Dem ukrainischen Volke

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz wurde das ukrainische Volk ausgezeichnet. Ein fatales Signal an die Welt! Ein Kommentar.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Dem ukrainischen Volke
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Auszeichnung in München: Der Ukrainische Präsident Wolodimir Selenskjy hat stellvertretend für das ukrainische Volk den Ewald-von-Kleist-Preis entgegengenommen. Der Preis wurde 2009 von der Münchner Sicherheitskonferenz ins Leben gerufen. Letzte Preisträgerin dieses sogenannten Friedenspreises: Kaja Kallas. Der Namensgeber des Preises stammt vom Gründer des Wehrkundetages, aus der 1992 die Sicherheitskonferenz hervorging.

Es gäbe einiges zur Person dieses Ewald-Heinrich von Kleist zu sagen: so etwa, dass er Widerständler des 20. Juli 1944 war und damit unter Wehrmachtsoffizieren wirkte, die zwar Hitler beseitigen wollten, aber die zum Zeitpunkt von Hitlers Ableben eroberten Gebiete des Krieges einzubehalten planten. Treppenwitz der Geschichte: Teile der Ukraine waren im Sommer 1944 noch in deutscher Hand. Und nun erhält ein ukrainischer Präsident einen Preis, der eigentlich seinem Volk gebühren soll und dessen Mut und Widerstandsfähigkeit gilt.

Eine in Mut vereinte ukrainische Nation?

Ein Volk ist kein handelndes Subjekt. Die Preisstifter denken sich das aber offenbar genau auf diese Weise. Ukrainisches Volk: Das ist eine Chiffre, ein politischer Sammelbegriff, der Unterschiede ausblendet. In der Ukraine leben Menschen, deren Loyalität nicht gleichsam der ukrainischen Regierung gilt. Gerade im Osten des Landes ist die Mehrheit der Ukrainer kulturell und familiär enger an Russland gebunden. Die Würdigung des ukrainischen Volkes, simuliert nun, dass es eine homogene moralische Einheit gäbe, die nur einem einzigen Willen untergeordnet sei: dem Durchhalten und dem Mut vor dem Feind.

Die Preisvergabe soll darüber hinwegtäuschen, dass die Ukrainer heute mehr denn je ein uneiniges, ein zersplittertes Volk sind. Der Krieg hat die gespaltene Nation nicht etwa vereint, sondern die Kluft noch abgründiger werden lassen. Westen und Osten sind sich fremder denn je. Und die Jagdszenen der Feldjäger auf Männer, die an der Front verheizt werden sollen, hat nicht etwa zur Folge, dass sich die Ukrainer als stolzes Volk voller Mut betrachten, sondern immer häufiger an dieser Nation zweifeln, die einen Krieg führt, den man nicht gewinnen kann. Längst fragt man sich dort, ob es nicht besser sei, russische Zugeständnisse zu bewilligen und die in München prämierte Widerstandsfähigkeit aufzugeben.

Preise sollen gemeinhin etwas auszeichnen, das als gut und lobenswert erachtet wird: Ein gutes Buch. Ein schöner Film. Eine noble Haltung. Zumindest ist dies das Ideal. Wir wissen natürlich, dass dem längst nicht mehr so ist – Preisverleihungen sind Teil der Propagandaindustrie. Im Westen zeichnet man Umstände aus, die sich propagandistisch ausschlachten lassen. Dennoch glauben viele Menschen immer noch daran, dass etwas von hoher Güte ist, wenn es prämiert wird. Ein Volk, das sich im Krieg befindet: Was genau soll denn da eine Auszeichnung verdienen? Durchhalten? Leiden? Zerschossene Leiber? Abgerissene Glieder? Die Angst der Kinder vor Raketen und den Häschern der Feldgendarmerie?

Vom deutschen Boden geht Verherrlichung aus

Die Preisrichter zeichneten das würdevolle Leiden der Ukrainer aus. Und teilen ihnen damit durch die Blume der Preisverleihung mit, dass sie etwas tun, etwas erleiden, was aufzugeben weniger preiswürdig wäre. Denn der prämierte Durchhaltewillen soll der Welt suggerieren, was wirklich richtig, edel und belobigend ist: Durchhalten. Weitermachen. Der Zerstörung, dem Tod, den Verstümmelungen und Traumatisierungen zu trotzen. Wer das beenden möchte, wer nicht mehr durchzuhalten beabsichtigt, der muss wohl nicht damit rechnen, in München mit Preisvergaben aufgepeitscht zu werden. Im Krieg zu funktionieren als bravouröse Eigenschaft: Das ist die Botschaft, die die Münchner Sicherheitskonferenz für die Ukraine hat.

Dieser Ewald-von-Kleist-Preis ist Öl in loderndes Feuer. Ein ausgeübter Druck der Europäer – und Deutschen! – auf die Ukraine. Ein fatales Signal an die Welt, das voller Pathos die Hölle auszeichnet, während sich andernorts zäh um eine Verhandlungslösung bemüht wird. Der Beitrag zu jenen Gesprächen, der von deutschem Boden ausgeht: Die Würdigung und damit die Aufforderung, weiter durchzuhalten, es auszuhalten und weiterzumachen. Hieß es nicht mal, dass von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehen soll? Beinhaltete das nicht auch, vom deutschen Boden aus nicht zu zündeln?

Der Mensch als Material, als Wesen in Stahlgewittern. Opferbereit und willens, einem Leben in Normalität abzuschwören. München hat eine symbolpolitische Entscheidung getroffen: Die Ukrainer machen es richtig. Durchzuhalten um des Durchhaltens willen mag manchem ja durchaus imponieren, denn das klingt nach Charakterstärke. Aber das ist kein politisches Ziel, sondern Ausdruck politischen Versagens. Standhaftigkeit mag eine Tugend sein – aber nicht, wenn Standhaftigkeit tödlich und zerstörerisch wirkt. Dann ist es eine Sackgasse, in der man zwar würdevoll stehen kann, die aber am Ende eine Falle darstellt. Verharren im Krieg ist keine moralische Leistung, die eines Preises bedarf. Wer das prämiert, offenbart die Schändlichkeit seines Treibens.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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