Stromabwärts

Ohne Strom: Das war neulich Berlin – und vor einigen Tagen für etwa zwei Stunden auch Neu-Isenburg. Muss man sich sorgen – oder wird man paranoid?

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Stromausfall
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

12. Januar, 8:24 Uhr: Im hessischen Neu-Isenburg stand die Welt still. Die gesamte Stadt – knapp 38.000 Einwohner – war ohne Strom. Die südlich von Frankfurt am Main gelegene Hugenottenstadt beheimatet viele Wirtschaftsunternehmen, gilt als reiche Kommune. Ein Stromausfall ist insofern eine wirtschaftliche Katastrophe, ein bisschen anders als im hoch verschuldeten Nehmerland Berlin. Ein Teil der Overton-Redaktion arbeitet von Neu-Isenburg aus – und ein nicht ganz unbedeutender deutscher Sachbuch-Verlag versucht von ebendort aus Debatten anzuschieben. Am 12. allerdings ruhten vormittags die Geschäfte – was sicherlich zu verschmerzen war, wenngleich es lästige Nebeneffekte barg, die man etwa so zusammenfassen kann: Der Weg zur Arbeit war umsonst.

Nachdem Stromausfall zu Berlin saß man also nun doch noch eine Weile so herum in Neu-Isenburg und machte sich schon Gedanken: Wird das auch Tage andauern? Ob es wohl auch die Antifa war? Wo ist hier die Turnhalle, in die wir alle karren, auch die bettlägrige Großmutter in ihrem Pflegebettchen? Und ob der Bürgermeister vielleicht gerade Tennis spielt? Auch grundlegende Gedankenfetzen beschäftigen einen, wenn man ohne Saft ausharrt: Dass wir mittlerweile so abhängig sind beispielsweise. Sind wir noch Naturgeschöpfe oder ist am Ende doch die Künstlichkeit unsere wahre, uns immanente Natur? Ganz abgeschnitten war man in Neu-Isenburg freilich nicht, mobile Daten und die Halbwertszeit der Akkuleistung erlaubten per Mobiltelefon noch den Zugriff auf das Internet. Also suchte die auf Strom wartende Gemeinde nach Meldungen, die etwas über den Ausfall mitzuteilen wussten.

Deutschland ist der Notstand

Gleich vorweg: Seiten, die von sich selbst angeben, immer up to date Störungen zu melden – ob nun Internetstörungen oder Stromabwesenheiten –, kann man sich getrost schenken. Sie berichten gemeinhin dann von Störungen, wenn sie längst entstört wurden. Die Seite der Stadt Neu-Isenburg wusste indes auch nichts. Ebenso wenig die Polizei und der örtliche Stromversorger. Informationen: Fehlanzeige. Auch die Nachrichten schwiegen sich aus. Stattdessen fand man bei den eingegebenen Such- und Stichworten lediglich Berichte aus Berlin, vom Stromausfall im Bundeshauptslum neulich. Nichts über Notstromaggregate, die Suchmaschine weiß, was sich in Deutschland gehört: Nämlich nicht auf die Verschickung solcher Geräte in die Ukraine eingehen, denn das sei nicht journalistisch, sondern populistisch, wie wir seit letzter Woche wissen. Und ganz oben in den Ergebnissen der Suchmaschine konnte man noch folgendes finden: die Seite des Nachrichtenformats Hessenschau mit einem Bericht, ob sich denn linker Extremismus auch in Hessen ereignen könnte. Ebenso im Angebot auf einigen Websites: Was tun bei Stromausfällen? Oder: Blackout-Vorsorge: So überstehen Sie mehrere Tage ohne Strom?

Das ist in der Tat ziemlich gruselig, wenn man bei einem Stromausfall herumsitzt und Artikel liest, die gerade mal einige Tage alt sind, und die einem klarmachen, dass man mit Stromausfällen auch weiterhin zu rechnen haben wird – Berlin ist eben keine Ausnahme, kein Einzelfall, wie man so sagt, also etwas das zwar vorkommen kann, aber selbstverständlich nicht die Normalität darstellt. Nein, der Medienbetrieb scheint sich darauf verständigt zu haben, den Stromausfall als Phänomen nicht herunterzuspielen, sondern ihn hinter Ratgeber-Artikel zu zu verbergen. Dem Sinne nach, dass man gar nicht erst so tut, als sei davon nicht mehr weiterhin auszugehen.

