Der Kult des psychischen Traumas zerstört sowohl den Menschen als auch das Volk

Der Groll gegen diese grausame Welt, die uns – so zerbrechlich und verletzlich, wie wir sind – zerstört, wird zu einem neuen Kult, der nach und nach die traditionelle Anforderung an den Menschen verdrängt und abschafft: mutig und standhaft unter den Schlägen des Schicksals zu sein, Verantwortung zu übernehmen, den Schwachen zu helfen, vorwärtszugehen und sich anzupassen.

Ein Beitrag von Olga Andrejewa

Im Jahr 1880 begann der österreichische Arzt und Hypnotiseur Josef Breuer mit der Behandlung der 21-jährigen Tochter eines Freundes. Eines Tages, als sie am Krankenbett ihres Vaters wachte, erlitt sie eine Attacke panischer Angst und Halluzinationen. Von da an entwickelte das Mädchen, das unter dem Pseudonym Anna O. in die Geschichte einging, eine äußerst schwere Form der Hysterie. Sie litt unter schrecklichen Schmerzen, verlor die Fähigkeit zu sprechen, ihre Gliedmaßen wurden taub, und sie wurde von Lähmungserscheinungen heimgesucht. Breuer zog den jungen Sigmund Freud als Assistenten hinzu und schlug vor, das Mädchen in tiefe Hypnose zu versetzen und nach und nach die traumatische Episode zu rekonstruieren, die sie längst vergessen hatte. Die Behandlung verlief schwierig, aber erfolgreich. Sie endete am 7. Juni 1882, als Anna O. jene schreckliche Nacht am Krankenbett ihres Vaters rekonstruieren konnte. Auf Grundlage dieser Erfahrung entwickelten die beiden Ärzte die Theorie des psychischen Traumas.

Zum Trauma kann alles Mögliche werden. Der Biss eines Hundes, ein scharfer Zuruf eines Elternteils, der Verrat eines Freundes, eine Krankheit. Entscheidend ist, dass dieses Ereignis für den Menschen zu einer äußerst schweren Erschütterung wird, die er nicht verarbeiten kann. Das Bewusstsein blockiert die Erinnerung an das negative Erlebnis; die unbewussten Erfahrungen können jederzeit zurückkehren, dann jedoch bereits in übersteigerter und verzerrter Form. Breuer und Freud schlugen vor, psychische Traumata mithilfe von Hypnose zu behandeln. Im unbewussten Zustand erinnerte sich der Mensch daran, was ihm widerfahren war, und verarbeitete die negative Erfahrung neu. Infolgedessen verschwinden die Folgen des Traumas von selbst.

Das Ganze hatte das Zeug zu einer bedeutenden Entdeckung. Drei Jahre später veröffentlichten die beiden Psychiater gemeinsam das Werk „Studien über Hysterie“. Doch dann trennten sich ihre Wege. Breuer widersprach Freuds These vom sexuellen Charakter des Traumas entschieden. Auf sich allein gestellt, geriet Freud ins Stocken. Die Hypnose beherrschte er kaum. Es musste eine andere Methode gefunden werden, um traumatische Erinnerungen zu bewältigen. So entstand die Psychoanalyse.

Sowohl Hypnose als auch Psychoanalyse sind immer Arbeit mit der Persönlichkeit des Patienten. Um seine seelische Gesundheit wiederzuerlangen, sollte man nicht bei den Eltern oder schlechten Vorgesetzten nach Schuldigen suchen, sondern die eigene Psyche zu einer mutigen Widerstandsfähigkeit gegenüber allen Herausforderungen der Realität erziehen. „Psychische Gesundheit“, sagte der Psychotherapeut Georgi Rodionow, „bezeichnet die Fähigkeit, sich selbstständig an schwierige, sich verändernde Bedingungen anzupassen. Die Psyche ist uns gerade dazu gegeben, damit wir uns anpassen. Nehmen wir zwei Studienbewerber. Beide bewerben sich an einer Hochschule, und beide scheitern am Auswahlverfahren. Der eine beginnt zu weinen, bemitleidet sich selbst, gibt seinen Eltern, der Zulassungskommission und überhaupt allen die Schuld und verfällt schließlich einfach dem Alkohol. Der andere beißt die Zähne zusammen, geht arbeiten, lernt nachts und wird im folgenden Jahr zugelassen. Er hat sich an die schwierige Situation angepasst. Das ist psychische Gesundheit. Der Erste konnte es nicht. Das ist irgendeine Form von Störung.“

Es ist wichtig zu verstehen, dass psychische Traumata tatsächlich existieren. Aber erstens wird das traumatisierende Ereignis nicht bewusst wahrgenommen, zweitens trägt niemand die Schuld an den schwerwiegenden Folgen dieses Ereignisses, und drittens wird ein Mensch niemals geheilt werden, wenn er sich vor ernsthaften Erfahrungen der Realität abschirmt. Behandlung bedeutet keineswegs die Flucht vor dem Leben, sondern gerade das Eintauchen in das Leben und das Erlernen neuer, komplexerer Instrumente zu dessen Verständnis.

