Unbewaffnet – entwaffnend, Teil 2

Ein Gespräch mit dem Abenteurer Georg Kirner über seine Reisen zu Steinzeitvölkern und über ein Leben, das von einer Alm in die weite Welt führte.

Ein Beitrag von Axel Klopprogge

Was sind denn Gefahren?

Sie kommen manchmal, wenn Sie gar nicht damit rechnen. Ich konnte einmal mit dem indonesischen Militär auf Streife gehen. Luftfeuchtigkeit 100 Prozent – der Schweiß läuft ständig, aber es gibt keine Dusche. Wir hatten einen Schlauch dabei, eigentlich zum Abpumpen von Kerosin. In der Sonne wurde das warm. Damit konnte ich mich duschen – mit warmem Wasser, das es dort sonst nicht gibt. Und mit einer kleinen Hotelseife. Ich war komplett eingeschäumt und plötzlich ganz weiß vor Schaum. Danach wieder normal. Die Soldaten wollten das auch ausprobieren. Sie kannten kein warmes Wasser. Erst fanden sie es toll, dann ging das warme Wasser aus und es kam kaltes. Sie schrien plötzlich, als sei der Teufel hinter ihnen her. Einer spuckte den Schaum aus, sie rannten im Zickzack, warfen sich auf den Boden. Sie glaubten, ich hätte einen bösen Geist heraufbeschworen. Man sagte mir: Wir müssen sofort gehen, sonst bringen sie dich um.

Ist man sicherer allein oder mit mehreren?

Eigentlich ist es besser, wenn Sie so etwas allein machen, als wenn Sie zu fünft sind. Zum einen hilft Ihnen keiner mehr, wenn Sie zu mehreren sind. Zum anderen wirken Sie bedrohlich. Zu mehreren kommen Soldaten oder Missionare oder irgendwelche Leute, die eher als Bedrohung wirken. Und die meisten haben, wenn sie da hinkommen, sowieso Waffen oder so etwas dabei. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie als Europäer immer zwanzig, dreißig Zentimeter größer sind als die Urwaldmenschen.

Hatten Sie je eine Waffe dabei?

Niemals.

Aber ein Messer?

Auch kein Messer. Brauchen wir da nicht. Das kennen die nicht. So ein Metallmesser oder so etwas könnte schnell als gefährlich beurteilt werden. Noch zu der Frage eben: Eine Gruppe würde sich zunächst ganz gut verstehen. Aber wenn es einmal hart auf hart geht, wenn nichts mehr zu fressen da ist, da verändern sich die Charaktere sehr schnell. Sehr schnell! Ich muss überleben, nicht du. Ich weiß ganz genau: Du schaffst es nicht. Also was muss ich machen? Entweder ich sage: Du verreckst. Oder wir gehen beide unter. Da hat es schlimme Sachen gegeben mit Leuten, die sonst am Biertisch ganz sympathisch gewesen wären. Deshalb bin ich lieber allein gegangen.

BildbeschreibungFoto: Mit der Amputationssäge des Vaters vor dem Touren-Archiv

Gab es Sachen, wo Sie sich verweigert haben oder wo es Ihnen zu gefährlich war?

Eigentlich nur ganz selten. Von allem Intimen habe ich mich ferngehalten. Das geht schief, wenn du versuchst, eine Frau anzubaggern. Oder wenn die sich in dich, in Anführungszeichen, verliebt und mit dir gehen will. Oder du ihr schöne Geschenke machen sollst. So etwas kannst du überhaupt nicht durchschauen. Vielleicht sagt irgendjemand anderes im Stamm: Die wollte eigentlich ich. Oder die war mir schon versprochen. Das ist gefährlich. Da gibt es dann kein Pardon und keine Hilfe mehr. Da muss man aufpassen.

Und wie ist das bei den religiösen Sachen? Wenn ein Fest ist, heißt es dann nicht: Du bist nicht von uns, du darfst nicht dabei sein?

Das ist kein Problem. Ich bleibe natürlich vorsichtig. Wenn ich unterwegs bin, frage ich den Kontaktmann: Was ist zu beachten? Wenn die ihr religiöses Fest haben oder so, dann bist du kein Teilnehmer, sondern bloß ein Gast. Aber ich bin ja nicht nur eine halbe Stunde bei einem Stamm, sondern Wochen. Und wenn du Vertrauen aufgebaut hast, kannst du die ganze Zeit dabei sein und auch Fotos machen.

Spielt das Aussehen eine Rolle? Sie konnten ja nicht so tun, als wären Sie einer von ihnen.

