„El Súper Niño“: Symptom einer umfassenden Zivilisationskrise

Venezuela ergreift konkrete Maßnahmen, um seinen Auswirkungen zu begegnen.

Ein redaktioneller Beitrag von Misión Verdad

Am vergangenen Sonntag, dem 2. August, berief die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez eine Videokonferenz mit den Gouverneuren und dem Kabinett ein, um die Wiederherstellung des Nationalen Elektrizitätssystems (SEN) nach der jüngsten Doppel-Erdbebenserie sowie die Aktivierung eines Präventionsplans angesichts des als „Super Niño“ bekannten Klimaphänomens zu bewerten.

Sie erläuterte, dass das Erdbeben schwere Schäden an den Übertragungsleitungen und an der thermischen Stromerzeugung verursacht habe. Besonders hob sie den Ausfall von 600 MW im Kraftwerk Termo Carabobo hervor, von denen – wie sie mitteilte – bereits 300 MW wiederhergestellt worden seien. „Die Schwankungen, die wir in den vergangenen Stunden erlebt haben, stehen in direktem Zusammenhang mit dem erheblichen Ausfall dieser 600 MW“, erklärte die amtierende Präsidentin.

Über die Schäden an der Infrastruktur hinaus ordnete Rodríguez die Warnung in einen globalen Zusammenhang ein. Sie zeigte eine Grafik des Multivariaten El-Niño/Südliche-Oszillation-Index (MEI) und warnte, dass die Temperatur über den Ozeanen von 1,25 °C auf 1,94 °C angestiegen sei. „Als das Pariser Abkommen ausgehandelt wurde, galt bereits eine Erwärmung von mehr als 1 °C als Klimanotstand“, erklärte sie.

Das Bild zeigt die Abweichungen der Meeresoberflächentemperatur im Pazifischen Ozean gegenüber dem Zeitraum 1951–1980. Sie gelten als Indikator für die Stärke des El-Niño-Phänomens und weisen auf eine mögliche kumulierte Temperaturabweichung von 3,5 °C hin (rote Linie rechts). (Foto: Climate Change Institute – University of Maine, USA)

Die amtierende Präsidentin rief dazu auf, „ein anderes ökologisches Klimabewusstsein“ zu entwickeln angesichts einer Situation, die keinen weiteren Aufschub mehr zulasse. Die Botschaft war eindeutig: Die Stabilität der venezolanischen Stromversorgung lässt sich nicht von der globalen klimatischen Instabilität trennen.

El Niño und seine Auswirkungen im Alltag

El Niño–Südliche Oszillation (ENSO) ist vereinfacht gesagt ein periodisches Zusammenspiel zwischen Ozean und Atmosphäre im tropischen Pazifik. Während einer El-Niño-Phase schwächen sich die östlichen Passatwinde, die normalerweise das warme Wasser in Richtung Asien treiben, ab oder kehren ihre Richtung sogar um.

Dadurch verlagert sich der sogenannte „Warmwasserpool“ des westlichen Pazifiks in Richtung der amerikanischen Küsten – vor Peru und Ecuador – und erwärmt die Meeresoberfläche großflächig. Die NASA erklärt, dass dieses Phänomen die atmosphärische Zirkulation auf globaler Ebene verändert, Meeresströmungen beeinflusst und Niederschläge sowie Dürreperioden auf der ganzen Welt neu verteilt.

Sein Gegenstück, La Niña, wirkt umgekehrt: Die Passatwinde verstärken sich, stauen die Wärme im westlichen Pazifik und bringen häufig starke Niederschläge in Regionen, die während El Niño austrocknen.

Im venezolanischen Alltag führt dies zu einer kritischen Zweiteilung. El Niño wird gewöhnlich mit lang anhaltenden Dürren, hohen Temperaturen und sinkenden Wasserständen in Flüssen und Stauseen in Verbindung gebracht. La Niña hingegen geht mit Starkregen, anschwellenden Flüssen und Überschwemmungen einher. „Super Niño“ ist zwar kein offizieller Fachbegriff, wird von Meteorologen jedoch verwendet, um außergewöhnlich intensive El-Niño-Ereignisse zu bezeichnen – jene, bei denen die Temperaturabweichungen mehr als 2 °C über dem historischen Durchschnitt liegen.

