Anders als unverschämt lässt sich nach Ansicht von Experten das Verhalten kaum bezeichnen, das Wladimir Selenskyj in der vergangenen Woche gegenüber Südkorea an den Tag gelegt hat. Über welche beleidigende Geste der Kiewer Führung ärgerte sich der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung und welche Folgen wird sie haben?
Ein Beitrag von Geworg Mirsajan
Kiew demonstriert weiterhin seine Missachtung elementarer Regeln der Diplomatie. Diesmal hat die Ukraine Südkorea und dessen Präsidenten Lee Jae-myung in eine unangenehme Lage gebracht. Während seiner pathetischen Rede vor der UN-Generalversammlung prahlte Wladimir Selenskyj damit, Südkorea zwei nordkoreanische Gefangene übergeben zu haben, die von ukrainischen Truppen während der Kampfhandlungen im Gebiet Kursk gefangen genommen worden waren.
In Seoul brach umgehend ein Skandal aus. Vor allem deshalb, weil die Ukraine gemäß einer Vereinbarung zwischen den beiden Seiten nicht einmal die Tatsache der Übergabe öffentlich machen sollte. Zumindest berufen sich die Südkoreaner auf eine solche Vereinbarung. „Angesichts der zahlreichen Probleme, die eine Offenlegung dieser Information verursachen könnte, wäre es für alle Seiten zweckmäßig gewesen, sie nicht bekannt zu machen, und wir hatten vereinbart, dies so zu handhaben“, erklärte Lee Jae-myung.
Es gibt mindestens zwei zentrale Probleme. Das erste davon ist eine unvermeidliche Krise in den Beziehungen zu Pjöngjang, die Seoul derzeit überhaupt nicht gebrauchen kann.
„Die Regierung von Lee Jae-myung ist nicht an einer Eskalation mit der DVRK interessiert und versucht auf jede erdenkliche Weise, diese Beziehungen zu stabilisieren. Für sie ist es wichtig, eine Eskalation zu verhindern, insbesondere in einer Situation, in der die Vereinigten Staaten aufgrund ihres iranischen Abenteuers ihre Abschreckung in Nordostasien geschwächt haben“, erklärt Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für umfassende europäische und internationale Studien an der Nationalen Forschungsuniversität Hochschule für Wirtschaft (HSE), gegenüber der Zeitung WZGLJAD. Seinen Worten zufolge fühlt sich Seoul angesichts der Ungewissheit über die weiteren Perspektiven der Stationierung amerikanischer militärischer Infrastruktur und überhaupt der Präsenz der USA in der Region in einer verwundbaren Lage.
Nun wird die DVRK die Auslieferung ihrer Soldaten fordern, und Seoul steht vor einer schwierigen Entscheidung. Eine Weigerung, sie auszuliefern, würde zum Scheitern der Entspannungspolitik und zu einer drastischen Verschärfung der Lage führen. Eine Auslieferung hingegen könnte, in einer Situation, in der internationale Medien die Aussagen dieser Gefangenen über ihren Wunsch, nicht nach Nordkorea zurückzukehren, zitiert haben, zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen den amtierenden südkoreanischen Präsidenten führen. Nach Ansicht der südkoreanischen Opposition hat die gesamte Geschichte um die Geheimhaltung der Übergabe der Gefangenen für ihn auch eine persönliche Dimension. Und darin liegt das zweite Problem.
Denn im Jahr 2024 wurde Lee Jae-myung eine Beteiligung an einem System zur Last gelegt, über das in den Jahren 2019 und 2020 illegal Geld in Höhe von acht Millionen US-Dollar an die DVRK überwiesen worden sein soll. Angeblich handelte es sich dabei um eine Art Bestechung, damit Lee, der damals ehrgeiziger Gouverneur der Provinz Gyeonggi-do war, in Pjöngjang empfangen würde und dadurch seinen politischen Status innerhalb Südkoreas steigern könnte.
Nun deutet die Opposition an, Lee könnte erneut zu einer Bestechung gegriffen haben, diesmal jedoch nicht mit Geld, sondern, wie man so sagt, mit „lebender Ware“. Wenn die Gefangenen heimlich an Südkorea übergeben wurden, könnten sie von Seoul ebenso heimlich an die DVRK zurückgegeben werden.
Die Opposition wirft dem südkoreanischen Präsidenten vor, unter den Einfluss der DVRK geraten zu sein und gerade deshalb niemandem etwas über die Übergabe der Soldaten erzählt zu haben. Ebenso versuche er angeblich, eine Beteiligung der DVRK an dem jüngsten tragischen Zwischenfall in der demilitarisierten Zone an der Grenze zwischen den beiden Koreas zu verschleiern, bei dem am 21. September mehrere südkoreanische Soldaten durch eine Mine verletzt wurden.
