Sie ist wieder da!

16 Jahre saß sie die Macht aus – keine fünf Jahre ist es her, dass es sich mit ihr ausgesessen hat. Nun rufen die ersten ihre Mutti zurück – diesmal soll sie in Bellevue unterkommen.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Merkel, Heiligenfigur vor Schloss Bellevue
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Angela Merkel als Bundespräsidentin? Die Stimmen werden lauter. Selbst im Spiegel ruft man nun nach ihr – Deutschland brauche sie. Auch die Altoliven seien nicht abgeneigt, liest man zudem in Ströers Postille, was heißen soll: Jürgen Trittin und Renate Künast könnten sich die ehemalige Mutti als obersten Mann im Staate vorstellen. Eben saß sie noch irgendwo in Italien fest, wartete zerzaust und abgekämpft wie Großmutti bei der Altenspeisung auf die erhoffte Sättigung, nur um vom italienischen Gastwirt wegen eines Selfies aufgelauert zu werden – und nun soll sie doch nochmal den Laden retten: und zwar kraft ihrer moralischen Integrität?

Haben 16 Jahre nicht gereicht? Und hat all das, was um uns herum zusammenbricht, einklappt, niedergeht, sich auflöst, zerbröselt, zerbricht und verwahrlost, nicht wenigstens ein klein Bisschen mit dieser Frau zu tun? Als ich den Eindruck bekam, dass hier eine mediale Kampagne abläuft, die die Altkanzlerin zur Bundespräsidentin bewegen soll, dachte ich mir für einen Augenblick lang, dass ich laut schreien, in die Tasten hauen möchte. Ja, mir die Empörung vom Leib schreiben will! Mich ergrimmen nach Strich und Faden. Und dann sinnierte ich einen Moment darüber und kam zu der Erkenntnis: Scheiße, warum denn eigentlich? Sollen sie doch zum Bundespräsidenten machen, wen immer sie wollen – Marie-Luise Beck, Gunther von Hagen, Gil Ofarim oder nochmal den Steinmeier, auch wenn sie dann das Grundgesetz ändern müssten. Spielt das noch eine Rolle? Und wenn alle Stricke reißen, dann vor mir auch Angela Merkel!

Frank-Walter Merkel

Das ist ja, wir wissen es zur Genüge, gar nicht »unsere Demokratie«. Es ist deren – macht damit also was ihr wollt! Setzt doch immer wieder dieselben Visagen auf die Hocker der Macht, gewährt ständig aufs Neue quasiinzestuös denselben Gestalten irgendein Pöstchen oder einen Posten – was soll es denn jene kümmern, die längst das Gefühl für dieses Gemeinwesen verloren haben, weil man es ihnen quasi aberzogen hat? Es macht keinen Unterschied, ob im Lustschlösschen Bellevue ein Apparatschik aus Separatorenfleisch und Blut residiert oder einfach bloß ein Hackbraten – ja, es ist gewissermaßen auch einerlei, ob im Kanzleramt ein richtiger Mensch verweilt oder einfach nur eine von Sora generierte Waldo-Figur: Denn es läuft auf dasselbe hinaus.

Dem Spiegel geht es echt beschissen – 186.843 Print-Abonnenten hat er noch. So weist es die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) für das letzte Quartal des letzten Jahres aus. Im dritten Quartal 2025 gab es noch 191.791 Print-Abos – Ende 2023 konnte man noch 231.350 Print-Abos absetzen. Zuletzt sanken auch die elektronischen Abonnements: von 255.681 im dritten auf 252.602 im vierten Quartal 2025. Gleichwohl: offenbar geht es ihm immer noch zu gut, denn sonst täte er nicht so, als ob jene Frau, die Deutschland 16 Jahre lang aussaß, die letzte Rettung eines völlig desillusionierten Landes ist. Es hat ja seit Frank-Verwalter Steinmeier eine gewisse Tradition, dass man Leute in dieses Amt hievt, die als moralische Instanz wirken sollen, die aber gleichzeitig an den Zuständen, die den sittlichen Verfall des Gemeinwesens bewirkten, eine unbestreitbare Mitschuld tragen. Früher machte man Böcke zu Gärtnern, heute werden [Achtung, Achtung: §90 StGB-Alarm! §90 StGB-Alarm! §90 StGB-Alarm!] zu Bundespräsidenten erhoben.

