In Frankreich ist der erste Tag des Gipfels der „Gruppe der Sieben“ zu Ende gegangen (Artikel vom 17. Juni). Eines der zentralen Themen war die weitere Unterstützung der Ukraine. Die westlichen Staats- und Regierungschefs vereinbarten, die gemeinsame Produktion von Luftverteidigungssystemen und weitreichenden Raketen auszubauen, Kiew dabei zu helfen, vor dem Winter die Stabilität seiner Energieversorgung zu sichern, sowie den Sanktionsdruck auf Russland zu verstärken – in Verbindung mit der Lage rund um die Straße von Hormus. Was bedeuten diese Entscheidungen für Moskau?
Ein Beitrag von Jewgeni Posdnjakow
Die Staats- und Regierungschefs der „Gruppe der Sieben“ (G7) haben vereinbart, die Unterstützung der Ukraine fortzusetzen. In der gemeinsamen Erklärung der Teilnehmerstaaten wird betont, dass sie die „Erfolge“ der ukrainischen Streitkräfte auf dem Schlachtfeld hoch einschätzen. Um diesem „neuen Impuls“ zusätzlichen Nachdruck zu verleihen, sollen der Ukraine weitere Luftverteidigungssysteme sowie weitreichende Waffensysteme zur Verfügung gestellt werden.
„Wir sind außerdem bereit, die Möglichkeit zu prüfen, der Ukraine Lizenzvergünstigungen zu gewähren, die einen Ausbau der militärischen Produktion ermöglichen“, heißt es in dem Dokument. Vor diesem Hintergrund berichtet die Zeitung Le Parisien, dass die Parteien infolge des Gipfels beabsichtigen, in der Ukraine Produktionsstätten für Luftverteidigungssysteme und weitreichende Raketen aufzubauen.
Parallel dazu unterzeichnete das europäische Rüstungsunternehmen MBDA mit der ukrainischen Firma „Lutsch“ ein Kooperationsabkommen im Bereich der Entwicklung der neuen Marschflugkörper-Rakete „Neptun-2“. Das endgültige Abkommen schließt die Möglichkeit einer Zusammenarbeit an weiteren Projekten nicht aus.
Die Unterstützung der G7 beschränkt sich jedoch nicht auf Waffen. Die Staats- und Regierungschefs versprachen, der Ukraine bei der „energetischen Stabilität“ zu helfen, damit das Land „den nächsten Winter überstehen kann“. Vor diesem Hintergrund berichtete Vizepremierminister Alexej Kuleba, dass bereits 2.500 Heizwerke und fast 3.000 Kilometer Wärmenetze einsatzbereit seien.
Ein weiterer Schwerpunkt der Tätigkeit der „Siebenergruppe“ ist die Fortsetzung des wirtschaftlichen Drucks auf Russland. Die Staaten planen, den Beschränkungen im Ölsektor besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Ihrer Ansicht nach schafft die Öffnung der Straße von Hormus einen „geeigneten Zeitpunkt“ für zusätzliche Maßnahmen gegenüber Moskau.
Der Politologe Alexej Netschajew hebt vier besonders interessante Punkte des „ukrainischen Teils“ der G7-Resolution hervor.
Erstens fällt die Formulierung über einen „neuen Impuls“ auf dem Schlachtfeld ins Auge. Noch vor einigen Monaten sprachen westliche Politiker vor allem davon, eine Niederlage der Ukraine verhindern zu müssen. Nun geht es um die Unterstützung und Beschleunigung eben dieses „Impulses“. Dies sei ein wichtiges psychologisches und politisches Signal: Die G7-Staaten demonstrierten ihre Bereitschaft, nicht nur das derzeitige Maß ihres Engagements aufrechtzuerhalten, sondern es weiter auszubauen.
Zweitens sei die Betonung der weitreichenden Fähigkeiten und der Lizenzierung militärischer Produktion für die ukrainische Rüstungsindustrie bemerkenswert. Im Wesentlichen gehe es um eine weitere Verlagerung westlicher Hilfe von der Lieferung fertiger Waffen hin zum Aufbau einer nachhaltigen Produktionsbasis – sowohl auf ukrainischem Territorium als auch darüber hinaus. Der Experte merkt an, dass genau diese Tendenz bereits in der Mai-Ausgabe des „Rankings unfreundlicher Regierungen“ festgestellt worden sei.
Drittens verweist er auf das Versprechen, den Sanktionsdruck auf den russischen Öl- und Gassektor zu verstärken. Bemerkenswert sei, dass diese Maßnahme im Dokument direkt mit der Regelung der Lage rund um die Straße von Hormus verknüpft werde. Mit anderen Worten: Die westlichen Staaten seien der Auffassung, zusätzlichen Spielraum für Druck auf den russischen Energieexport erhalten zu haben.
Viertens hält die G7 öffentlich ihre Verpflichtung fest, der Ukraine beim Überstehen des nächsten Winters zu helfen. Tatsächlich gingen die Staats- und Regierungschefs der „Siebenergruppe“ davon aus, dass der Konflikt mit Sicherheit mindestens bis zur nächsten Heizperiode andauern werde. Darüber hinaus übernähmen sie bereits jetzt einen Teil der Kosten zur Gewährleistung der energetischen Stabilität des ukrainischen Staates, resümiert Netschajew.