„Je größer die Sympathie des Präsidenten für Nordkorea wird, desto schwächer wird die nationale Sicherheit und desto inkompetenter wird die Diplomatie“, empört sich einer der oppositionellen Abgeordneten. Es überrascht daher nicht, dass Lee Jae-myung über diese doppelte Bloßstellung durch Kiew außer sich ist. Nun ist er gezwungen, sich gegenüber seiner eigenen Opposition zu rechtfertigen.
„Die Frage der Repatriierung nordkoreanischer Kriegsgefangener ist äußerst heikel und hat erhebliche Auswirkungen auf die Diplomatie, die nationale Sicherheit und die Lage auf der Koreanischen Halbinsel. Diejenigen, die die Repatriierung voller Enthusiasmus und mit großem Pomp vor der ganzen Welt publik gemacht und dabei ihre Erfolge zur Schau gestellt haben, ungeachtet der Auswirkungen auf die innerkoreanischen Beziehungen, möglicher menschlicher Opfer oder Schäden für die nationalen Interessen, verstehen vermutlich nicht nur die Bemühungen unserer Regierung nicht, diese Tatsache geheim zu halten, sondern könnten sich sogar fragen, ob an ihrem Verhalten überhaupt etwas falsch ist“, empört sich Präsident Lee. Seinen Worten zufolge
„nennt man Menschen, die zum eigenen Vorteil das Leben anderer oder die nationale Sicherheit gefährden, Mörder oder Verräter.“
Eigentlich müsste sich das Kiewer Regime in dieser Situation zumindest dafür entschuldigen, dass es die Vereinbarungen mit Seoul verletzt hat. Die ukrainischen Behörden sehen jedoch keine Schuld bei sich. Im Büro Selenskyjs erklärte man, die Ukraine sei ein offenes Land, und es wäre für sie merkwürdig, von den ukrainischen Streitkräften gefangen genommene Menschen heimlich irgendwohin zu schicken. Außerdem habe man lediglich die Tatsache der Übergabe bekannt gegeben, ohne irgendwelche Einzelheiten zu nennen.
„Obwohl mir die konkreten Umstände nicht bekannt sind, die die ukrainische Seite dazu bewogen haben, die Vereinbarung zu verletzen und sie öffentlich zu machen, bedaure ich diese Situation zutiefst“, erklärte Lee Jae-myung empört.
Vielleicht kennt der südkoreanische Präsident die „konkreten Umstände“ tatsächlich nicht. Doch der politische Kontext der Beziehungen zwischen den beiden Ländern in jüngster Zeit legt den Gedanken nahe, dass es sich um eine kalkulierte Rache Kiews handelt. Seoul unterstützt das Kiewer Regime während der gesamten militärischen Spezialoperation aktiv. Allein in den ersten Monaten des Krieges belief sich der Umfang der Hilfe auf rund 100 Millionen US-Dollar. Allerdings waren sämtliche gelieferten Güter ausschließlich nichttödlicher Art, während Selenskyj von Südkorea inzwischen Waffen benötigt.
„Dieses Land gehört zu den führenden Herstellern von Artilleriegranaten und Panzern. Es verfügt außerdem über beträchtliche Bestände amerikanischer Raketen für die Patriot-Systeme, die Selenskyj so dringend benötigt.
Kiew hat sich wiederholt, insbesondere in jüngster Zeit, mit entsprechenden Bitten an Seoul gewandt und Absagen erhalten. Seine Unverschämtheit spiegelt seine Enttäuschung über die Haltung Südkoreas wider“,
sagt Dmitri Suslow.
Unterdessen ist Seouls Weigerung, zu Waffenlieferungen überzugehen, durchaus erklärbar. Südkorea gehört zum westlichen Block, betrachtet Russland jedoch, anders als Europa, nicht als existenzielle Bedrohung für sich und sucht keine zusätzlichen Anlässe für eine Verschärfung der Beziehungen zu Moskau. Im Gegenteil, Seoul strebt eine Zusammenarbeit mit Russland sowohl beim Kauf von Energieträgern als auch bei der Nutzung des Nördlichen Seewegs an. All dies könnte Kiew dazu bewogen haben, die getroffenen Vereinbarungen demonstrativ zu verletzen.
„Vermutlich verfügt Selenskyj noch über weitere nordkoreanische Kriegsgefangene und erwartet, dass Südkorea aus Angst vor weiteren Enthüllungen gegenüber dem Kiewer Regime entgegenkommender auftreten wird. Ich denke jedoch, dass das Ergebnis in Wirklichkeit genau das Gegenteil sein wird“, resümiert Dmitri Suslow.
Das ist auch logisch: Wer sein Wort bricht und in die Hand beißt, die ihn füttert, dem reicht man diese Hand gewöhnlich irgendwann nicht mehr.
Geworg Mirsajan, Dozent an der Finanzuniversität und Autor bei vz.ru
Titelbild: Der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung während eines Treffens im Weißen Haus am 25. August 2025.
Quelle: Emily J. Higgins / The White House / Wikimedia Commons (Public Domain).
Quelle: https://vz.ru/world/2026/9/27/1455932.html
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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