Das während des BRICS-Gipfels in Indien unterzeichnete Abkommen über ein neues Zahlungssystem der Mitgliedstaaten, BRICS Pay, überführt das Projekt, über das seit fast zehn Jahren gesprochen wird, in die Phase der praktischen Umsetzung. Mithilfe von BRICS Pay sollen Unternehmen Zahlungen zwischen den Ländern direkt in den jeweiligen nationalen Währungen abwickeln können, Bürger sollen ihre Einkäufe mit ihren eigenen Karten in jedem BRICS-Land bezahlen können, und den Staaten soll das System Schutz vor externem Sanktionsdruck bieten. Wie wird BRICS Pay funktionieren?
Ein Beitrag von Andrei Reschikow
Am Freitag vereinbarten der Russische Direktinvestitionsfonds (RDIF), das Unternehmen BRICS Pay und das indische BRICS Pay India eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung des BRICS-Pay-Systems in Indien und der Schaffung grenzüberschreitender Zahlungsdienste innerhalb der BRICS-Staatengruppe. Dies teilte der RDIF während des Besuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Indien mit, berichtet Interfax.
Im Rahmen der Vereinbarung wollen die Seiten die Möglichkeit einer Integration von BRICS Pay in die indische Zahlungsinfrastruktur prüfen, mögliche Pilotprojekte vorbereiten und anschließend einen grenzüberschreitenden Zahlungsdienst einführen. Die Initiative soll zur Schaffung einer offenen, stabilen und technologisch unabhängigen Infrastruktur für den Zahlungsverkehr zwischen den BRICS-Staaten beitragen, unter anderem unter Verwendung nationaler Währungen.
Das russische Unternehmen BRICS Pay fungiert als Technologiepartner des Projekts. Wie der Leiter des RDIF, Kirill Dmitrijew, mitteilte, konzentrierte sich die russische Delegation während des XVIII. BRICS-Gipfels in Indien insbesondere auf den Finanzbereich: „Wir leiten die Gruppe für die Zusammenarbeit in Finanzfragen, und dabei sind Fragen des Zahlungsverkehrs sehr wichtig.“
BRICS Pay India wird als Geschäfts- und Koordinationspartner in Indien fungieren. Das Unternehmen wird mit Banken, Zahlungsorganisationen, Handelsunternehmen und anderen Teilnehmern des indischen Marktes zusammenarbeiten. Erste Prototypen und Pilottransaktionen des Zahlungssystems wurden bereits in den vergangenen Jahren getestet. Nun geht das Projekt jedoch offiziell in die Phase der praktischen Umsetzung und Skalierung über.
BRICS Pay ist eine dezentrale Zahlungs- und Abwicklungsinfrastruktur, die die bestehenden nationalen Zahlungssysteme der Mitgliedstaaten miteinander verbinden soll, darunter das russische SPFS (System zur Übermittlung von Finanznachrichten), das chinesische CIPS, das brasilianische Pix und die indische Echtzeit-Zahlungsschnittstelle UPI. Das System soll Zahlungen zwischen Unternehmen (B2B) sowie zwischen Bürgern und Unternehmen (C2B) direkt in nationalen Währungen wie Rubel, Rupien und Yuan ermöglichen, wobei der US-Dollar als Zwischenwährung umgangen wird.
Das Thema der Entdollarisierung der BRICS war eines der zentralen Themen in den Äußerungen von US-Präsident Donald Trump, der eine harte Haltung einnimmt und den Block als „antiamerikanisch“ bezeichnet. Er drohte öffentlich damit, Zölle in Höhe von 100 Prozent gegen jedes BRICS-Land zu verhängen, das versucht, eine alternative Währung zu schaffen oder aktiv dazu beizutragen, den Dollar im Zahlungsverkehr zu ersetzen.
Der russische Finanzminister Anton Siluanow bezeichnete die Schaffung eines unabhängigen BRICS-Zahlungssystems als „lebenswichtige Notwendigkeit“. Er erklärte wiederholt, Russland versuche nicht, die alte Finanzordnung zu zerstören, sondern schaffe aus der Not heraus eine Absicherung. „Wenn das bestehende und allen vertraute System versagt und nicht funktioniert, muss eine Alternative geschaffen werden. Eine Alternative ist immer besser, wenn es eine gibt“, erklärte Siluanow in einem Interview mit dem Journalisten Pawel Sarubin.
Nach Ansicht des Finanzministers wurden traditionelle Instrumente wie SWIFT vom Westen vollständig „politisiert“. Daher benötigen die BRICS autonome Mechanismen für grenzüberschreitende Zahlungen, um Handelsströme vor äußerem Druck und dem Risiko von Blockierungen zu schützen.
Wie Experten feststellen, befindet sich die technologische Einsatzbereitschaft von BRICS Pay in einem Zwischenstadium: Es handelt sich nicht mehr um ein reines Pilotprojekt, aber auch noch nicht um einen vollwertigen industriellen Betrieb.
