhängigkeit vom und Exposition gegenüber dem US-amerikanischen Markt zu begrenzen.
Misión Verdad, eine Gruppe unabhängiger Forscher, die sich der Analyse des Kriegsprozesses gegen Venezuela und seiner globalen Auswirkungen widmen.
Quelle: https://misionverdad.com/venezuela/el-acuerdo-petrolero-entre-venezuela-y-eeuu-al-detalle
Aus dem Spanischen übersetzt durch Berlin 24/7.
Titelbild: Federico Parra / AFP
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