Wer Eliten kritisiert ist ein rechter Verschwörungstheoretiker?

Sie zweifeln an den Motiven der politischen Eliten? Dann sagen Sie es nicht zu laut, denn dergleichen wird als (rechte) Verschwörungstheorie gehandelt. Dabei weist alles darauf hin, dass diese Eliten sich verschworen haben.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Außenministerin von Deutschland, spricht vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Foto: dpa

»Die da oben«: Ein Schlagwort, was man früher besonders im linken Milieu vernehmen konnte – gegen »die da oben« formierte sich schließlich der Klassenkampf. »Die da oben« sollten zu begreifen lernen, dass »die da unten« auch was zu melden haben – die Interessen von »denen da unten« auf die Straße zu tragen, für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und auskömmliche Renten zu streiten: »Die da oben« verstanden das nur, wenn man lautstark war und nicht einknickte.

Wer heute nach oben schielt und glaubt, dass da oben was im Schilde geführt wird, ist der Elitenkritik verfallen. Und die gilt gemeinhin als Verschwörungsideologie – der wichtigtuerisch klingenden Nachfolgerin der Verschwörungstheorie. Vielleicht musste man die Bezeichnung auch ändern, weil sich die Theorie zu häufig als gängige Praxis erwies. Diejenigen, die jeden kritischen Ansatz als Verschwörungsdenken einordnen, brauchten also einen anderen, einen markigen Überbegriff, mit dem sie herumdoktern können. Verschwörungsideologie klingt nebenher auch gleich viel furchterregender. »Die da oben«-Sprüche gelten als so eine Ideologie – man würde den Eliten, auch denen in der Politik, etwas anhängen und andichten, was so nicht haltbar sei: Dass sie nämlich einer höheren Agenda folgten als jener, das Volk zu vertreten. Anders formuliert: Wer nicht naiv das Mantra des braven Spitzenpolitikers nachbetet, macht sich verdächtig.

Schaden vom Amt abwenden?

Dabei verwundert es schon, wie sehr sich die Kommunikation zwischen Politik und Bürger verändert hat – und wie wenig Einfluss der Bürger noch auf die Abläufe im politischen Betrieb hat. Die Schamlosigkeit der politischen Klasse ist fast schon legendär. Wann tritt denn ein ertappter Politiker nochmal zurück, um Schaden von seinem Amt abzuwenden? Nehmen wir nur mal Herrn Doktor Mario Voigt – zu anderen Zeiten wäre es eher zweitrangig gewesen, wie sich die Situation nun wirklich darstellt, ob er abgeschrieben hat oder nicht, hätte man zwar aufgeklärt. Aber nicht hängend und würgend, während er andachtsvoll den Landesvater mimt. Ein Rücktritt wäre notwendig geworden, um das Amt nicht belasten. Das Amt hing demgemäß höher als die Person, die versuchte, es auszufüllen – offenbar spielt das aber heute keine Rolle mehr. Die zu vergebenden Ämter können vermutlich auch nicht noch mehr geschädigt werden, als sie es ohnehin schon längst sind. Nein, heute klebt man am Stuhl, wie man früher metaphorisch konstatierte, wenn ein Politiker nicht schnell genug den Platz räumte.

Die politische Klasse räumt keine Plätze mehr – oder nur in sehr seltenen Ausnahmen. Sie ist selbstsicher geworden. Zu selbstsicher. Arrogant geradezu. Sie haftet an Stühlen und hat sich in den Parlamenten verkeilt. Und egal, was auch immer herauskommt, womit man sie konfrontiert: Die Parlamentskleber sind einfach nicht loszureißen. Es ist eine ungenierte Klasse, die auch bei ruiniertem Ruf im lukrativen System pappen bleiben möchte – und eben auch haften bleibt. Die Rücktrittsforderungen vernimmt man nur im Flüsterton, selbst andere Parteien fordern dergleichen – wenn überhaupt! – nur zurückhaltend. Man ist sich in dieser Klasse einig: Rücktritt muss nicht unbedingt sein. Denn was, wenn man selbst mal in die Enge getrieben wird? Da möchte man auch die Loyalität der politischen Privilegierungsgenossen in Anspruch nehmen dürfen.

Diese fehlende Rücktrittsmoral ist natürlich auch Ausdruck eines fehlenden Verantwortungsgefühls – zeigt aber auch an, dass »die da oben« im Berliner Parlament oder auch in den vielen Landesparlamenten, keinerlei Demut an den Tag legen möchten. Der Souverän ist für sie nicht relevant, die Empörung der Bürger nur etwas, dass man mit der richtigen Ansprache wegverwalten kann. Wofür hat man denn Marketingleute engagiert? Sie sind es, die den Abgeordneten zu einer Art Überfigur umdeuten, einem für den Bürger unantastbaren Wesen – im Zweifelsfall wird die Kritik an einen der Unberührbaren neu gedeutet: als Elitenkritik – und damit als Ausdruck sogenannten verschwörungsideologischen Denkens. Damit hält sich die politische Klasse schadlos, kann Kritik als der Gemecker von Spinnern abtun.

