Südkorea hat Nordkorea den Abschluss eines Friedensvertrags angeboten, und die USA haben ihre Militärübungen reduziert, um den Vorsitzenden Kim Jong-un nicht zu verärgern. Dank des Bündnisses mit Russland und seines Setzens auf Stärke hat der nordkoreanische Staatschef erreicht, dass man ihn ernst nimmt. Ein Wendepunkt in den Beziehungen zum Westen könnte für Kim jedoch auch eine unangenehme Überraschung bereithalten.
Ein Beitrag von Geworg Mirsajan
Der kollektive Westen ändert seinen Umgang mit der DVRK. Noch vor Kurzem wurde dieses Land als eine der größten Bedrohungen bezeichnet, es wurden Sanktionen gegen es verhängt, seine Führung wurde dämonisiert und auf internationaler Ebene isoliert. Doch dann schloss Pjöngjang ein Bündnisabkommen mit Moskau, demonstrierte die Fähigkeiten seiner Armee an von der NATO ausgebildeten Ukrainern, stand aufgrund der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation an der Schwelle zu einem technologischen Durchbruch, und das Eis begann zu schmelzen. Der neue Modus Operandi: Schmeichelei und Zuwendung.
Das Maximalziel der westlichen Staaten besteht darin, die Achse Moskau–Peking–Pjöngjang zu zerschlagen. Das Minimalziel besteht darin, den Einfluss des nordkoreanischen Faktors auf ihre Interessen in Ostasien zu begrenzen.
So hat Washington demonstrativ den Umfang der großen Militärübungen reduziert, die vom 17. bis 27. August auf der Koreanischen Halbinsel stattfinden. Nach Ansicht von Präsident Donald Trump sind sie teuer und „senden ein unangemessenes und feindseliges Signal an ein Land, das sich, solange Donald J. Trump Präsident war, harmlos und respektvoll verhalten hat“. Gemeint ist die DVRK.
In Seoul reagierte man auf diesen scheinbar unfreundlichen Schritt des wichtigsten Verbündeten überraschend gelassen und äußerte die Hoffnung, dass „die Beziehungen zwischen den Staatschefs der USA und Nordkoreas zu einem substanziellen Dialog führen und Gespräche eröffnen werden, die auf die Förderung von Frieden und Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel abzielen“.
Südkorea selbst schlug dem Norden vor, einen Dialog aufzunehmen. Und zwar nicht nur über eine Stabilisierung der bilateralen Beziehungen, sondern über die vollständige und endgültige Beendigung des Krieges, der formal bis heute andauert und lediglich auf Eis gelegt wurde.
„Lassen Sie uns auf gegenseitige Drohungen verzichten und Verhandlungen aufnehmen, um den langwierigen Krieg zu beenden“, erklärte Präsident Lee Jae-myung während seiner Rede bei der Zeremonie zum Tag der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialherrschaft.
Allerdings verfolgt Seoul bei den Verhandlungen einen zwiespältigen Ansatz. Einerseits ist er durchaus konstruktiv, da er das heikle Thema der Menschenrechte nicht einschließt, auf dem der Ansatz vieler Präsidenten der USA und Südkoreas beruhte. Stattdessen gelten drei Prinzipien, die Lee Jae-myung bereits im vergangenen Jahr formuliert hatte.
Das erste ist der Respekt vor dem Herrschaftssystem der DVRK. Das bedeutet Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten und keine Beteiligung an Versuchen, das nordkoreanische Regime zu stürzen.
Das zweite ist die Abkehr von einer Politik der Vereinigung Koreas durch eine Eingliederung des Nordens. Das bedeutet ein friedliches Zusammenleben zweier Staaten mit der vagen Hoffnung, dass sie sich irgendwann in ferner Zukunft auf freiwilliger Grundlage vereinigen können.
Das dritte ist der Verzicht auf jegliche feindseligen Handlungen. Das bedeutet ein Leben ohne Drohungen, Ballons mit Geschenken und andere Dinge, die Spannungen auf der Halbinsel hervorrufen. Lee Jae-myung zufolge müssen beide Koreas „daran arbeiten, weniger feindselig zu werden, angefangen bei unseren Vorstellungen, Normen und Institutionen“.
