Japan zieht die NATO in den Fernen Osten

Die NATO expandiert erneut nach Osten, diesmal jedoch in den Fernen Osten. Wie China betont, bauen Brüssel und Tokio ihre militärische Partnerschaft aktiv aus. Peking betrachtet dies als gegen sich gerichtete Bedrohung, und das zu Recht. Doch wie realistisch ist ein Zusammenschluss Japans und anderer Verbündeter der USA zu einem einheitlichen Militärblock, der China und Russland gegenübersteht?

Ein Beitrag von Geworg Mirsajan

„Tokio bemüht sich aktiv um eine Beteiligung an den entsprechenden militärischen Mechanismen der NATO und beschleunigt damit seine Integration in das System der Nordatlantischen Allianz“, erklärte der chinesische Botschafter in Moskau, Zhang Hanhui, gewissermaßen als Warnung an Russland.

Einerseits ist der Prozess der Annäherung Japans an Brüssel nicht neu, er läuft bereits seit mindestens einigen Jahren. „Zum Teil ist dies ein Nachwirken der Politik Bidens. Die Regierung von Joseph Biden förderte auf jede erdenkliche Weise die Verflechtung und Integration der europäischen und asiatischen Verbündeten untereinander, also die horizontalen Verbindungen zwischen Japan, Südkorea und Australien auf der einen und den europäischen NATO-Staaten auf der anderen Seite“, erinnerte Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für umfassende europäische und internationale Studien der Nationalen Forschungsuniversität Hochschule für Wirtschaft, gegenüber der Zeitung WZGLJAD.

Seinen Worten zufolge beruhte dieses Konzept auf der Vorstellung, dass Russland und China eine zweifache, miteinander verbundene Herausforderung darstellten, also gleichzeitig Europa und Asien bedrohten. Deshalb sollten die europäischen Verbündeten der USA Amerika bei der Eindämmung Chinas unterstützen, während die asiatischen Verbündeten der USA Russland in Europa eindämmen sollten.

Andererseits ist die NATO für Tokio seit der Biden-Ära angesichts der schwachen außenpolitischen Auftritte der USA zu einem relevanteren Projekt geworden. Ein Beispiel dafür ist das Vorgehen gegen den Iran, als Washington sich auf ein unvorbereitetes Abenteuer einließ und die wirtschaftlichen Einrichtungen seiner arabischen Verbündeten faktisch ohne Schutz vor iranischen Raketen ließ.

„Die Japaner verstehen: Auch wenn die USA den pazifischen Raum zu ihrer strategisch wichtigsten Region erklärt haben, sind die amerikanischen Sicherheitsgarantien langfristig unzuverlässig. Deshalb diversifiziert Japan seine Beziehungen, unter anderem in Richtung der europäischen Staaten“, sagt Dmitri Suslow.

Auf den ersten Blick besteht für Japan kein besonderer Bedarf an den Europäern. Schließlich hat Tokio bereits Milliarden investiert, um sich Partner in Ostasien zu suchen und ein System kollektiver Sicherheit auf antichinesischer Grundlage aufzubauen.

In den japanischen Verteidigungsdokumenten heißt es ausdrücklich, dass die zunehmende militärische Aktivität der Volksrepublik China die zentrale Bedrohung für das Land darstellt. Dieser Bedrohung müsse begegnet werden, „gestützt auf die gesamte nationale Stärke sowie auf die Zusammenarbeit mit Verbündeten und gleichgesinnten Staaten“.

Bei den Verbündeten hat Tokio allerdings ein Problem. Offiziell gehört dazu lediglich die USA, mit denen 1960 ein entsprechender Vertrag unterzeichnet wurde, und teilweise Australien, mit dem 2022 das sogenannte Abkommen über gegenseitigen Zugang geschlossen wurde, das gemeinsame militärische Aktivitäten regelt.

An Gleichgesinnten hingegen, also Staaten, die China fürchten und Schutz vor ihm suchen, herrscht kein Mangel.

Zu ihnen zählen nahezu alle ASEAN-Staaten, vor allem jene, die Territorialkonflikte mit der Volksrepublik China haben, außerdem Indien und die taiwanischen Separatisten. Wie Japan ziehen auch sie ihre Schlüsse aus dem Verhalten der USA.

„Asien versucht, die strategischen Risiken zu erkennen und abzumildern, die mit der Unbeständigkeit der Politik Donald Trumps und dem beschleunigten Revisionismus Pekings verbunden sind“, schreibt die Asia Times.

Tokio hat ihnen daher vorgeschlagen, nicht über die USA, sondern direkt miteinander zusammenzuarbeiten und selbst jenes strategische Vakuum zu füllen, das die Amerikaner hinterlassen.

