Geostrategische Konkurrenz in Russlands und Chinas Norden
Ein Beitrag von Wolfgang Effenberger

US-Operation Northern Edge 2009
Während das NATO-Manöver in Nordschweden in die letzte Phase eintrat, begannen die Vereinigten Staaten am anderen Ende der Arktis ihre Operation Northern Edge 2009. Vom 15. bis 26. Juni wurden von Alaska aus mehr als 200 Flugzeuge, einschließlich B-52, F-16 und Blackhawk-Hubschrauber eingesetzt. Außerhalb des Golfs von Alaska operierte der nuklearangetriebene Superflugzeugträger USS John C. Stennis mit seinen 70 Kampfflugzeugen und einer Crew von über 5.000 Seeleuten. (11)
Mit zunehmendem Klimawandel wird die Nordwestpassage schiffbar
Der Seeweg zwischen Grönland und den kanadischen arktischen Inseln ist die kürzeste Schifffahrtsroute zwischen Atlantik und Pazifik. Die Kontrolle der Nordwestpassage wäre ein enormer strategischer Vorteil und ein potenzieller Konfliktherd zwischen Kanada und Russland. Die Unfähigkeit Kanadas und Dänemarks, ihr arktisches Territorium in einem solchen Konflikt zu verteidigen, ist der Grund für die von Trump vorgeschlagenen Annexionen. (12) Trumps Arktis- und Grönlandpolitik verfolgt primär machtpolitische, militärstrategische und rohstoffpolitische Interessen, die sich in den größeren Wettbewerb der USA mit Russland und China um die Arktis einfügen. Sein wiederholt geäußerte Absicht der „Kontrolle“ oder sogar des Erwerbs Grönlands zielt darauf, diese Interessen dauerhaft und exklusiv abzusichern. (13)
Die Sicherheitsansprüche Amerikas wurden im Januar 2025 auf dem Treffen der kanadischen Ministerpräsidenten diskutiert, bei dem der Regierungschef und erste Minister der kanadischen Provinz Alberta eine gemeinsame kanadisch-amerikanische Basis vorschlug.
In der PD 66 ist unter Abschnitt B „Nationale Sicherheit und Sicherheitsinteressen in der Arktis“ festgehalten: „…die nördliche Seeroute umfasst Meerengen, die für die internationale Schifffahrt genutzt werden. Für die Durchfahrt durch diese Meerengen gilt das Regime der Transitpassage. Die Wahrung der Rechte und Pflichten in Bezug auf Schifffahrt und Überflug in der Arktisregion unterstützt unsere Fähigkeit, diese Rechte weltweit auszuüben, auch durch strategische Meerengen“. (14)
Kontinuität der strategischen Logik
Trumps Arktis‑ und Grönland‑Interesse liegt voll auf dieser von Bush in der „National Security Presidential Directive 66“ (PD66) 2009 gezogenen Linie:
beide sehen die Arktis als Raum wachsender militärischer und ökonomischer Konkurrenz (v.a. mit Russland und später China). Die Kontrolle grönländischer Gewässer stärkt die US‑Position gegenüber Russland und China in der Arktisordnung und beim Schutz neuer Handelsrouten, für den die USA Präsenz, Infrastruktur und Rechtsansprüche ausbauen müssen. (15)
Wo Bush vor allem strategische Ziele und Instrumente (Seemacht, Rechtsposition, Kooperation der Arktisanrainer) formuliert, übersetzt Trump dieselbe Grundlogik in spektakuläre Schritte wie die Aufwertung Grönlands in der US‑Kommandostruktur, zusätzliche Investitionspläne und die offen diskutierte Idee eines Erwerbs. (16)
PD 66 legt fest, dass die USA in der Arktis nationale Sicherheits‑, Wirtschafts‑ und Umweltinteressen verfolgen und eine „aktive und einflussreiche nationale Präsenz“ im hohen Norden aufbauen müssen. (17)
Die Direktive von George W. Bush vom Januar 2009 markiert den strategischen Rahmen, innerhalb dessen Trumps Grönland‑Pläne überhaupt sinnvoll verstanden werden können. Bush definiert darin die USA ausdrücklich als arktische Nation und verankert Arktis‑Sicherheit, Ressourcenzugang und Seeherrschaft als nationale Interessen – Trump knüpft daran an, radikalisiert aber die Mittel (Kauf/„Kontrolle“ Grönlands) und die Rhetorik. (18)
Im März 2020 folgte der 15‑Jahres-Plan Moskaus “ Über die Grundlagen der Staatspolitik der Russischen Föderation in der Arktis für die Zeit bis 2035″ von März 2020. Darin geht es um die sozio-ökonomische Entwicklung Russlands mittels arktischer Ressourcen. Dazu sollen wissenschaftliche und ingenieurtechnische Lösungen erarbeitet werden, mit denen sich klimawandelbedingte Schäden an der Infrastruktur in der russischen Arktis verhindern lassen. (19)
US-Präsident Barack Obama definierte die Ziele der amerikanischen Arktispolitik im Mai 2013. Sein Strategiepapier zielte auf den Ausbau der arktischen Infrastruktur und die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit in der Region. Der hohe Norden sollte eine “ konfliktfreie Zone“ bleiben, wobei dem “ Arktischen Rat“ eine wichtige Rolle zugedacht war.