Doch indem Breuer und Freud die Theorie des psychischen Traumas entwickelten, öffneten sie eine wahre Büchse der Pandora. Innerhalb von anderthalb Jahrhunderten blühte das Trauma auf und verbreitete sich unter den Massen. Heute wird praktisch jede negative Erfahrung so bezeichnet. Das Internet ist voll von herzzerreißenden Geschichten, beispielsweise über Eltern, die ihr Kind durch ihre Armut derart traumatisiert haben, dass es nun einfach nicht in der Lage ist, genug für einen „Mercedes“ zu verdienen. Die populäre Psychologie erkannte den Trend schnell und begann, das Thema zu ihrem eigenen Vorteil auszuschlachten. Traumata vermehren sich wie Pilze nach dem Regen, und Psychologen versprechen an jeder Ecke schnelle und kostengünstige Befreiung von ihnen.

Kein ordentliches Kindheitstrauma zu haben, ist mittlerweile beinahe unanständig. Eine Bekannte, die Psychologie studiert, erzählte mir, wie eine Dozentin verlangte, einen Bericht über das eigene Trauma vorzubereiten. Die arme Studentin konnte sich – welch ein Graus! – an kein solches Trauma erinnern. Ihre Eltern liebten sie, ihre Kindheit war durchaus glücklich, sie ist eine Einserstudentin, ein fröhliches, kontaktfreudiges Mädchen mit einer Menge Freunde und einer offensichtlich gesunden Psyche. Aber das ist doch nicht normal!, machte sich meine Bekannte Sorgen. Im Seminar werden alle über sie lachen.

Die Populärpsychologie schlägt vor, Neurosen nicht zu behandeln, sondern sich einfach zu beklagen. Vor jeder psychotherapeutischen Praxis bildet sich eine Schlange solcher Menschen, die sich beklagen wollen. Sie alle erinnern sich nicht nur ausgezeichnet an ihre kindlichen Sorgen, sondern brennen darauf, sie öffentlich zu machen. Der Groll gegen diese grausame Welt, die uns – so zerbrechlich und verletzlich, wie wir sind – zerstört, wird zu einem neuen Kult, der nach und nach die traditionelle Anforderung an den Menschen verdrängt und abschafft: mutig und standhaft unter den Schlägen des Schicksals zu sein, Verantwortung zu übernehmen, den Schwachen zu helfen, vorwärtszugehen und sich anzupassen, sich anzupassen und noch einmal anzupassen. Das Trauma befreit jeden, der es möchte, von solchen Schwierigkeiten und verschafft Psychologen ein stabiles Einkommen. Den „neuen Traumatisierten“ wird empfohlen, jegliche negativen Erfahrungen zu vermeiden und ihr Leben in ein einziges „Pflücken der Blumen des Vergnügens“ zu verwandeln, überzogen von einem leichten Hauch schöner Traurigkeit.

Das Ergebnis einer solchen Therapie ist manchmal verblüffend. Vor einigen Jahren bat mich ein junger Geschäftsmann aus meinem Bekanntenkreis, mit ihm literarisches Schreiben zu üben. Eine gute Sache, dachte ich, und sagte zu. Doch der Schüler erwies sich als schwierig. Schon bei den ersten Stunden stellte sich heraus, dass er eine ganze Reihe selbst auferlegter Verbote hatte, die zu überschreiten er nicht bereit war. Der Prozess kam endgültig zum Stillstand, als der junge Mann sich kategorisch weigerte, Klassiker zu lesen. Für jede Form kreativen Schaffens braucht man eine entwickelte Vorstellungskraft und die Fähigkeit, mit Metaphern zu arbeiten, also die Texte unserer bedeutendsten Meister der Metapher zu lesen und zu analysieren – Babel, Mariengof, Olescha. Doch mein Schüler konnte sie nicht lesen. Seine Erklärung war einfach: Überall darin gebe es Leichen, Krieg und Revolution. Und das dürfe er auf keinen Fall lesen, denn es traumatisiere ihn. „Können Sie mir denn kein normales Buch empfehlen?“, empörte sich der junge Mann. „Warum schieben Sie mir ständig Leichen unter und verlangen von mir, dass ich leide?“ Aber jede ernsthafte Literatur der Welt ist immer eine Erschütterung, eine intensive Arbeit von Seele und Verstand. In der Vorstellung meines Schülers hatte Literatur einen rein psychotherapeutischen Sinn, und zwar einen ziemlich seltsamen. Sie sollte lehren, leicht zu leben, ohne Verluste, Dramen und anderen altmodischen Unsinn. Leider konnte ich ihm eine solche Literatur nicht beibringen.

Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich mache mir Sorgen um den jungen Mann. Eine Welt ohne dramatische Erfahrungen erinnert stark an die berühmte Narreninsel aus „Nimmerklug auf dem Mond“. Dort wurden die Mondbewohner nach Herzenslust gefüttert und durften sorglos dahinleben, ohne über irgendetwas nachzudenken, bis sie sich schließlich alle in Schafe verwandelten.

Populärpsychologie ist eine kommerzielle Angelegenheit und strebt selbstverständlich danach, ihren Markt zu erweitern. Dafür gibt es ein ausgezeichnetes Instrument zur Beeinflussung des Publikums – die berühmte und im Westen äußerst modische Traumaliteratur. In Russland allerdings stößt sie bei den Lesern auf Unverständnis. Was ist Traumaliteratur? „Das sind solche Geschichten“, erklärt Anna Gutijewa, Verlagslektorin und Mitglied der Jurys von Literaturpreisen, „in denen sich der Held ein Problem ausgedacht hat. Ihm ist nichts passiert, aber seine Mutter hat in seiner Kindheit im falschen Ton gesagt: ‚Setz eine Mütze auf‘, oder sie war bei der Arbeit sehr beschäftigt, schenkte ihrem Kind keine Aufmerksamkeit, war müde und gereizt – und nun hat das Kind angeblich ein Trauma, verfällt in Traurigkeit, weil es niemand braucht, und es fehlt ihm der Verstand, um zu begreifen, dass die Mutter sich für die Familie abgemüht hat. Im Internet steht, dass all das Traumata sind und Traumata alles sind. Der Held hat keinen Konflikt; er hat ein unglückliches Leben, er hat Ängste, er ist untätig und faul – modern ausgedrückt: ihm fehlt die Motivation – und er hat für alles eine Erklärung gefunden: das Trauma. Und weil er ein Trauma hat, hat er ein Recht darauf zu leiden. Das ist der ganze Konflikt.“

Der berüchtigte Roman „Ein wenig Leben“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara (2024 in der Russischen Föderation verboten) erzählt vom leidvollen Schicksal eines Protagonisten, der in seiner Kindheit Gewalt ausgesetzt war. Auf 700 (!) Seiten kostet der Roman unablässig düstere Einzelheiten aus, die den wesentlichen Inhalt des Lebens des Protagonisten ausmachen. „Warum soll ich das lesen?“, fragt der verwunderte Leser. Doch gegen solche törichten Fragen gehen Traumaexperten aktiv vor. „Wir leben in einer traumatisierten Gesellschaft“, beklagt einer der Kritiker, „in der sich verschiedene Verhaltensmodelle miteinander verflochten haben und friedlich nebeneinander bestehen – archaische und neuere –, die jedoch auf der Ebene des alltäglichen Lebens nicht verarbeitet wurden. Und genau hier könnte die Literatur der ‚Traumaverarbeitung‘ helfen, doch wir tun uns schwer damit, sie an uns heranzulassen.“

Durch einen seltsamen Zufall wurde die Kritikerin Galina Jusefowitsch, eine durchaus wohlhabende Dame, zur wichtigsten Fürsprecherin von „Ein wenig Leben“. Mit Beginn der militärischen Spezialoperation zog sie nach Zypern, und vor Kurzem wurde sie zur „ausländischen Agentin“ erklärt. Auch all die anderen Kritiker, die Yanagiharas Werk preisen, leben schon lange nicht mehr in Russland. Aus irgendeinem Grund sind es gerade diejenigen, die in uns keine starken und zur Selbstbehauptung fähigen Menschen sehen wollen, die von uns verlangen, unsere Traumatisierung und Hilflosigkeit gegenüber dem Leben anzuerkennen.

