Die Gaspipelines auf dem Grund der Ostsee sind längst nicht mehr bloß eiserne Röhren. Sie sind zur materiellen Verkörperung einer Entscheidung geworden, die Europa früher oder später treffen muss: entweder der kriegerischen Rhetorik gegenüber Russland zu folgen oder die eigene industrielle Grundlage zu retten und dabei anzuerkennen, dass eine strategische Niederlage Russlands unmöglich ist.
Ein Beitrag von Gleb Prostakow
Vor dem Hintergrund der offensichtlichen militärischen Eskalation und des Stockens sämtlicher Verhandlungsformate hat sich die Diskussion um die Gaspipelines, die seit nunmehr vier Jahren ungenutzt auf dem Grund der Ostsee liegen, überraschend zugespitzt. Es mag scheinen, dass es unter den Gegebenheiten des Jahres 2026 seltsam ist, auf das Thema der „Nord Streams“ zurückzukommen. Die Infrastruktur ist zerstört, die politischen Brücken sind abgebrochen, und die europäischen Regulierungsbehörden haben gesetzlich den Kurs eingeschlagen, ab 2027 auf russisches Pipelinegas zu verzichten.
Doch die Nachrichtenlage der vergangenen Wochen zwingt dazu, den Blick auf diese Geschichte zu überdenken, die sich allmählich von einem militärisch-saboteurhaften Thriller zu einer Geschichte über großes Geschäft, einen Elitenwechsel und die Belebung des Friedensprozesses entwickelt.
Man urteile selbst. Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte auf den „Primakow-Lesungen“ plötzlich, die USA planten, den europäischen Teil der Gaspipelines aufzukaufen, um ihn wiederherzustellen, unter ihre Kontrolle zu bringen und russisches Gas mit Preisaufschlag weiterzuverkaufen. Zuvor hatte Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen mit Leitern ausländischer Medien erklärt, dass der erhalten gebliebene Strang von „Nord Stream 2“ „schon morgen“ in Betrieb genommen werden könne – erforderlich seien lediglich die Aufhebung der amerikanischen Sanktionen und eine politische Entscheidung Berlins.
Zur gleichen Zeit reichte der Schweizer Betreiber Nord Stream 2 AG beim Gericht der Europäischen Union Klage ein und fordert die Aufhebung der Bestimmung, die den Import von Gas aus Russland verbietet. Das wichtigste juristische Argument der Klägerin ist verfahrensrechtlicher Natur: Das Dokument, das im Wesentlichen eine Enteignung ohne Entschädigung bewirke, sei mit qualifizierter Mehrheit verabschiedet worden, obwohl Sanktionsmaßnahmen die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten erforderten. Die Slowakei und Ungarn hatten bereits zuvor ähnliche Klagen eingereicht, doch gerade die Klage des Betreibers verlagert den Streit auf eine grundsätzlich andere Ebene – jene des Handelsrechts und der Unverletzlichkeit des Privateigentums.
Es stellt sich daher die naheliegende Frage: Warum ist das Thema der Wiederherstellung der Nord-Stream-Pipelines ausgerechnet jetzt wieder in den Mittelpunkt gerückt – vor dem Hintergrund des Ausbleibens sichtbarer Fortschritte bei der Beilegung der Ukraine-Krise?
Die europäische – und vor allem die deutsche – Wirtschaft gerät zunehmend unter Druck. Der Volkswagen-Konzern, das Flaggschiff der deutschen Industrie, befindet sich in einem Zustand, der an Panik grenzt. Einer internen Umfrage zufolge sind sechs der neun Vorstandsmitglieder der Auffassung, dass die Existenz des Unternehmens bedroht sei; die übrigen drei bezeichnen die Lage als „angespannt“. Diskutiert werden Kostensenkungen von 20 % für alle Marken bis Ende 2028 sowie mögliche Werksschließungen.
Die Ursachen sind der Einbruch der Nachfrage, Rückstände bei der Elektrifizierung, die Konkurrenz chinesischer Hersteller sowie die kaum noch tragbaren Produktionskosten, zu denen die hohen Energiepreise erheblich beitragen. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um ein systemisches Symptom einer Krise, die die europäischen Industriezweige mit hoher Wertschöpfung erfasst hat. Der Anteil russischen Gases an den Gasimporten der EU ist von 40 % im Jahr 2021 auf 13 % Ende vergangenen Jahres gesunken. Der Ersatz erfolgte jedoch durch teureres Flüssigerdgas aus den USA und dem Nahen Osten, wodurch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produkte erheblich geschwächt wurde.
