Russland muss zu begrenzten nuklearen Schlägen gegen den Westen bereit sein – Teil 1

Die aktuelle Phase des Krieges des Westens gegen Russland neigt sich zwar dem Ende zu, aber sie hat länger gedauert, als sie hätte dauern sollen. Bisher hat Russland die Entschlossenheit gefehlt, zu einer aktiven nuklearen Abschreckung zu greifen – der einzigen Option zur Lösung des „europäischen Problems“, das erneut zu einer Bedrohung für uns geworden ist.

Ein Beitrag von Sergei Karaganow

Symbolbild. Quelle: Shutterstock

Dennoch hat die militärische Sonderoperation in der Ukraine der Entwicklung Russlands neuen Schwung verliehen. Das Land ist erwacht. Patriotismus und Nationalstolz haben enorm zugenommen und der Wert, dem Vaterland zu dienen, hat Anerkennung gefunden. Die Menschen zeigen ihre besten Eigenschaften, während Wirtschaft und Forschung einen Aufschwung erleben. Die wichtigsten Berufe – Ingenieure, Wissenschaftler, Offiziere, Facharbeiter, Mediziner und Lehrer – werden endlich als solche wertgeschätzt (mit Ausnahme von „Lehrern“, auf die weiter unten eingegangen wird).

Indem wir das Augenmerk des Westens auf uns gezogen haben, konnten wir dadurch die Position der „Kompradorenbourgeoisie“ und ihrer Anhänger in der Intellektuellenszene erheblich schwächen. Zur Erinnerung: Als „Kompradoren“ bezeichneten die portugiesischen Kolonisatoren die lokalen Händler, die für sie arbeiteten. Die Reformen der 1990er Jahre haben dazu geführt, dass diese Schicht an Größe und Einfluss gewonnen hat. Glücklicherweise ist es gelungen, den Prozess der Säuberung Russlands von westlichem „Abschaum“, Verrätern und Schädlingen durch die militärische Sonderoperation ohne harte Repressionen in Gang zu setzen.

Bedauerlicherweise kostet uns diese beginnende gesellschaftliche und wirtschaftliche Genesung das Leben von Zehntausenden tapferen Soldaten. Ihnen gebührt ewige Dankbarkeit und Erinnerung. Und wenn, oder besser gesagt, sobald diese unvollendete Schlacht erneut entflammt, dürfen wir uns solche Opfer nicht mehr leisten.

Wohin bewegt man sich? Der externe Vektor 

Etwas aus meinen persönlichen Erinnerungen: Im Jahr 2013 versuchte ich erneut (viel entschlossener und eindringlicher als zuvor), eine Gruppe europäischer Staats- und Regierungschefs zu warnen, dass ihre Politik, die Ukraine in die EU und die NATO zu integrieren, zu einem Krieg und Millionen von Opfern führen würde. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sie es nicht wagten, mir in die Augen zu schauen, sondern stattdessen auf den Boden starrten. Und dann plapperten sie weiter über die Vorteile der Ausweitung des „Raums der Demokratie, des Vertrauens und der Menschenrechte“. Sie wollten weitere vierzig Millionen weiße Sklaven bekommen (was ihnen teilweise, wenn auch in kleinerem Umfang – durch mehrere Millionen ukrainische Flüchtlinge –, auch gelang).

Es wurde über die Notwendigkeit gesprochen, das damals noch loyale Russland in Schach zu halten. Bedauerlicherweise haben wir auf die Aggression der NATO in Libyen im Jahr 2011 nur zurückhaltend reagiert. Nun zahlen wir den Preis für unsere langjährige Beschwichtigungspolitik, unsere Bemühungen, allen zu gefallen, und die „Kompradorenmentalität“ eines Teils unserer Elite.

Durch die Wiedereingliederung der Krim im Jahr 2014 und die Entsendung von Truppen nach Syrien im Jahr 2015 konnten wir das militärische Abenteuer der EU vorerst bremsen. Doch dann haben wir uns unvorsichtigerweise zurückgelehnt. Hätten wir in den Jahren 2018–2020 ein Ultimatum für ein Ende der NATO-Erweiterung gestellt und dies mit einer verstärkten nuklearen Abschreckung untermauert, hätte der aktuelle Krieg vermieden werden können; oder er wäre weit weniger blutig und langwierig gewesen. Im Jahr 2022 wurde deutlich, dass der Westen und die ukrainische Junta sich intensiv auf diesen Krieg vorbereitet hatten.

