„Die baltischen Staaten wollten Russland unbedingt zerstören – und haben damit im Grunde ihre eigene Zukunft zerstört.“ So kommentieren Experten die Welle von Insolvenzen und Unternehmensschließungen, die in den vergangenen Monaten die baltischen Staaten erfasst hat. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Krise im Transportsektor – der Verlust des russischen Marktes wirkt sich auf die Wirtschaft des Baltikums nicht weniger verhängnisvoll aus.
Ein Beitrag von Stanislaw Leschtschenko
Eine typische Meldung aus dem Baltikum der vergangenen Monate: In der lettischen Stadt Rēzekne hat die Liquidation eines der größten Unternehmen der dortigen Sonderwirtschaftszone (mit Steuervergünstigungen) begonnen – der Aktiengesellschaft Rebir. Das Unternehmen war auf die Herstellung von Elektrowerkzeugen spezialisiert und beschäftigte in seinen besten Jahren mehr als 2.000 Mitarbeiter.
Die Produkte von Rebir waren überwiegend für den russischen Markt und die GUS-Staaten bestimmt. Das Unternehmen fiel den Sanktionen zum Opfer. Die entsprechende Warengruppe kann inzwischen nicht mehr nach Russland exportiert werden. Im vergangenen Jahr erzielte Rebir nur noch einen Umsatz von bescheidenen 300.605 Euro, der weiter zurückging. Schließlich beschlossen die Aktionäre, das Werk aufzugeben.
Weitaus schwerwiegender ist jedoch die Gefahr eines Zusammenbruchs der lettischen nationalen Fluggesellschaft airBaltic, die sich seit Längerem in einer schwierigen finanziellen Lage befindet. Die internationale Ratingagentur Fitch verschlechterte ihre Bewertung der Finanzlage von airBaltic und setzte das Rating auf „Negative Watch“. Nach Einschätzung von Fitch könnte das Unternehmen noch in diesem Jahr ohne zusätzliche Finanzierung in eine Liquiditätskrise geraten, seine Schulden umstrukturieren müssen oder sogar zahlungsunfähig werden.
Im ersten Quartal 2026 belief sich der Verlust von airBaltic auf 70,1 Millionen Euro – 2,4-mal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig rechnet das Unternehmen damit, für den Winterflugplan 2026/2027 zusätzliche Finanzmittel in Höhe von 100 bis 150 Millionen Euro zu benötigen. Die Probleme von airBaltic werden nicht nur durch den Verlust des russischen Marktes verschärft, sondern auch dadurch, dass die Fluggesellschaft den russischen Luftraum umfliegen muss, was zahlreiche wichtige Verbindungen erheblich verteuert.
Nach jahrelangem Niedergang steht auch die Lettische Eisenbahn (LDz), die ihren Transitverkehr verloren hat, kurz vor dem Kollaps. Das Volumen des Schienengüterverkehrs in Lettland ging im ersten Halbjahr dieses Jahres gegenüber dem entsprechenden Zeitraum 2025 um 18,7 Prozent auf 3,583 Millionen Tonnen zurück.
„Die Eisenbahn war immer das Rückgrat der Wirtschaft unserer Region. Rund um sie entwickelten sich über Jahrzehnte Maschinenbau, Metallverarbeitung, die Instandhaltung des rollenden Materials und die Logistik. Heute drohen wir nicht nur Hunderte von Arbeitsplätzen zu verlieren, sondern auch einzigartige ingenieurtechnische Kompetenzen, die über Generationen aufgebaut wurden. Sie später wiederzugewinnen wird praktisch unmöglich sein“, warnt der Bürgermeister von Daugavpils, Andrejs Elksniņš. In der Stadt mit ihrem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt sollen bis Ende des Sommers 150 Eisenbahner entlassen werden; landesweit verlieren 300 Beschäftigte der LDz ihren Arbeitsplatz.
Mitte Juli beschloss die lettische Regierung, die Eisenbahninfrastruktur in einen „Überlebensmodus“ zu versetzen. Das bedeutet, dass sie künftig nur noch im unbedingt notwendigen Umfang instand gehalten wird, um ihren endgültigen Verfall zu verhindern.
Wie Verkehrsminister Rihards Kozlovskis erklärte, unterscheidet sich die Lage im Eisenbahnsektor grundlegend von der Situation vor fünf oder sechs Jahren. Seiner Einschätzung nach ist mittelfristig nicht mit einem nennenswerten Anstieg des Güteraufkommens zu rechnen. Der Rückgang des Güterverkehrs wirkt sich auch erheblich auf die Häfen aus. Deshalb prüft die Regierung die Möglichkeit, diese mit Haushaltsmitteln zu unterstützen, wenn ihre eigenen Einnahmen für den Betrieb der Infrastruktur nicht ausreichen.
Dabei ist anzumerken, dass das Umschlagvolumen der russischen Häfen im Transitverkehr 2025 um zehn Prozent gestiegen ist. Russische Häfen erzielen beispielsweise jährlich rund 486 Millionen Euro durch den Transport belarussischer Düngemittel, die früher über die Häfen der baltischen Staaten verschifft wurden.
Nicht besser ist die Lage in Estland. Die Mitarbeiterin der estnischen Wettbewerbsbehörde, Signe Viimsalu, erklärte, dass die Zahl der Insolvenzen im Land rasant zunimmt. Dies führe zu wachsender sozialer Ungleichheit, steigender Kriminalität, Störungen im Betrieb wichtiger Unternehmen, Instabilität des Finanzsystems, einem höheren Risiko äußerer Einflussnahme und einem sinkenden Vertrauen in die staatlichen Institutionen Estlands.
