Mord und Totschlag in Odessa – vertuscht, verschwiegen, aber nicht vergessen, Teil 2

Am 02. Mai 2014 wurden im Gewerkschaftshaus von Odessa mindestens 45 Angehörige des „Antimaidan“ von ukrainischen Nationalisten verbrannt, erschlagen, erdrosselt, erschossen. Zeitzeugen sprechen davon, dass es auch weit über 200 Getötete gewesen sein können. Ein monströses Verbrechen, das von Politik und Massenmedien in Deutschland bis heute vollkommen ignoriert wird.

Ein Beitrag von Wilhelm Domke-Schulz

Standbild aus dem Film „Leben und Sterben im Donbass“

Die Anhänger des „Antimaidan“ auf dem Platz vor dem Gewerkschaftshaus haben inzwischen erfahren, dass es in der Odessaer Innenstadt bereits Tote gegeben hat und beschließen alles schützenswerte, wie z.B. religiöse Ikonen aus dem Zeltlager ins dahinter liegende Gewerkschaftshaus zu evakuieren. Wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der im Anmarsch befindlichen, gewaltbereiten Nationalisten wird das Zeltlager schließlich geräumt und eine unbekannte Anzahl von „Antimaidan-Aktivisten“, darunter sehr viele Frauen, auch Jugendliche, Rentner und Kinder, Augenzeugen gehen davon aus, dass es zwischen 200 bis 400 Menschen gewesen sein müssen, suchen im Gewerkschaftshaus Schutz und errichten vor dem Haupteingang eine provisorische Barrikade. 

Kurz darauf stürmen über 2000 radikale Nationalisten und Hooligans den Platz, stecken die Zelte in Brand, zerstören die Bühne und alles was ihnen im Zeltlager in die Hände fällt. Unter den Angreifern befinden sich ähnliche Gruppierungen, wie die, die schon an den Mordbrennereien in Kiew, im Mariinskipark, auf der Landstraße bei Korsun und vielen anderen Verbrechen beteiligt gewesen sind. Es sind u.a. Angehörige der faschistischen Paramilitärs von „Trysup“ oder von „UNA-UNSO“, der Anfang der 90iger Jahre neu gegründeten Nachfolgeorganisationen der UPA/OUN des ukrainischen Faschistenführers Stepan Bandera und natürlich Hunderte Mitglieder und Sympathisanten des extremistischen „Rechten Sektors“.

Was sich im Umfeld und im Gewerkschaftshaus in den nächsten Stunden abspielt ist grauenhaft und durch unzählige Videos, Fotos und Zeugenberichte sehr umfangreich dokumentiert. 

Während vom Dach des Gebäudes durch unbekannte Personen Molotowcocktails auf das Zeltlager geworfen werden, greifen die Nationalisten das Gebäude ebenfalls mit bereits in der Innenstadt vorbereiteten Brandflaschen an, die sie durch die Fenster der Büros, des Treppenhauses und auf den Haupteingang werfen. Überlebende Augenzeugen aus dem Gewerkschaftshaus berichteten später darüber, dass auch Gasflaschen in das Gebäude geworfen worden sein sollen, die Übelkeit, Erbrechen und Ohnmacht verursacht haben.

Gleichzeitig dringen Extremisten über Seiten- und Hintereingänge in das Gebäude ein. Es spielen sich furchtbare Szenen ab. Türen von Büros werden aufgebrochen, darin geflüchtete Menschen erschlagen, erdrosselt, erschossen. Vielen werden die Hosen heruntergezogen, damit sie nicht flüchten können und werden anschließend mit Schlagstöcken malträtiert, Arme und Beine gebrochen und aus den Fenstern geworfen. Darunter zahlreiche bekannte Aktivisten des „Antimaidan“ wie der Odessaer Abgeordnete Wjatscheslaw Markin oder der 18jährige Psychologiestudent Wadik Papura. 

