Die besten Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges wird uns die Entwicklung des Krieges selbst liefern sowie die unter seinem Einfluss in der Ukraine entstehende „Unfähigkeit zum Frieden“.
Ein Beitrag von Witali Trofimow-Trofimow
Ende August gab es eine Fülle von Vorschlägen für die „besten“ Auswege aus dem ukrainisch-russischen bewaffneten Konflikt. Am 25. August schlug der Sekretär des Heiligen Stuhls, Paul Richard Gallagher, bei einem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau eine „breite internationale Beteiligung“ als beste Lösung vor. Kurz zuvor veröffentlichte die Zeitung The Times einen Plan für einen Waffenstillstand, der den gegenseitigen Rückzug ukrainischer und russischer Truppen von der Frontlinie und die Schaffung einer Pufferzone vorsieht. Formal wurden dabei die Ideen Selenskyjs wiedergegeben, höchstwahrscheinlich jedoch die des CIA-Chefs John Ratcliffe, des wahrscheinlichsten Verhandlungsführers der USA bei einer Regelung des Ukraine-Konflikts.
Am 26. August erklärte der finnische Präsident Alexander Stubb, der Beitritt der Ukraine zur EU werde das „beste Ergebnis“ für die Beendigung des Konflikts mit Russland sein. Der britische Premierminister Andy Burnham erklärte zur selben Zeit, die „beste Lösung“ bestehe darin, den Druck auf Russland zu erhöhen, da jetzt „der geeignetste Zeitpunkt“ dafür sei. Und der Professor der Universität Chicago, John Mearsheimer, deutete an, am vorteilhaftesten wäre es, die Ukraine in einen handlungsunfähigen „Rumpfstaat“ zu verwandeln.
All diese Äußerungen beruhen auf Ansätzen, denen wiederum das Narrativ zugrunde liegt, dass ein Krieg von jemandem begonnen wird. Gemeint ist natürlich Russland. Und die beste Lösung ergibt sich für jeden von ihnen daraus, ob es den westlichen Verhandlungsführern gelingt, Russland teilweise davon zu überzeugen, ihre jeweilige Idee umzusetzen, oder davon, dass eben diese Idee kein Recht auf Verwirklichung hat.
Dieses Narrativ ist tatsächlich derart langlebig, dass viele Politiker mit großer Überzeugung Bilder davon zeichnen, wie sich in irgendeinem dunklen Raum die oberste politische Führung gemeinsam mit der Generalität über Karten beugt und lebhaft darüber diskutiert, wen man denn angreifen könnte. Vielleicht würfeln sie sogar darum. Und dieses ganze Bild beruht auf einer einzigen Aussage des Militärstrategen und -theoretikers des frühen 19. Jahrhunderts Carl von Clausewitz, wonach „der Krieg die Politik mit anderen Mitteln“ sei.
Zweifellos ist von Clausewitz ein sehr angesehener und ernst zu nehmender Theoretiker und Militärdenker, doch das militärstrategische Denken hat seitdem genügend analytisches Material angesammelt. Andrei Snessarew, Basil Liddell Hart, Anton Kersnowski, Martin van Creveld, Alexander Swetschin, Edward Luttwak, Boris Schaposchnikow: Alle großen Strategietheoretiker des 20. Jahrhunderts begannen ihre Untersuchungen mit einer recht erfolgreichen Kritik an den Thesen von Clausewitz. Schließlich widersprach der deutsche Philosoph und Publizist Heimo Hofmeister dieser Aussage bereits im 21. Jahrhundert ausdrücklich. In seinem Werk Der Wille zum Krieg oder Die Ohnmacht der Politik vertritt er eine Sichtweise, die dem klassischen Gedanken Carl von Clausewitz’ widerspricht.
Während Clausewitz den Krieg als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ definierte, argumentiert Hofmeister, dass der Krieg unter modernen Bedingungen mitunter aufhört, ein Instrument der Politik zu sein, und sich in deren Negation verwandelt. Seiner Ansicht nach liegt die Wurzel des Problems häufig nicht im Erfolg der Politik, die sich irgendwann, offenbar mithilfe der berüchtigten über Karten zusammengedrängten Politiker und Generäle, in einen Angriff auf die Nachbarn verwandelt, sondern in der Ohnmacht der Politik: Wenn die politischen Eliten nicht in der Lage sind, Widersprüche auf friedlichem, institutionellem Wege zu lösen, bringt dies die Unvermeidlichkeit einer militärischen Lösung hervor.