In der Ukraine, vor allem in den östlichen und südlichen Regionen, leben viele Menschen, die wir als uns verwandtes Volk bezeichnen können. Der Kern der ukrainischen Bevölkerung – hauptsächlich westlich des Dnjepr – gehört jedoch zu einer anderen Volksgruppe. Sie haben eine andere Geschichte, andere kulturelle Codes und eine starke antirussische Ausrichtung, die jahrelang zuerst von Österreich-Ungarn und Polen und später von anderen westlichen Ländern kultiviert wurde, was die Ukrainer schließlich gegen Russland aufgehetzt hat. Wir sollten uns in sinnvoller Weise von den ukrainischen und europäischen Problemen distanzieren und unseren eigenen Weg einer gesunden und vernünftigen Entwicklung einschlagen und verfolgen.

Obwohl wir in diesem Krieg derzeit siegreich sind, reagieren wir weiterhin zurückhaltend auf offene Aggressionen. Dazu gehören die Piratenüberfälle auf unsere Schiffe, die Drohungen, die Meerengen zu sperren, die Versuche, eine De-facto-Wirtschaftsblockade zu organisieren, die Angriffe auf Ölterminals und die Versuche (auf Anregung oder zumindest mit verdeckter Billigung der europäischen Eliten), unsere Öltanker zu torpedieren. Auf diese und ähnliche Provokationen sowie auf Angriffe auf unsere Städte reagieren wir lediglich mit dem verstärkten Beschuss von Zielen in der Ukraine. Doch dies wird das Problem nicht lösen. Die Ukraine wurde absichtlich ins Feuer des Krieges geworfen, damit ihre Flammen auch uns verbrennen. Das ukrainische Volk interessiert die Europäer gar nicht. Und dieser Krieg wird mit mehr oder weniger großer Intensität so lange weitergehen, bis die Ursache dieses und anderer Konflikte beseitigt wird – also die europäischen Eliten, die intellektuell, moralisch und materiell degradiert sind. In ihrem Bestreben, den unvermeidlichen Zusammenbruch des für sie vorteilhaften Status quo zu verhindern, schüren sie den Krieg auf dem Kontinent, ohne zu begreifen, dass sie damit dessen Zerstörung riskieren.

Es ist uns noch nicht gelungen, die uns feindlich gesinnte Koalition zu zerstören, wie wir es in den Jahren 1812–1815 und 1941–1945 getan haben. Auch ihren Aggressionswillen konnten wir noch nicht brechen. Der Kampf ist in eine Zwischenphase eingetreten, die man im Schachjargon als Mittelspiel bezeichnet. Die vom Westen unterstützten Überreste der Ukraine werden weiterhin für Instabilität und Terrorismus sorgen, wenn auch mit etwas geringerer Intensität. Auch der Wirtschaftskrieg gegen uns ist noch nicht vorbei.

Europa bereitet sich auf eine neue Konfrontation vor und wird wahrscheinlich (nicht unbedingt unter ukrainischer Flagge) die Überreste der ukrainischen Armee, verstärkt und neu ausgerüstet, zusammen mit Landsknechten aus den ärmeren Ländern Europas einsetzen.

Trotz neuer Fassade wird das derzeitige kompradorische, ultranationalistische (de facto nazistische) Regime der Ukraine, das von der EU in unterschiedlicher Weise unterstützt wird, aller Voraussicht nach weiterhin über beträchtliche militärische Kapazitäten verfügen.

Auf provokative Handlungen und Verstöße gegen jegliche Abkommen – die zu erwarten sind – werden wir militärisch reagieren müssen. Dabei ist davon auszugehen, dass gerade uns Aggression und Verstöße gegen Friedensabkommen vorgeworfen werden. Aber in Wirklichkeit ist mit einer erneuten offenen Aggression gegen uns zu rechnen. Die meisten Sanktionen werden bestehen bleiben.

Unsere Strategie in dieser neuen Konfrontation sollte sich jedoch grundlegend von der bisherigen unterscheiden: Den fortgesetzten Rückzug der USA aus Europa und ihren vollständigen Ausstieg aus diesem Konflikt sollten wir durch entschlossene Abschreckungsmaßnahmen und die Zerschlagung der derzeitigen Elite Europas (die sich an ihre schwindende Macht zu klammern versucht, indem sie Feindseligkeiten gegenüber Russland schürt, ihr eigenes Volk in die Irre führt und den Konflikt eskalieren lässt) fördern.

Übersetzt aus dem Englischen. Quelle: https://eng.globalaffairs.ru/articles/middlegame-karaganov/

Professor Sergei Karaganow ist akademischer Leiter der Fakultät für Weltwirtschaft und Internationale Angelegenheiten der Higher School of Economics (HSE) in Moskau und Ehrenvorsitzender des Russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik.

Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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