Souveränität, Sicherheit und Widerstandsfähigkeit: Schlüsselfaktoren einer multipolaren Weltordnung
Ein redaktioneller Beitrag von Misión Verdad
Das Internationale Wirtschaftsforum von St. Petersburg (SPIEF), das vom 3. bis 6. Juni 2026 stattfand, festigte erneut seine Rolle als Plattform zur Darstellung der Vision einer entstehenden neuen Weltordnung.
In seiner Plenarrede am 5. Juni präsentierte Präsident Wladimir Putin eine strukturelle Analyse der globalen Lage, in der Wirtschaft, Geopolitik und Sicherheit im Zeichen des Übergangs zu einem multipolaren System miteinander verknüpft werden.
Fernab der üblichen Rhetorik bot die Rede des Staatsoberhaupts einen strukturellen Fahrplan dafür, wie die Russische Föderation die Multipolarität als eine sich herausbildende materielle Realität begreift und gestaltet.
Die Teilnahme von mehr als 20.000 Vertretern aus 130 Ländern am SPIEF wurde als Beleg dafür angeführt, dass die Vorstellung einer internationalen Isolation Russlands ein Mythos sei.
Zu den Delegationen gehörten Vertreter der Vereinigten Staaten – angeführt von Rodney Cook, dem Kommissar für Bildende Künste – sowie Mitglieder des Europäischen Parlaments, darunter die rumänische Abgeordnete Diana Șoșoacă.
BRICS: Mehr als ein antiwestlicher Club
Der Kremlchef stellte den BRICS-Block als weit mehr als einen antiwestlichen Zusammenschluss dar, der sich zunehmend zum eigentlichen Motor des globalen Wirtschaftswachstums entwickle.
Die Prognosen bis zum Ende des Jahrzehnts untermauern einen Trend, wonach die industrialisierten westlichen Volkswirtschaften jährlich im Durchschnitt um 1,5 Prozent wachsen würden, während die BRICS-Staaten Wachstumsraten von mehr als 4 Prozent erreichen könnten.
„Das ist keine Erfindung von uns. Das sind Daten internationaler Institutionen. Sie sind selbst gezwungen, dies einzuräumen“, erklärte der russische Präsident vor den Teilnehmern.
Der Handel innerhalb der BRICS-Staaten übersteigt inzwischen eine Billion US-Dollar pro Jahr, und die logistischen Lieferketten werden zunehmend unabhängig von den traditionellen Knotenpunkten London, New York oder Brüssel neu organisiert.
Die Aufnahme neuer Mitglieder und die Entwicklung alternativer Zahlungssysteme weisen auf Szenarien hin, in denen die Schwellenländer nicht länger eine extraktivistische Peripherie darstellen, sondern zu Zentren von Produktion und Konsum werden.
Putin verwies auf Korridore wie die Nord-Süd-Route, die Transarktische Route sowie die Verkehrsverbindungen über das Kaspische Meer und Zentralasien als tragende Achsen einer parallelen Handelsarchitektur, in der sogenannte „Verbindungsstaaten“ wie Indien, Usbekistan oder Tansania eine strategische Rolle spielen.
Die zentrale Botschaft lautet, dass sich das Gravitationszentrum des globalen Handels- und Finanzsystems verlagert – und mit ihm die Mechanismen der Macht.
Ausgewogenes Wirtschaftswachstum in Russland: Fakten und Perspektiven
Weit davon entfernt, die internen makroökonomischen Spannungen auszublenden, räumte der russische Präsident ein, dass sich die russische Wirtschaft derzeit in einer Phase verlangsamten Wachstums befindet und unter Inflationsdruck leidet, der durch die überhitzte Binnennachfrage und technologische Beschränkungen verursacht wird.
Nach vorläufigen Daten von Rosstat, die am 15. Mai veröffentlicht wurden, schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2026 auf Jahresbasis um 0,2 Prozent. Zudem wurden die offiziellen Wachstumsprognosen nach unten korrigiert, sodass für dieses Jahr nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent erwartet wird – deutlich weniger als die zuvor prognostizierten 1,3 Prozent.