Der Spielraum ist hier enorm, und das Rad muss dafür nicht neu erfunden werden. Zwischen den beiden Koreas wurden im 21. Jahrhundert erfolgreich verschiedene Projekte umgesetzt, die dazu beitrugen, sie einander näherzubringen und eine Atmosphäre für ein friedliches Zusammenleben zu schaffen. Dazu gehörten beispielsweise Ausflüge für südkoreanische Bürger zu Orten im Norden der Halbinsel, die allen Koreanern heilig sind.
In der Industriezone Kaesŏng in der DVRK arbeiteten einheimische Arbeiter in Fabriken, deren Eigentümer südkoreanische Unternehmer waren.
Beide Projekte wurden eingestellt, könnten jedoch wiederbelebt werden, sobald die Beziehungen zwischen Pjöngjang und Seoul auf die oben beschriebenen Prinzipien übergehen.
Gleichzeitig taucht unter den von Seoul genannten Verhandlungszielen jedoch ein Tabuthema auf: die Begrenzung des nordkoreanischen Nuklearpotenzials. Nach den Worten des Präsidenten soll der Dialog dabei helfen, „wirksame Wege zur Eindämmung der Entwicklung des nordkoreanischen Nuklearpotenzials zu erarbeiten“. Über dieses Thema weigert sich Pjöngjang kategorisch zu sprechen.
Kim Jong-un ist überzeugt, dass nur Atomwaffen eine hundertprozentige Garantie für die Unabhängigkeit der DVRK bieten können, und die Ereignisse im Iran dürften ihn darin noch stärker bestärkt haben. Doch von allen Atommächten verfügt Nordkorea über die wenigsten Sprengköpfe, verschiedenen Schätzungen zufolge einige Dutzend. Dementsprechend hat Marschall Kim keinerlei Interesse daran, über eine weitere Verringerung ihrer Zahl zu sprechen.
Möglicherweise hat Pjöngjang gerade deshalb überhaupt nicht auf den Vorschlag Seouls reagiert. Dort würdigte man Lee Jae-myungs friedlichen Ansatz, wartet aber offenbar darauf, dass dieser Ansatz keine für die DVRK inakzeptablen Punkte der Verhandlungsagenda mehr enthält.
Das Problem besteht jedoch darin, dass die DVRK möglicherweise nicht das bekommt, worauf sie hofft. Statt einer Abschwächung der südkoreanischen Position könnte sie deren Verschärfung erleben.
Heute sprechen sich fast 70 % der südkoreanischen Bevölkerung für die Entwicklung eigener Atomwaffen aus, und zwar nicht nur wegen des nördlichen Nachbarn. Fast 90 % der Südkoreaner bezeichnen Pjöngjang als Bedrohung für die Sicherheit des Landes, doch nur geringfügig weniger, etwa 80 %, betrachten auch China als Bedrohung. Gleichzeitig schwindet mit jedem Jahr und jedem neuen Konflikt, in dessen Verlauf die Amerikaner ihre Verbündeten im Stich lassen, die Hoffnung darauf, dass die USA Korea schützen können.
Bislang wollen die südkoreanischen Behörden der Forderung ihrer Bevölkerung nicht nachkommen und begründen dies mit einem daraus folgenden Dominoeffekt in der Region. „Wenn Südkorea mit der Entwicklung von Atomwaffen beginnt, glauben Sie wirklich, dass Japan oder Taiwan in dieser Richtung nichts unternehmen werden? Letztlich werden alle Atomwaffen besitzen, und die gesamte Region wird sich in einen Brennpunkt nuklearer Gefahr verwandeln“, erklärte Lee Jae-myung.
Langfristig könnte sich Seouls Haltung jedoch ändern, wenn die USA als Verbündeter weiter an Glaubwürdigkeit verlieren und die nuklearen Ambitionen der Nachbarstaaten zunehmen, etwa in Japan, wo derzeit eine militaristische Regierung an der Macht ist. Dann wird der Norden mit einer Situation konfrontiert sein, in der er die Nuklearfrage bei Verhandlungen mit dem Süden in einem völlig anderen Kontext erörtern muss.
Geworg Mirsajan, Dozent an der Finanzuniversität und Autor bei vz.ru
Titelbild: Nordkoreas Staats- und Parteichef Kim Jong-un bei einem Treffen mit südkoreanischen Gesandten im Hauptgebäude der Partei der Arbeit Koreas am 6. März 2018. Quelle: Blue House (Republik Korea) / Wikimedia Commons (KOGL Type 1).
Quelle: https://vz.ru/world/2026/8/18/1443614.html
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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