Wir müssen wieder härter arbeiten, sagte der Kanzler – und die sich selbst Linke nennenden Leistungs- und Bildungskleingeister spucken Gift und Galle. Haben sie recht?
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Doch, doch, man muss auch mal was Positives zu Friedrich Merz sagen. Das gebietet die Ausgewogenheit. Manchmal trifft er ja einen Punkt – zugegeben: Absichtlich vermutlich nicht. Aber der Zufall ist eine Kraft, der man einiges zutrauen kann. Und manchmal hilft Merz ganz offenbar der Zufall, um ein bisschen Glück beim Denken zu haben. So auch neulich, als der Bundeskanzler der Bundesrepublik Schlandi meinte, dass wir wieder härter arbeiten müssten. Nun stellt sich freilich die Frage, was der Mann konkret meinte – andererseits sollte man Politiker nicht nach Konkretem fragen, für solche Sachen haben sie Lobbyisten. Aber grundsätzlich trifft er einen Nagel auf den Kopf.
Es ging ihm vermutlich um das Renteneintrittsalter und verlängerte Wochenarbeitszeiten – aber durchaus auch um das, was man einst mal Arbeitsethos nannte: Den Stolz der Menschen auf das, was sie beruflich tun – was sie können und wissen. Das ist in weiten Teilen der Gesellschaft aufgeweicht – während der Corona-Jahre haben die Bürger auch erfahren, dass es auch laufen kann, wenn nur noch irgendwelche systemrelevanten Leutchen an den Arbeitsplatz trotteln. Die anderen blieben fern und bezogen weiter Bezüge. Dass das nicht ewig so weitergehen konnte, schien klar – aber einige Berufsverbände, nicht zuletzt die Lehrer, hätten das gerne verewigt. Die Linken im Lande – das Häufchen, das sich so nennt, dabei aber gerne autoritär und totalitär auftritt – fanden diese Entwicklung genial. Kein Wunder – denn diese Leute – und jene, die diese Richtungsangabe gerne für ihre lausigen Ideen kapern –erweisen sich zu oft als Leistungsfeinde und Bildungshasser.
Szenen der Bildungs- und Leistungsverweigerung
Man erkennt dies recht schnell, wenn sie über menschliche Geschichte sprechen. Begriffe wie »historische Gerechtigkeit« machen anschaulich, wie dort Bildung verstanden wird: Als moralische Kategorie. Der Postkolonialismus ist ein Ausbund an Tatsachenkonjugationen, man biegt und beugt sich die Geschehnisse so zurecht, dass am Ende eine ganz neue Historie entsteht. Sicher, das so entstandene Geschichtsbild ist weit weg von den längst vergangenen Realitäten, sondern mehr so eine Wunschgeschichte – Mathias Brodkorb hat das sachlich fundiert und wohltuend unaufgeregt dargelegt in seinem Buch. Was ist das anderes als Bildungsfeindlichkeit? Vermittelt werden soll ein möglichst eindimensionales Bild von den geschichtlichen Prozessen, welches eben nicht die volle Komplexität erfassen möchte. Es sich einfach machen – hier erteilt man nicht nur dem Bildungsanspruch eine Abfuhr, sondern auch gleich noch dem Leistungsgedanken. Denn wer Geschichte simplifiziert, wer dem Publikum die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Spezies in ihrem Fortschreiten in eben dieser Geschichte nicht nahebringen will, der tischt konsumierbare Geschichtshäppchen auf, deren Verinnerlichung wirklich keine Leistung darstellt.