„Unter den Partnern laufen intensive Diskussionen darüber, wie genau das System funktionieren soll, und es gibt zahlreiche Abstimmungen zwischen den Finanzministerien und Zentralbanken. Der Prozess ist schwierig und komplex, aber entscheidend ist, dass er in Richtung der Schaffung eines vollwertigen Zahlungssystems geht, das von SWIFT und zumindest unmittelbar vom Dollar unabhängig ist“, erklärte der Politologe Alexander Malinin, Mitbegründer des Zentrums für internationale Interaktion und Zusammenarbeit und Mitglied des Expertenclubs „Digorija“.
Seinen Worten zufolge besteht der Sinn von BRICS Pay nicht darin, etwas Altes zu zerstören, sondern Alternativen zu schaffen. „Dies wird es den Ländern ermöglichen, ihre Außenwirtschaft und ihren Handel und damit auch ihre Politik zu diversifizieren, denn Wirtschaft und Politik sind immer miteinander verbunden. In den vergangenen Jahren waren viele Staaten mit Zoll- und Sanktionsbeschränkungen sowie mit Schwierigkeiten gerade aufgrund von SWIFT konfrontiert. Die Einführung einer solchen Plattform und der Anschluss einer immer größeren Zahl von Ländern daran ist eine vielversprechende Entwicklung sowohl für Russland als auch für viele nichtwestliche Staaten, die nicht von einem einzigen geopolitischen Lager und dessen Zahlungssystemen abhängig sein wollen“, betont der Gesprächspartner.
Nach Ansicht Malinins wird BRICS Pay dazu beitragen, das Problem „hängengebliebener“ Zahlungen zwischen Russland, China und Indien zu lösen. Bereits heute wird der Warenverkehr zwischen Russland und China nahezu vollständig in nationalen Währungen abgewickelt. „Russland und Indien entwickeln diesen Prozess mit größeren Schwierigkeiten, aber sie entwickeln ihn dennoch weiter. Es gibt Geschäfte zwischen Russland und Brasilien in Rubel und Real. Auch mit anderen BRICS-Staaten wird daran gearbeitet. Die Grundlage ist bereits vorhanden. Es bleibt wohl der schwierigste, aber durchaus lösbare Aspekt: die bestehenden Zahlungssysteme und Transaktionen zu einem einheitlichen Ökosystem zu verbinden, an das die unterschiedlichsten Staaten angeschlossen werden können“, erläutert der Experte.
Digitale Währungen, der digitale Rubel, der digitale Yuan und andere staatliche Kryptowährungen, werden Teil des Finanzökosystems der BRICS sein. Wie Malinin erinnerte, wurde darüber wiederholt auf den Gipfeltreffen gesprochen, unter anderem 2024, als Russland den Vorsitz der Staatengruppe innehatte. „Doch das ist keine Frage des heutigen Tages: Digitale Währungen befinden sich in einzelnen Ländern, darunter Russland, erst jetzt in der Entwicklung. Die Perspektive kann langfristig sein, doch diese Richtung wird sich eindeutig weiterentwickeln“, prognostiziert der Gesprächspartner.
Für gewöhnliche Touristen wird BRICS Pay zu einem komfortablen Zahlungsdienst. „Eine ganz einfache Sache wird definitiv möglich werden: Jemand besitzt eine Karte einer russischen Bank, reist nach Indien und kann dort problemlos damit bezahlen. Oder er schickt einem Freund in Brasilien Geld und muss sich keine Gedanken darüber machen, dass es hängenbleibt oder dass er auf graue Systeme mit horrenden Gebühren zurückgreifen muss. Die konkrete Form, eine eigene App, die Verknüpfung mit bestehenden Karten oder die Zahlung per QR-Code, ist eine Frage der Umsetzung, doch genau darin besteht das Ziel: Zahlungen einfach und direkt zu machen“, erklärte Malinin.
Dabei wird der Tourist kein Geld durch eine doppelte Währungsumrechnung verlieren.
„Schon heute kann man solche Verluste vermeiden, wenn man weiß, wie es geht. In Brasilien gibt es beispielsweise ein System zur direkten Umrechnung von Rubel in Real, sodass es letztlich nicht teurer und manchmal sogar günstiger ist als der Umtausch über den Dollar. BRICS Pay soll solche Transaktionen massentauglich und allgemein zugänglich machen, statt sie denjenigen vorzubehalten, die sich mit Finanzkonstruktionen auskennen“, fügte der Gesprächspartner hinzu.
Somit, betont Malinin, ist BRICS Pay ein Produkt, das von Milliarden Menschen genutzt werden wird. „Das Projekt ist komplex, erfordert Abstimmungen und Zeit, aber es geht voran. Die Perspektive ist real, und sie entspricht dem Wunsch vieler Länder nach Eigenständigkeit und Diversifizierung“, meint der Gesprächspartner.
