Grüße in die Provinz

Roderich, kannst du mir verzeihen? Du hattest recht. Nun ja: Mit fast allem! Oder doch nicht? Na gut, ich habe mich getäuscht. Sie haben sich doch auch getäuscht, geben Sie es doch zu! Wir alle haben uns getäuscht! Bis auf wenige Ausnahmen. Und die warnten stets davor: (West-)Europa sei in großer Gefahr, der Zugriff auf die EU erfolge von außen. Er käme ganz sicher – wir sollten uns darauf verlassen. Die Ausnahmen waren Leute wie Roderich Kiesewetter, Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder der Hofreitertony – sie ahnten es. Nein, sie wussten es! Wieder und wieder erklärten sie, dass da was auf uns zukomme, eine fremde Macht begierig sei, in (West-)Europa zu landen.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Grönland
© Giles Laurent, gileslaurent.com, License CC BY-SACC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Nun also die Gewissheit: Sie hatten recht! Und all die anderen, die dagegenhielten, hatten Unrecht. Ob uns die Seher verzeihen können? Nun gut, unfehlbar war deren Prophezeiung letztlich ja auch nicht. Die Gefahr witterten sie wohl, aber sie guckten in die falsche Richtung. Während sie nach Osten stierten, pirschte sich vom Westen eine fremde Macht heran. Und statt Finnland, Litauen oder Polen erweist sich Grönland als Einfallstor.

Putin hat also recht gehabt

Die Politik zeigt sich im Moment recht verhalten, die Medienhäuser tun bestürzt: Will uns Donald Trump wirklich unser aller Grönland wegnehmen? Die NATO, stets als alternativlose Lösung gegen die Bedrohung Westeuropas vorgestellt, erweist sich als völlig machtlos, weil sich herauskristallisiert, dass die NATO eine Bedrohung für Westeuropa ist – Kenner wussten das längst. Die NATO steht unter amerikanischer Kuratel, deren Mitgliedsstaaten würde im Bündnisfall eine ganz bestimmte Rolle zuteilwerden: Sie hätten – falls sie in Mitteleuropa liegen – die heldenhafte Ehre, den Blutzoll zu zahlen, um the land of the free schadlos zu halten. Die westeuropäischen Bündnispartner sind der Puffer – und daher tritt auch nicht der Bündnisfall ein, wenn die Vereinigten Staaten ein wenig im Pufferzonengebiet wildern wollen.

Die NATO als Bedrohung? Hat am Ende der Präsident im Moskauer Kreml doch recht gehabt? Was hat man ihn doch als Irren, als Paranoiden hingestellt – und das nur, weil der sich von der Distanzlosigkeit der NATO bedroht fühlte. Oder besser gesagt: Von der Kuschelbedürftigkeit der Vereinigten Staaten. Denn letztlich war die NATO immer nur das Trittbrett, auf dem die USA ihre globale Hegemonie verteidigten und ihr Sicherheitsbedürfnis befriedigten.

Seit Jahren heißt es nun, die Russen planten den Zugriff auf Westeuropa. Die Ukraine sei nur ein erster Beginn. Einer, der nun schon seit knapp vier Jahren andauert. Anfangs erklärte man den Westeuropäern, dass die russische Armee ungebremst durch die Ukraine pflügen würde und in einigen Wochen in Warschau rauskäme. Dergleichen ist nie geschehen. Nach etwa einem Jahr des Krieges schlief dieses Narrativ allerdings ein, nur um letztes Jahr wieder reanimiert zu werden. Offensichtlich ist jedoch, dass sich in der Ukraine eine Pattsituation herauskristallisiert – es geht kaum vor und kaum zurück. Dennoch verkündigten die Führer Westeuropas, dass der russische Zugriff auf Westeuropa von langer Hand geplant sei. US-Dienste erklärten schon früh, dass das ausgemachter Unfug ist – aber wer hört schon auf die! Ein Blick auf die Karte zeigte aber die wirklichen Verhältnisse: Die NATO kreiste Russland ein, die EU rückte dem östlichen Nachbarn auf die Pelle. Alles dem Sicherheitsbedürfnis der US-Amerikaner geschuldet.

Westeuropa hat versagt

Diese Verdrehung der Realitäten ist kein Geheimwissen. Aber sie zu thematisieren, macht verdächtig – und schlimmer noch: Führt schnell zur offiziellen Ächtung. Die Europäische Union war einst bürokratisch. Jetzt ist sie auch noch gezielt autoritär. Sie hat sich im Laufe der letzten Jahre zu dem entwickelt, was sie vorgibt zu bekämpfen. Sie agiert irre und paranoid – Attribute, die sie dem russischen Gegenspieler andichtete. Sie ächtete Kritiker – und handelt damit so, wie man es dem Feindbild unterstellt. Die EU strotze nur so vor Kraft. Sie wusste ja eine NATO hinter sich, die sie beschützt. Nun erkennt das organisierte Westeuropa jedoch, dass diese NATO dabei zusehen muss, wie ein Stück westeuropäische Eisscholle US-amerikanisiert wird. Was für ein grandioses Verteidigungsbündnis!

Der amtierende US-Präsident hebelt damit auch ein Stück weit Westeuropa aus dem globalen Spiel aus. Ob das die Absicht jenes Donald Trump ist, bleibt offen – aber warum sollte er nicht auf dem Plan haben, die westeuropäische Phalanx mit seiner Attacke auf Grönland zu durchbrechen? Sein Griff auf die dänische Verwaltungseinheit in der Arktis sollte vielleicht auch als Kniff betrachtet werden: Als Beitrag zu den Friedensbemühungen für die Ukraine. Denn eigentlich sollte den Westeuropäern eines dämmern: Russland lag so falsch nicht – und Russland als Partner ist nützlicher, als sich zwischen den Weltmächten aufzureiben. Denn auch das ist Teil der Botschaft: Die Administration Trump verhandelt mit den Russen – die Westeuropäer sind eher weniger von Interesse. Shut up, Europe! Das ist die Losung, die hinter Trumps Zugriff steckt. Die Welt gehört den Weltmächten – und ihr Westeuropäer hattet eure Chance!

Westeuropa ist eine Randzone – man bedient sich ihrer, wenn man es kann. Russland kann es nicht. Die USA offenbar schon. Und sie zeigen es. Die Westeuropäer hatten eine große Möglichkeit, zu einem Machtblock zu werden, den man in der Welt achtet. Alles war in jenem Ukrainekrieg darauf ausgelegt, Westeuropa zu einer Friedensmacht mit Reputation zu küren – aber man lief erst der Osterweiterung, später einem grotesken Narrativ vom bösen Russen nach. Nun merkt man, dass man aufs falsche Pferd gesetzt hat. Der Westteil des Kontinente wird endgültig aus dem Spiel genommen. Die EU wollte Militärmacht sein, wird aber von Washington düpiert. Was für eine Schmach liegt doch in dieser Entwicklung, die klarmacht, dass das zeitgenössische US-Amerika dieses Westeuropa nicht ernstnehmen kann! Westeuropa hat auf ganzer Linie versagt. Die EU steht mitten der Scherben, die sie selbst fabriziert hat. Nicht Putin marschiert in Westeuropa ein – es ist Trump, der auf diese Weise deutlich macht: Ihr seid raus, weil ihr so seid wie Machado in Venezuela – ihr könnt es nicht! Westeuropa bleibt Provinz.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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