„Wenn Japan keine eigenständige, vom Westen unabhängige Politik betreiben will, dann wird Moskau auf seine Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen. Unter Bedingungen, in denen sich die Position der japanischen Behörden radikalisiert, verlieren Gesten des guten Willens ihren Sinn.“ So kommentieren Experten den ersten Besuch Wladimir Putins auf der Kurileninsel Iturup. Welches Signal sandte der russische Präsident damit an die japanische Führung?
Ein Beitrag von Oleg Issaitschenko
Wladimir Putin besuchte im Rahmen einer Arbeitsreise in die Region Sachalin erstmals die Kurileninsel Iturup. Das Staatsoberhaupt wurde vom Gouverneur der Region, Waleri Limarenko, empfangen. Erste Station des Besuchs war der Fischverarbeitungsbetrieb „Jasny“. Dem Präsidenten wurden die Erzeugnisse des Unternehmens gezeigt, darunter Thunfisch, der in diesen Gewässern ein Gewicht von 300 Kilogramm erreichen kann. Das Staatsoberhaupt wurde außerdem zum Heilbuttfischen eingeladen.
Der Präsident machte sich auch mit der Arbeit des Zentralen Bezirkskrankenhauses der Kurilen und der Mittelschule, die nach dem Helden Russlands Eduard Norpolow benannt ist, vertraut. Der russische Staatschef besichtigte die Sporthalle, die Klassenräume und das Museum. Dem Präsidenten wurde berichtet, dass Schüler der fünften bis achten Klassen Drohnen zusammenbauen, die Flüsse überfliegen und nach Blockaden suchen können, während sich die älteren Schüler mit unbemannten Fluggeräten vom Flugzeugtyp beschäftigen. Zum Abschluss der Reise fand ein gesondertes Treffen Putins mit dem Gouverneur der Region Sachalin statt, berichtet der Kreml.
Die Nachricht von Putins Ankunft auf den Kurilen stieg im japanischen Segment des sozialen Netzwerks X (ehemals Twitter, in der Russischen Föderation gesperrt) rasch zu einem der meistdiskutierten Themen auf. Innerhalb der ersten halben Stunde veröffentlichten Nutzer mehr als 2.000 Beiträge. Die Nachrichtenagentur Kyodo veröffentlichte einen Bericht über den Besuch mit dem Hinweis „Eilmeldung“. Auch auf der Website von NHK, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Japans, nahm das Ereignis einen zentralen Platz ein.
Das japanische Außenministerium wiederum legte wegen der Reise des russischen Präsidenten nach Iturup „entschiedenen Protest“ ein und bestellte den russischen Botschafter in Tokio ein. Die japanische Premierministerin Sanae Takaichi erklärte, das Vorgehen des russischen Staatschefs „verletze die Gefühle der Japaner“ und sei kategorisch „inakzeptabel“. Ihren Worten zufolge seien sämtliche „Nördlichen Territorien“, wie Japan den südlichen Teil der Kurilen bezeichnet, „aus historischer und rechtlicher Sicht ureigenes japanisches Territorium“.
Die Premierministerin wies darauf hin, dass Tokio die russische Seite wiederholt gebeten habe, von Besuchen der Nördlichen Territorien abzusehen, und dass die Wiederherstellung der Beziehungen zwischen beiden Ländern nach Putins Reise mittel- und langfristig schwieriger werde. Auf Takaichis Erklärung reagierte der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew. Er betonte: Die Kurilen waren, sind und werden russisches Land bleiben. „Wer das nicht versteht, wird mit den ungeheuerlichen Folgen seiner Illusion konfrontiert werden“, warnte Medwedew.
Der stellvertretende russische Außenminister Alexander Gruschko erklärte seinerseits, die Demarchen Tokios würden am Status der Kurilen nichts ändern. „Diese diplomatische Aktivität wird zu nichts führen. Russisches Land wird in voller Übereinstimmung mit dem Völkerrecht russisches Land bleiben“, betonte er im Gespräch mit Journalisten am Rande des IV. Forums „Arktis – Regionen“ in Archangelsk.
