In einem in der US-amerikanischen Zeitschrift Palladium veröffentlichten Artikel analysiert der Technologiespezialist und Forscher Daniel Francis, wie der Aufstieg von in China entwickelten Modellen künstlicher Intelligenz (KI) die wirtschaftliche Tragfähigkeit und die strategische Vorherrschaft US-amerikanischer KI-Labore bedroht.
Ein redaktioneller Beitrag von Misión Verdad
Unter dem Titel „Amerikanische KI könnte chinesische Open-Source-Software nicht überleben“ beschreibt der Text die wachsende Besorgnis in den mit Verteidigung und Cybersicherheit verbundenen Kreisen der USA angesichts der Unfähigkeit ihres privatwirtschaftlichen Modells, mit Chinas Open-Source-Strategie zu konkurrieren. Aus der im Artikel dargestellten Perspektive des US-Establishments geht der Konflikt über einen kommerziellen Wettbewerb hinaus und wird zu einem existenziellen Ringen um die globale militärische und technologische Vorherrschaft.
Die Herausforderung durch Open Source gegenüber der technologischen Hegemonie der USA
Francis‘ Analyse geht von den Auswirkungen aus, die die jüngste Veröffentlichung des Modells Kimi K3 auf die US-amerikanische Industrie hatte. Das vom chinesischen Labor Moonshot entwickelte Modell erreichte Leistungswerte, die mit denen von Fable vergleichbar sind, einem proprietären Flaggschiffmodell des US-Unternehmens Anthropic. In Washington schrillten die Alarmglocken vor allem deshalb, weil K3 nur eine Woche nachdem die US-Behörden die Nutzung von Fable aus Sorge vor dessen operativen Fähigkeiten in der Cyberkriegsführung vorübergehend eingeschränkt hatten, veröffentlicht wurde.
Dass ein ausländisches Labor ein Modell mit ähnlicher Leistungsfähigkeit wie jenes, das die US-Regierung beinahe so überwacht, als wäre es „praktisch eine Atomwaffe“, frei und allgemein zugänglich veröffentlicht, stellt nach den Worten des Autors einen „schweren Schlag für den regulatorischen Rahmen der KI in den Vereinigten Staaten“ dar.
Im Mittelpunkt des Textes steht die Asymmetrie der Ressourcen. Obwohl chinesische Labore mit erheblichen Beschränkungen beim Zugang zu modernsten Hochleistungschips konfrontiert sind und über kleinere Budgets als die Unternehmen des Silicon Valley verfügen, erzielen sie mithilfe der technischen Methode der „Destillation“ Ergebnisse auf hohem Niveau. Anstatt die milliardenschweren Kosten für die Verarbeitung riesiger ursprünglicher Datenbestände, Texte oder Bücher zu tragen, trainieren Entwickler in China ihre Systeme direkt mit den Antworten, die von den fortschrittlichsten US-amerikanischen Modellen erzeugt werden. Dadurch können sie die Fähigkeiten amerikanischer KI mit hoher Genauigkeit und zu einem Bruchteil der ursprünglichen Kosten nachbilden.
Diese Dynamik untergräbt die finanzielle Tragfähigkeit des privatwirtschaftlichen Innovationsmodells der USA. Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic müssen ihre Forschung und Recheninfrastruktur durch Risikokapital finanzieren und sowohl für das Training als auch für die spätere Nutzung ihrer Dienste Einnahmen erzielen. Die chinesische Strategie hingegen beseitigt die primären Entwicklungskosten und konkurriert, indem sie den Code kostenlos anbietet und lediglich für die Rechenleistung Gebühren verlangt. Der Autor fasst die Auswirkungen dieser Marktstrategie auf die Unternehmen seines Landes folgendermaßen zusammen:
„Die Strategie, amerikanische KI-Modelle zu destillieren und die Gewichte kostenlos anzubieten, kann als brillante Taktik verstanden werden, um eine ausländische Industrie auszubremsen, die nach einem dauerhaften strategischen Vorteil strebt (…) Ein Unternehmen, das auf die Trainingskosten verzichten und lediglich Gebühren für die Inferenz unter Verwendung eines Open-Weight-Modells erheben kann, genießt einen klaren wirtschaftlichen Vorteil gegenüber Laboren wie OpenAI und Anthropic (…) das Ergebnis ist für unsere heimische KI-Industrie potenziell verheerend.“
Dieses wirtschaftliche Dilemma reicht über die kommerziellen Interessen großer Unternehmen und ihrer Investoren hinaus. Da die für den kommerziellen Markt entwickelten US-amerikanischen Sprachmodelle zugleich vom Pentagon für Cyberverteidigungsmissionen und zur Zielerfassung im Einsatzgebiet genutzt werden, wird die Erosion der finanziellen Anreize zur Erforschung und zum Training neuer Modelle in der Argumentation des Artikels als direkter Angriff auf die künftige militärische Vorherrschaft der USA interpretiert.