In gewisser Weise spielt das eine Rolle. Die Steinzeitmenschen haben ihre Erfahrung mit Weißen oder überhaupt mit Besuchern aus der Zivilisation. Und diese sind nicht immer erfreulich. Die Missionare zum Beispiel sagen: Du musst getauft werden. Und – das ist das größte Gift überhaupt – die Missionare sagen: Komm zu uns, zieh dir erstmal etwas an. Dann gehen die Leute mit den neuen Kleidern zurück zu ihrem Stamm, aber ihre alten Stammesgenossen sagen: Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben. Verschwinde sofort. Und dann ist er verstoßen und entwurzelt. Das ist das Gift. Als Weltverbesserer oder als Allesbesserwisser zu diesen Völkern zu gehen, das ist schlimm. Ich habe nie einen Anreiz gegeben und gesagt: Mensch, komm zu uns, dann kriegst du mal ein gescheites Gewand und musst nicht so daherkommen. In Borneo kam ein Missionar und sagte: Wenn ihr weiterhin so herumlauft, Frauenraub macht und so weiter, dann kommt ihr alle in die Hölle. Dann haben sie gefragt: Was ist denn die Hölle? Dann hat er gesagt: Das ist ein Reich, da ist es immer warm und es regnet nicht. Nun regnet es bei ihren Blätterhütten überall rein. Dann haben die gesagt: Das klingt doch gut. Wo ist denn diese Hölle? Da würden wir auch gerne hingehen. 

Bildbeschreibung

Foto: Polarexpedition

Ja, unter anderen Lebensumständen gelten andere Regeln.

Bei uns in Europa verdient ein Mann vielleicht 5.000 oder 10.000 Euro im Monat und fragt seine Frau, ob sie sich noch ein oder zwei Kinder leisten können. Sie sagt: Ja, das rechnet sich. In der Steinzeit oder bei Dschungelnomaden ist das völlig anders. Diese Gruppen ziehen saisonbedingt umher. Regenzeit, Trockenzeit, Früchte, Jagd: Alles folgt natürlichen Zyklen. Eine typische Gruppe umfasst vielleicht 19 oder 20 Menschen: Alte, Frauen, Kinder und nur drei oder vier Männer, die tatsächlich Nahrung beschaffen können. Mehr geht nicht, weil sie nicht genug jagen und sammeln können. Also kann man nicht einfach sagen: Wir bekommen noch zehn Kinder, der Staat zahlt schon. Das gibt es dort nicht. Was machen sie? Familienplanung. Der Mann weiß nicht genau, wann im Zyklus der Frau eine Schwangerschaft entstehen kann. Aber jeden Morgen geht er in den Wald, holt ein Blatt und bestreicht es mit verschiedenen Harzen und Substanzen. Dieses Blatt muss jede Frau im gebärfähigen Alter vor ihm einnehmen – wie eine Art Pille. Er weiß nicht, wie es wirkt. Aber er weiß: Wenn sie es nimmt, wird sie nicht schwanger.

Auf Ihren Reisen haben Sie viel gelernt. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Umgang mit dem Blasrohr, als Sie mit auf die Jagd gegangen sind.

Ja, die haben gesagt: Du bist da ohne Blasrohr. Hast du keins, bist du ein armer Hund, du brauchst ein Blasrohr. Ein Mann, der unterwegs ist und kein Blasrohr hat, das ist kein Mann. Der ist nicht überlebensfähig. Nicht bloß er selbst, sondern auch seine Familie. Der kann Millionär sein und trotzdem kein Blasrohr haben – das geht nicht.

Und dieses Hüttenbauen – Sie beschreiben ja öfter, wie die Urwaldmenschen irgendwo ankommen und in einer halben Stunde eine Hütte bauen, ohne etwas dabeizuhaben. Haben Sie sowas auch gelernt?

Das ist eigentlich für mich fast selbstverständlich. Ich bin ja als Hirte auf der Alm aufgewachsen. Das ist für uns normal – zum Leidwesen der Frauen oder meiner Frau: Ich stecke zwei Äste zusammen und das reicht mir schon. Überhaupt ist es eine wichtige Erfahrung, mit wie wenig man auskommen kann, wenn man geschickt ist. Bei der Jagd zum Beispiel: Die Buschmänner hatten ein Straußenei-Nest gefunden. Wir würden erstmal überlegen: Wir brauchen eine Pfanne, wir brauchen dies und das. Das haben die alles nicht. Die nehmen Sonne und Eierschale zum Kochen, und dann gibt es ein Omelett à la Buschmänner. Und das ist gut.

Sie haben viele Bücher geschrieben und Vorträge gehalten.