Gleichzeitig betonte Putin, Russland habe „im Wesentlichen dieselbe Ausgangslage erreicht, mit der die Länder der Eurozone seit Jahren leben“, und forderte seine Regierung dazu auf, den Trend durch einen neuen Investitionszyklus umzukehren.
„Das Wachstum der Investitionen ist die wichtigste Kennzahl“, erklärte er und rief dazu auf, Künstliche Intelligenz, autonome Systeme und digitale Plattformen als Produktivitätstreiber voranzubringen.
Im sozialen Bereich verwies Putin auf eine rückläufige Inflation, historisch niedrige Arbeitslosenquoten sowie Fortschritte in strategischen Sektoren wie der Kernenergie und der Digitalisierung.
Im finanzpolitischen Bereich stellte er die russische Staatsverschuldung, die bei 16,4 Prozent des BIP liegt, derjenigen der Eurozone gegenüber, die 81,7 Prozent beträgt. Das russische Haushaltsdefizit bezifferte er auf 2,6 Prozent und damit unter dem europäischen Durchschnitt von 3,1 Prozent.
Darüber hinaus kündigte er an, die geplante Absenkung der Einkommensgrenze für das vereinfachte Steuersystem kleiner und mittlerer Unternehmen auszusetzen. Diese Maßnahme soll die Belastung der heimischen Wirtschaft verringern.
Trotz der Sanktionen ist es Russland gelungen, seine Absatzmärkte zu diversifizieren und die Beziehungen zu Schwellenländern auszubauen, insbesondere zu China, dessen Bedeutung für die Weltwirtschaft nach den Worten Putins stetig zunimmt.
Die langfristige Perspektive deutet darauf hin, dass die Sanktionen das russische System nicht zum Zusammenbruch gebracht haben, sondern vielmehr eine strukturelle Neuausrichtung erzwungen haben. Diese Strategie ist eine Reaktion auf den Verlust westlicher Märkte und Lieferanten und zielt darauf ab, die nationale Produktion über neue Logistikrouten nach Asien und Afrika neu auszurichten.
Laut Analysten, die von der Zeitung Wedomosti zitiert werden, verfügt Russland über ein „Zeitfenster von zehn bis fünfzehn Jahren“, um seine Position auf den Märkten der sogenannten Entwicklungsländer zu festigen, während sich das neue globale System weiter herausbildet.
In diesem Zusammenhang hat sich die russische Wirtschaft verstärkt asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Lieferketten geöffnet, um eine Resilienz zu entwickeln, die Russland zu einem unverzichtbaren Energie- und Rohstoffknotenpunkt für die aufstrebenden Volkswirtschaften machen soll.
Der Westen zwischen Chaos und Pragmatismus
Die Kritik am Westen nahm einen zentralen Platz in der Rede ein, wenn auch mit unterschiedlichen Akzentsetzungen.
Putin bezeichnete die Energie- und Wirtschaftspolitik der Europäischen Union als „kurzsichtig“ und erklärte, sie gehe mit einer „aggressiven Rhetorik“ einher, die seiner Ansicht nach die regionale und globale Sicherheit untergrabe.
„Tatsächlich stiften die europäischen Eliten Chaos, in das sie immer mehr Länder hineinzuziehen versuchen“, erklärte er. Zugleich fügte er hinzu, dass Moskau keine Eile habe, den politischen Dialog mit Brüssel wieder aufzunehmen.
Darüber hinaus vertrat er die Auffassung, dass die Gefahr für Europa nicht von Russland ausgehe, sondern von dessen „kritischer und zunehmend nahezu vollständiger Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten“ in militärischen, politischen, technologischen und informationsbezogenen Fragen.
Er warf Washington vor, über Jahrzehnte hinweg das System der Rüstungskontrolle in Europa zerstört zu haben, nachdem sich die USA einseitig aus wichtigen Verträgen zurückgezogen hätten, darunter dem Vertrag über Raketenabwehrsysteme sowie dem Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme.
Mit Blick auf die Vereinigten Staaten bezeichnete der russische Präsident den Einsatz des US-Dollars als politisches Instrument als einen „gewaltigen, katastrophalen strategischen Fehler“, den er der vorherigen US-Regierung zuschrieb.