Nach Angaben des Climate Prediction Center der NOAA besteht eine Wahrscheinlichkeit von 81 %, dass El Niño zwischen Oktober und Dezember dieses Jahres eine „sehr starke“ Intensität erreicht. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 % wird das Phänomen bis zum Frühjahr 2027 auf der Nordhalbkugel andauern. Der Niño-3.4-Index lag bereits bei +1,2 °C, während der östliche Niño-1+2-Index +2,7 °C erreichte.

Vielfältige Auswirkungen auf Wasser-, Energie-, Gesundheits- und Lebensmittelversorgung

Ein großer Teil der venezolanischen Stromversorgung basiert auf Wasserkraft – insbesondere auf dem Wasserkraftkomplex Guri. Eine lang anhaltende Dürre führt zu sinkenden Wasserständen in den Stauseen und macht den verstärkten Einsatz thermischer Kraftwerke erforderlich. Dadurch steigen die Kosten pro Kilowattstunde und zugleich die Emissionen.

Um den Folgen der klimatischen Instabilität zu begegnen, kündigte die amtierende Präsidentin vier vorbeugende Maßnahmen an:

  • die Bereitstellung zusätzlicher 480 MW thermischer Stromerzeugung auf Grundlage neuer Verträge und Kooperationen mit Unternehmen wie General Electric und INSA;
  • einen landesweiten Einsatz zur Vorbeugung von Waldbränden, zur kontinuierlichen Überwachung der Stauseen und zum Schutz der Wassereinzugsgebiete;
  • eine enge Zusammenarbeit mit der Agrarindustrie über den Nationalen Wirtschaftsrat, um die Ernährungssicherheit angesichts von Dürreperioden zu gewährleisten;
  • einen breiten Aufruf zum bewussten Sparen von Wasser und Energie in den Familien und am Arbeitsplatz.

Diese kurzfristigen Maßnahmen stoßen jedoch auf die Grenzen der finanziellen Einschränkungen. Nach Angaben von Oswaldo Felizzola, Experte am IESA, verfügt Venezuela zwar theoretisch über eine installierte Leistung von 36 GW, das Stromnetz arbeitet derzeit jedoch lediglich mit 30 bis 35 % dieser Kapazität. Dieses chronische Defizit ist nicht allein auf Naturphänomene zurückzuführen, sondern auch auf mehr als ein Jahrzehnt einseitiger Zwangsmaßnahmen, die den rechtzeitigen Erwerb von Ersatzteilen und speziell angefertigten Anlagen – deren Herstellung bis zu fünf Jahre dauern kann – verhindert und die Reaktionsfähigkeit der nationalen Elektrizitätswirtschaft erheblich eingeschränkt haben.

Während einer El-Niño-Phase kann die Leistung eines Wasserkraftwerks aufgrund des Wassermangels von 100 % auf 30 % seiner Kapazität sinken. In Nachbarländern wie Kolumbien wird bereits vor sinkenden Pegelständen von Flüssen und Stauseen, einer erhöhten Waldbrandgefahr sowie Risiken für die Wasserversorgung und die Stromerzeugung gewarnt. Extreme Hitzewellen mit Temperaturen von über 38 °C führen zudem zu einer Zunahme von Dehydrierung, Hitzeerschöpfung und Atemwegserkrankungen infolge des Rauchs von Waldbränden.

Frühere El-Niño-Ereignisse – etwa im Jahr 2016 – führten zu extremen Dürren, die die Stromerzeugungskapazität des Guri-Staudamms erheblich beeinträchtigten. (Foto: Alba Ciudad)

Am vergangenen Sonntag, dem 2. August, berief die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez eine Videokonferenz mit den Gouverneuren und dem Kabinett ein, um die Wiederherstellung des Nationalen Stromnetzes (SEN) nach der jüngsten Doppel-Erdbebenserie sowie die Aktivierung eines Präventionsplans im Hinblick auf das als „Super Niño“ bekannte Klimaphänomen zu bewerten.