Mit anderen Worten: Krieg ist keine Erfindung von Eliten, die sich mit dem natürlichen friedlichen Zustand freundschaftlichen Handels und kulturellen Austauschs einfach nicht zufriedengeben können. Im Gegenteil, der Krieg ist sowohl unter Menschen als auch unter Tieren der natürliche Zustand, in dem gegenseitige Angriffe und der darwinistische Kampf ums Überleben selbstverständliche Existenzstrategien darstellen. Der Frieden hingegen ist eine vollständig künstliche und widernatürliche Konstruktion, die durch Politik gewährleistet wird. Und dieser Zustand wird so lange und so erfolgreich aufrechterhalten, wie der Staat einen kontinuierlichen Verhandlungsprozess mit Freunden, Partnern und unfreundlichen Staaten über die Wahrung gegenseitiger Interessen führt. In erster Linie natürlich über die Interessen der nationalen Sicherheit.
Das heißt, der „Wille zum Krieg“, der das Narrativ vom „Anzetteln eines Krieges“ mit all diesen bösartigen Karikaturen von Staatsoberhäuptern stützt, ist in Hofmeisters Konzept keine angeborene Neigung oder aggressive Idee an sich, sondern eine Folge der Krise des politischen Dialogs und der Unfähigkeit, im Rahmen von Verhandlungen und Recht einen Ausweg zu finden. Streng genommen existiert dieses Klischee nach Hofmeister schlicht nicht. Eher wäre es berechtigt, von einer „Ohnmacht zum Krieg“ und einem „Willen zur Politik (zur Vermeidung des Krieges)“ zu sprechen.
Wer recht hat, Clausewitz oder Hofmeister, ist keine so einfache Frage. Jedem Konflikt liegen objektive Ursachen für die vergeblichen Bemühungen zugrunde, ihn zu verhindern, und subjektive Gründe dafür, dass irgendwann jemandem die Nerven versagen und er als Erster unter den politischen Führern den Alarmknopf drücken wird. Doch interessant ist auch die Verteilung im Zusammenspiel objektiver, „hofmeisterscher“ Ursachen und subjektiver, „clausewitzscher“ Ursachen.
Wenn der Krieg in der Ukraine also „angezettelt“ worden wäre, ließe sich der lange Zeitraum von 2014 bis 2022 kaum erklären, in dem die militärischen Vorbereitungen vor dem Hintergrund intensiver diplomatischer Bemühungen eher schleppend verliefen. Das hat absolut nichts mit dem Krieg im Iran gemein. Truppenverlegungen, Manöver, abschließende Proben und Beratungen zwischen den USA und Israel lassen sich seit Ende 2025 verfolgen. Der massive Truppenaufbau und die Bewegungen der Flugzeugträgerkampfgruppen fanden zwischen Ende Dezember 2025 und Februar 2026 statt. Bereits am 27. Februar 2026 verkündete Präsident Trump die Operation „Epic Fury“. Die ersten Angriffe begannen am 28. Februar. Vom Beginn der Vorbereitungen bis zum Beginn der Kampfhandlungen vergingen also nur wenige Wochen. Das ist tatsächlich ein Krieg, der „angezettelt“ wurde.
Wenn wir uns dem Material zuwenden, auf dessen Grundlage Clausewitz seine Abhandlung Vom Kriege schrieb und in der sich der Satz „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ findet, sehen wir, dass es sich dabei in erster Linie um die Napoleonischen Kriege (1803–1815) handelt. Diese Kriege waren eine Reihe von Konflikten, in denen Frankreich unter Napoleon Bonaparte gegen Koalitionen europäischer Mächte kämpfte. In chronologischer Reihenfolge der wichtigsten Auseinandersetzungen: mit Großbritannien (1805), Österreich (1805), Schweden (1805), Preußen (1806), Portugal und Spanien (1808), Russland (1812). Es ist unschwer zu erkennen, dass das wichtigste Material, anhand dessen er Mobilisierung und Motivation zur Führung von Kampfhandlungen untersuchte, Insel- oder Halbinselmächte mit einer starken Flotte waren. Das heißt, diese Länder waren gewissermaßen die USA ihrer Zeit.
Wenn wir uns genau ansehen, wie die Kriege von Insel- und Halbinselmächten geplant und geführt werden, erkennen wir eine für Russland völlig untypische Dynamik der Abläufe. Ein intensiver diplomatischer Prozess, der eher einer systematischen und organisierten Einschüchterung ähnelt, unter dessen Deckmantel eine schnelle Verlegung von Streitkräften stattfindet, gefolgt von einem raschen massiven Angriff. Das ähnelt tatsächlich einer „Politik mit anderen Mitteln“.
