Merz ohne Argumente, aber dafür weinerlich

Friedrich Merz macht im TV klar, dass er seinen Amtseid ernstnimmt. Was er eigentlich sagte: Über seine Politik will er nicht sprechen – nur darüber, wie man mit ihm kommuniziert.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

»Warum brechen Sie Ihren Amtseid?«, fragte die Kinderärztin Bea Merscher den Bundeskanzler bei einer Diskussionsrunde am Donnerstagabend auf RTL. Seine Politik würde Kindern schaden – vielleicht sogar willentlich? Friedrich Merz ging auf die Vorwürfe nicht ein. Stattdessen wurde er sehr ernst, richtete seinen Blick auf die Medizinerin und teilte ihr mit, dass diese Kritik »über das normale Maß« hinausgehe. Zwar könne man ihm sagen, dass man mit diesem oder jenem nicht einverstanden sei, aber ihm »vorsätzliche Zerstörung« zu unterstellen, das sei »schon ziemlich harter Tobak« und sei zudem »eine persönliche Herabsetzung«. Dass er »vorsätzlich die Zukunft dieser Kinder zerstöre«, müsse er »mit Entschiedenheit« zurückweisen.

Der Bundeskanzler belehrte die Frau, die offenbar regelrecht erschreckt war. Sie ließ sich doch tatsächlich widerspruchslos vor der ganzen Nation – nun ja, dem Teil, der überhaupt noch einschaltet, 890.000 Zuschauer wurden gemessen – von Friedrich Merz vorführen. Dabei war so offensichtlich, was Merz wirklich im Sinn hatte – er suchte die Flucht nach vorne, ihm war die Thematik unangenehm und er ergriff eine der ältesten rhetorischen Kniffe überhaupt: Er ließ die Sachebene hinter sich und wechselte zur Kommunikationsebene, um sich einer leidigen Debatte gar nicht erst stellen zu müssen.

Der Rhetor stinkt vom Kopf her

Metakommunikative Ausweichstrategie nennt sich das Vorgehen – der Gesprächspartner wechselt gezielt die Ebenen. Statt argumentativ zu kontern, skandalisiert man den Ton des Gegenübers. Aus der Frage, ob Merz mit seiner Politik Kindern schade und damit womöglich seinen Amtspflichten nicht gerecht werde, wird die Frage, ob man einem Bundeskanzler einen solchen Vorwurf überhaupt machen dürfe. Diese vorgeschützte zweite Frage beantwortet die erste natürlich nicht. Soll sie auch gar nicht. Sie ist ein Ablenkungsmanöver. Denn selbst wenn Merschers Vorwurf maßlos, unhöflich oder sachlich falsch gewesen wäre, hätte Merz damit noch immer nicht erklärt, warum er falsch ist. Stattdessen hat er lediglich die Bedingungen problematisiert, unter denen über ihn gesprochen wird.

In der Argumentationslehre berührt dieses Verfahren gleich mehrere bekannte Muster. Eine inhaltliche Auseinandersetzung auf Tonfall und Ausdrucksweise des Gegenübers umzulenken – das sogenannte Tone Policing –, gilt dann als probat, wenn man ein leidiges Thema ausstechen möchte. Man führt gewissermaßen einen neuen Streitgegenstand ein, der nur oberflächlich mit der ursprünglichen Behauptung verwoben ist, sodass mit keiner Beantwortung des Ursprungsmotivs zu rechnen ist. Der Bundeskanzler hoffte darauf, dass nicht er sich für seine Politik rechtfertigen müsse, sondern die Kinderärztin für ihre Wortwahl. Merz hat also die Rollen vertauscht. Der Wechsel auf die Metaebene funktioniert hier wie ein Red Herring, wie man in der Argumentationstheorie sagt. Ein roter Hering, was auf die Vorstellung eines gepökelten, stark riechenden Fisches zurückgeht, der gewissermaßen eine neue Geruchsspur auslegt, um die alte Fährte zu übertünchen.