Sie erläuterte, dass das Erdbeben erhebliche Schäden an den Übertragungsleitungen sowie an der thermischen Stromerzeugung verursacht habe. Besonders hob sie den Ausfall von 600 MW im Kraftwerk Termo Carabobo hervor, von denen – wie sie mitteilte – bereits 300 MW wiederhergestellt worden seien. „Die Schwankungen, die wir in den vergangenen Stunden erlebt haben, stehen in direktem Zusammenhang mit dem erheblichen Ausfall dieser 600 MW“, erklärte die amtierende Präsidentin.

Über die Schäden an der Infrastruktur hinaus ordnete Rodríguez die Warnung in einen globalen Zusammenhang ein. Sie zeigte eine Grafik des Multivariaten El-Niño/Südliche-Oszillation-Index (MEI) und warnte, dass die Temperatur über den Ozeanen von 1,25 °C auf 1,94 °C angestiegen sei. „Als das Pariser Abkommen ausgehandelt wurde, galt bereits eine Erwärmung von mehr als 1 °C als Klimanotstand“, erklärte sie.

Im wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Bereich wirkt sich die Wasserknappheit negativ auf die Ernten aus, verändert die Aussaatzyklen und lässt die Weideflächen austrocknen. Das kritische Szenario wird zusätzlich durch die aktuellen geopolitischen Entwicklungen in Russland und Westasien verschärft. Deshalb erklärt die venezolanische Regierung den Schutz der Agrar- und Lebensmittelversorgung zu einer vorrangigen Frage der Staatssicherheit.

Im Bereich der öffentlichen Gesundheit verschärfen extreme Temperaturen Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig begünstigt die häusliche Wasserspeicherung – infolge der notwendigen Rationierung – die Ausbreitung von Überträgern viraler Krankheiten.

UN-Generalsekretär António Guterres warnte: „El Niño verstärkt sich und heizt einen Planeten an, der bereits in Flammen steht.“ Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) werden „bis Oktober praktisch alle Landregionen der Erde wärmer als gewöhnlich sein“.

Der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher kündigte am 28. Juli 2026 die Bereitstellung von bis zu 100 Millionen US-Dollar für vorausschauende Hilfsmaßnahmen an und warnte, dass dieses El-Niño-Ereignis dasjenige der Jahre 2023/2024 übertreffen könnte, das Dutzende Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen machte.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sieht ihrerseits erhebliche Risiken für die Landwirtschaft in der Sahelzone, im südlichen Afrika, in Südostasien sowie im Trockenkorridor Mittelamerikas.

Die Investmentbank J.P. Morgan schätzt, dass El Niño – in Verbindung mit einem Ölpreis von nahezu 100 US-Dollar pro Barrel – die Lebensmittelinflation in Kolumbien, Brasilien und Peru um 132 bis 209 Basispunkte erhöhen könnte. Die Reisproduktion, die für Milliarden Menschen die Ernährungsgrundlage bildet, könnte in den am stärksten betroffenen Regionen um 20 bis 50 Prozent zurückgehen.

„Super Niño“ als Symptom einer umfassenden Krise

Der „Super Niño“ des Jahres 2026 ist Ausdruck der globalen Umweltkrise und macht deutlich, dass die planetaren Belastungsgrenzen überschritten werden. Nach Angaben des Planetary Boundaries Science Lab des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sind inzwischen sieben der neun kritischen Belastungsgrenzen des Erdsystems überschritten – eine mehr als im vorherigen Bericht.

„Mehr als drei Viertel der lebenserhaltenden Systeme der Erde befinden sich nicht mehr im sicheren Bereich. Die Menschheit überschreitet die Grenzen eines sicheren Handlungsspielraums, wodurch das Risiko einer Destabilisierung des Planeten steigt“, betonte Johan Rockström, Direktor des PIK und Mitautor des Berichts.

Neben dem Klimawandel, dem Verlust der biologischen Vielfalt, der Entwaldung und veränderten Landnutzung, der Störung der Stickstoff- und Phosphorkreisläufe sowie dem Überschuss an gespeicherter Energie wird nun auch die Überschreitung der Belastungsgrenze durch die Versauerung der Ozeane festgestellt. Diese Prozesse, die das Gedeihen der Zivilisationen in den vergangenen 10.000 Jahren ermöglicht haben, haben inzwischen die „roten Linien“ überschritten.