Durch das Schmelzen des “ ewigen Eises“ vergrößern sich Russland nördliche Außengrenzen.
Präsident Wladimir Putin betonte mehrfach, dass Russland nicht nur der größte Arktisstaat sei, sondern dass auch fast ein Drittel seines Territoriums im Polargebiet liege. Insofern sei Russland der wichtigste Akteur in der Region und die Ausweitung seiner militärischen Aktivitäten dort eine legitime Maßnahme, um nationale Interessen und kritische Infrastruktur zu schützen. Vor allem sind die russischen Einrichtungen zur Förderung und zum Transport von Öl und Gas potentielle Angriffsziele, die es zu verteidigen gilt. Außerdem soll die Nördliche Seeroute als wichtige nationale Wasserstraße den Zugang der eigenen Flotte zu Atlantik und Pazifik gewährleisten.
2013 erhielt die „polare Großmacht“ (Xi) China einen Beobachterstatus im „Arktischen Rat“ und betreibt seitdem eine ambitionierte Politik im hohen Norden. Im Rahmen der chinesischen „Belt and Road Initiative“ (BRI) gilt das Nordpolarmeer – nach dem Landkorridor durch Zentralasien und der maritimen Seidenstraße durch das europäische Mittelmeer – als dritter wichtiger Korridor. Es geht Peking darum, Transportwege zu diversifizieren und über eine Ausweichroute zum ägyptischen Suezkanal zu verfügen.
Werden Rohstoffe und Waren über den Nahen Osten von und nach China verschifft, müssen sie zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer die Straße von Bab al-Mandab passieren. Anschließend durchqueren sie den Suezkanal, um ins Mittelmeer zu gelangen. Diese Route ist von großer strategischer Bedeutung für Chinas Handel und Energieversorgung.
Da im Südchinesischen Meer die von den USA beherrschte „Straße von Malakka“ im Konfliktfall blockiert werden kann, kommt einer Nordpassage große Bedeutung zu. US-Außenminister Michael Pompeo (2018 bis 2021), vorher „Direktor der Central Intelligence Agency“ (CIA) befürchtet, dass es auch in der Arktis zu Militarisierung und Territorialstreitigkeiten kommen könnte.
Das chinesische „Nationale Sicherheitsgesetz“ von 2015 gewährleistet die Sicherheit chinesischer Aktivitäten in den Polarregionen (Artikel 32).