Für eine solche Ausweichstrategie muss man allerdings fürwahr kein besonders versierter Rhetor sein. Gerade ungeübte Debattenteilnehmer – und Merz ist in Debatten nicht geübt, was er kann, sind Monologe – greifen gerne auf solche rhetorischen Tricks zurück. Sie springen auf die Metaebene, um sich aus einer lästigen Affäre zu stehlen. Ein geübter Rhetor hätte eine solche Flucht nicht nötig. Er nähme den Angriff auf und zerlegte ihn in der Sache. Vermutlich nutzte er gerade dessen Schärfe, um die eigene Position umso überzeugender darzustellen. Wer über die Umgangsformen seines Gegenübers sprechen muss, verrät letztlich allen, dass er keine stichhaltigen Argumente vorzusetzen hat – dieses Ablenkungsmanöver ist insofern auch immer ein Offenbarungseid.

Nicht auf das Spielfeld wechseln

Wer mit einem solchen Manöver konfrontiert wird, sollte vor allem eines vermeiden: sich ausführlich für Ton und Wortwahl zu rechtfertigen. Das hat Kinderärztin Merscher zum Glück auch nicht getan. Denn damit hätte sie den Ebenenwechsel komplett akzeptiert. Hätte sie erklärt, dass sie Merz keineswegs persönlich herabsetzen wolle, dass sie großen Respekt vor dem Amt des Bundeskanzlers habe und ihre Formulierungen vielleicht etwas zu scharf gewesen seien, hätte sie Merz das Feld überlassen. Leider sah man der guten Frau allerdings an, dass sie von Merz‘ scharfer rhetorischer Gegenreaktion übertölpelt wurde.

Die wirksamste Reaktion besteht deshalb darin, den Ebenenwechsel anzusprechen, den rhetorischen Kniff sichtbar zu machen, um die Erwiderung als nicht statthaft zu markieren. Sie hätte erklären können, dass es billig sei, sich auf die Wortwahl zu fokussieren – eine Wortwahl, die er als Bundeskanzler aushalten können sollte. Ihm stehe ja die Möglichkeit offen – als Seitenhieb – nach der Sendung einen Strafantrag zu stellen. Aber nun sei es geboten, bei der Sache zu bleiben und dazu etwas zu sagen. Ein solches verwegenes Verfahren, wie es Merz an diesem Abend probierte, verliert seine Wirkung ganz wesentlich, sobald man den Anwesenden den Ebenenwechsel bewusst gemacht hat.

Was von der Szene bleibt? Deutschlands Bundeskanzler mag einen Auftrag haben, ein Sendungsbewusstsein obendrauf – aber er hat nicht das Zeug dazu, seinen Himmelfahrtsplan mit rhetorischer Könnerschaft der Bevölkerung zu vermitteln. Man würde sich vorstellen, dass man eine solche Position von jemanden ausfüllen ließe, der wenigstens rhetorisch das Knowhow hat, um wie ein Staatsmann zu wirken – aber solche kleinrhetorischen Winkelzüge, wie Merz sie zuweilen an den Tag legt – und wie er es gegenüber der Kinderärztin tat –, sind vielleicht bestenfalls was für die kommunale Ebene. Wenn irgendein sauerländischer Bürgermeister beleidigt ist, weil einige Ortsansässige ihn kritisieren, dann kann man sich so eine metakommunikative Ausweichstrategie als Ausdruck rhetorischer Hilflosigkeit ja bildlich vorstellen. Aber ein Kanzler? Ein Finanzunternehmensfunktionär? Ein transatlantisches Schwergewicht? Sollte so einer nicht mit anderen Wassern gewaschen sein? Er kann es einfach nicht. Kann man das sagen? Oder fühlt sich der arme Herr Merz dann mal wieder persönlich herabgesetzt?



Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.

Quelle: https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/merz-ohne-argumente-aber-dafuer-weinerlich/

Titelbild: Friedrich Merz bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten im Münchner PresseClub am 17. April 2024. Quelle: Michael Lucan / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE).

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