Was oft als Zeitenbruch gedeutet wird, ist in Wahrheit Teil einer langen Kontinuität: Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten folgt seit jeher ähnlichen Mustern von Macht, Einfluss und Expansion. Hinter wechselnden Begründungen bleibt die Linie erstaunlich stabil.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Kaum einen halben Monat war das Jahr alt, da ereigneten sich bereits Manöver, die man bis vor Kurzem noch nicht auf dem Plan hatte. Die Vereinigten Staaten fegten jenen Vorhof, den sie sich schon vor 200 Jahren als Domäne hatten festschreiben lassen; das war das Verdienst von James Monroe. Der fünfte Präsident der damals noch jungen Republik trat mit einer Doktrin auf, die fortan seinen Namen trug und sicherte dem amerikanischen Kontinent den Einflussbereich der einstigen britischen Kolonie. Widerrede gab es damals kaum; Mittel- und Südamerika waren für die Europäer im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Welt, weit entfernt und schwer erreichbar. Dieser Doktrin folgend ging es nun dem nicht anerkannten Präsidenten Venezuelas an den Kragen – Halleluja! Warum dieser biblische Ausruf? Dazu kommen wir gleich.
Alles habe sich nun geändert, weiß die deutsche Hauptstadtpresse zu verkünden, das Völkerrecht habe einen Bruch erlitten, die Vereinigten Staaten zeigten nun den Weltmächten, die es gibt, wie man seinen Einflussbereich handhabt und sogar ausweitet. Nachdem man handstreichartig in Venezuela eingefallen war, nachdem Washington ein Gebiet in nördlicheren Gefilden fest ins Auge gefasst hatte – Grönland –, brachte man gemeinsam mit Israel einen Krieg in den Iran. Halleluja! Ist das wirklich alles neu? Was ist denn mit unserem schönen Völkerrecht? Sollte man nicht auch eine Lobpreisung anstimmen, wenn es um das Völkerrecht geht? Ein Halleluja also?
Das Völkerrecht: eine Lebenslüge
Für die Kommentatoren in Deutschland steht fest, dass Donald Trump etwas Unerhörtes tut, das über die Intervention in Venezuela und den Irankrieg hinausgeht: Er will das Völkerrecht aushöhlen. Die 08/15-Presse aus Berlin leistet sich, wie so oft, eine Blindheit, die nicht dazu taugt, die Weltgeschehnisse realitätsgetreu zu dokumentieren. Gewiss trifft es zu, dass der aktuelle US-Präsident sich wenig um jenes Recht schert. Doch dass gerade er der amerikanische Präsident sein soll, der es bricht, ist ein tragischer Irrtum. Oder sagen wir es so, dass es der Wahrheit näherkommt: Es sind die Reste jener Lebenslüge, die sich in Deutschland seit einigen Jahrzehnten ausgebreitet hat, nämlich dass die Demokraten die gute USA und die Republikaner die schlechte USA verkörperten.
Joe Biden war demnach ein feiner Kerl, der Außenpolitik unter der Maßgabe eines universellen Anstandes betrieben habe. Sein Nachfolger hingegen soll nun das Gegenteil davon sein. Er ist der Dammbruch – ein Unfall der Geschichte? Doch dieser historische Unfall ereignete sich lange vor Trump – er ist gewissermaßen bereits in der Geschichte jener aufstrebenden Republik angelegt, die sich Ende des 18. Jahrhunderts von dem Schicksal befreite, lediglich britische Kronkolonie zu sein. Bevor wir dazu kommen, noch einmal kurz zurück zum Völkerrecht. Für Imperien, Weltreiche oder Weltmächte – nennen Sie es, wie Sie wollen – galten Vereinbarungen dieser Art zu keiner Zeit. Sie nahmen niemals Rücksicht und werden es vermutlich auch nie tun. Der Grund lässt sich leicht erklären, in einem einzigen Satz und für jedermann verständlich: weil sie es können! Das ist keine befriedigende Erklärung und auch keine zufriedenstellende Erkenntnis. Aber wer hat behauptet, dass die Wirklichkeit eine Garantie auf Zufriedenheit in sich trägt? Unter moralischen Gesichtspunkten ist die Rücksichtslosigkeit von Weltmächten tatsächlich unerträglich. Vermutlich lässt sich das jedoch kaum ändern. Und es war übrigens nie anders, auch nicht vor Trump – oder ist der Ukrainekrieg vom Himmel gefallen?