Ohne die Critical Race Theory (CRT) geht so eine Betrachtung heute nicht mehr. Sie ist vielleicht nicht in aller Munde, aber drängt immer penetranter an die Öffentlichkeit und soll als neuester Stand der Wissenschaft an den Mann gebracht werden – und an die Frau und an diverse andere Geschlechter: Womit wir beim nächsten Bildungsnotstand wären, der sich als Wissenschaft gewandet und die bewährten Bildungsinhalte vom Tisch fegen möchte. Die CRT lässt sich tatsächlich sehr kurz erklären: Der weiße Mensch ist ein Teufel – er ist Rassist, selbst dann, wenn er es nicht ist. Warum? Weil es in seinen Genen liegt – oder in seinen Memes, um mit Richard Dawkins‘ Theorie zu sprechen. Egal, was er auch anstellt: Er diskriminiert alle, die nicht weißer Hautfarbe sind. Was hier als Wissenschaft verkauft wird, ist in Wirklichkeit eine Komplexitätsverweigerungshaltung, die es sich mit der Deutung der Welt recht einfach macht. Dergleichen hat die Nation of Islam in den USA schon in den Sechzigerjahren von sich gegeben – sie erzählte damals, dass die Dunkelhäutigen vom Stamm der Shabazz abstammten. Die Black Muslims betrachteten es als Gottesauftrag, die »ausgebleichte Rasse« zu zivilisieren. Das kommt einem bekannt vor – und hat später Einzug gehalten in die CRT. Geht es also um Wissenschaft? Um etwas, dass der gebildete Mensch wissen muss?
CRT ist die Grundlage für etliche Phänomene, die konträr zum Bildungskanon der Aufklärung und damit auch zum Leistungsgedanken laufen: Nehmen wir nur jene Bildungsinitiative aus dem kalifornischen Oakland, die vor einigen Jahren für Aufsehen sorgte und auch in Deutschland in einschlägigen Kreisen für empfehlenswert gehalten wurde. Ziel jener Bildungsinitiative war es, eine gerechtere Mathematik zu ermöglichen. Was auch immer das sein soll, denn der Umgang mit Zahlen ist an sich wertfrei, auch wenn man mit Werten addiert, multipliziert usw. – so möchte man jedenfalls meinen. Aber Irrtum: Damals erklärte man den kalifornischen Lehrern, dass Mathematik von Weißen dominiert würde und damit eine weiße Herrschaftspraxis sei. Man solle daher Schwarze und Latinos nicht nach einem richtigen Rechenergebnis fragen, denn das fördere die weiße Vorherrschaft. Hört sich das nach Bildungseifer an? Noch dazu ist der Einwand dieser CRT-Aktivisten ein klarer Fall mangelnder Bildung, denn die Mathematik entstand im Nahen Osten, wurde von Leuten kultiviert, die – um es wie die Nation of Islam einst einordnete – vom Stamm der Shabazz abstammten. Und ist es nicht rassistisch, wenn man Schwarzen und Latinos nicht mehr beibringen möchte, wie man mit Zahlen hantiert?
Freitagsdemo: Jetzt auch in richtig?
Sicherlich: Der Bildungssektor ist in vielen westlichen Ländern schon weitaus länger vom ursprünglichen Bildungsgedanken entrückt worden, als es dergleichen Verrücktheiten in den Mainstream schafften. Die CRT, die »neue non-binäre Biologie«, der Antrieb Geschichte umzudeuten und zeitlich rückwirkend Gerechtigkeit walten zu lassen, haben es erst neulich in die Wahrnehmung eines breiten Publikums geschafft – dass sie jedoch Fuß fassen können, ist sicher ursächlich in einer fehlerhaften Bildungspolitik zu suchen, die auf Leistung und Inhalte immer weniger Wert legte. Das Feld war längst bereitet, der Unfug hatte es leicht. Der schulische und akademische Betrieb wollte in den letzten Dekaden besonders progressiv sein, glaubte es lässlich, dass jungen Leuten nur noch das beigebracht wird, was sie später im Berufsleben brauchen könnten – alles andere: Zierde! Das kann weg! Wer brauchte denn schon schöne Künste? Und wem nützt es, wenn er den Namen einiger deutscher Reichskanzler nach dem Ersten Weltkrieg kennt? MINT wurde zum Schlagwort – nicht unberechtigt freilich, denn von nichts kommt nichts. Aber die MINT-Fächer gingen zulasten von Fächern, die wirtschaftlich nicht gemolken werden konnten und die man daher eher für verzichtbar hielt.
