In Japan entsteht eine neue militärische Struktur: Die Luftstreitkräfte werden bereits im kommenden Jahr zu Luft- und Weltraumstreitkräften. Dies ist nicht einfach nur eine Umbenennung, sondern eine wichtige Führungsentscheidung. Welche Errungenschaften hat Japan im Weltraum vorzuweisen, und warum kann der japanische Militarismus schon in absehbarer Zukunft zu einer realen Bedrohung für Russland werden?
Ein Beitrag von Alexander Timochin
Vor allem sollte man Japans Leistungen im Weltraum nicht unterschätzen. Japan ist beispielsweise das einzige Land der Welt, das die technische Möglichkeit nachgewiesen hat, Bodenproben von Asteroiden zur Erde zu bringen.
Im Jahr 2003 startete Japan die Forschungssonde „Hayabusa“, deren Aufgabe darin bestand, sich dem Asteroiden Itokawa zu nähern, den Forschungs-Min Roboter „Minerva“ auf dessen Oberfläche abzusetzen und anschließend Bodenproben zurückzubringen. Der Flug verlief schwierig, mit Störungen und am Rande des Scheiterns: Der Roboter „Minerva“ ging verloren, auch „Hayabusa“ selbst wäre beinahe verloren gegangen, zeitweise brach die Verbindung zur Sonde ab. Doch schließlich gelang es den Japanern im Jahr 2010, Mikromengen von Asteroidenmaterial zur Erde zu bringen.
Vier Jahre nach der Rückkehr der Kapsel von „Hayabusa“ startete die japanische Agentur für Luft- und Raumfahrtforschung die zweite Sonde „Hayabusa-2“, deren Ziel die Rückführung von Bodenproben des Asteroiden Ryugu war.
Wichtig ist, dass Japan für den Start seiner Raumfahrzeuge keine ausländische Hilfe benötigt – sie werden sämtlich mit den Trägerraketen der H-2-Serie von Mitsubishi Heavy Industries in verschiedenen Ausführungen oder – früher – mit der Feststoffrakete M-V sowie anschließend mit den Trägerraketen der Epsilon-Serie gestartet, die von der Japanischen Agentur für Luft- und Raumfahrtforschung und Ishikawajima-Harima Heavy Industries entwickelt wurden. Alle diese Raketen haben eine hohe Zuverlässigkeit bewiesen. Auch über die Weltraumbahnhöfe verfügt Japan selbst.
Diese Erfolge kommen nicht von ungefähr – Japan begann bereits 1965 mit der Entwicklung seines ersten Satelliten und startete ihn 1970 eigenständig. Seitdem haben die Japaner 384 Raumfahrzeuge gestartet, darunter interplanetare Forschungsstationen, Weltraumteleskope sowie das unbemannte Frachtraumschiff HTV zur Versorgung der Internationalen Raumstation (ISS). Das größte druckbeaufschlagte Modul der ISS ist das japanische Modul „Kibō“, das zum amerikanischen Segment der Station gehört.
Seit 2003 werden im Rahmen des Programms Information Gathering Satellite („Informationssammlungssatellit“) japanische Satelliten für militärische Zwecke in die Umlaufbahn gebracht. Gegenwärtig umfasst das japanische Satellitenaufklärungssystem 13 aktive Radar- und optische Aufklärungssatelliten.
Die Raketentechnologien Japans ermöglichen den Bau vergleichsweise kleiner Raketen, die Höhen von vielen Hundert Kilometern erreichen. Offiziell gelten diese Raketen als meteorologische Raketen, verfügen jedoch teilweise über Leistungsparameter, die für meteorologische Zwecke weit über das Erforderliche hinausgehen. Dieses technologische Potenzial ermöglicht es Japan durchaus, an Systemen zur Bekämpfung von Satelliten vom Boden aus zu arbeiten.