Staatliche Subventionierung und militärische Kontrolle: die Antwort, über die das Establishment diskutiert
Angesichts der technischen Unmöglichkeit, frei zugängliche und über das Internet verbreitete Software vollständig zu verbieten, beschreibt der Palladium-Text die Alternativen, die in Washingtoner Machtkreisen diskutiert werden, um den Verlust der Vorherrschaft aufzuhalten. Unter den ersten Vorschlägen hebt Francis den Ansatz von Dean Ball hervor, einem ehemaligen Mitarbeiter der Trump-Regierung und heutigen leitenden Mitarbeiter von OpenAI. Dieser schlägt vor, regulatorischen Druck und rechtliche Unsicherheit zu nutzen, um große Unternehmen davon abzuhalten, ausländische Open-Source-Werkzeuge einzusetzen und damit den Unternehmen des Silicon Valley einen festen Kundenstamm zu sichern.
Der Artikel warnt jedoch davor, dass solche kommerziellen Maßnahmen angesichts der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung nicht ausreichen. Für Francis stellt künstliche Intelligenz keinen vorübergehenden taktischen Vorteil dar, wie es einst Atomwaffen oder Tarnkappentechnologie waren, sondern eine Technologie mit einem „dauerhaften strategischen Vorteil“. Der Grund dafür liege im Phänomen der rekursiven Selbstverbesserung (RSI), einem Prozess, bei dem Algorithmen selbstständig die Forschung und das Training zukünftiger KI-Generationen in übermenschlichem Tempo übernehmen. Der Autor beschreibt den Widerspruch, eine solche Ressource dem Massenkonsum-Markt zu überlassen, folgendermaßen:
„Wenn diese Prämissen zutreffen, dann ist die gegenwärtige Situation, in der eine solche Technologie vom privaten Sektor für Anwendungen wie die Unterstützung von Programmierern und die Bereitstellung von Rezepten finanziert wird, ein beinahe komischer historischer Fehler (…) In dem Maße, wie die Verbesserung von Modellen durch RSI zu einer immer zuverlässigeren Methode wird, werden kommerzielle Modelle größtenteils stagnieren und künftige Trainingsläufe vollständig von der Regierung finanziert und genutzt werden.“
Unter dieser Prämisse läuft die Antwort der US-Regierung auf eine direkte Subventionierung und Verstaatlichung des Spitzensektors hinaus. Der Text entwirft ein Szenario, in dem der Staat die finanziellen Kosten für das Training der fortschrittlichsten Modelle übernimmt und im Gegenzug deren tatsächliche Fähigkeiten dem kommerziellen Markt entzieht, um ihre Nutzung ausschließlich dem Pentagon und den Nachrichtendiensten vorzubehalten. Der Experte beendet seine Analyse mit der Warnung, dass das Narrativ des freien Handels in der US-amerikanischen IT-Industrie angesichts des chinesischen Vormarschs an sein Ende gelangt sei:
„Es ist nicht zu erwarten, dass eine vernünftig handelnde US-Regierung zulassen wird, dass die amerikanische Vorherrschaft bei der KI angesichts subventionierter ausländischer Konkurrenz dahinschwindet, wie es zuvor bei so vielen Stahlwerken und Reifenfabriken geschehen ist. Die Folgen einer künftigen Kontrolle über KI könnten weit über die jeder früheren Technologie hinausgehen.“
Auf diese Weise verdeutlicht die in Palladium vertretene Position den doktrinären Kurswechsel des US-amerikanischen Establishments: Angesichts des Wettbewerbsdrucks durch frei zugängliche Entwicklungen aus China tritt der Diskurs des freien Wettbewerbs zunehmend hinter ein ausdrücklich protektionistisches Modell mit staatlicher Finanzierung und militärischer Unterordnung der technologischen Entwicklung des Silicon Valley zurück. Eine Strategie, die unter der Trump-Regierung zudem bereits mit hohem Tempo vorangetrieben wird.
Misión Verdad, eine Gruppe unabhängiger Forscher, die sich der Analyse des Kriegsprozesses gegen Venezuela und seiner globalen Auswirkungen widmen.
Quelle: https://misionverdad.com/globalistan/eeuu-esta-perdiendo-la-guerra-de-la-ia-contra-china
Aus dem Spanischen übersetzt durch Berlin 24/7.
Titelbild: Roboter auf der World Artificial Intelligence Conference (WAIC) 2025 in Shanghai, China. Quelle: Xuthoria / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0).
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