Mitverursacher dieser Misere: Konservative, die in dieser Bildungsfrage ganz und gar keine konservative Politik betrieben – ganz im Gegenteil und wie so oft auch auf anderen Feldern. Sie sorgten nicht nur für schulische Betriebe, in denen die Abschlüsse zunehmend erleichtert wurden, um so möglichst viele Schüler und Studenten durchzuschleusen und der Wirtschaft zu überstellen, sondern sie verursachten mit dieser Simplifizierung auch eine Form von Bildungsverdrossenheit, wie sie kaum eine Gesellschaft vorher gekannt haben dürfte. Natürlich fanden Schüler auch schon vorher, dass die Schule doof sei – aber eine derart gravierende Gleichgültigkeit gegenüber dem, was man wissen kann: Das ist auch die Leistung der liberalen Gesellschaft, in der alles erlaubt ist und anything goes das Credo schlechthin darstellt – eben auch der Mut zur Unbildung. Sogenannte Soziale Medien sollen nun in Australien für Kinder unzugänglich gemacht werden. Reicht das noch? Ein kurzer Blick in den morgendlichen Nahverkehr. Dort sitzen Schüler eng beieinander, die kaum zehn Jahre alt sein dürften und die schon um kurz nach Sieben mit ihren Mobiltelefonen zocken; der Schein des Displays leuchtet auf ihren kleinen Gesichtern auf – jede Epilepsiewarnung fiele auf fruchtbaren Boden, doch die Kleinen sind vertieft in ihr Spiel, nehmen nichts mehr wahr. Kann man nach dem Blitzlichtgewitter eigentlich noch Leistung erwarten? Oder Lust auf Bildung?
Da war es doch konsequent, dass man freitags gleich ganz der Schule fernblieb. Um zu demonstrieren – und die Eltern fanden es stark, der Journalismus jubelte mit. Den Kindern simulierte man zu jener Zeit, dass es vollkommen richtig sei, Verpflichtungen zu meiden, wenn man der Ansicht ist, etwas Anderes habe gerade mehr Priorität. Dann kam es auch noch zum Home-Schooling – wegen des Lockdowns – und wieder sah es so aus, als sei Schule und Bildung etwas, dass verhandelbar sei. Nun geht es freitags wieder auf die Straße – der Grund ist nicht unvernünftig: Es geht gegen die Wehrpflicht, die Pflicht bald auf Russen zu schießen – und nicht etwa für eine phantastische, weltabgewandte Klimapolitik, wie auf den Freitagsdemonstrationen von einst. Journalisten jubeln diesmal nicht, sie sind auf Regierungskurs und wollen Boris Pistorius nicht ärgern – nun jubeln die Friedensbeseelten. Man mag das verstehen, aber zur Schulzeit zu demonstrieren: Ist das nicht so oder so etwas, was grundsätzlich als nicht erstrebenswert gehalten werden sollte? Bildung ist kein beliebiges Gut. Es sollte auch kein Recht auf Unbildung geben, denn erst die Bildung etabliert Menschen in der Gesellschaft. Zugegeben: Das klingt nach einer Plattitüde.
Entfernung von der Wirklichkeit
Das klingt wie einer jener Sprüche, den die Politik immer dann absondert, wenn mal wieder ein Bildungsgipfel ansteht. Was schon lange nicht mehr geschah. Aber tritt die Politik zusammen, so geht es vornehmlich um die finanzielle Ausstattung von Schulen – und weiß Gott, manche Schultoilette braucht auch dringend eine kostenintensive Renovierung. Dass aber zeitgleich ein Schulbetrieb am Laufen gehalten wird, der Menschen in die Gesellschaft wirft, die von grundsätzlichen Dingen keine Ahnung mehr haben, die immer schlechten lesen und schreiben können – und überdies das geschichtliche Verständnis von Vierjährigen aufweisen, ist keine Frage zu verteilender Gelder, sondern durchaus auch eine Haltungsfrage. Denn wenn eine Gesellschaft so tut, als sei Dummheit völlig in Ordnung, wenn man nur irgendwie damit über die Runden kommt, produziert nun mal Lebensmodelle, die sich in der Bildungsferne einrichten und diese Nische als ihr Grundrecht verteidigen. Und das trifft nicht nur die unteren Schichten, sondern alle: Bildungsverdrossenheit ist keine Klassenfrage, sondern die allgemeingültige Haltung in allen Schichten.