Von See aus ist Japan jedoch bereits heute in der Lage, Raumfahrzeuge abzuschießen. Gegenwärtig können sechs japanische Lenkwaffenzerstörer die Abfangraketen Standard SM-3 einsetzen. Diese Waffen wurden zum Schutz vor ballistischen Raketen entwickelt und sind konstruktiv auf diese Aufgabe optimiert. Aufgrund ihrer Reichweite und Einsatzhöhe eignen sie sich jedoch ebenso zum Einsatz gegen Raumfahrzeuge. Japan ist nach den Vereinigten Staaten das zweite Land der Welt, dessen Kriegsschiffe über diese Fähigkeit verfügen.
Derzeit wird auf der Werft von Mitsubishi Heavy Industries in Nagasaki die Aegis System Equipped Vessel (ASEV) gebaut – speziell für die Raketenabwehr (de facto jedoch für die Weltraumabwehr) entwickelte Überwasserschiffe, die hinsichtlich ihres Potenzials zur Raketen- und Satellitenabwehr alles übertreffen sollen, was die US-Marine derzeit besitzt. Insgesamt befinden sich zwei Schiffe im Bau. Sie sollen mit AN/SPY-7-Radaranlagen ausgestattet werden, eine Verdrängung von 12.000 Tonnen, eine Länge von rund 190 Metern sowie 128 Raketen in vertikalen Startanlagen besitzen.
Damit verfügt Japan bereits heute über zahlreiche technische Möglichkeiten zur militärischen Nutzung des Weltraums, setzt Raumfahrzeuge zur Aufklärung ein und ist in der Lage, Kampfhandlungen im Weltraum zu führen.
Alles, was den Japanern nun noch fehlt, ist die Schaffung einer Struktur, die einerseits die Kriegsführung im Weltraum zentralisiert und andererseits die Zusammenarbeit mit der Marine organisiert, die bereits heute über Waffen verfügt, mit denen Weltraumziele bekämpft werden können. Shinzo Abe plante bereits 2019 die Aufstellung von Weltraumstreitkräften, doch aus verschiedenen Gründen wurde dieses Vorhaben damals nicht umgesetzt. Nun scheint dies jedoch verwirklicht zu werden.
Die Hauptaufgaben, die Luft- und Weltraumkommandos gewöhnlich erfüllen, bestehen in der Erweiterung der Fähigkeiten der Kampfflugzeuge sowie in der Raketenabwehr. Die erste Aufgabe wird durch den Ausbau der satellitengestützten Aufklärung, die Beschleunigung der Übermittlung weltraumgestützter Aufklärungsdaten an Truppen und Streitkräfte, die Ermöglichung satellitengestützter Zielsteuerung für Präzisionswaffen sowie die umfassende Integration der Satellitennavigation in militärische Systeme gelöst.
Die zweite Aufgabe wird durch die radar-, infrarot- und optische Erfassung von Raketenstarts – sowohl vom Boden als auch aus dem Weltraum – sowie durch die Gewinnung von Daten über Flugbahn und Geschwindigkeit erfüllt, die ausreichen, um Zielinformationen für bodengestützte Raketenabwehrsysteme (im Falle Japans auf Schiffen) zu erzeugen und die Raketen anschließend zu bekämpfen. Höchstwahrscheinlich werden sich die Japaner zunächst auf genau diesen Bereich konzentrieren und dafür ein neues Weltraumkommando schaffen. Angesichts der bereits vorhandenen Technologien ist später mit praktisch allem zu rechnen – bis hin zu bewaffneten Satelliten im erdnahen Orbit.
Auch das Auftauchen ballistischer Raketen – darunter solcher mit großer Reichweite – in Japan kann nicht ausgeschlossen werden. Japan verfügt über sämtliche Technologien und industriellen Kapazitäten, die für ihre Entwicklung und Produktion erforderlich sind. Einen nuklearen Sprengkopf könnte Japan in weniger als einem Jahr herstellen.