Gleichzeitig betonte er, die Isolation Russlands sei nur relativ. „Die Amerikaner sind pragmatisch. Dort, wo sie davon profitieren, ist nichts zum Stillstand gekommen“, sagte er mit Verweis auf gemeinsame Energieprojekte im russischen Fernen Osten.
Angesichts von Sanktionen: Souveränität, Sicherheit und Widerstandsfähigkeit
Der technischste Teil der Rede befasste sich mit den Sanktionen, die sich – mehr als ein Hindernis – zu einem Beschleuniger strategischer Autonomie entwickelt hätten. Vor diesem Hintergrund skizzierte Putin eine zweigleisige Resilienzstrategie: die Festigung wirtschaftlicher Unabhängigkeit und die Gewährleistung militärischer Sicherheit.
Putin erklärte, dass das Einfrieren russischer Währungsreserven die Glaubwürdigkeit des Dollars und des Euro irreversibel beschädigt habe. Zugleich habe dies allen Staaten, Unternehmen und Staatsfonds der Welt ein deutliches Signal gesendet:
„Sie alle könnten – ohne Ausnahme und ebenso wie Russland – jederzeit den Zugang zu ihren rechtmäßigen Vermögenswerten verlieren.“
Vor diesem Hintergrund beabsichtigt der Kreml, den Aufbau bilateraler und multilateraler Wirtschaftsmechanismen außerhalb der vom Westen kontrollierten Strukturen weiter voranzutreiben. Dazu gehören die Ausweitung von Abrechnungen in nationalen Währungen, die Schaffung unabhängiger Zahlungssysteme sowie der Aufbau von Lieferketten, die blockierte Kanäle umgehen.
Parallel dazu warnte Putin vor der Gefahr, zu einer „digitalen Peripherie“ zu werden, die von westlichen Technologiekonzernen kontrolliert wird, und forderte die Entwicklung eigener digitaler Systeme.
Im Bereich der militärischen Sicherheit sprach sich Putin für den Aufbau einer neuen eurasischen Sicherheitsarchitektur aus. Diese solle auf dem Dialog zwischen Organisationen wie der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) beruhen. Langfristig könnten weitere regionale Bündnisse hinzukommen.
Darüber hinaus schlug er vor, „die militärische Präsenz externer Mächte in der eurasischen Region schrittweise zu reduzieren“ – eine Formulierung, die sich unmittelbar auf die NATO und die Vereinigten Staaten bezieht.
Daraus ergeben sich zwangsläufig Fragen darüber, wie sich der Aufstieg der Multipolarität künftig im militärischen und diplomatischen Bereich manifestieren wird.
Wie werden technologische Souveränität und die neuen Logistikkorridore des Globalen Südens die diplomatischen Bündnisse angesichts amerikanischer Eindämmungsversuche neu gestalten?
Welche Auswirkungen wird die Erweiterung der BRICS-Staaten – insbesondere durch die jüngste Aufnahme Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Irans und Ägyptens – auf die Kontrolle globaler Energie- und Seehandelsströme haben?
In welchem Ausmaß wird die schleichende Entdollarisierung, die durch die Sanktionen selbst beschleunigt wurde, das internationale Währungssystem im kommenden Jahrzehnt verändern?
Und wie wird sich diese wirtschaftliche Multipolarität in einer militärischen Sicherheitsdoktrin niederschlagen, die der weiteren Ausdehnung der NATO entgegenwirken soll?
Putins Rede deutet darauf hin, dass sich in dieser neuen Ordnung die Diplomatie zunehmend der Fähigkeit unterordnet, Macht auszuüben und innere Widerstandskraft zu entwickeln, während traditionelle multilaterale Foren an Bedeutung verlieren.
Die Antworten auf diese Fragen werden letztlich die Konturen von Konflikt und Zusammenarbeit in der neuen geopolitischen Ära bestimmen.
Quelle: https://misionverdad.com/globalistan/soberania-seguridad-y-resiliencia-factores-de-la-multipolaridad
Titelbild: Der russische Präsident Wladimir Putin. Foto: Kremlin.ru (CC BY 4.0).
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