Washington zwingt Venezuela zur Erstattung seiner Kosten für die Invasion

Die venezolanischen Ölexporterlöse fließen über Konten, die vom US-Finanzministerium verwaltet werden. Die Kolonialverwaltung in Washington prüft dann Haushaltsanträge aus Caracas, entscheidet über die Freigaben von Geldern und steuert den Zugang zum wichtigsten Exportgut.

Ein Beitrag von Rainer Rupp

Die Vereinigten Staaten haben nach dem militärischen Überfall auf Caracas vom 3. Januar 2026 mit Dutzenden von Toten Venezuelas Ölindustrie in eine reichlich fließende Einnahmequelle für Washington verwandelt. Der venezolanische Ökonom Professor Francisco Rodríguez, Mitarbeiter des US-Center for Economic and Policy Research (CEPR), erklärte, dass die Trump-Administration Venezuela 4,7 Milliarden Dollar – rund 32 Prozent der Ölexporte des Landes im laufenden Jahr – mit der Begründung in Rechnung gestellt hat, dass damit die Kosten des US-Überfalls auf Venezuela gedeckt werden müssten. Dieses Geld war von den USA bereits abgezogen worden, bevor die Zahlungen für die Ölexporte die venezolanische Staatskonten überhaupt erreichten.

Das heißt, dass alle Zahlungen für venezolanische Ölausfuhren direkt an die Trump-Administration gehen und dort an verschiedene Empfänger aufgeteilt werden. Im laufenden Jahr kam der Großteil dieser Einnahmen nicht in Venezuela an, obwohl das Land aktuell vor der gewaltigen Aufgabe steht, die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der verheerenden Erdbeben etwas abzufedern.

In einem Interview, das unter anderem von Drop Site News verbreitet wurde, erläuterte Luigi Pisella, Mitglied der venezolanischen Kommission für öffentliche Vermögenswerte, die Zahlen für das erste Halbjahr 2026. Das Land habe rund 14,7 Milliarden Dollar Brutto-Öleinnahmen erzielt. Davon blieben dem venezolanischen Staat jedoch nur etwa sieben Milliarden Dollar. Der Rest sei durch die Rückzahlung von Schulden an Chevron, Produktions- und Betriebskosten sowie wechselkursbedingte Abzüge im Rahmen der von den USA verwalteten Ölvereinbarung aufgegangen.

Pisella nannte konkret einen „durch die USA durchgesetzten Kostenblock“ von etwa 4,7 Milliarden Dollar für die Kosten der militärischen US-Seeblockade gegen Venezuela Ende 2025 und die anschließende militärische Operation in Caracas. Präsident Donald Trump habe selbst erklärt, dieser Aufwand sei mit Öl in einem Volumen von 40 bis 60 Millionen Barrel beglichen worden. Nach Abzug dieser Position sowie weiterer Kosten und Wechselkursabschläge ergebe sich ein Nettobetrag von rund sieben Milliarden Dollar, der dem Land zugeflossen sei.

Prof. Rodríguez unterstreicht die Dimension mit einem historischen Vergleich. Die deutschen Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg, die als besonders schwere Bürde in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen sind, entsprachen zwischen 1924 und 1931 etwa 13 Prozent der gesamten deutschen Exporte. Washington ziehe nun prozentual mehr als doppelt so viel, nämlich 32 Prozent, der gesamten venezolanischen Ölexporterlöse ab, bevor das Geld überhaupt Caracas erreicht.

Rodríguez ist Senior Research Fellow am CEPR und Professor und Fellow an der Korbel School of International Studies der Universität von Denver. Der gebürtige Venezolaner ist auch Gründer von Oil for Venezuela, einer gemeinnützigen Organisation, die sich auf die Suche nach Lösungen für die humanitäre Krise Venezuelas konzentriert. Rodríguez ist Senior Research Fellow am CEPR und Professor und Fellow an der Korbel School of International Studies der Universität von Denver.

Am 24. Juni 2026 erschütterten zwei schwere Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 den Norden Venezuelas. Tausende Menschen starben, Hunderttausende wurden verletzt oder obdachlos, die Infrastruktur – besonders in La Guaira und Caracas – erlitt enorme Schäden. Schätzungen zu den direkten Schäden liegen im zweistelligen Milliardenbereich. Der Wiederaufbau erfordert massive Mittel, während ein erheblicher Teil der Öleinnahmen unter US-Kontrolle und -Verwaltung bleibt.