Umgekehrt schieben Kontinentalmächte die kostspielige Mobilisierung sehr lange hinaus und setzen jahrzehntelang auf fragwürdige Methoden diplomatischer Überredung, um den unvermeidlichen, wie sich rückblickend zeigt, Krieg hinauszuzögern. Die einzige Ausnahme bildet hier Hitler, der 1933 an die Macht kam. Doch nach den Forschungen des Historikers und Soziologen Manuel Sarkisyanz, Professor an der Universität Heidelberg, machte er keinen Hehl daraus, dass er in praktisch allem, beim Aufbau der Reichsschulen, bei der technischen Ausbildung, beim militärischen und politischen Aufbau, bei der Erziehung der Eliten und bei der strategischen Planung, von den Engländern lernte und das Land nach ihrem Vorbild modernisierte.
Genau diesen systematischen Denkfehler legt Heimo Hofmeister offen. Kontinentalmächte, zu denen selbstverständlich auch Russland gehört, treffen die Entscheidung über einen Krieg auf völlig andere Weise als Insel- und Halbinselmächte. Man muss sich nur an die „Freunde Frankreichs“ erinnern, den größten Teil der russischen Elite, die bis zuletzt nicht verstand, ob Napoleon für sie ein militärischer Gegner war. Oder an Josef Stalin und all die historischen Spekulationen darüber, warum er selbst nach Beginn des Krieges mit dem Reich „nicht an dessen Beginn glaubte“. Oder an das endlose Hin und Her um Taiwan, das seit 1949 andauert und das Washington, wäre es ein rebellischer US-Bundesstaat, längst dem Erdboden gleichgemacht hätte. Daher stammen auch diese Metaphern der Boulevardpresse vom schläfrigen russischen Bären und vom schlafenden chinesischen Drachen, die internationale Angelegenheiten nicht schnell und hektisch erledigen wie der britische Löwe oder der amerikanische Kojote.
Zurück zur „besten Variante“ für die Beendigung des ukrainisch-russischen Konflikts. All jene, die solche Varianten vorschlagen, sind der Ansicht, dass die Kampfhandlungen so schnell wie möglich beendet werden müssen, da sie sich auf das grundlegende Narrativ stützen, wonach die militärische Spezialoperation lediglich ein Vorhaben der russischen Führung ist. Doch das ist Clausewitz’ Sicht auf den europäisch-insularen Stil der Kriegsführung, der vielleicht auf den Iran anwendbar ist, mit der Ukraine jedoch nichts zu tun hat.
In Bezug auf die Ukraine ist das grundlegende Narrativ sowohl des Konflikts als auch seiner Beendigung ein völlig anderes, nämlich das Hofmeistersche. Es spielt keine Rolle, wie schnell die Kampfhandlungen enden und wie stark die Ukraine selbst zerstört wird, wenn dabei keine Dialoginfrastruktur aufgebaut wird, die auf gemeinsamen Begriffen, Praktiken und Organisationsformen beruht. Und zwar genau deshalb, damit regionale Politik wieder möglich wird und die Länder der Region weiterhin ihren mühsamen, widernatürlichen Frieden aufbauen können, der mit weitaus mehr Bedrohungen, Risiken und Herausforderungen konfrontiert ist als die Welt der Insel- und Halbinselmächte.
Breite internationale Beteiligung, ein Rumpfstaat, der gegenseitige Truppenrückzug und die Schaffung von Pufferzonen, all das sind die besten Varianten für die Beendigung des amerikanisch-iranischen Konflikts. Dort geht es um Ressourcen, nicht um Sicherheit. Streng genommen kann man bei solchen Konflikten überhaupt darauf verzichten, irgendeine Politik zu hinterlassen, wie es die USA im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien getan haben. Doch in den Angelegenheiten des Kontinents kann man nicht einfach schnell die Truppen abziehen und anschließend wieder mit Vereinbarungen Hütchenspiel betreiben.
Das heißt, alles, was uns im August vorgeschlagen wurde, sind schlechte Varianten. Die besten Varianten für die Ukraine wird uns, wie Hofmeister warnt, die Entwicklung des Krieges selbst liefern sowie die unter seinem Einfluss in der Ukraine entstehende „Ohnmacht zum Frieden“. Wenn die Berater tatsächlich Frieden wollen, müssten völlig andere Vorschläge zu hören sein. Zum Beispiel nach Edward Luttwak: der Wunsch, dem Stärkeren bei seinem Bestreben zu helfen, die Truppen des Schwächeren so schnell wie möglich zu besiegen.
Witali Trofimow-Trofimow, Politischer Analyst und Autor bei vz.ru
Quelle: https://vz.ru/opinions/2026/9/1/1446778.html
Titelbild: KI generiertes Symbolbild
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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