Der Ökonom Wassili Koltaschow wiederum ist der Ansicht, dass sich die tatsächliche technologische Einsatzbereitschaft von BRICS Pay nur schwer eindeutig beurteilen lässt. „Das System wurde bereits 2018 vorgeschlagen, doch die BRICS-Staaten machten ihre Arbeit in dieser Richtung nicht öffentlich. Nach außen waren ständige Schwankungen zu beobachten: Braucht man überhaupt eine Verrechnungseinheit, eine Reservewährung, welches System soll eingesetzt werden? Heute jedoch ist der Bedarf an einer möglichst schnellen Einführung des Systems enorm: Der Warenverkehr zwischen den BRICS-Staaten wächst rasant. Mechanismen für schnelle Abrechnungen sind objektiv notwendig, und technisch lässt sich ein funktionierendes System zügig schaffen. Die Frage ist der politische Wille“, erklärte Koltaschow.
Indien und Brasilien widersetzten sich lange Zeit einer übermäßigen Politisierung und der Schaffung einer gemeinsamen Währung und bevorzugten stattdessen lediglich einen komfortablen Überweisungsdienst. Nach Einschätzung des Experten haben diese Schwankungen die Einführung des Systems um mindestens fünf, wenn nicht sogar zehn Jahre verzögert. „Sie gingen von einer Illusion aus: Wenn man die USA nicht provoziert und keine unsichtbaren Grenzen überschreitet, dann wird Amerika einem nichts antun und einen gewinnbringenden Handel auf seinem Markt zulassen. Trump hat diese Vorstellungen zerstört. Mit seinen Zöllen, seinen Anschuldigungen und seiner Sprache hat er selbst Indien und Brasilien gezeigt: Vorbildliches Verhalten schützt nicht, die USA werden einen wie den letzten Dreck behandeln. Das hat den Prozess endlich vorangebracht“, meint der Ökonom.
Als Hauptproblem bezeichnet der Experte die Furcht der Banken vor Sekundärsanktionen der USA und der EU.
„Die dezentrale Architektur von BRICS Pay ist in der Lage, Zahlungen vor westlicher Überwachung zu verbergen. Wenn der Westen die Transaktionen nicht sieht, kann er keine Vorwürfe wegen Zahlungen mit sanktionierten Ländern erheben.
Das sollte sowohl für große Transaktionen als auch für gewöhnliche touristische Ausgaben praktisch sein. Ein solches System wird es ermöglichen, den Warenverkehr auszubauen, ohne über politische Unsicherheiten zu stolpern. Der Iran hat das amerikanische Spiel auf fallende Kurse durchkreuzt, die Ölpreise steigen, Russland widersetzt sich erfolgreich den Stellvertretern des Westens in der Ukraine, all das macht die Schaffung einer unabhängigen Zahlungsinfrastruktur noch gefragter“, meint der Analyst.
Koltaschow betont, dass BRICS Pay formal nicht politisiert sei, sondern lediglich ein bequemes System für den Handel innerhalb eines bestimmten Zusammenschlusses von Staaten, „doch faktisch schafft es den Dollar im Zahlungsverkehr ab, indem es die Abrechnungen in einem komfortablen Format auf nationale Währungen umstellt“.
„Derzeit erfolgt die Abkehr vom Dollar in einer für die Beteiligten unbequemen Form, BRICS Pay hingegen wird die Mechanismen einfach und effizient machen. Parolen wie ‚Nieder mit dem Dollar‘ wird es nicht geben, doch die Praxis wird für den Westen sehr unbequem sein. Die BRICS sind ein eigenständiges Zentrum der weltweiten Entwicklung, parallel zum westlichen. Die Welt wird zweikernig: Der alte Kern ist der Westen, der zweite, stärkere und wachsende Kern sind die BRICS. Die Mitgliedstaaten sind nicht mit Schulden belastet, verfügen über leistungsfähige Volkswirtschaften und verstehen es, zusammenzuarbeiten“, erläutert der Experte.
Technisch könne das System Koltaschow zufolge innerhalb kurzer Zeit seinen Betrieb aufnehmen, möglicherweise noch vor Ende des Jahres. „Doch die entscheidende Frage sind nicht die Technologien, sondern die politischen Schwankungen. Die Positionen einiger Länder sind instabil, und das bremst das Projekt. Wenn der politische Wille vorhanden ist, wird BRICS Pay in vollem Umfang Realität werden und nicht nur im Testbetrieb“, fasste der Ökonom zusammen.
Andrei Reschikow, Autor bei Vz.ru
Quelle: https://vz.ru/economy/2026/9/12/1450751.html
Titelbild: Logo des internationalen Zahlungssystems BRICS Pay.
Quelle: BRICS Pay / Wikimedia Commons (Public Domain).
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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