Elitenkritik als Verschwörung soll den Klassenkampf kleinhalten

Kritiker werden nun einwenden, dass diejenigen, die die Elitenkritik als gefährliches Querdenken und rechtsoffenes Verschwörungsdenken abtun wollen, etwas Anderes meinen könnten. Sie wittern hinter dieser Kritik eine Denkart, die glaubt, dass der politische Betrieb nicht den Interessen des Volkes dient, sondern denen einiger reicher Leute, die Einfluss nehmen auf das politische Personal, auf die Abläufe und Gesetzesvorhaben – dass da sehr reiche Leute sitzen würden, die die Politik in der Hand haben, wird als groteske Vorstellung abgetan. Als Verschwörungsnarrativ – noch so ein Modewort – und simplifizierende Betrachtungweise. Denn die Welt sei freilich sehr komplex – ein Einwand, den keiner leugnet, der aber zuweilen als Ausrede missbraucht wird, um Elitenkritik kleinzuhalten.

Gibt es etwa keinen Einfluss reicher Leute auf die Politik? War nicht auch das Teil der linken Agenda noch vor Jahren? Dass der Reichtum die Politik in der Tasche hat: Nie war es anders – und immer hat es »die da unten« geärgert. Wenn die nun ihrem Ärger freien Lauf lassen, gelten sie als gefährliche Verbreiter von Desinformation. Merken diejenigen, die heute unter der Flagge linker Politik eine gänzlich andere Politik exekutieren wollen, dass hier der Klassenkampf im Keim erstickt wird? Oder sind sie dumm genug, um das nicht verstehen zu können? Je öfter jemand aus diesem postlinken Milieu von Desinformationskampagnen plappert, die man in den Griff bekommen müsse, desto stärker machen sie sich als Interessensvertretung von »die da unten« unmöglich.

Die Politik und die Einflüsterer aus den Sphären des Superreichtums haben sich verschworen gegen die normalen Menschen allüberall auf der Welt. Sie richten eine Überwachungswelt ein, in der die Kontrolle nicht erst auf öffentlichen Plätzen mit Kameraüberwachung beginnt, sondern bei der Gedankenkontrolle auf dem eigenen Handydisplay. Wenn das Verschwörungsdenken sein soll, dann doch nur, weil »die da unten« die Opfer einer Elitenverschwörung sind und es bitte nicht merken sollen. Ob das nur der eine Masterplan ist oder viele verschiedene Dynamiken: Immer stammen sie aus den Zyklen der wahren Macht – nie aus der Basis. Natürlich kann man inbrünstig daran glauben, dass Figuren wie Greta Thunberg »von unten« kamen – man könnte es aber auch hinterfragen und skeptisch bleiben. Denn wie konnte es ein kleines Mädchen aus dem Nichts bis in die Sphären der Eliten schaffen, um dort ihrem Groll zu hegen, während die zum Himmel schreiende Armut auf Erden thematisch kaum in diese Gefilde kommt?

Elitenkritik ist plötzlich rechts

Wer das als Zufall betrachten will, sollte das tun – es beruhigt natürlich auch das Gemüt, wenn man so tut, als sei der Apparat an sich intakt und Zufälle oder Überraschungen noch möglich. Wer heute nach Verflechtungen zwischen Konzernen, Lobbyisten, reichen Privatiers und politischen Entscheidungsträgern fragt, sieht sich schnell nicht nur dem Verdacht ausgesetzt, ein vereinfachendes Weltbild zu pflegen – nein, der muss zudem damit leben, dass man ihm unterstellt, rechte Ressentiments zu verbreiten. Denn Elitenkritik hat plötzlich die Seiten gewechselt. Ohne Erklärung, ohne Darlegung – das kann nur mit einer Kampagne erklärt werden, bezahlt von denen, die sich eine derartige Aktion zur Meinungs- und Gedankenkontrolle auch finanziell leisten können.

Auffällig ist, dass nicht der Inhalt der Kritik den Ausschlag gibt, sondern die Zuschreibung. Es spielt so gut wie kaum noch eine Rolle, ob die vorgetragenen Argumente belegt, sachlich formuliert und politisch anschlussfähig sind. Entscheidend ist, wer sie äußert – und in welchem Klima er das tut. So entsteht eine Art Kontaktschuld: Bestimmte Themen gelten als »verbrannt«, weil sie angeblich von den Falschen aufgegriffen werden. Wer sie dennoch anspricht, riskiert, selbst in dieses Lager einsortiert zu werden.