Standbild aus dem Film „Leben und Sterben im Donbass“

Markin hatte seine zahlreichen Knochenbrüche und den Fenstersturz zunächst überlebt, starb dann aber einen Tag später im Krankenhaus. Wadik soll nach Zeugenaussagen schon im Gebäude zu Tode geprügelt worden sein, bevor er aus dem Fenster geworfen wurde. Unzähligen anderen erging es ähnlich. 

Als das Treppenhaus in Flammen stand, versuchten einige ihr Leben zu retten, indem sie an der Rückseite des Gebäudes aus den Treppenhausfenstern sprangen. Mit gebrochenen Beinen auf dem Boden liegend, wurde ihnen von dem stadtbekannten Faschisten Wsewolod Gontscharewski mit einem Knüppel die Schädel eingeschlagen. Dazu gibt es Videoaufnahmen.

Während all das passierte, standen nur 200 Meter entfernt mehrere Polizeieinheiten lange Zeit in Bereitschaft, ohne einzugreifen. Angeblich wurde ihnen dazu kein Befehl erteilt. Auch Krankenwagen und Feuerwehr ließen sich ewig nicht sehen, obwohl die ebenfalls nur wenige hundert Meter entfernt liegende Feuerwache zahlreiche Anrufe erhielt. Die ersten Anrufe wurden noch entgegengenommen und die Leute vertröstet, schließlich wurde nicht einmal mehr der Hörer abgenommen.

Diejenigen, die innerhalb des Gebäudes versuchten, das massiv um sich greifende Feuer zu löschen mussten feststellen, dass „ganz zufällig“ im gesamten Gebäude das Wasser abgestellt und alle Feuerlöschschläuche zerschnitten worden waren.

Nachdem endlich die Feuerwehr eingetroffen war und die schlimmsten Feuerherde gelöscht wurden, machten sich die Nationalisten im Gebäude daran die Leichen der getöteten Antifaschisten nach Telefonen, Notizheften, Ausweisen und Kontaktlisten zu durchsuchen. Erst nachdem sie mit ihrer „Arbeit“ fertig waren und das Gebäude verließen, betraten die ersten Polizisten den Tatort ohne sich mit solchen Nebensächlichkeiten wie Tatort- oder Spurensicherung aufzuhalten.

Die Überlebenden des Brand- und Mordanschlages waren da aber noch nicht in Sicherheit. Wer es geschafft hatte sich aus dem Gebäude zu retten, musste sich vor den Schlägertrupps der nationalistischen Extremisten, die sich rings um das Gebäude postiert hatten retten, was vielen nicht gelang. 

Schließlich bildete die Polizei einen Korridor an der Rückseite des Gebäudes, durch den die, meist schwer verletzten Überlebenden geleitet wurden, aber nicht in Sicherheit und Freiheit, sondern in Polizeifahrzeuge mit denen sie abtransportiert und in örtliche Gefängnisse gebracht wurden.

Standbild aus dem Film „Leben und Sterben im Donbass“

Vor dem Gebäude gab ein vermummter Extremistenführer ein Interview, in dem er stolz berichtete, dass man heute die Ukraine gerettet hätte, in dem man die „Kartoffelkäfer“ verbrannt hätte. Die ukrainischen Faschisten bezeichneten die Anhänger der „Antimaidanbewegung“ als „Kartoffelkäfer“, weil sie als Kennzeichen orange-schwarz-gestreifte Georgsbänder trugen.  

Die Verhaftung der Überlebenden aus dem Gewerkschaftshaus löste große Proteste in Odessa aus. Am 04. Mai zogen mehrere hundert Angehörige und Sympathisanten zu einem Polizeigefängnis in der Innenstadt und befreiten zahlreiche Verhaftete. Weshalb sie im deutschen Staatsfernsehen als „pro-russischer Mob“ diffamiert wurden.

Andere Gefangene hatten nicht so viel Glück, sie blieben weiter in Haft.  