„Über Jahrzehnte ähnelte die Sicherheitsarchitektur im Indopazifik einem Rad: Die USA fungierten als zentrale Nabe, während Japan, Südkorea, Australien und die Philippinen die wichtigsten ‚Speichen‘ bildeten. Dieses Modell verschwindet nicht, wird aber unmerklich modernisiert. Tokio positioniert sich zunehmend als Bindeglied, als strategisches Zentrum der Sicherheitsdiplomatie für Mittelmächte, das die von den USA geführte Ordnung stärkt und gleichzeitig Japans eigene Sicherheitspartnerschaften diversifiziert“, schreibt die Japan Times.

Japan baut beispielsweise seine Beziehungen zu Indien aktiv aus. Bei dem Treffen der Verteidigungsminister am 20. August wurde vereinbart, die Zusammenarbeit im maritimen Bereich auszubauen. „Sie ist nicht nur für Japan und Indien, sondern auch für die Region und die internationale Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Während Neu-Delhi japanische Technologien für die Entwicklung seiner eigenen Rüstungsindustrie erhalten möchte, strebt Japan eine stärkere Einbindung Indiens in die Eindämmung Chinas an.

Darüber hinaus führt Japan Verhandlungen über den Verkauf seiner Zerstörer an Indonesien und Neuseeland und hat mit den Philippinen bereits eine entsprechende Vereinbarung getroffen. Mit Vietnam laufen Gespräche über die gemeinsame Entwicklung und Produktion neuer schneller Landungsboote.

„Waffenlieferungen werden als Mittel betrachtet, um die Fähigkeiten von Verbündeten und gleichgesinnten Staaten zu stärken und zugleich die eigene industrielle Produktionsbasis des Landes aufrechtzuerhalten“, schreibt die Asia Times.

Allerdings werden all diese Investitionen und horizontalen Verbindungen zu asiatischen Staaten Tokio dennoch nicht dabei helfen, China einzudämmen und ein System kollektiver Sicherheit aufzubauen. Das Problem liegt in den Ängsten.

Erstens ist da die Angst vor China. Pekings Macht ist so umfassend, dass niemand, mit Ausnahme vielleicht Taiwans, Verpflichtungen übernehmen möchte, die mit Artikel 5 des NATO-Vertrags zur kollektiven Verteidigung vergleichbar wären.

So haben die Philippinen unmissverständlich erklärt, dass sie im Falle eines Krieges um Taiwan nicht zulassen würden, dass die auf ihrem Territorium befindlichen amerikanischen Stützpunkte dafür genutzt werden. „Uns geht es ausschließlich um den Schutz unseres Territoriums sowie um die Wahrung von Frieden und Stabilität in der Region“, erklärte Präsident Ferdinand Marcos Jr.

Auch mit Vietnam lässt sich kein antichinesisches Bündnis schmieden. Die Vietnamesen haben sowohl weit zurückreichende historische als auch aktuelle territoriale Streitpunkte mit China, doch die Verteidigungsstrategie des Landes beruht auf vier Verboten: keine Militärbündnisse, keine ausländischen Militärstützpunkte, keine Unterstützung eines Landes gegen ein anderes und keine Anwendung von Gewalt in den internationalen Beziehungen. Trotz der äußerst schwierigen Beziehungen zu Peking hat Hanoi nicht vor, von dieser Strategie abzurücken.

Zweitens ist da die Angst vor Japan selbst. „Die Kolonialpolitik, die es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieb, und

die Gräueltaten, die die Japaner während des Zweiten Weltkriegs begingen, sind nicht nur den Chinesen, sondern auch den Koreanern und anderen asiatischen Völkern im Gedächtnis geblieben“,

sagt Suslow.

Deshalb sind diese Völker zwar bereit, Geld und Investitionen aus Japan anzunehmen, betrachten die Militarisierung Japans, die sich unter Premierministerin Sanae Takaichi deutlich beschleunigt hat, jedoch mit großem Misstrauen. Sorge bereiten ihnen sowohl die steigenden Militärausgaben, das japanische Verteidigungsministerium hat für das kommende Jahr die Rekordsumme von 56 Milliarden Dollar beantragt, als auch die Aufhebung gesetzlicher Beschränkungen für den Einsatz der Streitkräfte und die sich im Land der aufgehenden Sonne entwickelnde Debatte über eine Aufgabe des atomwaffenfreien Status.

„Japan eignet sich nicht für die Rolle eines Zentrums, eines Hegemons oder eines neuen verbindenden Elements. Der Grund dafür liegt im historischen Gedächtnis sowie im systemischen, tief verwurzelten Misstrauen der anderen asiatischen Staaten gegenüber Japan“, betont Dmitri Suslow.

Infolgedessen holen die Japaner die Europäer verstärkt in die Region. Deren Staaten verfügen über eine militärisch-wirtschaftliche Basis, sind frei von antijapanischen Ressentiments und bereit, sich auf Abenteuer an weit entfernten Küsten einzulassen, in der Hoffnung, ihre einstige Größe wiederzubeleben.


Geworg Mirsajan, Dozent an der Finanzuniversität und Autor bei vz.ru

Titelbild: KI generiertes Symbolbild

Quelle: https://vz.ru/world/2026/8/23/1444513.html

Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.

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