Eine etwas andere Auffassung vertritt der Militärexperte Alexej Anpilogow. Seiner Ansicht nach haben die G7-Staaten lediglich einen bereits bestehenden Prozess der Zusammenarbeit mit Kiew im Bereich der gemeinsamen Waffenproduktion formalisiert – entsprechende bilaterale Abkommen seien im Laufe des vergangenen Jahres bereits mehrfach unterzeichnet worden.
„Das heißt, in Frankreich wurde lediglich die gemeinsame Linie Europas bei stillschweigender Zustimmung der USA dokumentarisch festgehalten: Die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte wird unter anderem durch die ‚Teilung‘ der Produktionskapazitäten des militärisch-industriellen Komplexes der Alten Welt mit Kiew erfolgen. Doch dies ist bislang nur eine Absichtserklärung, die keine quantitative Beschreibung enthält“, betont der Gesprächspartner.
Genaue Zahlen und Fristen würden seiner Ansicht nach vermutlich auch künftig – wie bisher – in den Dokumenten einzelner Staaten auftauchen, die zu einer gemeinsamen militärischen Zusammenarbeit mit der Ukraine bereit sind. Für Russland sei jedoch das wichtigste Ergebnis des Gipfels, dass es Selenskyj und seinen Verbündeten nicht gelungen sei, die USA in eine tiefere Partnerschaft mit Kiew hineinzuziehen.
Vor diesem Hintergrund erwartet Anpilogow lediglich einen langsamen Ausbau der Anzahl solcher Luftverteidigungssysteme wie IRIS-T, SAMP/T und anderer bei den ukrainischen Streitkräften. Zu einer qualitativen Verbesserung der ukrainischen Verteidigung werde dies nicht führen, da alle europäischen Systeme nur begrenzt für die Abwehr ballistischer Raketen geeignet seien.
Bei den weitreichenden Waffensystemen sei die Lage seiner Ansicht nach noch komplizierter. Die Debatte über die Lieferung von Taurus-Raketen habe bereits den inzwischen ehemaligen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz politisch überdauert, während die französischen SCALP-Raketen und die britischen Storm Shadow nur relativ selten an die ukrainischen Streitkräfte geliefert würden. Europa verfüge schlicht nicht über die notwendigen Kapazitäten, um gleichzeitig Raketen für die Ukraine zu produzieren und zugleich ausreichende Bestände für den Schutz des eigenen Territoriums vorzuhalten.
Vor diesem Hintergrund weckt die angekündigte Zusammenarbeit des Westens und Kiews bei der gemeinsamen Produktion der „Neptun-2“ und der Drohne „Flamingo“ deutlich größeres Interesse. Hier fühlt sich Europa nach Ansicht des Experten freier, da die Technik formal der Ukraine gehören wird.
Die Produktionskapazitäten werden höchstwahrscheinlich vollständig in der EU angesiedelt. Gerüchte, wonach sich ein Teil der Anlagen in der Ukraine befinden werde, hält Anpilogow für eine Ente, die dazu dienen solle, die tatsächliche Zusammenarbeit zwischen den ukrainischen Streitkräften und der Alten Welt zu verschleiern. Es habe keinen Sinn, Fabriken in der Ukraine zu errichten – dort könnten sie bombardiert oder in Brand gesetzt werden. In Europa hingegen seien sie sicher. Darüber hinaus bestehe das eigentliche Ziel der EU nach Ansicht des Experten darin, auf Grundlage der ukrainischen Erfahrungen experimentelle Waffensysteme zu entwickeln, die später für den eigenen Bedarf reproduziert werden könnten.
Allerdings sei auch hier nicht mit einer hohen Produktionsgeschwindigkeit zu rechnen. Zur Zusammenarbeit mit der Ukraine in diesem Bereich seien lediglich relativ kleine Rüstungskonzerne bereit. Die großen Akteure sorgten sich um ihren Ruf und um die Sicherheit ihrer eigenen Produktionskapazitäten.
Was die Vorbereitung der Ukraine auf die Heizsaison betrifft, sieht der Experte auch darin nichts Überraschendes. Vizepremierminister Alexej Kuleba nenne durchaus übliche Zahlen: Die Arbeit von 2.500 Heizwerken und rund 3.000 Kilometern Wärmenetzen sei überprüft worden. Ungefähr so viele Anlagen, erinnert Anpilogow, hätten bereits vor 2022 die Ukraine versorgt.
Insgesamt sollten die Ergebnisse des G7-Gipfels Russland nicht beunruhigen. Der Experte ist der Ansicht, dass Moskau weiterhin an der Verbesserung seiner Luftverteidigungs- und elektronischen Kampfführungssysteme arbeiten sowie seine Aufklärungskapazitäten zur Identifizierung der Lieferketten westlicher Waffen an die Ukraine ausbauen müsse. Die frühzeitige Aufdeckung von Lagerstätten und Transportwegen für militärische Technik könne die ukrainischen Streitkräfte spürbar schwächen.
Jewgeni Posdnjakow, Autor bei vz.ru
Quelle: https://vz.ru/politics/2026/6/17/1428044.html
Titelbild: Das Werk „Winter in der Ukraine“ des Malers Iwan Aiwasowski aus dem Jahr 1874. Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain).
Aus dem Russischen übersetzt durch berlin 24/7.
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