Nach der kriminellen US-Operation „Absolute Resolve“, bei der der legitime Präsident Nicolás Maduro von US-Truppen entführt und außer Landes gebracht wurde, übernahm die inzwischen als US-Kollaborateurin geltende Delcy Rodríguez das Amt der Übergangspräsidentin.

Die USA üben seither weitreichende finanzielle Kontrolle aus. Ölexporterlöse fließen über Konten, die vom US-Finanzministerium überwacht werden. Der Financial Times zufolge passierten bis Ende Juli 2026 mehr als 13 Milliarden Dollar venezolanischer Ölverkäufe US-kontrollierte Strukturen. Die nachweisbaren Transfers nach Caracas lagen deutlich niedriger; Transparenzportale der venezolanischen Seite wiesen zeitweise nur einzelne Transaktionen aus. Rodríguez hatte bereits im Juli gefragt, wo die Differenz von mehreren Milliarden Dollar bleibe. Mögliche Erklärungen seien Zahlungen an Joint-Venture-Partner, vorrangige Bedienung alter Schulden bei multinationalen Konzernen oder zurückgehaltene Mittel.

In diesem seltsamen Konstrukt eines US-Protektorats ohne formelle Kolonialverwaltung prüft Washington Haushaltsanträge aus Caracas, entscheidet über die Freigaben von Geldern und steuert den Zugang zum wichtigsten Exportgut. Gleichzeitig steigen die Fördermengen und ein wachsender Anteil der Produktion geht in US-Raffinerien. US-Unternehmen wie Chevron, Hunt Oil und Dienstleister wie SLB erweitern ihre Präsenz. Gegner dieser Entwicklung halten entgegen, dass die Abtretung von Kontrolle über die Ölreserven des Landes und deren Erlöse an die USA unter militärischem Druck mit einer Pistole an der Schläfe geschaffen wurde und der Verfassung widersprechen.

Die korrupte Rodríguez-Übergangsregierung arbeitet jedoch nach dem Motto „Legal, illegal scheißegal“ und schwelgt öffentlich in Prognosen von immer höheren Dollareinnahmen, denn künftige Investitionen könnten Steuereinnahmen in dreistelliger Milliardenhöhe in die Staatskasse bringen.

Diesbezügliche Diskussionen berühren grundlegende Fragen staatlicher Souveränität. Ein Land mit den größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt generiert wieder höhere Exporterlöse, doch ein erheblicher Teil davon dient nach Angaben venezolanischer und unabhängiger Beobachter der Finanzierung der Intervention, die diese Kontrolle erst ermöglicht hat. Während die Erdbebenopfer auf Wiederaufbau warten und die venezolanische Zentralbank Devisen zur Stabilisierung des Wechselkurses gegenüber dem Dollar einsetzt, bleibt die genaue Verteilung der Milliarden unvollständig dokumentiert.

Der Vergleich von Prof. Rodríguez mit den Reparationszahlungen der Weimarer Republik zielt genau auf diesen Punkt: Eine hohe Abschöpfung der Exportkraft in einer Phase existenzieller Wiederaufbauerfordernisse belastet die wirtschaftliche Erholung und die politische Autonomie. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die angekündigten Investitionen und Freigaben den venezolanischen Staatshaushalt tatsächlich in dem Maße stärken, wie es die Bruttoerlöse nahelegen – oder ob die 32-Prozent-Quote zum dauerhaften Merkmal der neuen venezolanischen Ölordnung wird.


Rainer Rupp, Jahrgang 1945, arbeitete von 1977 bis 1989 für die Hauptverwaltung Aufklärung, die Auslandsspionage der DDR. Er war live dabei, als in den 80iger Jahren ein Atomkrieg geplant wurde. Rainer Rupp ist es zu verdanken, dass die NATO – Übung “Able Archer” 1983 nicht zum atomaren Armageddon führte. Er verhinderte es, als die Sowjetunion eine irrtümliche atomare Gegenreaktion auslöste.  Er wurde von der BRD-Justiz 1994 wegen Landesverrats zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er arbeitete unter dem Decknamen „Topas“ und war der wichtigste Spion des Warschauer Paktes im NATO-Hauptquartier. Seit seiner Entlassung arbeitet er als Publizist. Im März 2023 organisierte er in Berlin die Friedenskonferenz «Dialog statt Waffen» mit ehemaligen Generälen der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee. 

Rainer Rupp ist Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes

Quelle: https://www.freidenker.org/?p=26469

Titelbild: KI generiertes Symbilbild

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