Das haben viele der bedeutenden Kommentatoren dieses Landes – zumeist Nulpen mit zu viel Einfluss – über Jahre hinweg verkündet. Sie simulierten, abgesehen von Russland, eine Welt, in der alle Staaten moralisch einwandfrei handelten. Das Völkerrecht gelte schließlich, nur die Russen hielten sich nicht daran, vielleicht auch noch Weißrussland, Nordkorea und China. Das war auf allen Ebenen Augenwischerei; die Vereinigten Staaten hielten sich ebenfalls nur äußerst selten daran. Und wenn sie es nicht taten, erklärten sie auch noch keck, man handle für das Schöne, Gute und Wahre: für Menschen- und Frauenrechte, für Demokratie und Brunnenbau. Das hat sich in diesem Jahr tatsächlich geändert: Man ist ehrlicher als früher. Nun sagt man ungeniert, dass es um Erdöl geht, um den Kampf gegen den Drogenexport in die USA oder ganz allgemein um Sicherheitsbedenken – übrigens auch gegen China, das bei allem mitschwingt, was die Vereinigten Staaten tun.
Das Völkerrecht ist in einem solchen Kontext freilich nur Folklore für wohlklingende Sonntagsreden, vielleicht von Ländern wie Dänemark benötigt, ohne jedoch grundlegend zu helfen. Das ist der Lauf der Welt und nicht das Produkt eines Mannes, der nun als Unfall der Geschichte gilt — die US-Amerikaner tun derzeit das, was sie immer tun. Halleluja!
Halleluja – was für eine Geschichte!
Wie gesagt, Weltmächte waren nie anders. Die zeitgenössische USA sind jedoch vielleicht eine Weltmacht neuer Dimension, denn es agiert global, kulturimperialistisch und totalitär. Und das nicht erst seit gestern. Daher die Halleluja-Zwischenrufe. Dieser liturgische Freudengesang kommt mir stets in den Sinn, wenn ich mit der rücksichtslosen Großmannssucht der Vereinigten Staaten konfrontiert werde. Halleluja! So heißt nämlich ein Buch aus dem Jahr 1977: »Halleluja. Die Geschichte der USA«. Autor: Joachim Fernau. Zu diesem Mann sollte man vorab einige Sätze verlieren. Fernau wurde 1909 in Bromberg geboren. Er war Journalist und Kriegsberichterstatter der Waffen-SS. Später, in seinem bundesrepublikanischen Leben, schrieb er ganz eigene Geschichtsbücher. Sein bekanntestes Werk dürfte »Cäsar lässt grüßen. Die Geschichte der Römer« sein – eine Gesamtdarstellung des alten Roms bis zu seinem kuriosen Ende. Fernau pflegte einen lakonischen, beinahe zynischen Schreibstil; damit zeichnete er ein lebendiges Bild längst vergangener Zeiten. Seine Bücher wurden meist Bestseller. Auch jene Geschichte der Vereinigten Staaten, die heute jedoch weitgehend vergessen ist.
Zweifelsohne merkt man diesem Buch deutlich an, dass der Schriftsteller Vorbehalte gegenüber der US-amerikanischen Lebensart hegte. Immerhin schrieb er über eine Nation, die 30 Jahre zuvor noch der Feind aus dem Westen gewesen war. Dennoch kann man sich Fernaus Stil und Einsichten kaum entziehen, und so liest man über eine Nation, die von Beginn ihrer Existenz an jenem protestantischen Ethos frönte, von dem viel später Max Weber berichten sollte. Glaube und Geld waren das Schmiermittel des neu entstandenen föderalen Staatswesens in Nordamerika.