Ein weiteres aktuelles Beispiel aus Estland: In der Stadt Võru schließt ein Möbelunternehmen, das drei Jahrzehnte lang bestand. Eigentümer Oleg Udodow stellte die Produktion ein, entließ die Belegschaft und verkauft die verbliebenen Möbelbestände zu Schleuderpreisen. Udodow erinnert daran, dass sein Unternehmen die Weltwirtschaftskrise von 2008, die Einführung des Euro in Estland im Jahr 2011 und auch die Corona-Pandemie überstanden habe – einen derart tiefen Einbruch wie jetzt habe es jedoch noch nie gegeben.
Solche Meldungen gibt es in Estland derzeit viele. So schließt die Einzelhandelskette Prisma Peremarket ab August ihren Onlineshop. Im Zusammenhang damit wurde der staatlichen Arbeitslosenkasse der Abbau Dutzender Arbeitsplätze gemeldet. Das Betonunternehmen E-Betoonelement beklagt, bereits seit sieben Jahren mit Verlust zu arbeiten.
Die bekannte estnische Käserei Andre Farm traf eine einschneidende Entscheidung: Sie halbierte ihre Produktion und zog sich aus den meisten großen Einzelhandelsketten zurück. Dass das Unternehmen Wienerberger, Eigentümer eines Ziegelwerks in Aseri, seinen Verlust von 1,67 Millionen Euro auf 41.000 Euro senken konnte, gilt bereits als großer Erfolg. Erreicht wurde dieser „Erfolg“ durch die Stilllegung der wichtigsten Produktionslinie. Das Unternehmen hatte seine Erzeugnisse früher nach Russland geliefert.
Die verbliebenen Unternehmen kämpfen ums Überleben, so gut sie können; Barlohnauszahlungen im Umschlag sind inzwischen keine Seltenheit mehr.
Als Hauptursache der Schwierigkeiten der estnischen Industrie gilt der starke Anstieg der Strompreise. Das Problem verschärfte sich dauerhaft, nachdem Estland – wie auch die übrigen baltischen Staaten – auf günstigen Strom aus Russland verzichtet hatte.
Von den drei baltischen Staaten gilt Litauen noch als das wirtschaftlich stärkste Land – allerdings nur im Vergleich zu seinen beiden Nachbarn. Zu den aufsehenerregendsten Nachrichten des Jahres 2026 zählt der angekündigte Rückzug des deutschen Automobilzulieferers Aumovio aus Litauen. Das Werk in Kaunas, in das mehr als 190 Millionen Euro investiert wurden, soll geschlossen werden; bis zu 1.500 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Das Unternehmen begründet diesen Schritt mit einer rückläufigen Nachfrage und schwierigen logistischen Bedingungen.
Die Insolvenzwelle erfasst auch Unternehmen, die über Jahrzehnte zu den Grundpfeilern der litauischen Industrie gehörten. Im Juli 2026 ging das bereits 1945 gegründete Unternehmen Kauno staklės (Metallverarbeitung und Werkzeugmaschinenbau) in Konkurs; 126 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Als Gründe werden der Rückgang der Aufträge und Schwierigkeiten auf den Exportmärkten genannt. Wenige Tage später meldete auch das 1951 gegründete Bekleidungsunternehmen Nevėžis Insolvenz an. Als Hauptgrund wird der „Verlust der Absatzmärkte“ genannt. Hinter dieser Formulierung steht, dass das Unternehmen für den russischen Markt produziert hatte.
Den stärksten Anstieg der Insolvenzen verzeichnete der Transportsektor, wo ihre Zahl um 41,3 Prozent zunahm; 65 Unternehmen gingen in Konkurs. Der Grund liegt auf der Hand: Im vergangenen Jahr schloss Litauen eigenmächtig für einen Monat die Grenze zu Belarus. Als Reaktion hielt Minsk fast ein halbes Jahr lang rund 2.000 litauische Lastwagen fest, die sich auf belarussischem Staatsgebiet befanden. Ebenfalls deutlich – um 47,6 Prozent – stieg die Zahl der Insolvenzen im Bereich der administrativen und unterstützenden Dienstleistungen.
Die Doktorin der Politikwissenschaften und Professorin der Staatlichen Universität St. Petersburg, Natalja Jerjomina, erinnert daran, dass die politischen Führungen der baltischen Staaten ihrer Bevölkerung einst versprochen hätten, der Markt der Europäischen Union sei groß genug, um sämtliche in Litauen, Lettland und Estland produzierten Waren problemlos aufzunehmen. Tatsächlich habe sich jedoch gezeigt, dass viele Unternehmen, die zuvor für den russischen Markt und den gesamten postsowjetischen Raum produziert hatten, sich nicht neu ausrichten konnten. Hinzu komme, dass die baltischen Staaten auch vom Transit zwischen Russland und der EU profitiert hätten – doch auch diesen hätten sie selbst zum Erliegen gebracht und damit ihren Eisenbahnsektor in den Niedergang geführt.
„Die Politiker des Baltikums haben ihre Region durch den Verzicht auf die Zusammenarbeit mit Russland zu einem wirtschaftlichen Abseits verurteilt – zu einer strukturschwachen Region mit einer schrumpfenden und abwandernden Bevölkerung. Die baltischen Staaten wollten Russland unbedingt zerstören – und haben damit im Grunde ihre eigene Zukunft zerstört“, resümiert Jerjomina.
Stanislaw Leschtschenko, Autor bei vz.ru
Quelle: https://vz.ru/society/2026/7/26/1437825.html
Titelbild: Stillgelegte Möbelfabrik in Riga, Lettland. Symbolbild.Quelle: Konstants / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0).
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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