Prozesse, die das Gedeihen der Zivilisationen in den vergangenen 10.000 Jahren ermöglicht haben, haben inzwischen die „roten Linien“ überschritten. (Foto: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung)

Der Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) aus dem Jahr 2023 stellt fest, dass die vom Menschen verursachte globale Erwärmung, angetrieben durch den Ausstoß von Treibhausgasen, die Intensität und Häufigkeit von Phänomenen wie El Niño verstärkt hat. Die Rekordtemperaturen der Ozeane sind sowohl Ursache als auch Folge der Überschreitung der planetaren Belastungsgrenzen.

Dieses Szenario macht eine zivilisatorische Krise sichtbar, die weit über den Umweltbereich hinausgeht. Die Menschheit steht nicht nur vor einer Energie- oder Klimakrise, sondern vor einer systemischen Herausforderung, die ein Umdenken des vorherrschenden Produktions- und Konsummodells erfordert. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen auf Kosten natürlicher Ökosysteme sowie die Anhäufung künstlicher Stoffe, welche die Aufnahmekapazität des Planeten übersteigen, sind Ausdruck eines Zivilisationsmodells, das die Erde in eine Situation ernsthafter Gefährdung geführt hat.

Die Vorbereitungen Venezuelas auf den „Super Niño“ sind zwar notwendig, finden jedoch im Kontext einer strukturellen Verwundbarkeit statt, die sich nicht allein durch lokale Maßnahmen beheben lässt. Vorbeugende Maßnahmen, Energiesparen und der Schutz der Landwirtschaft sind unmittelbare Reaktionen auf eine Krise, deren tiefere Ursachen globale Veränderungen erfordern.

Die Warnung der amtierenden Präsidentin vor der Notwendigkeit eines „anderen ökologischen Klimabewusstseins“ zielt genau auf diese kulturelle und zivilisatorische Dimension der Herausforderung ab, auch wenn sich die angekündigten Maßnahmen eher auf das Management der akuten Krise als auf einen grundlegenden Strukturwandel konzentrieren.

Die Überschreitung der planetaren Belastungsgrenzen ist eine Warnung. Wie verschiedene Wissenschaftler und soziale Bewegungen hervorheben, besteht weiterhin die Möglichkeit zu handeln – durch ambitionierte politische Maßnahmen, die Verringerung der Emissionen, den Schutz der biologischen Vielfalt sowie eine Umgestaltung der Produktions- und Konsumsysteme, insbesondere in den Ländern des globalen Nordens.

Der Handlungsspielraum wird jedoch immer kleiner. Die thermodynamischen Grenzen, auf die ein möglicher ökologischer Wandel unter dem gegenwärtigen kapitalistischen Modell stoßen würde, sind eng gesetzt – vor allem deshalb, weil dieses Modell auf unbegrenztem Wachstum auf einem endlichen Planeten beruht. Darüber hinaus muss die Vorbereitung auf extreme Ereignisse wie den „Super Niño“ von einer grundlegenden Reflexion über die Nachhaltigkeit des Zivilisationsmodells begleitet werden, das solche Entwicklungen hervorbringt.

Venezuela hat immer wieder auf die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen hingewiesen – und der Preis, den das Land für diese Forderungen zahlt, ist offensichtlich.


Misión Verdad, eine Gruppe unabhängiger Forscher, die sich der Analyse des Kriegsprozesses gegen Venezuela und seiner globalen Auswirkungen widmen.

Quelle: https://misionverdad.com/globalistan/el-super-nino-sintoma-de-una-crisis-civilizatoria-integral

Aus dem Spanischen übersetzt durch Berlin 24/7.

Titelbild: Weltkarte der Meeresoberflächentemperaturen während des starken El-Niño-Ereignisses im Jahr 2016. Rot markiert überdurchschnittlich warme, Blau unterdurchschnittlich kühle Wassertemperaturen. Quelle: NOAA / Wikimedia Commons (Public Domain).

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