Ein kurzer Traktat über einen Mann, den es noch immer nicht gibt

Vor zwölf Jahren war Wladimir Putin in deutschen Medien längst kein Politiker mehr, sondern eine Kunstfigur: Dämon, Despot und Höllenfürst. Das deutsch-russische Verhältnis wäre heute ein anderes, hätte man seine Person sachlicher behandelt.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Vor fast zwölf Jahren schrieb ich einen Text über einen Mann, den es so gar nicht gibt. Er hieß Wladimir Putin. Jedenfalls hieß die Kunstfigur so, die damals täglich durch die deutschen Zeitungen gereicht wurde. Der wirkliche Putin, russischer Präsident, ehemaliger Geheimdienstmann, Machtpolitiker, autoritärer Staatslenker und zweifellos ein Mann mit allerlei Eigenschaften – sicher auch unangenehmen –, war als Gegenstand der Berichterstattung schon damals zunehmend ausgeschieden. An seine Stelle war einer getreten, der praktischer zu handhaben war: Putin, der Dämon – oder auch: Putin, der Höllenfürst.

Seitdem ist einiges passiert. Russland führt einen Krieg in der Ukraine. Hunderttausende Menschen sind gestorben oder verwundet worden, Städte wurden zerstört, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Man könnte also meinen, die Wirklichkeit habe die Kunstfigur von damals eingeholt. Vielleicht gab es diesen Putin, von dem die Zeitungen schon 2014 erzählten, am Ende doch?

Krebs, Koks und Kind?

Aber Geschichten – Märchen – werden nicht einfach zur Wahrheit, weil einer einen Krieg beginnt. Vielleicht ist es eher sogar andersherum und Kriege beginnen – nicht immer, nicht überall – auch deswegen, weil man sich Geschichten über jemanden erzählte und weniger die wirklichen Umstände ins Visier nahm. Denn hinter diesem Mann, den es so nicht gab, der aber täglich in der deutschen Medienlandschaft als erfundene Gestalt firmierte. Die Journalisten staffierten ihn mit Wesensmerkmalen aus, die man sich für einen infernalischen Charakter gemeinhin vorzustellen glaubt – er wurde so voller einseitiger Boshaftigkeit, Durchtriebenheit und machiavellistischer Heimtücke vorgestellt, dass er objektiv betrachtet nur als Personifikation verstanden werden konnte.

Im Laufe der letzten Jahre hat man dieses Bild von Putin noch intensiviert: Der Putin unserer Tage ist nicht einfach ein Staatschef – oder auch nur ein aggressiver Staatschef. Nein, er ist Zar, Imperialist, Wiedergänger längst vergangener Despoten; er sei krank, gekränkt, größenwahnsinnig, vom Untergang der Sowjetunion traumatisiert und besessen von dem Wunsch, das alte Reich wiederauferstehen zu lassen. Über seinen Gesundheitszustand wurde zeitweise derart ausgiebig spekuliert, dass man meinen konnte, ein beträchtlicher Teil deutscher Expertise bestehe aus medizinischer Ferndiagnose und psychologischer Tiefenanalyse. Wie sitzt er am Tisch? Wie hält er den Arm? Ist sein Gesicht aufgedunsen? Bewegt sich sein Fuß sonderbar? Hat er Krebs? Parkinson? Nimmt er Steroide? Koks? Ja, sogar eine uneheliche Vaterschaft wurde vermutet.

Anders gesagt: Die Person des Waldimir Putin ist wieder – oder weiterhin – zur Erzählung geworden. Einige Vermutungen mögen auch einen wahren Kern haben. Dass ein Mann, der seit einem Vierteljahrhundert an der Staatsspitze steht, ein ausgeprägteres Ego aufweist als ein Bundeskanzler, den niemand liebt oder auch nur schätzt, wäre ja nun wahrlich nicht überraschend. Dennoch bleibt das Bild, das man von ihm zeichnet, hochgradig spekulativ und interpretativ.

Der Krieg gegen den Leibhaftigen

Die Bilder des russischen Präsidenten, die der Journalismus hierzulande seit Jahren und Jahrzehnten verbreitet, sind längst in den politischen Wissensschatz und in die Reste des öffentlichen Debattenraums gewandert. Der unberechenbare Despot, der Teufel im Maßanzug, der mit nacktem Oberkörper durch die Walachei reitet, um der Welt seine ganze Manneskraft zu beweisen: all diese narrativen Ausschmückungen und Überhöhungen haben ein Gesellschaftsklima vorbereitet, das gar nicht mehr als deeskalierende Lösungen des Ukrainekonfliktes zu denken vermag. Denn jener Putin, der als Kunstfigur in der deutschen Öffentlichkeit vorkommt, kann sich nur noch als das personifizierte Böse vorgestellt werden, das für seine Handlungen kein Motiv braucht, sondern nur aus reinster Destruktivität heraus vorgeht.