Militärische und sicherheitspolitische Dimension der Arktis-Region
Für das US‑Frühwarn- und Raketenabwehrsystem ist Grönland zentral, da die kürzeste Route russischer Interkontinentalraketen über den Pol und damit über Grönland verläuft (das gilt ebenso für Russland. (20)
Die Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base) fungiert als vorgeschobener Außenposten der US‑Luft- und Raumverteidigung und als Knotenpunkt zur Überwachung russischer Raketenstarts und U‑Boot‑Bewegungen. (21)
Pituffik verfügt über einen einsatzfähigen Flugplatz und den nördlichsten Tiefwasserhafen der USA, was den Einsatz von Luft- und Seestreitkräften in der Arktis und im hohen Nordatlantik erleichtert. (22)
Grönland dient als Plattform für Luftbetankung, Aufklärungsflüge, Satellitenkommunikation und ggf. Stationierung zusätzlicher Kräfte, ohne US‑Verbände weit im russischen oder chinesischen unmittelbaren Vorfeld exponieren zu müssen. (23)
Mit der Eisschmelze gewinnen arktische Routen wie Nordwestpassage und transpolare Seewege an Bedeutung; Grönland liegt an diesen Achsen und ermöglicht deren Überwachung sowie den Schutz westlicher Handels- und Versorgungswege. (24)
Die Region beherbergt kritische Unterwasserkabel und potenzielle Energie- und Rohstoffprojekte; grönländische Radar-, Sensor- und Seestreitkräfte unterstützen den Schutz dieser Infrastruktur gegen Sabotage und hybride Bedrohungen. (25)
Trump begründet sein Begehren explizit mit „nationaler Sicherheit“ und stellt Grönland als unverzichtbar für die Verteidigung des amerikanischen Festlands dar, bis hin zur Andeutung, notfalls Gewalt in Betracht zu ziehen. (26)
Grönland liegt am Übergang vom Arktischen Ozean zum Nordatlantik und im Umfeld des GIUK‑Gap (Greenland–Iceland–UK), eines klassischen Engpasses für U‑Boot‑ und Flottenbewegungen zwischen Nordatlantik und Nordmeer. (27)
Mit dem Abschmelzen des Eises werden nördliche Schifffahrtsrouten wirtschaftlich attraktiver; die Kontrolle grönländischer Gewässer stärkt die US‑Position gegenüber Russland und China in der Arktisordnung und beim Schutz neuer Handelsrouten. (28)
Neben den ins Augen stechenden strategischen Vorteilen verfügt Grönland über bedeutende unerschlossene Vorkommen an Erdöl, Gas, Uran, seltenen Erden und anderen kritischen Mineralien, die für Hochtechnologie, Rüstung und Energiewende zentral sind. (29)
In Analysen wird Trumps Interesse mit der Chance verbunden, amerikanischen Unternehmen bevorzugten Zugang zu diesen Ressourcen zu verschaffen und gleichzeitig Chinas Dominanz bei seltenen Erden zurückzudrängen. (30)
Grönlands Potenzial als alternativer Lieferant kritischer Rohstoffe passt in Trumps wirtschaftsnationalistische Agenda, Wertschöpfungsketten von China weg in den US‑Einflussbereich zu verlagern. (31)
Mit der harten Rhetorik gegenüber Dänemark und der Bereitschaft, auch den Erwerb gegen den Willen Kopenhagens zu thematisieren, offenbart Trump, dass er traditionelle Verbündete wie Geschäfts- oder Machtpartner nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als Vasallen betrachtet. (32)
Trumps Grönland‑Politik soll die US‑Dominanz in der Arktis gegenüber Russland und China sichern, indem militärische Schlüsselpositionen, neue Handelsrouten und strategische Rohstoffe unter möglichst exklusive US‑Kontrolle kommen. (33)
Grönlands Einbindung in NATO‑Strukturen und die Blockierung chinesischer Investitionen in strategische Rohstoffprojekte werden dabei als Hebel gesehen, westliche bzw. US‑Dominanz im hohen Norden langfristig zu verfestigen. (34)
Anmerkungen und Quellen
1)https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
2)https://irp.fas.org/offdocs/nspd/nspd-66.htm, nicht mehr zugänglich, Dokument ist von Wolfgang Effenberger archiviert
3)https://irp.fas.org/offdocs/nspd/nspd-66.htm, nicht mehr zugänglich, Dokument ist von Wolfgang Effenberger archiviert
4)Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat: Die Europäische Union und die Arktis, KOM (2008) 763 endgültig, Brüssel, 20.11.2008, S. 7.
