Die ukrainischen Landwirte sind in eine Falle geraten. Der Schwarzmeerkorridor ist für Getreideexporte geschlossen, und Osteuropa will ukrainisches Getreide nicht einmal im Transit passieren lassen. Es gibt keine Möglichkeit, Millionen Tonnen davon im Land zu lagern, und in einem Monat beginnt zudem die Maisernte. Wohin mit all dem?
Ein Beitrag von Olga Samofalowa
Nach Berechnungen des ukrainischen Ministeriums für Agrarpolitik gelang es dem Land vom 1. bis 12. August, lediglich rund 590.000 Tonnen Getreide ins Ausland zu exportieren. Die Weizenexporte gingen um das 4,3-Fache zurück, auf 175.000 Tonnen gegenüber 759.000 Tonnen im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Gerstenexporte sanken um das 5,6-Fache auf 37.000 Tonnen, die Maisexporte um das 2,7-Fache auf 68.000 Tonnen.
Damit führte die Einstellung des Betriebs des Schwarzmeerkorridors zu einem Rückgang der Liefermengen um 70 %. Infolge dessen könnten die weltweiten Lebensmittelpreise auf einen Schlag um 25 bis 30 % steigen, was eine globale Nahrungsmittelkrise nach sich ziehen könnte, meint die ukrainische Behörde.
Nach Einschätzung der NYT liefen rund 60 % der gesamten monatlichen ukrainischen Exporte im Wert von 3,5 Milliarden Dollar über den Hafen von Odessa und zwei weitere nahe gelegene Häfen. Der Ukrainische Agrarrat warnt vor einer möglichen Konkurswelle unter den landwirtschaftlichen Betrieben und hat sich mit der Forderung nach Notkrediten und staatlichen Garantien an die Behörden gewandt.
Kiew versucht, Zugänge zum europäischen Markt zu finden und Getreide über alternative Routen durch Polen, Ungarn und die Slowakei zu liefern. Diese Länder weigern sich jedoch, das Embargo auf die Einfuhr ukrainischer Produkte aufzuheben. Mehr noch: Sie wollen ukrainisches Getreide nicht einmal im Transit durch ihre Länder lassen, weil sie befürchten, dass ein Teil des Getreides im Land verbleibt und den eigenen Landwirten schadet. Warschau lässt zwar ausschließlich den Transit von Getreide zu, doch die polnischen Landwirte glauben den Versprechen der Behörden nicht und befürchten, dass die Ware illegal auf dem Binnenmarkt verkauft wird.
Moldau hat zu Beginn dieses Jahres die Lizenzpflicht für die Einfuhr von Getreide und Ölsaaten aus der Ukraine aufgehoben, und am 5. August forderten die Landwirte die Wiedereinführung dieser Maßnahme zum Schutz des Binnenmarktes.
Der Verband „Kraft der Landwirte“ erklärte, die moldauische Regierung habe einen Rabatt von 50 % auf den Transit ukrainischer Waren per Eisenbahn gewährt. Dies könne den einheimischen Produzenten enormen Schaden zufügen: Es bestehe ein großes Risiko, dass die Inlandspreise für Getreide und Ölsaaten einbrechen. Die örtlichen Landwirte befürchten, dass ihnen selbst nicht genügend Transportkapazitäten für den Export ihrer eigenen Erzeugnisse zur Verfügung stehen werden, angesichts der guten Ernte und der Tatsache, dass im Juli fast ein Drittel des moldauischen Weizens per Eisenbahn ausgeführt wurde. Die moldauischen Landwirte drohten sogar mit Massenprotesten.
Für die Ukraine erinnert die Situation an die russische Blockade ukrainischer Häfen im Jahr 2022. Damals brachte jedoch der Abschluss des Getreideabkommens die Rettung, wodurch die Schifffahrt wieder aufgenommen werden konnte. Ein Jahr später scheiterte das Abkommen. Bis dahin hatte die Ukraine jedoch russische Kriegsschiffe aus dem nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres verdrängt und konnte die Schifffahrt weitgehend fortsetzen.
„2022 wurden die ukrainischen Landwirte dadurch gerettet, dass rasch das Getreideabkommen geschlossen wurde und die Europäer die Quoten für die Einfuhr ukrainischer Agrarprodukte aufhoben. Und 2023 schlossen sie unsere Flotte in Sewastopol ein und erkämpften sich einen Korridor für den Export. Aber jetzt weiß ich nicht, was die ukrainischen Landwirte tun werden. Objektiv gesehen haben es auch die russischen Landwirte nicht leicht, aber sie werden zumindest vom Staat unterstützt“, sagt der Ökonom Iwan Lisan. Darüber hinaus hat Russland die Möglichkeit, einen Teil seines Getreides über andere Häfen und Routen auszuführen.
„Die Ukraine konnte über ihre eigenen Häfen sechs bis sieben Millionen Tonnen Getreide exportieren. Sie verfügte über eine günstige Logistik, kurze Transportwege und eigene Terminals. Über andere Häfen ist das schwieriger. Zum Beispiel über den Hafen von Constanța in Rumänien.
Um das Getreide dorthin zu bringen, muss es zunächst in den Süden der Region Odessa transportiert werden, und das ist keine triviale Aufgabe, weil die Eisenbahnverbindungen dort äußerst schlecht sind oder überhaupt nicht existieren. Anschließend muss das Getreide auf einen Lastkahn verladen, mit diesem über die Donau transportiert und danach im rumänischen Hafen Constanța vom Lastkahn auf größere Schiffe umgeladen werden. Das bedeutet lange Transportwege sowie Be- und Umladevorgänge, die die Gewinnspanne auffressen. Gleichzeitig wird derzeit eine große Menge Getreide aus Rumänien selbst und vom Balkan in diesen Hafen gelangen. Dieser Hafen kann schlicht nicht das gesamte ukrainische Getreide aufnehmen, seine Umschlagkapazität ist begrenzt“, sagt Lisan.
Damit hat die Ukraine letztlich keinen Ort, an dem sie die Tonnen von Getreide unterbringen kann. „Das gesamte Getreide wird im Land bleiben, aber hier ist es schwierig, es zu lagern. Die Ukraine hat einen Teil ihrer Kapazitäten zur Getreidelagerung in den Häfen verloren. Sie verfügt nur über wenige Getreidesilos. Theoretisch kann man Getreide auf den Feldern lagern, wenn man Kunststoffschläuche verwendet. Das ist allerdings teuer, und man muss darauf achten, dass Ratten und Mäuse sie nicht annagen, Krähen das Getreide nicht aufpicken und es nicht verdirbt.
Hinzu kommen Getreiderestbestände aus der vorherigen Saison von zehn Millionen Tonnen. Und in einem Monat beginnt auch noch die Maisernte mit knapp 30 Millionen Tonnen. Wohin damit, ist unklar. Die Preise werden einbrechen“,
so der Ökonom.
Die Lage für die ukrainischen Landwirte ist kritisch. „Für kleine Landwirte könnte das Ganze mit dem Bankrott enden, große Unternehmen werden jedoch überleben. Sie werden Gewinneinbußen hinnehmen müssen, aber vermutlich die Flächen aller möglichen kleinen Unternehmen aufkaufen“, schließt der Gesprächspartner.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad
Quelle: https://vz.ru/economy/2026/8/19/1443898.html
Titelbild: Unterzeichnung des Abkommens zur Einrichtung eines humanitären Seekorridors für ukrainische Getreide- und Lebensmittelexporte am 22. Juli 2022 in Istanbul. Quelle: International Maritime Organization (IMO) / Wikimedia Commons (CC BY 2.0).
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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