Und alles, was man unternahm – und das gilt bis heute zumindest in der Rhetorik –, untermauerten die US-Amerikaner mit dem Willen eines Gottes, der wohl seit langer Zeit US-Bürger sein muss. Das Buch erschien, wie bereits erwähnt, gegen Ende der Siebzigerjahre. Zu einer Zeit also, als die Vereinigten Staaten sich in einer tiefen inneren wie äußeren Krise befanden. Fernaus Abriss der US-Geschichte endet mit der Präsidentschaft von Gerald Ford. Bis zum Zweiten Weltkrieg erläutert er seinen Lesern, wie viel Halleluja im US-amerikanischen Anspruch auf Weltgeltung steckte. Sympathisch wirken die US-Amerikaner dabei selten. Doch als diese Nation unter Gott nach den idyllischen Jahren der Fünfziger- und Sechzigerjahre zu einem Vorort der Hölle wurde, in dem Drogensucht um sich griff und Arbeitslosigkeit ein Massenphänomen wurde, als man plötzlich erkannte, dass die politischen Führer »Crooks« sind, also Gauner wie Richard Nixon, der noch behauptete, kein Crook zu sein, ist Fernau ganz in seinem Element. Geradezu rauschhaft beschreibt er, wie der US-Amerikanismus die Welt zugrunde gerichtet hat und sie weiter in diese Richtung führen wird, auch weil das alte Europa die Vereinigten Staaten gewähren lässt, wie es ihnen beliebt.
»Für die Amerikaner zerfällt die Welt heute in zwei Teile. Da gibt es die schlechten Völker, die erzogen werden müssen, und es gibt die anderen, die ‚so gut sein wollen wie wir‘ — um es wörtlich zu zitieren«, schreibt Fernau zu Beginn seines vorletzten Kapitels. Dann setzt er zu einem Parforceritt durch die Historie eines vorbestimmten Niedergangs an. Die Weltmacht habe sich die Welt untertan gemacht und sei von innen heraus verrottet, sie spiele sich »als Heilsapostel der Rassen« auf, sei jedoch »Rassenhasser im eigenen Land«. Sie tue so, als sei sie »Erfinder der Lebensqualität«, sei jedoch zugleich auch »Erfinder der tödlichsten Waffen«. Der US-Amerikanismus sei die neue Religion einer gottlosen »Nation unter Gott«; deren Kirchen stünden in der Wall Street, die Hochfinanz sei die Priesterkaste, und die Welt sei nur ein lästiges, wenn auch lohnenswertes Anhängsel. Die USA hätten die gesamte Welt geschwächt, mit Ausnahme der Sowjetunion. Fernau konnte das Ende des Ostblocks noch nicht vorhersehen; er starb ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer. Die US-Amerikaner hätten sich, so erklärt er außerdem, für die Kolonien der Europäer starkgemacht und in deren Sinne die Entkolonialisierung vorangetrieben, während sie ihre eigenen Kolonien weiterhin fest im Griff hielten und sie »Territorien« nannten, um sie nicht aufgeben zu müssen – ein Europa ohne Kolonien sei für die USA schließlich eine gute Geschäftsgrundlage gewesen. Nie zuvor dominierte ein Imperium so umfassend und so total. Halleluja!