Die historische Linke ist das Produkt einer aufkommenden Elitenkritik – 1789 saßen die Radikalen und Revolutionäre auf der linken Seite der konstituierenden Nationalversammlung Frankreichs. Ihnen gegenüber, auf der rechte Seite des Hauses, die Konservativen und Monarchisten, denen es zuwider war, dass die links sitzenden Herren hart mit dem Treiben der Eliten des Ancien Régime ins Gericht gingen. Natürlich waren diese Linken selbst elitär, kritisierten aber die alte ständische Ordnung. Ihre Elitenkritik richtete sich somit ganz besonders gegen vererbte Vorrechte. Nicht Herkunft, sondern Leistung und Gemeinwohlorientierung sollten über Einfluss entscheiden. Die Arroganz der Macht, der Standesdünkel des Adels, der sich gegen die kleinen Leute verschworen hatte: Das machte diese Leute aus, die links saßen. Und plötzlich soll die Elitenkritik rechts sitzen, dort wo 1789 die alte Ordnung verteidigt, die Arroganz der Mächtigen aufrechterhalten werden sollte?

Der gute Staatsbürger ist ein Elitenskeptiker

Im Zuge der aktuellen Offenlegung der Epstein-Files droht eine gravierende Gefahr für jene, die Elitenkritik als Verschwörungsideologie abtun: Die Papiere belegen mal deutlicher, mal undeutlicher, wie sich eine Elite aus allen möglichen Bereichen der Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen, teilweise auch mit volljährigen Personen gegen deren Willen verlustiert hat. Die elitären Zirkel werden ein grundlegendes Interesse daran haben, diese Causa nicht als Verfehlung der Eliten zu sehen, sondern als Summe von bedauernswerten Einzelfällen. Tatsache ist aber: Es gibt globalistische Eliten, die nach aktueller Aktenlage weitreichende Netzwerke für (pädophilen) Sex nutzen. »Globalistisch« ist hierbei die nächste Red Flag, um es auf Deutsch zu sagen, die mit der Warnung aufblinkt: Achtung, Rechtsalarm! Ganz so, als ob es weltweit agierende Elitezirkel nicht gäbe!

Wer erinnert sich noch an den Fall Marc Dutroux? Anfang der Neunzigerjahre kam heraus, dass der Belgier Kinder entführte und sie in einem Verlies hielt – einige Kinder kamen zu Tode, verhungerten oder wurden ermordet. Schnell häuften sich die Stimmen, die starke Indizien für einen Kinderporno-Ring sahen. Am Ende versickerte der Skandal, Dutroux wurde öffentlich als ganz normaler Scheißkerl hingestellt – so wie zuletzt Jeffrey Epstein auch. Ein bedauerlicher Einzelfall sein er gewesen, ein Perverser und Voyeur. Zufällig hatte er auch prominente Gäste. Bei den Demonstrationen gegen Corona fand man vereinzelt immer auch Leute, die Schilder hochhielten, auf denen etwas von Pädophilie stand, von Netzwerken und von Eliten. Man tat sie gerne als Spinner ab – und die Medienschaffenden, die ein Interesse daran hatten, die Demonstrationen rechts zu verorten und damit zu stigmatisieren, freuten sich über solche Schilder, denn sie belegten angeblich eine Mischung aus Spinnerei und rechtem Elitenkritik-Verschwörungsdenken. Heute muss man diese Leute ganz anders betrachten: Sie hatten ein gutes Gespür für das globale Elitensystem, in dem Reiche und Superreiche, Mächtige und Supermächtige ihre Perversionen ausleben können, gedeckt von den politischen Funktionseliten und der Justiz.

Der gute Staatsbürger, so galt es noch vor Jahren, ist grundsätzlich skeptisch gegenüber seiner Regierung und dem Treiben der Eliten. Elitenskeptizismus galt als politische Reife. Diese politische Reife wird mittlerweile als gefährlich, als staatszersetzend eingeordnet. Wer gegenüber Eliten seine Skepsis formuliert, kann das natürlich in einem gewissen Rahmen tun – dieser darf nur nicht übertreten werden. Einzelfälle von elitärem Machtmissbrauch dürfen noch thematisiert werden – nachdem man öffentlich verhandelt hat, wer zum Abschuss freigegeben wird. Wer die elitären Zirkel, weltumspannend wie sie sind, egomanisch wie sie auftreten, bürgerverachtend wie sie agieren, aber in seiner Gänze zum Thema macht, wird gebrandmarkt – von Leuten, die nicht zu diesen Eliten gehören, die sich ihnen aber medienschaffend andienen. Man kann eben immer die eine Hälfte der Habenichtse kaufen, um die andere Hälfte der Habenichtse kleinzukriegen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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