Unbewaffnet – entwaffnend, Teil 1

Ein Gespräch mit dem Abenteurer Georg Kirner über seine Reisen zu Steinzeitvölkern und über ein Leben, das von einer Alm in die weite Welt führte.

Ein Beitrag von Axel Klopprogge

Foto: Abenteurer Georg Kirner

„Ich war nur sieben Jahre auf der Schule, aber auf der Alm habe ich gelernt, was ich auf meinen Reisen brauchte.“

In der Münchner Gegend ist Georg Kirner als Kirner Schorsch seit Jahrzehnten ein Begriff. Auf 53 Abenteuer-Touren bereiste er Länder und Völker und verfasste darüber zwölf Bücher, hielt Vorträge und trat vielfach im Fernsehen auf. In seinem Archiv finden sich 30.000 Dias. In einem Forschungsprojekt zur Geschwindigkeit von Veränderungen beschäftigten wir uns mit Zeitreisen und werteten seine „Zeitreisen in die Steinzeit“ aus. Da kam uns die Idee, ihn persönlich zu besuchen und zu befragen. Gerade feierte er seinen 90. Geburtstag. 

Herr Kirner, in den letzten 65 Jahren haben Sie 195 von 197 Ländern besucht. Und zwar nicht einfach als Tourist, sondern auf abenteuerlichen Touren. Sie sind mit über 60 Jahren zu Fuß zum Süd- und zum Nordpol gegangen. Vor allem jedoch zu Völkern, die von der heutigen Zivilisation abgeschnitten waren. Sie nennen sie Steinzeitmenschen. Wie fing alles an?

Die Vorgeschichte besteht aus mehreren Teilen: Ich wurde 1936 als uneheliches Kind einer Magd und eines Knechtes geboren. Da beide nur für das Essen arbeiteten und sonst nichts hatten, durften sie nicht heiraten. Der Pfarrer weigerte sich, einen Bankert wie mich zu taufen. Auf der Rückfahrt von der Kirche bin ich als Säugling vom Schlitten in den Schnee gefallen. Aber ich habe das überlebt – wie vieles andere mein Leben lang. Mein Vater war Sanitäter im Russlandfeldzug und kehrte als Invalide zurück. Er ist aus der Gefangenschaft heimgekommen als verlumpter, verdreckter, abgemagerter Mensch und hat drei Monate lang überhaupt nichts gesagt. Er konnte sich als Sanitäter nicht damit abfinden, dass da junge Menschen lagen und man zack, zack, zack ohne Betäubung Füße oder Arme abgeschnitten hat. Die haben geschrien, und er konnte das nicht verkraften. Seine Säge besitze ich noch. Dann hat er gesoffen, als Besenbinder gearbeitet. Bei uns in der Familie war einfach ein Esser zu viel. Also kam ich 1947 im Alter von elf Jahren zur Großmutter auf die Elendsalm in der Nähe des Spitzingsees. Wie ich viel später erfuhr, hatte die Elendsalm eine besondere, fast unglaubliche Geschichte: Als der Krieg aus war, hat sich der ehemalige Geheimdienstler Reinhard Gehlen mit ein paar Flakhelfern und ein paar SS-Leuten da versteckt. Und dann, als sich alles etwas beruhigt hatte, nahm Reinhard Gehlen Kontakt mit den Amerikanern auf. Dann hat er drüben für die CIA gearbeitet. Danach kam er wieder zurück nach Deutschland und hat hier den Bundesnachrichtendienst aufgebaut. 

BildbeschreibungBild: Votivtafel, gestiftet zur Rettung des Säuglings

Wie muss man sich das Leben auf der Alm vorstellen?

Ich war nur sieben Jahre in der Schule, aber in der Natur habe ich viel von dem gelernt, was ich später auf meinen Reisen brauchte. Auf der Alm habe ich für drei Mark pro Woche gearbeitet. Ich habe im Kuhstall mit den Kühen geschlafen und wahrscheinlich auch gerochen wie sie. Bei Unwettern haben die Tiere meine Nähe gesucht. Wenn ich nicht da war, wurden sie nachts unruhig. Zum Frühstück gab es Magermilch mit Wasser, Kleie und Kartoffeln. Ich durfte aber nicht zu viel davon essen, weil es eigentlich fürs Vieh bestimmt war. Ich hatte ein einziges Kleidungsstück. Eine kurze Lederhose. Aber ich habe gelernt, von Wurzeln und Früchten zu leben. Aus Harz und Kräutern habe ich Salben hergestellt und damit verletzte Rinder behandelt. Oder auch Wanderer. Aös wegen Regen drei Wochen lang niemand vorbeikam, habe ich mir das Zitherspielen beigebracht. 

BildbeschreibungBild: Mit der Großmutter 1950 vor der Elendsalm

Wie kommt man von einer abgelegenen Alm in 195 Länder?

Mich hat immer interessiert, was hinter den Bergen ist. Ich sah die Vögel in wärmere Länder fliegen. Die Holzknechte, Jäger oder Waldarbeiter, die bisweilen zu uns kamen, waren noch nie rausgekommen und konnten meine Frage nicht beantworten. Einer hatte mal davon gehört, dass man hinter den Bergen eine Stadt ins Meer hineingebaut hat. Er meinte wohl Venedig. Ein anderer meinte, noch weiter hinten gäbe es in der Wüste hundert Meter hohe Pyramiden. Beides kam mir völlig unsinnig vor. Deshalb habe ich mich 1960 mit dem Fahrrad auf den Weg nach Ägypten gemacht. Die Leute im Dorf haben mich deshalb als Faulenzer und arbeitsscheu beschimpft. Aber ich habe mich niemals entmutigen lassen.