Die heutigen Linken – Parteien ebenso wie die oben genannten Aktivisten – sorgen sich wenig um den Bildungsmangel an sich. Wenn sie den aufs Tapet bringen, geht es auch bei ihnen um Geld – ihre Haltung hingegen ist oft gelebt bildungsfeindlich. So jubeln sie gerne Leuten zu, die Suppe auf Kunstwerke werfen, was auch so übersetzt werden könnte: Kultur darf zerstört werden – und damit auch: Geschichte ist scheißegal. Muss man alles nicht mehr wissen – ist ja auch lange vorbei. Das ist eine Bildungsverachtung, die sich keine Gesellschaft leisten kann, die im internationalen Wettbewerb überhaupt noch irgendetwas reißen möchte. Wer Bilderstürmern auf die althergebrachten Werke nicht Einhalt gebietet, muss sich wirklich nicht wundern, wenn damit Unbildung zum Lifestyle und Markenkern des Landes wird. Alte Bücher umzuschreiben, weil man gewisse Passagen nicht mehr erträgt: Man kann das freilich tun – dass damit aber irgendjemand auch nur ein Jota klüger wird, sollte bitte keiner meinen. Ganz im Gegenteil. In einigen neueren Serienformaten, sind plötzlich englische Lords dunkelhäutige Männer – in der Serie »Bridgerton«, die im 19. Jahrhundert spielt, ist gar die Queen schwarz. Das mache man, weil man colorblind gecastet habe, ließen sich die Macher zitieren. Wenn am Ende gewisse Zuschauer wirklich annehmen, dass es damals so gewesen sei: Darf man das Verdummung nennen? Gut, Serien sind keine Bildungseinrichtung – sie können aber nur so fatalen Unsinn verbreiten, weil die Bildungsgrundlagen sukzessive wegbrachen.
Die Entwicklung zuletzt ist freilich das vorläufige Finale einer bereits langanhaltenden Entwicklung – und ja, angeschoben wurde das von Leuten, die damals schon irrtümlicherweise meinten, sie seien irgendwie links. So traten auch die Punks auf, zeigten sich bildungsfern und leistungsverweigernd – sie gründeten Musikgruppen, die weder eine Noten lesen noch ein Instrument spielen konnten, aber so taten, als könnten ihre »Stücke« dereinst zur Klassik werden und gegen Händel, Mozart oder die Beatles anstinken. Diese Mentalität hat Einzug gehalten in den Mainstream, die Punks von einst lobten gar die Ex-Bundeskanzlerin und betrauern nun, nicht bei der Bundeswehr gewesen zu sein. Ob sie Schule noch immer Scheiße finden, darf man nur spekulieren – vermutlich ja. Man muss wirklich nicht dem Strebertum das Wort reden, denn das hat was Lästiges – Streber hat keiner lieb. Aber diese zunehmende Gleichgültigkeit gegen alles, was der Mensch wissen kann – abseits von Apps und Games –, dieses Auslagern von Fertigkeiten – an Apps oder KI –, macht uns zu einer Idiocracy. Wir müssen also durchaus härter arbeiten – Merz meinte das sicher anders, aber grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand mehr Engagement und Leistungsbereitschaft für gesellschaftlich sinnvoll erachtet. Dass es freilich ausgerechnet dieser Mann ist, für den Schulen ein gesellschaftlicher Kostenfaktor sind und dessen Bildungsvorstellungen für junge Leute im Schnüren ledernder Marschstiefel gipfeln, ist freilich ein Hohn. Aus den Vereinigten Staaten wissen wir allerdings: Je schlechter der Bildungsgrad, desto eher geht man zur Army …

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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