Was jammert der noch amtierende Mann an der Spitze des Staates seit 2017 doch gar bedauernswert vor sich hin: ein gespaltenes Land sei das hier, man müsse umsichtig in die Zukunft blicken, zuversichtlich sein, denn das sei immer noch das beste Deutschland, dass er je gehabt habe. Und stets formuliert er es so – seine Redenschreibenden formulieren es so –, dass man den Eindruck bekommen könnte, er habe damit rein gar nichts zu tun. Dieser arme Herr Bundespräsident soll jedoch die Kohlen aus dem Feuer holen, die Herr Steinmeier einst dort hineinbugsiert hat. Denn dieser Steinmeier, das war die graue Eminenz des rot-grünen Sozialabbaus, der Agenda 2010, von Hartz IV und Bedarfsgemeinschaftssippenhaftung, der nicht nur Einzelschicksale besiegelte, sondern nebenher noch seine Partei so sehr schwächte, dass in das entstandende Vakuum eine andere Partei zu stoßen vermochte: die Alternative für Deutschland. Vor der warnt Steinmeier heute regelmäßig und gewohnt überparteilich. Mit ihm hat dieses Phänomen der AfD ja bekanntlich nichts zu tun.

Danke, Merkel!

Wir leben in Zeiten, in der so gut wie jeder Opfer sein will – meist wegen verletzter Gefühle. Steinmeier interpretiert das Amt des Bundespräsidenten seit Beginn seines Antrittes auf eine Weise, die ihn als den Opferpräsidenten vorstellt. Dass das Land in einem desolaten Zustand ist, ganz besonders auch geistig-moralisch, scheint für ihn, der innerhalb des rot-grünen Projektes Anfang des Jahrhunderts, eine ganz perfide Rolle spielte, nur ein Produkt Dritter zu sein – als Präsident spielt er das Opfer, das nun als sittliche Koryphäe wirken soll, als spiritueller Führer der Zuversicht; er soll »unsere Demokratie« hier, »unsere Demokratie« da verteidigen. Dieser arme Mensch, wie er da ausbadet, was er selbst für uns in die Wanne einließ: man möchte heulen.

Und nun rufen sie nach der nächsten Abrissbirne, die ihn beerben könnte. Noch so ein Opfer, dass uns bald weismachen will, dass Zusammenhalt notwendig sei und wir uns nicht spalten lassen dürften? Nun gut, man muss sich den ganzen präsidialen Unsinn ja nicht antun, wie eingangs erwähnt, es ist auch nicht von Bedeutung, wer in diesem Land welches Amt belegt. Aber dann schaut man ja doch hin – das ist wie ein Unfall, da fährt doch keiner vorbei und meidet den Blickkontakt. Voyeurismus geschieht zuweilen ganz unwillkürlich. Frau Merkel also, die Frau, die das Land auf Verschleiß fahren ließ, die die Einheit Europas auf dem Gewissen hat, die Zuwanderung deregulierte und diesbezügliche Diskussionen erst gar nicht führen wollte; diese Frau Merkel, die ihre Partei herrisch genug führte, sodass jene neue Partei, für deren Erscheinen der oben genannte Herr Steinmeier eine nicht unwesentliche Rolle spielte, genug Zulauf verzeichnen konnte, um zur politischen Konkurrenz aufzusteigen, soll jetzt dieses Amt griffiger Durchhalteparolen und abgewetzter Zuversichtsrhetorik übernehmen und die Leute für ein Schicksal trösten, für das sie die Verantwortung als 16-jährige Richtlinienkompetenz trägt?

Das soll doch wohl ein Witz sein, oder? Aber andererseits: wie sonst als mit Witzen und Slapstick, soll man denn diese Bundesrepublik noch ertragen? Und selbst die beste Alternative, die man haben könnte im Schloss Bellevue, ein Bundespräsident etwa, der es ernst meint mit Ausgleich, der unbelastet ins Amt kommen würde und die Politik als Ganzes und nicht nur nach Parteibuch tadelte – zwingen Sie mich bitte nicht, einen beispielhaften Namen zu nennen, ich habe nämlich keinen parat –, würde ja rein gar nichts ändern. Weil dieses Amt a) ziemlich nutzlos und b) das System verkrustet genug ist, sodass es sich nicht mehr aufweichen ließe. Sollen sie also Merkel zur Grüßauguste berufen – von mir aus! Es ist doch alles nicht mehr von Belang. Das System zieht die Zügel an, führt seine Bürger noch enger, macht auf Gesinnungsethik bis zum letzten Mann: wer politische Ämter innehat, hat gar keine Relevanz. Oder kümmert es das Rindvieh, ob der Kerl aus der Früh- oder der Widerling aus dem Spätschicht die Bolzenschusspistole an seine Stirn drückt? Und falls doch: was ändert es an der Situation des Tieres? Sicher, Sie haben ja recht, wir werden nicht geschlachtet – aber Rindviecher, das sind wir schon.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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