5)Allied Air Component Command HQ Ramstein, April 9, 2009
6)Barents Observer, June 8, 2009
7)Die NATO Response Force (NRF) ist eine Eingreiftruppe der NATO, die in zeitlich hoher Verfügbarkeit durch ihren modularen Aufbau in einem breiten Spektrum möglicher Operationen eingesetzt werden kann
8)Güth, Katja: NATO-Manöver im bündnisfreien Schweden, unter Güth, Katja: NATO-Manöver im bündnisfreien Schweden – Suchen
9)Headquarter (HQ) von Joint Force Air Component (JFAC) in Ramstein
10)Christian Science Monitor, June 11, 2009
11)Fairbanks Daily News-Miner, June 12, 2009
13)https://defence24.com/index-9
14)https://irp.fas.org/offdocs/nspd/nspd-66.htm, nicht mehr zugänglich, Dokument ist von Wolfgang Effenberger archiviert
15)https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
16)https://internationalepolitik.de/de/europa-zeigt-der-arktis-politik-flagge
17)https://www.arctic-report.net/product/usa-untersteichen-ihr-nationales-interesse-an-der-arktis/
18)https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2009/01/20090112-3.html
19)https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
20)https://www.cnbc.com/2026/01/07/why-trump-wants-greenland-and-what-makes-it-so-important-for-security.html
21)https://www.cnbc.com/2026/01/07/why-trump-wants-greenland-and-what-makes-it-so-important-for-security.html
22)https://www.cnbc.com/2026/01/07/why-trump-wants-greenland-and-what-makes-it-so-important-for-security.html
23)https://www.politico.com/news/2025/06/02/pentagon-greenland-northern-command-00381223
24)https://www.belfercenter.org/research-analysis/explainer-geopolitical-significance-greenland
25)https://amandavandyke.substack.com/p/why-the-giuk-gap-matters-a-strategic
26)https://www.cnn.com/2026/01/07/politics/us-greenland-trump-denmark-history-hnk
27)https://defence24.com/index-9
28)https://www.eureporter.co/world/china-2/2025/12/15/greenlands-strategic-shift-as-a-game-changer-in-the-global-rare-earth-race/
29)https://www.thearcticinstitute.org/trump-greenland-logic-chaos/
30)https://rsdi.ae/en/publications/arctic-crosscurrents-greenland-in-the-era-of-strategic-realignment
31)https://www.thearcticinstitute.org/trump-greenland-logic-chaos/
32)https://www.bbc.com/news/articles/c74x4m71pmjo
33)https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2025/769527/EPRS_BRI(2025)769527_EN.pdf
34)https://www.eureporter.co/world/china-2/2025/12/15/greenlands-strategic-shift-as-a-game-changer-in-the-global-rare-earth-race/
35)https://www.belfercenter.org/research-analysis/explainer-geopolitical-significance-greenland
36)https://en.wikipedia.org/wiki/GIUK_gap
37)https://www.militarytimes.com/news/pentagon-congress/2026/01/06/why-trump-is-claiming-the-us-needs-greenland-for-arctic-security/
38)https://breakingdefense.com/2025/06/trump-shifts-greenland-from-eucom-to-northcoms-responsibility/
39)https://www.politico.com/news/2025/06/02/pentagon-greenland-northern-command-00381223
40)https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
41)https://internationalepolitik.de/de/europa-zeigt-der-arktis-politik-flagge
42)https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2009/01/20090112-3.html
43)https://www.imi-online.de/2009/04/20/streit-um-bodenschae/
44)Andere bestehende regionale Plattformen, an denen Russland weiterhin teilnimmt, nämlich der „Arktische Rat“, der „Euro-Arktische Barents-Rat“ (Barents Euro-Arctic Council, BEAC) und das „Arktische Küstenwachenforum“ (Arctic Coast Guard Forum, ACGF), befassen sich nicht mit Fragen harter Sicherheit
46)Ebda.
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete “atomare Gefechtsfeld” in Europa. Während seiner Verwendung als Wirkungsberater bereitete Effenberger vor allem nach Vorgabe des scharfen General Defense Plans (Ausschnitt bayerische Grenze zur damaligen Tschechoslowakei) Befehle für den Kriegsfall aus und studierte abends zum Ausgleich an der Hochschule für Politik. Mit der Einsicht in die geplante Vernichtungsorgie entschloss er sich, 1976 aus der Bundeswehr auszuscheiden. An der TU studierte er Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020) sowie “Die unterschätzte Macht” (2022).
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