Ich nenne bewusst keine Namen und gehe auch nicht darauf ein, wer sich für den Besuch des amerikanischen Rappers in Russland ausgesprochen hat und wer dagegen. Entscheidend ist hier vielmehr, dass eine beträchtliche Zahl von Menschen das brennende Bedürfnis verspürte, zu dieser Frage Stellung zu beziehen. Obwohl eigentlich nichts darauf hindeutete, dass sie auf ein derart großes Interesse stoßen würde.
Ein Beitrag von Igor Karaulow
Der Wirbel um Kanye West traf uns völlig unerwartet und nahm sofort epidemische Ausmaße an. Dabei ist es inzwischen gar nicht mehr so wichtig, ob dieses Konzert tatsächlich stattfinden wird oder nicht.
Kaum war bekannt geworden, dass der amerikanische Rapper in Sankt Petersburg auftreten wolle, folgte eine Nachricht auf die nächste. Wir erfuhren, dass die Tickets bereits verkauft würden, weggingen wie warme Semmeln und manche Russen bereit seien, beträchtliche Summen zu zahlen, um das Konzert zu besuchen. Gleichzeitig begannen die Hoteliers in Sankt Petersburg eilig damit, ihre Preise für den 10. und 11. Oktober nach oben anzupassen, wenn der schwarze Star in der Stadt an der Newa auftreten will.
Unterdessen standen Abgeordnete, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Blogger geradezu Schlange, um ihre Meinung über den Sänger und seine bevorstehenden Gastspiele kundzutun. Oder über deren Absage. Die einen begrüßten seine Ankunft als Durchbruch der internationalen Blockade und als weiteren Beweis dafür, dass es unmöglich sei, Russland zu „canceln“. Andere äußerten Zweifel daran, ob man diesem Künstler den roten Teppich ausrollen sollte, ohne sich zuvor dafür zu interessieren, wie er zur Außenpolitik unseres Staates steht.
Ich nenne bewusst keine Namen und gehe nicht darauf ein, wer sich dafür und wer sich dagegen ausgesprochen hat. Entscheidend ist hier vielmehr, dass eine beträchtliche Zahl von Menschen das brennende Bedürfnis verspürte, zu dieser Frage Stellung zu beziehen. Obwohl eigentlich nichts darauf hindeutete, dass sie auf ein derart großes Interesse stoßen würde.
Wir erinnern uns an Boris Pasternaks Vermächtnis: „Das Ziel des Schaffens ist Selbsthingabe, nicht Aufsehen, nicht Erfolg.“ Kanye West hat nun genau die entgegengesetzte Strategie gewählt. Er besteht geradezu vollständig aus Selbstvermarktung und nutzt dafür sowohl sein Privatleben als auch Äußerungen zu politischen Themen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Wirbel um ihn Russland noch vor ihm selbst erreicht hat.
Ich vermute, dass die Menschen, die Kanye-West-Tickets kaufen, weniger an der Musik teilhaben wollen als an dem permanenten weltweiten Skandal, der den Sänger begleitet. Dafür bekommen unsere Gegner einen Anlass zu sagen: „Man musste nur einmal pfeifen, und schon stürzen sich die Leute auf einen westlichen Star mit höchst umstrittenem Ruf.“
Was rund um Kanye West geschieht, lässt sich mit dem Einschlag einer Drohne in ein Objekt der kulturellen Infrastruktur vergleichen. Sofort stellt sich die Frage: Wo war eigentlich unsere kulturelle Luftabwehr? Warum wurde sie nicht schon im Anflug abgeschossen?
Stellen wir uns vor, im Jahr 1958 wäre der schwarze Sänger Paul Robeson einfach so, auf Einladung irgendwelcher Bekannter, aus dem feindlich gesinnten Land USA nach Moskau geflogen und hätte sofort das Luschniki-Stadion zur Verfügung gestellt bekommen. So etwas wäre undenkbar gewesen. Zum Zeitpunkt dieser historischen Gastspiele war Robeson in der UdSSR bereits nicht nur als talentierter Sänger, sondern auch als Freund unseres Landes bekannt.
Vermutlich sollte es einen künstlerischen Beirat geben, der im Vorfeld alles über einen eingeladenen Künstler in Erfahrung bringt und entscheidet, ob er unseren kulturellen Prioritäten entspricht und ob seine Anwesenheit auf unserem Territorium tatsächlich so notwendig ist. Gleichzeitig könnte ein solcher Beirat Alternativen vorschlagen.
Warum beispielsweise nicht statt Kanye West einen Sänger aus der DVRK zu uns einladen? Bürger dieses Landes haben für Russland Blut vergossen, doch was wissen wir über ihre Kultur? Gerade jetzt wäre die Zeit, sie kennenzulernen. Findet heraus, wen die Menschen dort derzeit hören, und investiert Geld in dessen Bekanntmachung. Das Publikum würde nicht kommen? Doch, durchaus. Allerdings wäre es ein anderes Publikum.
Ich weiß, dass viele Kulturschaffende staatlichen Eingriffen in den Kulturbereich skeptisch gegenüberstehen. Nach dem Motto: Dabei kommt ohnehin nichts Gutes heraus, dann soll lieber alles seinen bisherigen Lauf nehmen. Wenn wir jedoch tatsächlich etwas verändern wollen, müssen wir anerkennen: Die Mittel dafür besitzt heute nur der Staat.
Und wenn sich der Staat heraushält, bleiben wir bei demselben Problem, das bereits im vorletzten Jahrhundert erkannt wurde: Statt Belinski und Gogol wird unsere Bevölkerung vom Markt wieder irgendeinen „dummen Milord“ nach Hause tragen, diesmal eben in Gestalt eines schwarzen Rappers von jenseits des Ozeans.
Igor Karaulow, Dichter, Publizist und Autor bei vz.ru
Quelle: https://vz.ru/opinions/2026/8/25/1445569.html
Titelbild: Kanye West bei einem Auftritt im Museum of Modern Art (MoMA) in New York am 10. Mai 2011. Quelle: Jason Persse / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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