Eine Woche später, am 09. Mai 2014 führte das berüchtigte Asow-Bataillon eine Strafaktion in Mariupol durch und tötete dabei über hundert Menschen. Von diesem Verbrechen wird ein anderes Mal an dieser Stelle noch die Rede sein.   

Das Massaker von Odessa und die Kommandoaktion von Mariupol hatten weitreichende Auswirkungen. Die „Antimaidanbewegung“ im Süden und Osten der Ukraine verabschiedete sich danach von dem Ziel der Schaffung einer föderalen Ukraine. Die überwiegende Mehrheit der russischen Bevölkerung wollte nicht mehr unter der Herrschaft ukrainischer Faschisten in einem gemeinsamen Staat leben. Nach der Durchführung von Referenden gründeten sich die Volksrepubliken Lugansk und Donezk. In Charkow scheiterte ein ähnliches Vorhaben.    

Der Fall Odessa war damit allerdings noch nicht beendet.

Im September 2015 wurde vor einem Odessaer Bezirksgericht eine öffentliche Verhandlung anberaumt, in der die Richter die Freilassung der Verhafteten verkünden wollten, weil es dem Gericht in anderthalb Jahren nicht gelungen war, den Opfern die eigene Schuld an dem Massaker des 2. Mai nachzuweisen. 

Zu der Verhandlung erschienen vermummte in Tarnflecken gekleidete Angehörige des „Rechten Sektors“ setzten sich über die gesamte Länge des Richtertisches direkt gegenüber den Richtern hin und schoben ihnen vorbereitete Zettel zu, auf denen sie unterschreiben sollten, dass sie von ihren Richterposten zurücktreten.

Die Verhandlung wurde abgebrochen, die unschuldig verhafteten blieben weiter in Haft.

Bis heute besteht der ukrainische Staat darauf, dass weniger als 50 Menschen im Gewerkschaftshaus ums Leben gekommen sind. Wären es mehr als fünfzig, könnte es eine internationale Untersuchung wegen Massenmord geben.

Allerdings sind seit dem 02. Mai 2014 über 200 Angehörige des Odessaer „Antimaidan“ verschwunden und haben sich nie wieder bei Angehörigen, Freunden, Bekannten gemeldet. 

Von denen, die an den Ermordungen beteiligt waren, wurde bis heute niemand vor Gericht gestellt oder sonst wie zur Verantwortung gezogen. 

Warum Politik und Massenmedien, die in altgroßdeutscher „Nibelungentreue“ zu dem Kiewer Nationalistenregime stehen, es mit rückhaltlosem Wohlwollen, Geld und Waffen versorgen, gleichzeitig zu diesem und allen anderen monströsen Verbrechen der ukrainischen Faschisten bis heute verbissen schweigen, darüber kann sich jeder Leser selbst Gedanken machen.

Ein Nachtrag: Authentische Informationen über den 02. Mai 2014 gibt es jede Menge. Jeder kann sich darüber informieren. Allerdings geben Google, Wikipedia, deutsche und englische Suchbegriffe nicht viel her. Wer wirklich etwas erfahren will, sollte in der russischen Suchmaschine Yandex oder bei youtube mit kyrillischen Buchstaben „Odessa 02. Mai 2014“ eingeben und wird sofort fündig werden. Z.B.:

Oдесса 2 мая 2014 года (Yandex)

https://yandex.ru/search/?text=одесса+2+мая+2014+года&lr=115440&src=suggest_T

Oдесса 2 мая 2014 года (youtube)

https://www.youtube.com/results?search_query=Oдесса+2+мая+2014+года+

Lesen Sie dazu auch unsere Beiträge „Der Tag an dem der Krieg in der Ukraine begann“

https://berlin247.net/read/1713452432/1770

und „Was deutsche Massenmedien über die Maidanrevolte und deren Folgen bis heute verschweigen“

https://berlin247.net/read/1705755600/911

Wilhelm Domke-Schulz ist ein ostdeutscher Filmemacher und Gesellschaftsanalytiker

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