Wie kommt man in der Fremde zurecht? Hatten Sie immer die perfekte Ausrüstung dabei? Oder brauchten Sie die Einheimischen?

Bei meiner ersten Tour hate ich wenig Ahnung und konnte außer Bayerisch nichts. Da hilft Gebärdensprache. Man braucht nicht unbedingt Worte – Gesten reichen. In Libyen sagten die Leute immer Tschu – das heißt Wasser. Sie sahen, dass ich fremd war und wenig hatte. Sie gaben mir einen Ziegenschlauch für Wasser und sogar ein Seil, um Wasser aus einer Zisterne zu holen. Wenn die Sonne unterging, wusste ich: Jetzt bin ich wieder an einer Wasserstelle. Heute spreche ich mehrere Sprachen, aber damals hatte ich nichts. Und gerade dann helfen die Menschen. Sie sehen: Der ist fremd, der braucht Hilfe.

Menschen helfen eigentlich gerne, oder?

Ja, auch im Alltag. Ein Freund von mir wollte einmal einen schweren Baumstamm in sein Haus tragen. Arbeiter aus Bulgarien sahen das zufällig und fragten sofort: Brauchen Hilfe? Ohne viele Worte. Bei Naturvölkern ist diese Hilfsbereitschaft noch viel stärker als bei uns. Und ich hatte das Glück, dass ich alles essen konnte, was sie essen – Würmer, Schnecken, Käfer, sogar den Mageninhalt eines Affen. Dadurch sahen sie mich nicht als Fremden, sondern einfach als Angehörigen eines anderen Stammes. Natürlich wussten sie, dass ich anders bin. Aber wenn ich etwas wirklich nicht wollte, konnte ich sagen: In meinem Stamm macht man das nicht. Das wurde akzeptiert.

Bildbeschreibung

Foto: Auf Borneo

Gibt es Unterschiede in der Hilfsbereitschaft?

Eigentlich nicht zwischen den Ländern, sondern eher innerhalb der Länder. Egal wo ich war, zog sich eine Erfahrung durch: Je näher ich einer Stadt war, umso schwieriger waren die Leute. Die Landbevölkerung war immer besser. Hilfsbereit, ohne zu schauen, wie du aussiehst. Das war fast auf der ganzen Welt so. Durch Persien bin ich mit dem Rad gefahren. Großartige Bilder, ich habe es so schön erlebt. Aber wenn du in der Stadt warst, dann hieß es: Ein Amerikaner, ein Amerikaner!

Vor ungefähr 25 Jahren habe ich eine Gesprächsrunde zum Thema Sicherheit moderiert, bei der Sie und der Münchner Polizeipräsident auf der Bühne saßen. Ich habe gefragt, was Sie schützt, wenn Sie allein zu Menschenfressern gehen. Ihre Antwort: Ich habe gelächelt. Kann man da einfach so lächelnd reinspazieren und dann sagen die Kopfjäger Super, Schorsch, dass du bei uns vorbeischaust?

Nein, das kann man auf keinen Fall. Wenn ich zum Beispiel zu einem Stamm gehe, dann dauert es ewig, bis ich überhaupt da hinkomme. Ich reise fast immer allein. Aber gleichzeitig muss ich vor Ort Begleiter suchen. Und dann habe ich meistens einen Studenten aus der Stadt, der entweder Englisch oder Französisch oder Spanisch spricht, aber auch einen Dialekt von dort. Er bildet die Brücke. So kommt man schrittweise näher. Dann versuche ich herauszufinden, was ich als Gastgeschenk mitbringen kann. Zum Beispiel eine Machete – die können ja kein Eisen verhütten. Oder Bananen oder etwas zu essen oder vielleicht ein erlegtes Tier. Das muss ich alles mitschleppen.

Und mit den Geschenken ist man dann auf der sicheren Seite?

Nein, so einfach ist es nicht. Mein lokaler Begleiter, der die Sprache spricht, geht mit den Gastgeschenken in das Dorf und sagt: Da ist jemand von einem anderen Stamm, der euch gerne kennenlernen möchte. Das ist keine Sache von Minuten, sondern oft warte ich mehrere Tage vor dem Ort, wo der Stamm lebt. Dann beraten alle, mein Begleiter weist auf die Geschenke hin. Und dann sagt die ganze Gemeinschaft: Wir würden uns den gerne mal anschauen. Wenn der Häuptling Nein sagt, dann verschwindest du lieber, sonst kommen vielleicht gleich die Pfeile. Und auch wenn man aufgenommen wird, kann ich nicht einfach sagen: Jetzt stelle ich euch alle her, mache ein Foto und dann haue ich wieder ab. Das geht nicht. Wichtig für den Zugang sind die Kinder. Oft habe ich Zauberstücke vorgeführt, um die Kinder zu gewinnen.

BildbeschreibungFoto: Zaubertrick 2026

Quelle: https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/unbewaffnet-entwaffnend

Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen „Oben & Unten“ sind Ende 2025 als Buch erschienen.

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