Nur die US-Amerikaner drücken anderen ihren Stempel auf
Es ist ein wortgewaltiger Schwanengesang, den Joachim Fernau an das Ende seines Buches stellte. Dass er beinahe hasserfüllt spreche, weiß er selbst, denn er schreibt es genau in diesen Schlussabschnitten seines Werkes, und er entschuldigt sich dafür. »Was wollen wir retten? Was denn? Was wollen wir bewahren?«, fragt er und meint damit: Was hat der US-Amerikanismus hervorgebracht, das die Zeiten überdauern wird? Die Europäer schufen Kunst und Kultur, Kathedralen und zahlreiche Weltwunder. Was bleibt von den USA? Er beantwortet Fragen mit weiteren Fragen: »Die Städte? Die Fabriken? Die Banken? Die Atommeiler? Die Supermärkte? Die Partei-Silos?« Fernau scheint mit diesen Zeilen zu der Einsicht zu gelangen: Es war alles eine Sackgasse, ein Weg ohne Wiederkehr. Wir Europäer haben uns dem Reich aus Übersee an den Hals geworfen und uns nicht nur abhängig gemacht, sondern es auch kopiert und damit unsere Kultur und unser Brauchtum aufgegeben. War es das wert? Diese Frage wird sich in den kommenden Jahren sicherlich stellen; Fernau stellte sie bereits in den Siebzigerjahren. Und ja, damals war es die Fragestellung eines Milieus, das wir eher als rechtskonservativ eingeordnet hätten. Doch wir spüren jetzt, da die Vereinigten Staaten erneut schamlos nach Europa greifen – weil sie es können, weil wir durch unsere Anbiederung über Jahrzehnte hinweg dafür gesorgt haben! –, dass dies auch die Frage jener sein wird, die keineswegs rechtskonservativ sind und es auch nicht sein wollen.
Am Ende stellt sich der Autor ein letztes Mal die Frage: »Haben wir eine Zukunft?« Und er beantwortet sie selbst:
»Na klar! (…) Zukunft ist uns sicher. Gewinnt der Amerikanismus, so wird er in 150 Jahren die Menschheit zugrunde richten, und die Erde wird als erstorbener Mars im Weltall weiterkreisen. Gewinnt die neue Religion (Anmerkung: So bezeichnet Fernau den Kommunismus, der für ihn eine Religion ohne Gottesbezug war, da er viele Verhaltensnormen religiöser Art spiegelte), so wird die Menschheit 150 Jahre lang in großer Not leben, und dann wird wieder das Jahr Eins kommen und alles von vorne beginnen. So oder so. Halleluja!«
Der Kommunismus ist verschwunden, der US-Amerikanismus ist geblieben. Der eine Wahn, der nicht vergehen wollte, dominiert nun die Welt. Er tut dies derzeit ungeniert. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen er zurückhaltender erscheint, doch es ist lediglich die Außenwirkung; man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Diese Welt wird von US-amerikanischen Institutionen verwaltet. Niemals zuvor gab es ein Imperium, das so zielgerichtet die Welt beherrschte; zwangsläufig wird dies den Planeten seiner Substanz berauben.
Es gibt freilich andere Weltmächte. Von den Russen und Chinesen war bereits die Rede. Indien wird aufschließen. Brasilien liegt im US-amerikanischen Vorhof und ist damit chancenlos. Doch Moskau und Peking weisen einen entscheidenden Unterschied zu Washington auf: Sie sind kleine Fische, wenn es darum geht, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Dort sitzen regionale Weltmächte. In ihrem jeweiligen Einflussbereich gewiss, dort sind sie Herr im Haus und verhalten sich auch entsprechend. Doch die ganze Welt nach russischer oder chinesischer Lebensart ausrichten? Das tun nur unsere guten Freunde aus Übersee. Ein solches Sendungsbewusstsein kennen nur die USA. Sie sind noch immer beseelt von einem religiösen Eifer, der die Nation einst antrieb, der sich jedoch im Verlauf des US-amerikanischen 20. Jahrhunderts in einen gottlosen Wahn verwandelte, der uns immer tiefer in eine Sackgasse führt.
Dies ist ein aktualisierter Artikel, der schon vor längerer Zeit bei Manova erschien.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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