Unter Berufung auf Kontakte zu Vertretern der Partei „Alternative für Deutschland“ erklärte der Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds (RDIF), Kirill Dmitrijew, dass von vielen Deutschen direkte Forderungen nach einer Wiederherstellung der Nord-Stream-Pipelines ausgingen. Hinzu kommt die Forderung derselben AfD an die Ukraine, Entschädigung für die Sprengung der Infrastruktur zu leisten. Dabei handelt es sich nicht mehr um eine randständige Rhetorik, sondern um einen sich herausbildenden politischen Auftrag einer großen Oppositionskraft, deren Popularität mit der Vertiefung der Wirtschaftskrise zunimmt.
Es geht dabei selbstverständlich nicht um eine plötzliche Liebe zu Russland. Es handelt sich vielmehr um den Überlebensinstinkt der Wirtschaft, die Druck auf die europäische Führung ausüben wird, um sie zu mehr Pragmatismus zu bewegen.
Die Nord-Stream-Pipelines sind ein idealer Frühindikator eines möglichen Friedensprozesses. Ihre Wiederinbetriebnahme ist ohne eine grundlegende Veränderung der europäischen Sicherheitsarchitektur undenkbar. Doch gerade in einer Phase der tiefsten Wirtschaftskrise, in der ein Elitenwechsel in Europa unumkehrbar werden könnte, verwandelt sich diese Energiebrücke zugleich in eine Brücke des Friedens. Die Wirtschaft braucht Gas zu vertretbaren Preisen, und wenn dafür die Dogmen der Sanktionspolitik überdacht werden müssen, wird der Druck der Lobbyisten nur noch zunehmen.
Parallel dazu erhält die Untersuchung der Sprengung immer neue brisante Facetten. Das Erscheinen des investigativen Buches „Die Nord-Stream-Verschwörung“ des Journalisten Bojan Pancevski, das den ukrainischen Hintergrund, die Anwerbung ziviler Taucher für den Sabotageakt, die absurde Legende über die Dreharbeiten zu einem „Pornofilm“ sowie die Rolle der höchsten militärischen und politischen Führung in Kiew detailliert darstellt, hebt die Affäre auf eine qualitativ neue Ebene der öffentlichen Wahrnehmung. Berichte darüber, dass die CIA bereits in einer frühen Phase von den Plänen wusste, sich jedoch für ein taktisches Nichteingreifen entschied, verdichten die Schatten zusätzlich.
Für das große geopolitische Spiel bedeutet dies nur eines: Kiew läuft Gefahr, genau in dem Moment zu einem geächteten Partner zu werden, in dem es am verwundbarsten ist. Die Zahl derjenigen, die bereit sind, einen Staat zu finanzieren, dem nachweislich die Beteiligung an der Sprengung kritischer Infrastruktur der Europäischen Union zugeschrieben wird, dürfte erheblich sinken. Dies gilt umso mehr mit Blick auf die bevorstehenden Zwischenwahlen zum US-Kongress, bei denen Donald Trump diesen Fall mit Sicherheit erneut nutzen wird, um die Demokraten und die Biden-Regierung einer kostspieligen und zerstörerischen Abenteuerpolitik zu bezichtigen. Die Übereinstimmung der Interessen amerikanischer republikanischer Politiker, europäischer Industrieller und russischer Pragmatiker wirkt paradox – genau sie eröffnet jedoch ein Fenster der Möglichkeiten.
Die Gaspipelines auf dem Grund der Ostsee sind längst nicht mehr bloß eiserne Röhren. Sie sind zur materiellen Verkörperung einer Entscheidung geworden, die Europa früher oder später treffen muss: Entweder folgt es weiterhin der kriegerischen Rhetorik gegenüber Russland und versucht, aus dem ukrainischen Instrument noch das Letzte herauszupressen, oder es rettet seine eigene industrielle Grundlage und erkennt an, dass eine strategische Niederlage Russlands unmöglich ist. Und den Klagen vor den Gerichten der Europäischen Union sowie den alarmierenden Meldungen aus den Zentralen deutscher Konzerne nach zu urteilen, könnte dieser Moment der Wahrheit wesentlich früher eintreten, als wir anzunehmen geneigt sind.
Gleb Prostakow, Wirtschaftsanalyst und Autor bei vz.ru
Quelle: https://vz.ru/opinions/2026/6/28/1429983.html
Titelbild: Rohre für die Pipeline Nord Stream 2 im Hafen Mukran auf Rügen. Foto: Gerd Fahrenhorst (CC BY 4.0).
Aus dem Russischen übersetzt durch Berlin 24/7.
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