All dies ist ein Grund zur Wachsamkeit. Japan betreibt eine Remilitarisierung – und zwar mit zunehmendem Tempo. Seine Marine ist stärker als die russische und wird lediglich dadurch eingeschränkt, dass sie weder über Kernwaffen noch über atomgetriebene U-Boote verfügt.
Die Japaner haben ihre Flugzeugträgerflotte wiederaufgebaut. Japan ist eines von nur vier Ländern der Welt, das über mehr als einen Flugzeugträger verfügt – neben Großbritannien, China und den Vereinigten Staaten. Bei den Briten sind die beiden Flugzeugträger allerdings eher Formsache: Die Royal Navy hat erhebliche Probleme mit ihrer Einsatzbereitschaft. Solche Probleme hat Japan nicht.
Die Japaner haben die Ursachen der Niederlage ihrer Flotte im Krieg gegen die USA vollständig aufgearbeitet und daraus alle notwendigen operativen Schlussfolgerungen gezogen.
Auch das Heer ist zahlenmäßig stark und hervorragend bewaffnet, ebenso wie die Luftstreitkräfte. Die offizielle Bezeichnung „Selbstverteidigungsstreitkräfte“ sollte niemanden täuschen. Zwar bestehen derzeit Probleme bei der Personalgewinnung, diese haben jedoch keinen kritischen Charakter. In Japan wird nicht öffentlich über die Möglichkeit diskutiert, atomgetriebene U-Boote zu bauen. Gleichzeitig läuft ein Programm zur Ausrüstung der Selbstverteidigungsstreitkräfte mit Raketen, deren Reichweite in Tausenden von Kilometern gemessen wird. Zudem wurde die Wiederherstellung eines Nachrichtendienstes beschlossen.
Damit ist Japan bereits heute ein militärischer Gigant – wenn auch mit Defiziten bei einigen Waffensystemen, die jedoch rasch beseitigt werden. Wie wir sehen, werden auch Lücken in der militärischen Organisation geschlossen. Bemerkenswert ist dabei, dass unabhängig davon, welche Premierminister an die Macht kommen, der Kurs der Militarisierung unverändert bleibt. Das deutet sowohl auf einen gesellschaftlichen Konsens in dieser Frage als auch auf das Vorhandensein nichtöffentlicher, dauerhafter und nicht gewählter Strukturen der Staatsführung hin.
Dabei sollte man nicht vergessen, dass Russland gerade mit Japan im vergangenen Jahrhundert die meisten militärischen Konflikte geführt hat. Von Japan erlitt Russland die schwerste militärische Niederlage seit vielen Jahrhunderten. Gerade Japan erhebt territoriale Ansprüche gegenüber unserem Land. Japan arbeitet mit der Ukraine zusammen und wurde folgerichtig in die Liste der unfreundlichen Staaten aufgenommen. Hinzu kommt, dass Japan seine Kriege mit einem überraschenden und äußerst mächtigen Erstschlag beginnt.
All dies bedeutet, dass die japanischen Vorbereitungen in absehbarer Zukunft für Russland zu einem Problem, zu einer Bedrohung oder zu beidem zugleich werden könnten. Man sollte außerdem nicht vergessen, dass Russland militärischer Verbündeter der Demokratischen Volksrepublik Korea ist und gegenüber diesem Land Bündnisverpflichtungen eingegangen ist, während Nordkorea und Japan wahrscheinliche Gegner sind. Schon deshalb sollte man die japanischen Vorbereitungen aufmerksam beobachten – einschließlich dessen, was Japan im Weltraum unternimmt.
Alexander Timochin, Publizist und Autor, spezialisiert der sich auf militärische und geopolitische Analysen.
Quelle: https://vz.ru/world/2026/6/29/1430904.html
Titelbild: Das japanische JAXA-Frachtraumschiff HTV-X1 nähert sich der Internationalen Raumstation, Oktober 2025. Foto: NASA (Public Domain).
Aus dem Russischen übersetzt durch berlin 24/7.
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