Und alles, was ich erzähle, kann ich mit Fotos belegen. Ich muss mich da immer an Marco Polo halten. Der hat im 13. Jahrhundert gesagt: Ich könnte noch viel mehr erzählen, aber man würde es mir nicht glauben. Und bei mir ist das genauso. Ich erzähle nur das, was ich mit Fotos belegen kann.

Wir haben eine Zeitlang im selben Unternehmen gearbeitet – Sie vorwiegend bei MBB und Dasa, was dann später zu Airbus wurde. Was haben Sie da gemacht?

Es gab viele europäische Kooperationsprojekte. Ich war Zoll- und Außenwirtschaftsfachmann zwischen Deutschland und Frankreich. Also für die Teile, Koordination und Austausch.

Und wie ging das, wenn Sie sagten: Ich bin jetzt mal drei Monate weg?

Junge Menschen, die von meinen Abenteuern hören, sagen oft: Das mache ich auch. Ich nehme den Rucksack und ziehe los, schreibe ein paar Bücher, mache Fernsehsendungen, dann bin ich reich. Größter Irrtum! Ich war in der ganzen Zeit, 50 Jahre lang, immer voll angestellt. Wenn ich weggegangen bin, habe ich entweder unbezahlten Urlaub genommen oder zwei Urlaube zusammengelegt. So war das. Aber niemals Familie, Job oder Studium aufgeben. Das ist das ganze Geheimnis. Und Ludwig Bölkow, der Firmenchef, war mein Freund. Der hat meine Touren unheimlich gut gefunden. Er hat einmal gesagt: Junge, warum bist du nicht mein Sohn geworden? Wer das alles für Geld macht, wird scheitern und enttäuscht sein. Ich habe das nicht für Geld gemacht, sondern für mein Vergnügen. Wer seine Träume verwirklichen kann, ist ein reicher Mensch.

Bildbeschreibung

Haben Sie auch Glück gehabt?

Und ob! Auf all meinen Touren und in vielen anderen Situationen im Leben. Immer und immer wieder. Oft denke ich, es ist alles vorbestimmt. In der Arktis wurden wir eingeschneit. Es ging nicht mehr weiter. Auch der Funker konnte nichts mehr machen. Dann hat ein alter Eskimo einem Husky von der Schlittenhundeschule aufgeschrieben, dass wir in großer Not sind. Der Hund bekommt einen Klaps und ist durch die unendliche Eiswüste zum Eskimodorf gelaufen. Die haben das Militär verständigt, und zwei Tage später war der Hubschrauber da. Ich habe drei Flugzeugabstürze überlebt. Zweimal mit kleinen Flugzeugen, aber einmal waren es 156 Passagiere – von Hongkong nach Manila am Berg zerschellt. Nur vier Passagiere haben überlebt. Einer davon war ich. Ich war auf der Toilette. Aber ist das die Erklärung? Ich weiß es nicht. Als ich kurz vor meinem 90. Geburtstag in einem Interview davon erzählt habe, hatte ich einen nicht zu stoppenden Heulanfall. Ich sah alles wieder. Mein ganzes Flugzeug voller Leute, lauter Tote, und ich war dazwischen. Ich habe die ganzen Zeitungsartikel weggeschmissen, alles. 

Was war die schönste oder wichtigste Erfahrung auf all den Reisen?

Sich einfach mal in die Steinzeit zurückzuversetzen. Was haben diese Menschen uns voraus? Eine ganze Menge: die Zufriedenheit mit dem, was vorhanden ist. Und tief beeindruckt haben mich die drei Monate, die ich mit dem Dalai Lama leben durfte. Er hat mir einen tibetischen Namen gegeben: Lopsang. Das heißt Edelstein. Ich habe ihn gefragt: Es gibt so viele schöne und interessante Plätze auf dieser Welt, ein Leben reicht gar nicht aus, um alle zu sehen. Und der tibetische Glaube sagt ja, dass man mehrmals wiedergeboren wird. Vielleicht werde ich auch wiedergeboren. Dann hat er mir gesagt: Lopsang, genieße dieses Leben – es könnte schon dein letztes sein.

Quelle: https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/unbewaffnet-entwaffnend

Dr. Axel Klopprogge studierte Geschichte und Germanistik. Er war als Manager in großen Industrieunternehmen tätig und baute eine Unternehmensberatung in den Feldern Innovation und Personalmanagement auf. Axel Klopprogge hat Lehraufträge an Universitäten im In- und Ausland und forscht und publiziert zu Themen der Arbeitswelt, zu Innovation und zu gesellschaftlichen Fragen. Seine Kolumnen „Oben & Unten“ sind Ende 2025 als Buch erschienen.

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