Die Bemühungen der „ausländischen Agenten“ sind verständlich. Eine traumatisierte Gesellschaft ist eine Gesellschaft hilfloser Menschen, die nicht bereit sind, sich anzustrengen. Es ist der Kult des Opferkomplexes, der zum Leiden verleitet und daran hindert, voranzugehen und auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. Manchem erscheint eine solche Gesellschaft äußerst bequem. Denn ewige Opfer, die ihren schlechten Eltern grollen, gewinnen niemals.

Mehr noch: Eine solche Gesellschaft existiert nur in den Träumen derjenigen, denen sie nützt. Nosows berühmtes Märchen endete damit, dass die „Traumatisierten“ sich erhoben, ihre fürsorglichen „Lehrer“ vertrieben und plötzlich für immer aufhörten, unglücklich zu sein.


Olga Andrejewa ist eine russische Journalistin, Kommentatorin und Kulturbeobachterin, die als Kolumnistin und Autorin für das Nachrichtenportal Vzglyad (vz.ru) schreibt. Bekannt wurde sie unter anderem durch Analysen zur russischen Kultur- und Gesellschaftspolitik.

Quelle: https://vz.ru/opinions/2026/8/7/1437910.html

Titelbild: Künstlerische Darstellung einer Frau, die Dissoziation und ein Gefühl innerer Fragmentierung symbolisiert (Illustration). Quelle: Dyversions / Pixabay / Wikimedia Commons (CC0).

Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.

Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel
müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche
Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um
weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen
.


BERLIN24/7 Nachrichten aus Berlin – ist ein unabhängiges Nachrichten- und Informationsportal Im Zentrum
unserer Berichterstattung stehen Nachrichten, Meinungsbeiträge, Analysen und Interviews zum aktuellen
Zeitgeschehen in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt. Wer sich für differenzierte Sichtweisen aus
verschiedenen Perspektiven interessiert ist bei uns richtig. Um nichts zu verpassten abonnieren Sie unseren
Kanal und/oder folgen Sie uns auf:


Offizielle Webseite: https://berlin247.net Facebook: https://www.facebook.com/profile.php?
id=61556336081860
 Telegram: https://t.me/Berlin247nachrichten Auf X – https://x.com/berlin24_7?
t=u9fTHoOcZQkCZPewM2Q62g&s=09


Hier können Sie unsere Arbeit unterstützen:


Paypal: https://paypal.me/berlin247net oder Berlin 24/7 GmbH DE22 8105 0555 0101 0400 24

Ähnliche Beiträge

Das Schleifen der Nationalstaaten ist eine intellektuelle Katastrophe: Gabriele Gysi

zum Video: https://www.youtube.com/shorts/mOyZf8OZ-a8 Sergey Filbert im Gespräch mit Gabriele Gysi über die Zustände in der deutschen Parteienlandschaft und der bundesdeutschen Politik, kurz nach ihrer Antikriegsrede auf der Zentralen Friedensdemo am…

Sehnsucht nach der Bombe

Bundesregierung will Zugriff auf Atomwaffen. Britische und französische Arsenale rücken in den Fokus. Beim Einsatz der mit Atomwaffen bestückten britischen „Trident“-U-Boote würde Bundeskanzler Friedrich Merz gerne ein Wörtchen mitreden. Ein…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You Missed

Das Schleifen der Nationalstaaten ist eine intellektuelle Katastrophe: Gabriele Gysi

  • September 8, 2026
  • 21 views
Das Schleifen der Nationalstaaten ist eine intellektuelle Katastrophe: Gabriele Gysi

Sehnsucht nach der Bombe

  • September 8, 2026
  • 62 views
Sehnsucht nach der Bombe

Gläsern am Steuer

  • September 8, 2026
  • 59 views
Gläsern am Steuer

Gegen Geschichtsfälschung und Russophobie

  • September 8, 2026
  • 118 views
Gegen Geschichtsfälschung und Russophobie

Unter dem moralischen Niveau der Politiker ist nur noch die Kanalisation: Markus Krall

  • September 7, 2026
  • 68 views
Unter dem moralischen Niveau der Politiker ist nur noch die Kanalisation: Markus Krall

Leipziger Drohnenerzählungen

  • September 7, 2026
  • 332 views
Leipziger Drohnenerzählungen