Mit der Kunstfigur kann man also nicht verhandeln – mit dem wirklichen Putin vielleicht aber schon. Nur kennt den niemand in Deutschland – der Mann wird als Phänomen abgeheftet, nicht als Person der Zeitgeschichte. Denn letzteres würde ihn als Menschen qualifizieren, einer Gattungszuordnung, die man dem russischen Präsidenten seit Jahrzehnten verwehrt. Das setzt nicht voraus, dass man die Person des Wladimir Putin unkritisch betrachten müsste, es wäre auch vermessen anzunehmen, dass ein Staatspräsident eine moralische Instanz sei. Doch vermutlich wären wir heute in einer anderen Lage, wenn die Berichterstattung zu seiner Person schon vor Jahren sachlicher gewesen wäre. Vielleicht hätte es diesen Krieg trotzdem gegeben – aber die deutsche Öffentlichkeit wäre nicht mit dem zuvor vergifteten Gefühl an diesen Konflikt herangetreten, wonach es sich beim russischen Präsidenten um den Leibhaftigen höchstpersönlich handelt.

Seit Jahren wurde vor einem Mann gewarnt, den man gleichzeitig immer weniger zu verstehen versuchte. Man hat ihn auf eigentümliche Weise beschrieben, psychologisiert, pathologisiert und dämonisiert – und ihn dabei Stück für Stück aus der politischen Wirklichkeit herausgeschrieben. Nun steht Europa vor einem Krieg, dessen Ende irgendwann doch mit jenem Russland ausgehandelt werden muss, welches dieser Mann voraussichtlich noch immer regieren wird. Dann wird sich zeigen, wie hinderlich es ist, jemanden zum Ungeheuer umzudeuten – fast wirkt es so, als wussten die deutschen Verantwortlichen das im Verlauf der letzten Jahre bereits, weswegen sie es gar nicht erst versuchten, mit der russischen Regierung ins Gespräch zu kommen. Wer ist dieser Putin also wirklich? Eine spannende Frage, deren Antwort man der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren vorenthält.


Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.

Quelle: https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/ein-kurzer-traktat-ueber-einen-mann-den-es-noch-immer-nicht-gibt/

Titelbild: Der damalige russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu (links) und Präsident Wladimir Putin beim Angeln in der Republik Tuwa im Juli 2013. Quelle: Alexei Nikolsky / kremlin.ru / Wikimedia Commons (CC BY 4.0).

Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel
müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche
Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um
weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen
.


BERLIN24/7 Nachrichten aus Berlin – ist ein unabhängiges Nachrichten- und Informationsportal Im Zentrum
unserer Berichterstattung stehen Nachrichten, Meinungsbeiträge, Analysen und Interviews zum aktuellen
Zeitgeschehen in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt. Wer sich für differenzierte Sichtweisen aus
verschiedenen Perspektiven interessiert ist bei uns richtig. Um nichts zu verpassten abonnieren Sie unseren
Kanal und/oder folgen Sie uns auf:


Offizielle Webseite: https://berlin247.net Facebook: https://www.facebook.com/profile.php?
id=61556336081860
 Telegram: https://t.me/Berlin247nachrichten Auf X – https://x.com/berlin24_7?
t=u9fTHoOcZQkCZPewM2Q62g&s=09


Hier können Sie unsere Arbeit unterstützen:


Paypal: https://paypal.me/berlin247net oder Berlin 24/7 GmbH DE22 8105 0555 0101 0400 24

Ähnliche Beiträge

Deutschland missbraucht Strafrecht zur Durchsetzung politischer Ziele: Prof. Stefan Homburg

zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=AIDlpYXJMkg Am 30. August 2026 fand in Magdeburg das Festival der Meinungsfreiheit – Gemeinsam gegen Cancel Culture statt. Es war eine Veranstaltung von Publizisten, Künstlern und Wissenschaftlern, die…

Das Erdölabkommen zwischen Venezuela und den USA im Detail

Investitionen, Konzessionssystem, Einnahmen und politische Variablen – Ein neues, von den Regierungen in Caracas und Washington angekündigtes Abkommen bestätigt den Erdölsektor als zentrale Achse der Annäherung zwischen beiden Ländern. Ein…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You Missed

Deutschland missbraucht Strafrecht zur Durchsetzung politischer Ziele: Prof. Stefan Homburg

  • September 15, 2026
  • 35 views
Deutschland missbraucht Strafrecht zur Durchsetzung politischer Ziele: Prof. Stefan Homburg

Das Erdölabkommen zwischen Venezuela und den USA im Detail

  • September 15, 2026
  • 50 views
Das Erdölabkommen zwischen Venezuela und den USA im Detail

Hybride Panikmache

  • September 15, 2026
  • 63 views
Hybride Panikmache

Jeffrey Sachs: „Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst ‒ niemand kann es aufhalten“

  • September 15, 2026
  • 428 views
Jeffrey Sachs: „Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst ‒ niemand kann es aufhalten“

Glaubt ihr wirklich, dass die Ukraine die Ostseepipeline geprengt hat? Rainer Rothfuß

  • September 14, 2026
  • 75 views
Glaubt ihr wirklich, dass die Ukraine die Ostseepipeline geprengt hat? Rainer Rothfuß

Rede gegen den Krieg

  • September 14, 2026
  • 303 views
Rede gegen den Krieg