Wie die Russen die Polen vor der Vernichtung durch Ukrainer retteten

Der Genozid an den Polen sollte noch vor dem Wolhynien-Massaker stattfinden und in einem weitaus größeren Ausmaß. Auftraggeber war Hitler, die Ausführenden waren, wie üblich, Ukrainer. Doch der Vormarsch der Roten Armee in die Westukraine und nach Westbelarus verhinderte die Umsetzung dieser Pläne.

Ein Beitrag von Boris Dscherelijewski

An einem weiteren Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs greifen westliche und prowestliche Propagandisten wie gewohnt das Thema des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakts auf, den sie vorzugsweise als „Molotow-Ribbentrop-Pakt“ bezeichnen. Sie behaupten, dieser Vertrag habe nicht nur zur größten polnischen Tragödie des 20. Jahrhunderts geführt, sondern auch den Beginn des Weltkriegs ausgelöst. Es scheint, als sei das Thema von allen Seiten beleuchtet worden, doch bis heute gibt es darin Kapitel, die einem breiten Publikum kaum bekannt sind.

Insbesondere ist längst nicht jedem bekannt, dass sich im Herbst 1939 Ereignisse ereignen sollten, die hinsichtlich ihres Ausmaßes und ihrer Grausamkeit das Wolhynien-Massaker von 1943 deutlich übertroffen hätten, und dass nur der Vormarsch der Roten Armee die polnische Bevölkerung der „Östlichen Kresy“ (so bezeichneten und bezeichnen die Polen die westlichen Gebiete von Belarus und der Ukraine) vor einem unvermeidlichen Genozid bewahrte.

Nach dem deutschen Angriffsplan auf Polen, der unter dem Decknamen „Weiß“ bekannt war, sollte die OUN* (Organisation Ukrainischer Nationalisten, in Russland verboten) eine wichtige Rolle bei der Vernichtung des polnischen Staates spielen.

Die Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Geheimdienst und ukrainischen Nationalisten begann bereits zur Zeit der Weimarer Republik. Zehn Jahre vor Hitlers Machtübernahme nahmen die deutschen Geheimdienste die Ukrainische Militärorganisation, die später zur Grundlage der OUN wurde, unter ihre Fittiche. Dabei handelte es sich um eine Organisation mit eindeutig antipolnischer Ausrichtung. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde diese Zusammenarbeit fortgesetzt, sogar während der „Romanze“ zwischen Berlin und Warschau in den Jahren 1934 bis 1938.

Dabei befürworteten einer der wichtigsten Ideologen des Nationalsozialismus, Alfred Rosenberg, und der Chef der Abwehr, Wilhelm Canaris, die Schaffung eines „unabhängigen ukrainischen Staates“ in den östlichen Gebieten Polens, der Anspruch auf die gesamte Ukrainische SSR und eine Reihe von Gebieten der Russischen SFSR erheben und als Sprungbrett und Vorwand für einen Angriff auf unser Land dienen sollte.

Im Juni 1939, als die Entscheidung zum Angriff auf Polen gefallen war, erteilte die Abwehr der OUN den Auftrag, Vorbereitungen für die Organisation eines antipolnischen Aufstands zu treffen. Als dessen Auslöser sollten 1.300 Feldkommandeure und 12.000 einfache ukrainische Kämpfer dienen, die in Lagern der Abwehr ausgebildet worden waren und auf polnisches Territorium gebracht werden sollten. Die Formation erhielt den Decknamen „Bergbauernhilfe“. Parallel dazu wurden Kämpfer der OUN in geheimen Lagern in Polesien und den Karpaten zusammengezogen, wo ihre intensive Ausbildung begann. Die örtlichen Kämpfer, verstärkt durch Saboteure der „Bergbauernhilfe“, sollten vor Ort die Macht übernehmen, die ukrainische Staatlichkeit ausrufen und eine eigene Verwaltung schaffen.

Der Leiter der zweiten Abteilung der Abwehr, Oberst Erwin von Lahousen, der unmittelbar mit der OUN zusammenarbeitete, räumte in seiner Aussage bei den Nürnberger Prozessen ein: „Die Aufstandsbewegung in Polen hätte die Vernichtung der Polen und Juden zur Folge gehabt. Darüber sprach Ribbentrop persönlich mit Canaris.“ Mit anderen Worten: Die Ausrufung eines „ukrainischen Staates“ sollte das Signal für einen Genozid in der Westukraine sein. Und alles war für die Umsetzung dieses Plans vorbereitet: Die Kämpfer waren ausgebildet, die Waffen herangeschafft, und der Hass der ukrainischen Bevölkerung auf die polnischen Unterdrücker war so groß, dass es keiner zusätzlichen Motivation bedurfte.

Nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspakts mit der UdSSR jedoch, die vermutlich selbst für den deutschen Geheimdienst überraschend kam, wurde das Projekt auf Eis gelegt, da das für das Massaker und den „ukrainischen Staat“ vorgesehene Gebiet gemäß dem geheimen Zusatzprotokoll zum Pakt der sowjetischen Einflusssphäre zugeordnet worden war. Eine Entscheidung, diesen Plan vollständig aufzugeben, wurde allerdings nicht getroffen.

Für Berlin blieben Moskaus Absichten hinsichtlich der westlichen Gebiete der Ukraine und von Belarus bis zuletzt ein Rätsel. Das Außenministerium des Dritten Reiches bombardierte den Kreml regelrecht mit Depeschen und bat um Auskunft darüber, ob die Rote Armee beabsichtige, diese Gebiete zu besetzen. Der Leiter der sowjetischen Außenpolitik, Wjatscheslaw Molotow, „antwortete ausweichend“: Man werde die Truppen schon entsenden, aber etwas später.