Denn offenbar soll den Deutschen eine Sache klar sein: Stromausfälle kommen vor – Stabilität und Gewissheit gibt es nicht mehr. Mangel dafür umso häufiger. Das Land befindet sich nicht im Notstand – nein: es ist der Notstand. Natürlich kann es Stromausfälle geben. Die gab es immer mal, wenngleich auch selten. Doch der Umstand des gestrigen Ausfalles in Anbetracht einer Berichterstattung, die so wirkt, als wolle sie ihre Leser und Zuseher auf etwas vorbereiten: Das ist eine Qualität, die über die Beliebigkeit eines ordinären Ausfalles – sei es Strom oder andere Infrastruktur – hinausgeht. Man kaschiert diese Umstände nicht mehr, auch nicht die Unfähigkeit der Behörden, einen solchen Stromausfall schnell wieder in den Griff zu bekommen – man versucht lieber, »den Bürger für eine Krise fit zu machen«. Da passt eine Information ins Bild, die mich kürzlich ereilte, eine Stimme aus dem hessischen Innenministerium, Fachgebiet Katastrophenschutz: Schnell Wasser horten und Powerbanks anschaffen – nicht im nächsten Monat, sondern jetzt. Was immer dahinterstecken mag …

Auch Paranoia hat Gründe

Ratgeber für den Stromausfallsbürger einer Bundesrepublik, in der wir alle gut und gerne leben: So viel Fürsorge ist in der Tat rührend. Und der einzelne Journalist wird wohl kaum in einem Netz gefangen sein, in dem er solcherlei Artikel als Pflichtdienst produzieren muss, die dann in eine große Verschwörungsagenda eingepasst werden können – es kann also auch ein Schuss Resignation in der diesbezüglichen Behandlung jenes Sujets liegen. So weit ginge die Aufklärung eh nicht. Die Bürger sollen verstehen lernen, dass der Strom künftig öfters mal fehlen könnte. Aber nicht, dass dahinter ein Staatsversagen steckt, wie auch immer dieses aussähe. Man muss ja nun auch nicht glauben, dass der gestrige Stromausfall im Hessischen ein von langer Hand geplanter Inside-Job irgendeiner Antifa auf Cannabisentzug war. Arbeiten im Umspannwerk waren dafür verantwortlichen – so wird jedenfalls berichtet. Die Ereignisse in Berlin haben aber in allen Teilen Deutschlands Menschen sensibilisiert – die Hilflosigkeit in der Hauptstadt waren ein fatales Zeichen an die gesamte Republik. Dass Menschen des Jahres 2026 über Tage stromlos sein könnten, hat man sich für die afrikanische Savanne vorstellen können, nicht aber für das hiesige Deutschland.

Die Berichterstattung, die schnell dazu überging, weitere Ausfälle zu einem realen Ärgernis für die Öffentlichkeit zu stilisieren, senden weiterhin besorgniserregende Zeichen hinaus ins Land. Aber gräme dich nicht, Bürger: Kauf dir eine Powerbank und habe Dosenravioli im Vorratsschrank! Immer mehr Bürger trauen Deutschland immer weniger zu – denn sie wittern, dass etwas im Lande vor sich geht, das sie (noch) nicht ganz fassen können. Jeder Stromausfall wird im Kopf der neuen kritischen Masse zu einer Bestands- und Gelassenheitsprobe, zu einer Prüfung vor dem Kriege für den Kriege. Oft begegnen einem unbedarfte Bürger, die urplötzlich von einem kaputten Land sprechen, das sich offenbar auf eine ganz große Krise vorbereite. Naive Zeitgenossen spüren scheinbar plötzlich, dass es Vorgänge gibt, die Grund zur großer Sorge darstellen. Wenn die Bahnen im Nahverkehr fahren, lausche man manchem Gespräch: Die Stimmung ist wirklich beschissen und man traut den Machthabern – denen, die so tun, als seien sie die Macht, während sie an Strippen tanzen – offenbar reichlich Schweinereien zu.

Muss man sich denn sorgen? Oder ist es Paranoia, die im Lande um sich greift und vor der man selbst nur schwerlich gefeit ist? Der Journalismus, der noch Tage nach der »Berliner Panne« über Vorgehensweisen und Überlebensstrategien beim nächsten Blackout kündet, weiß natürlich über solche zu richten, die irgendwas in diesem Land für komisch, ja für alarmierend halten. Querdenker seien das – Verschwörungstheoretiker würden hier das Vertrauen in die geordneten Verhältnisse tragen wollen! Denn ein Stromausfall sei eben ein Stromausfall sei eben ein Stromausfall. Und nicht etwa gleich die Ankündigung eines nächsten Weltkrieges. Der Ansicht kann man sein – doch dass es etliche Menschen nicht sind, ist doch keine Frechheit dieser Leute, sondern muss Gründe haben. Und es zeigt vor allem, wie tief der Keil mittlerweile eingetrieben wurde. Die Einigkeit zwischen journalistischen Blackout-Apologeten und dem, was wir heute aus Mangel an trefflicheren Begrifflichkeiten »Politik« nenne, zeigt sich letztlich ja auch an einem Umstand: Beide künden vom Mangel, der uns ereilen wird und mit dem wir leben lernen müssen. Und da soll man nicht skeptisch sein?

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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