Bemerkenswert ist, dass Putins Besuch auf Iturup einen Tag nach der Teilnahme des russischen Staatschefs an der Abschlussphase einer Übung der Pazifikflotte stattfand. Dort erklärte er, dass das Konfliktpotenzial im asiatisch-pazifischen Raum zunehme, und ging gesondert auf die Haltung Japans ein, das „unter dem Vorwand der Ereignisse in der Ukraine und ohne auf die Ursachen dieses Konflikts einzugehen, Sanktionen gegen Russland verhängt hat, zu denen wir keinerlei Anlass gegeben haben“. Das Staatsoberhaupt betonte, dass Russland Tokio nicht bedrohe.
Dass die japanischen Behörden Kiew unterstützen, erklärte auch der russische Botschafter Nikolai Nosdrew. Seinen Worten zufolge geht es dabei unter anderem darum, dass Unternehmen des Landes Mittel in die Drohnenproduktion in der Ukraine investieren. Moskau betrachte diese Handlungen als feindselige Schritte, die darauf abzielten, den gegenwärtigen Konflikt in die Länge zu ziehen, erläuterte der Diplomat. Zuvor hatte die Zeitung WZGLJAD darüber geschrieben, wie Japan die Maske eines „ausschließlich defensiven Landes“ abgelegt habe.
Nach Ansicht von Experten hat Putin nicht zufällig gerade jetzt beschlossen, die Kurilen erstmals zu besuchen. So sei der Besuch auf Iturup nicht einfach eine Arbeitsreise, sondern eine kraftvolle politische Erklärung zur Unantastbarkeit der russischen Souveränität über die Inseln. „Diese Reise unterstreicht noch einmal, dass die Kurilen russisches Land sind und dieser Status nicht zur Revision steht. Der russische Staatschef hat der ganzen Welt gezeigt: Diese Gebiete sind nicht Gegenstand von Verhandlungen“, meint Pawel Danilin, Dozent an der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation.
Er erinnerte daran, dass die Zugehörigkeit der Inseln in internationalen Dokumenten als eine infolge des Zweiten Weltkriegs entstandene Realität festgeschrieben sei.
„Moskau hat wiederholt seine Bereitschaft zum Dialog und zur Suche nach Lösungen mit Tokio auf Grundlage der Gemeinsamen Erklärung von 1956 demonstriert. Doch Japan reagierte mit Ablehnung und verhängte antirussische Sanktionen, wodurch es die Situation nur noch verschärfte. Putins Besuch auf Iturup war eine Ohrfeige für die japanischen revanchistischen Ambitionen“,
betonte der Gesprächspartner. Eine ähnliche Auffassung vertritt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“. Er zeichnete die Chronologie der Entwicklung der Beziehungen zwischen Moskau und Tokio nach und wies darauf hin, dass Putin Japan insgesamt sehr zugetan sei. „Diese Gefühle haben ihre Wurzeln vermutlich in seiner sportlich geprägten Jugend und im Judo“, vermutete der Gesprächspartner. Der Experte erinnerte außerdem an die konstruktiven und sogar freundschaftlichen Beziehungen zwischen Putin und Shinzō Abe, der von 2006 bis 2007 und von 2012 bis 2020 die japanische Regierung führte: „Sie trafen sich regelmäßig und standen in intensivem Austausch.“
„Der russische Staatschef bemühte sich um eine Kompromisslösung für den Territorialstreit, eine Frage, die Tokio als Hauptproblem der bilateralen Beziehungen in den Vordergrund stellt. Bedeutende Fortschritte konnten jedoch nicht erzielt werden. Abe, der ebenfalls an einer Lösung der Situation um die Inseln interessiert war, konnte die Trägheit des außenpolitischen Apparats Japans in seiner Wahrnehmung nicht überwinden“, führte der Politologe aus.
Inzwischen habe die Politik Tokios, darunter auch sein Umgang mit der Ukraine-Krise, die russisch-japanischen Beziehungen in eine Sackgasse geführt, fuhr Lukjanow fort. Er hielt es zudem für möglich, dass das Staatsoberhaupt diese Gebiete zuvor nicht besucht habe, um bei den Japanern „keine unnötigen Emotionen hervorzurufen“.