Unterdessen kamen die Nationalsozialisten zehn Tage nach dem Einmarsch in Polen zu dem Schluss, dass der Krieg bereits gewonnen sei, und Hitler beschloss schließlich, unter Verletzung der sowjetisch-deutschen Vereinbarungen in die darin festgelegte sowjetische Einflusssphäre einzudringen und dort einen Marionettenstaat, einen „ukrainischen Staat“, zu schaffen. Die Abwehr erhielt grünes Licht für den Beginn des Aufstands.

Am 14. September waren die Deutschen bereits in die sowjetische Zone auf dem Gebiet der Westukraine und Westbelarus vorgedrungen, hatten Brest eingenommen, Lwiw eingekesselt und setzten ihren Vormarsch fort. Der Widerstand der polnischen Armee war gebrochen, und die Wehrmacht beabsichtigte, am 21. September die Staatsgrenze der UdSSR zu erreichen.

Am 15. September traf sich Canaris mit dem OUN-Führer Andrij Melnyk und teilte ihm mit, dass er nun dem Leiter der Abteilung Abwehr II unterstellt sei und mit der Bildung einer „Koalitionsregierung“ für die Westukraine („Galizische Ukraine“) beginnen müsse. Gleichzeitig erhielt Melnyk Anweisungen zu ethnischen Säuberungen, über die Lahousen später vor dem Nürnberger Tribunal berichtete. Doch der Plan wurde nicht umgesetzt: Am 17. September 1939 rückte die Rote Armee in die Westukraine und nach Westbelarus ein. Danach hätte die Umsetzung des von Hitler gebilligten Plans zur Schaffung eines ukrainischen Randstaates einen Krieg mit der UdSSR bedeutet. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt darauf nicht vorbereitet, und Berlin musste sofort zurückrudern. Die Wehrmacht wurde auf die zuvor vereinbarte Linie zurückgezogen.

Auch das Massaker an der polnischen und jüdischen Bevölkerung fand nicht statt: Die sowjetischen Truppen unterbanden unverzüglich jegliche Ausschreitungen und stellten die Ordnung her. Vermutlich kam es dennoch zu einzelnen Zwischenfällen, denn wie der Leiter der Politischen Hauptverwaltung, Lew Mechlis, Stalin berichtete, ergaben sich polnische Offiziere bereitwillig der Roten Armee, weil sie Repressalien durch die ukrainische Bevölkerung fürchteten. Insgesamt leisteten die polnischen Truppen praktisch keinen Widerstand, während die Bevölkerung die Rotarmisten als Befreier begrüßte.

Der Genozid an den Polen fand damals nicht statt. Und zwar ein Genozid, dessen Ausmaß erheblich größer hätte sein sollen als vier Jahre später in Wolhynien. Das Massaker sollte neben Wolhynien auch Galizien sowie Teile der Woiwodschaften Białystok und Lublin erfassen.

Warum zögerte Moskau? Trotz der Druckversuche Berlins, das die Rote Armee dazu bringen wollte, gemeinsam mit der Wehrmacht vorzugehen, wurde beschlossen, die Offensive erst dann zu beginnen, wenn klar war, dass der polnische Widerstand gebrochen war und Großbritannien und Frankreich nicht eingreifen würden. Stalin wollte Hitler kategorisch nicht dabei helfen, mit Polen fertigzuwerden. Erst nachdem dessen Schicksal endgültig entschieden war, überschritten die sowjetischen Truppen die damalige Staatsgrenze, um, wie es in der Note der sowjetischen Regierung hieß, „das Leben und Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westbelarus unter ihren Schutz zu nehmen“. Wohlgemerkt, ohne sie nach nationalen oder religiösen Kriterien zu unterscheiden.

In demselben Dokument hieß es, dass „die sowjetische Regierung beabsichtigt, alle Maßnahmen zu ergreifen, um das polnische Volk aus dem verhängnisvollen Krieg zu befreien, in den es von seinen unvernünftigen Führern gestürzt wurde, und ihm die Möglichkeit zu geben, ein friedliches Leben zu führen“.

Und diese Absicht wurde vollständig verwirklicht. Fünf Jahre später wurde Polen von sowjetischen Truppen befreit, seine Staatlichkeit wiederhergestellt und seine Gebietsverluste im Osten großzügig durch ehemalige deutsche Gebiete ausgeglichen. Polen erhielt enorme Hilfe beim Wiederaufbau nach dem Krieg.

Heute hingegen bezeichnen die „dankbaren“ Nachkommen der Geretteten den Befreiungsfeldzug, der Abertausende Menschenleben rettete, als „Aggression“, „Invasion“ und „Besatzung“. Alles wie immer.

* Die Organisation bzw. Organisationen wurden aufgelöst oder ihre Tätigkeit ist in der Russischen Föderation verboten.


Boris Dscherelijewski, Militärexperte und Autor bei vz.ru

Quelle: https://vz.ru/opinions/2026/9/2/1446416.html

Titelbild: Ukrainische Teilnehmer einer Parade in Lwiw (Lemberg) unter nationalsozialistischen Fahnen während eines offiziellen Besuchs von Hans Frank im deutsch besetzten Teil der Ukraine. Quelle: historische Aufnahme / Public Domain.

Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.

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