Zur Gasversorgung im kommenden Winter. Geschworen haben sie es alle: „Schaden vom deutschen Volk zu wenden“ – so der Eid der Ministerinnen und Minister bei Amtsantritt…
Ein Beitrag von Manfred Sohn
Zumindest für die Bundeswirtschaftsministerin scheint das nicht zu gelten. Angesichts der historisch niedrigen Füllmenge der Gasspeicher zum Ende dieses Sommers ließ sie durch eine Sprecherin verkünden, die Wintervorsorge sei „Aufgabe der Unternehmen und Händler“. Damit ist für sie offensichtlich der Drops gelutscht. Dem Volk soll im kommenden Winter eine Lektion in Sachen Marktwirtschaft erteilt werden.
Die „Unternehmen und Händler“ haben angesichts der sommeruntypisch hohen Gaspreise keine Veranlassung gesehen, billig erworbenes Gas einzulagern, um es im Winter teuer zu verkaufen. Also sind die Speicher halb leer. Was auf die Familien dieses Landes zukommt, von denen 56 Prozent ihre Wohnungen mit Gas heizen, soll der Markt regeln. Der verlangt von den Unternehmen, die Gas für ihre Kunden in den Städten und Dörfern kaufen, mehr als doppelt so viel Geld als vor einem Jahr. Dieser Preis wird zum Winter vermutlich weiter ansteigen, weil auf der Nordhalbkugel dieser Erde nun mal deutlich mehr Menschen leben und heizen müssen als auf der Südhalbkugel, die bald Sommer hat. Da die Regierung die Lage lediglich „sehr genau beobachtet“, also mit verschränkten Armen zusieht, wendet sie den Schaden, der auf Millionen Familien zukommt, nicht ab, sondern nimmt ihn sehenden Auges und billigend in Kauf. Wenn in den nächsten Wochen nicht ein Wunder an der Straße von Hormus geschieht und Katar die schon vor Monaten vollständig eingestellte Gasverflüssigung wieder aufnimmt, werden die seit April steigenden Gaspreise weiter steigen.
Übrigens liegt eine weitere Möglichkeit auf dem Tisch, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden: Die Regierung der Russischen Föderation hat mehrfach angeboten, die über Jahrzehnte stabile Versorgung deutscher Unternehmen und Haushalte mit sibirischem Gas jederzeit wieder aufzunehmen und – wenn die Löcher in der Nordstream-Leitung geflickt würden – sogar auszuweiten. Eine Annahme dieses Angebots würde vermeiden, dass zu Weihnachten Kinder keine Geschenke bekommen, weil die Regierung die Gaspreise explodieren lässt.
Manfred Sohn ist ein ehemaliger deutscher Politiker, Publizist und Funktionär. Er erlangte vor allem als Landesvorsitzender der Partei Die Linke in Niedersachsen sowie als Fraktionsvorsitzender im Niedersächsischen Landtag Bekanntheit, aus dem er 2013 ausschied.
Quelle: https://www.unsere-zeit.de/lektionen-fuer-das-volk-4817487/
Titelbild: Oberirdische Anlagen des unterirdischen Erdgasspeichers in Empelde bei Hannover (Symbolbild). Quelle: Gerd Fahrenhorst / Wikimedia Commons (CC BY 3.0).
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