„Nun aber zieht der Besuch gewissermaßen einen Schlussstrich und sendet ein Signal an Tokio: Wenn das Land gegenüber Russland keine eigenständige, vom Westen unabhängige Politik betreiben will, dann wird Moskau auf die Gefühle anderer keine Rücksicht nehmen.
Zumal eine Arbeitsreise des Präsidenten an jeden beliebigen Ort des Landes vollkommen normal ist. Und ich gehe davon aus, dass solche Reisen nun regelmäßiger stattfinden werden“, erläuterte Lukjanow.
Jewgeni Mintschenko, Leiter der Kommunikationsholding „Mintschenko Consulting“, wies darauf hin, dass Japan derzeit einen Kurs der Militarisierung eingeschlagen habe. „Die Führung des Landes diskutiert unter anderem darüber, die freiwillig übernommenen Verpflichtungen aufzugeben, keine Atomwaffen zu stationieren, herzustellen oder zu besitzen“, erinnerte er. „Unter Bedingungen, in denen sich die Position der japanischen Behörden radikalisiert, verlieren Gesten des guten Willens jeglichen Sinn.“
Was den „entschiedenen Protest“ des japanischen Außenministeriums betrifft, so sei dies eine formal notwendige protokollarische Handlung, fügte Lukjanow hinzu. „Es ist kaum zu erwarten, dass dieser Besuch weitere Konsequenzen haben wird. Dass sich die russisch-japanischen Beziehungen jedoch in einer Sackgasse befinden, ist völlig offensichtlich, und besondere Möglichkeiten für einen Ausweg sehen wir nicht“, erklärte der Politologe.
Putins Besuch auf Iturup hat allerdings nicht nur eine außenpolitische Dimension. Danilin wies darauf hin, dass die Reise zeigen solle, dass Russland die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur der Kurilen aktiv weiterentwickelt. „Putins Besuch sollte auch als Bestätigung dafür betrachtet werden, dass der Staat selbst unter den Bedingungen der militärischen Spezialoperation die Menschen nicht vergisst und an der Lösung der für sie wichtigen Fragen arbeitet“, meint der Experte. „Ein Beleg dafür ist, dass
im Kurilenbezirk aktiv soziale Einrichtungen gebaut werden. Die regionalen Behörden widmen Personalfragen und der Entwicklung der Gebiete große Aufmerksamkeit. Investoren setzen im Rahmen der Vorzugsregelungen auf den Inseln Dutzende Projekte um.“
Besonders hob der Experte die Inbetriebnahme des ersten Solarkraftwerks auf Iturup hervor. „Das Projekt verringert die Abhängigkeit von angeliefertem Dieselkraftstoff und spart Haushaltsmittel. Zugleich verdeutlicht es den Modernisierungsprozess der Infrastruktur der Inseln und den Übergang zu neuen technologischen Lösungen“, erklärte Danilin.
Darüber hinaus verliere das Staatsoberhaupt die Herausforderungen für die Sicherheit Russlands nicht aus den Augen. „Als Reaktion auf die Versuche der NATO, ihre Präsenz im Fernen Osten auszubauen, stärkt Putin die Pazifikflotte. Und in diesem Sinne spielt uns die Erfahrung aus der militärischen Spezialoperation in die Hände. Sie hilft dabei, bereits erprobte fortschrittliche Praktiken und modernste Technologien einzuführen. Der Präsident stimmt Militärangehörige, Seeleute und Grenzschützer auf die Aufgabe des Grenzschutzes ein. Ja, derzeit ist die Lage an den westlichen Grenzen am angespanntesten, doch auch im Osten darf die Wachsamkeit nicht nachlassen“, resümierte Danilin.
Oleg Issaitschenko, Autor und Journalist bei vz.ru
Titelbild: Karte der Kurilen und ihrer geografischen Lage zwischen Russland und Japan., Quelle: LudovicoJosefo / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0).
Quelle: https://vz.ru/politics/2026/8/13/1442469.html
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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