Wie können wir den Ukrainern helfen, mehr Russen zu töten? Diese Frage stellte neulich ein Journalist den ukrainischen Präsidenten. Der Russe – der Feind – das Andere. Ist er das tatsächlich?
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente
Der Russe ist anders. Ganz anders. Eine menschliche Kreatur zwar, aber ein vollkommen anderer Mensch als wir, die wir in diesen mitteleuropäischen Gefilden leben. Wir wissen heute wieder, was unsere Großeltern schon zu wissen glaubten: Der Russe, der kommt aus der Steppe, aus Landstrichen, in denen Menschenleben nichts zählen. Er sieht zwar aus wie wir, geradezu europäisch – aber wir dürfen uns nicht täuschen lassen.
Denn er ist gewalttätig, brutal, sein Verhältnis zum Tod oder gar zum Töten unterscheidet sich gravierend von uns, den kultivierten Vertretern der Menschheit. Freiheit bedeutet dem Russen nicht sehr viel, er braucht das Joch, er will sich unterordnen, einer starken Hand ist er nie abgeneigt. Propaganda geht er – dumm wie er ist – auf dem Leim. Der Obrigkeit folgt er blind – bis in den Krieg, einen Zustand, der als des Russen Normalität gilt. Er gehorcht. Er erduldet. Und er schweigt.
Ausgerechnet der Deutsche!
Der Russe ist mehr als der Vertreter oder Bürger seines Landes – in unseren Breitengraden gilt er als Charaktertyp, als ein ganz spezieller Menschenschlag, als das Fremde – ja, er gilt nun wieder als der Klingone unter den Völkern. Diese Spezies, die in den Sechzigerjahren von den Machern der Science-Fiction-Serie Star Trek erfunden wurde, war an den Russen, am russischen Sowjetmenschen angelehnt – die dunklen haarigen und bärtigen Kolosse, deren Gesichtsausdruck immer aggressiv ist, lieben den Krieg, das sadistische Liebesspiel und ziehen den ehrenvollen Tod einem auch nur mittelmäßigen Leben vor. So malte sich der Westen den Russen damals aus – und so sieht er ihn heute wieder.
Russen haben keine autoritäre Regierung, mit der sie hadern – nein, sie sind die Ursache für die Autorität, denn sie wollen es so. Andere Völker sind Verführte, sind Opfer von rabiaten und verführerischen Eliten. Aber nicht der Russe! Denn er liebt es, sich unterordnen zu müssen – längst ist das Russische wieder zu einer Spielart des Höllenhaften herabgewürdigt.
Und ausgerechnet der Deutsche tut sich nun mit Expertise hervor. Er weiß offenbar besonders qualifiziert einzuschätzen, was den Russen in seinem Innersten antreibt. Der Kabarettist Wolfgang Neuss sagte einmal: »Seht, wie das Gesicht eures Feindes euch entsetzt, weil ihr erkennen müsst, wie sehr es eurem eigenen ähnelt.« Hier kommen wir der Sache wohl näher – der Russe ist gar keine physische Gestalt, sondern ein Spiegelbild der deutschen Seele, das mehr über den Deutschen verrät, als es das je über den Russen könnte.
Der Russe obrigkeitshörig? Vielleicht! Aber ausgerechnet der Deutsche, dieser traditionell rückgratlose Landsmann, weiß darüber zu berichten? Der Russe unterwerfe sich allzu gerne staatlicher Autorität? Möglich! Warum aber muss der deutsche Untertan mit dieser Erkenntnis hausieren gehen? Der Russe glaubt mit Wonne der Propaganda? Das wird es geben! Doch ausgerechnet der Deutsche, dessen politische Öffentlichkeit selbst von reichlich gesetzten Narrativen lebt, weiß das zu diagnostizieren?
Der Russe wird dringend gebraucht
Eine gewisse Komik steckt in dieser Betrachtung des Russischen aus deutscher Warte. Aber darin ist noch deutlich mehr enthalten. Der Russe wird gebraucht, um das eigene historische Versagen je und je zu kaschieren. Der Andere, der der Russe sein soll, ist in Wirklichkeit ein Abziehbild deutschen Buckelns vor der Wirklichkeit und der Obrigkeit. Man projiziert den eigenen Makel auf das Fremde aus dem Osten – der Russe, wie er sich imaginiert wird, ist in Wirklichkeit die deutsche Schattenseite, das was man selbst über sich weiß, aber nie zu sagen wagte. Das Feindbild beinhaltet ein gerütteltes Maß an Selbstauskunft.
Heinrich Mann brauchte keinen Russen, um seinen Untertan zu schreiben. Seine Russen waren seine deutschen Landsleute. Sie hatten schon alles verinnerlicht, was sie den Russen aus Tradition längst anhefteten. Wir müssen nicht so weit zurückgehen, blicken wir zurück auf die letzten Jahre, auf die Pandemie: Ganz ohne Russen liebte eine deutliche Mehrheit den Freiheitsentzug und liebkoste die Obrigkeit – »russischer« ging es nicht. Der ausgewiesene Hass auf das Russische, der sich in den schlimmsten Zeiten ins Mörderische steigerte, mag auch daher rühren, weil man einen Kampf gegen all die Reflexe führt, die man in sich selbst spürt, an sich selbst wahrnimmt, die man an der eigenen Person verabscheut. Der Russe war stets, nur insgeheim mochte man sich das eingestehen, dem Deutschen ziemlich ähnlich.
Vielleicht braucht es deshalb diesen Russen so dringend, damit wir in unserer Vorstellung das Gegenteil von ihm sein können. Er ist unfrei, damit wir uns einbilden können, frei zu sein. Er ist obrigkeitshörig, damit wir uns unsere Selbstständigkeit einreden können. Er ist kriegerisch, damit wir glauben, unser Blutdurst sei nicht vorhanden. Er ist verblendet, damit unsere Weltsicht als nüchternes Ergebnis etwaiger Informationen gelten kann. Und er ist barbarisch, damit wir als zivilisiert erscheinen.
Vielleicht entsetzt uns deshalb das Gesicht des Russen so sehr. Denn es sieht aus wie das Gesicht eines Deutschen.
Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Quelle: https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/der-russe-in-uns/
Titelbild: KI generiertes Symbolbild
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