Die Traumatisierten nach dem »Prozess gegen Deutschland« wollen gesehen werden – wie jene, die bei Stalins Aufbahrung weinten.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Tränen seien geflossen: Die Mitarbeiter des Thalia-Theaters, in dem jener »Prozess gegen Deutschland« stattfand, bei dem verschiedene Perspektiven auf die AfD und ein Verbotsverfahren eine Bühne bekommen haben, fühlten sich verletzt – »Eindringlinge« habe man ihnen aufgehalst. Rassisten habe man eine Bühne gegeben. Die Kulturveranstaltung scheint etliche Traumatisierte hinterlassen zu haben. Die Mitarbeiter seien gewissermaßen fassungslos. Fühlen sich missbraucht und gedemütigt. Sie beanstanden die vermeintlich unterlassene Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Ist man in der Kulturbranche gut aufgehoben, wenn man den Spannungsbogen zwischen verschiedenen Positionen, Geisteshaltungen und Vorstellungswelten nicht aushält?
Handelt es sich um dieselben Mitarbeiter, die kurze Zeit später Alice Schwarzer die Bühne versagen wollten? Wegen einer Transfeindlichkeit, die man Schwarzer ohne Beleg unterstellt, sei kein Platz in deren gesegneten Hallen. Freilich werden diese Hallen von der Öffentlichkeit finanziert, das Theater gehört der Hansestadt Hamburg, weswegen ein Anspruch auf ein vielfältiges Programm besteht: Vielfalt – wer könnte was dagegen haben? In einem offenen Brief äußerten die Mitarbeiter außerdem, dass Schwarzer »seit Jahren gegen Selbstbestimmung, Arbeitsrechte und soziale Teilhabe von […] Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern« polarisiert habe. Ist Prostitution nun ein Beruf, den man aus Leidenschaft verrichtet, weswegen kein kritisches Wort mehr erlaubt sein sollte? Steckt nicht auch Zwang im Prostitutionssystem?
Perfomative Emotionen: Alle sollen es sehen!
Die Inszenierung der eigenen Verletzlichkeit, die tiefe Verwundung, die man erlitten hat, auch für jedermann gut sichtbar darzustellen: Das kann einem mitunter bekannt vorkommen – wenn auch in einem gänzlich anderen Setting. Um nur eine Szene zu nennen, die performative Emotionen zeigte, lohnt es sich kurz in den März 1953 zurückzuspringen. Stalin ist gestorben. Während seine Diadochen sich gegenseitig ausstachen und zusetzten, trauerte das sowjetische Volk – und dies noch bevor Lautsprecher die Öffentlichkeit anwiesen, sich bestürzt zu zeigen. Frauen weinten laut, Bildaufnahmen zeigen, wie sie ins Kameraobjektiv blicken und ihre Trauer schamlos vor aller Welt anschaulich machen. Auch Männer weinen, halten den Kopf gesenkt – und nicht wenige umklammern ein Foto des »Stählernen«, küssen es, behandeln es wie ein religiöse Ikone. Allen gemein ist, dass sie ihre Traurigkeit nicht verbergen wollen, sondern ganz im Gegenteil: Ihnen ist es ein Anliegen, das jeder deutlich erkennen kann, wie sehr sie der Tod des sowjetischen Staatenlenkers mitnimmt.
Sahen wir echte Trauer? Oder verordnete? Gemeinhin deutete man im Verlauf der Geschichte jene Bilder aus der UdSSR auf beide Weisen, wirkliche und befohlene Trauer hätten sich quasi vermischt. Vermutlich muss man aber noch einen Aspekt im Sinn haben: Die große Schar der Trauernden mag aus reinem Kalkül so exzessiv ihrer Trauer Ausdruck verliehen haben. Als Individuum seine Bestürzung kenntlich zu machen, keinen Zweifel offen zu lassen, dass einen dieser Tod untröstlich macht, war ein politisches Statement. Jede Zurückhaltung hätte als Ausdruck der Freude oder wenigstens Genugtuung gelten können. Stalins Personenkult griff freilich in jeden Lebensbereich hinein, aber die Sowjetbürger waren ja nicht dumm, sie wussten, dass ihr Führer ein Diktator war, dass es in seinem Reich brutal zuging und man schnell von der Oberfläche gewischt werden konnte. Da ging also einer von dannen, der die Sowjetunion kriegstüchtig und letztlich zu einer Siegermacht des Zweiten Weltkrieges gemacht hab – aber ein guter Mensch war dieser Stalin deswegen noch lange nicht. Diese kollektive Trauer nach seinem Ableben muss also fast zwangsläufig ihre Ursache im Performativen suchen.
Kenntlich zu machen, dass man sehr mitgenommen ist durch diesen Schicksalsschlag, bedeutete eines ganz wesentlich: Man zeigte an, dass man mit dem Regime nicht haderte, dass man sein eigenes kleines Dasein der großen Sache unterordnete – kurz und gut: So konnte man beweisen, dass man voll und ganz auf Linie ist. Trauerte man nur ein wenig reservierter, geriet man unter Umständen schnell in den Verdacht, ein Abweichler zu sein. Die Traumata, die nun offenbar Millionen erfassten, waren als Signal an die Öffentlichkeit gedacht. Sie sollten anzeigen, dass man nicht auf dumme Gedanken komme, nicht plötzlich Trotzkist sei oder den roten Staat ablehne. Man darf davon ausgehen, dass eine große Mehrheit dieser Trauergemeinde einen Selbstverrat aus Kalkül vollzog – und wenn man sich selbst gut genug zuredete, konnte man vielleicht sogar ausblenden, dass man aus reiner Planbarkeit so handelte und sich synchron dazu noch einreden, man tue es aus wahrhaftiger Traurigkeit heraus. Letzteres stützte die Selbstachtung, die jedem Menschen immanent ist.
Das Trauma als Affirmationsritual für das Gute
Nun ist zugegeben in jenem Thalia-Theater in Hamburg kein Führer, kein Woschd, den Weg allen Irdischen gegangen. In der Postdemokratie hat man es lediglich mit einer banalen Inszenierung zu tun, mit einem Stück Kulturbetrieb, der sich – was selten genug vorkommt – etwas getraute, was viel zu selten vorkommt. Denn Ziel war freilich die Polarisierung und das Spiel mit den Gegensätzen. Ob das nun gelungen ist oder nicht, soll an dieser Stelle nicht weiter kümmern. Die Reaktion der Mitarbeiter allerdings, erinnert an solcherlei Ereignisse, wie das Beklagen dieses Toten aus dem März 1953. Beim Tode Mao Tse-Tungs war es übrigens nicht so viel anders – man ahnte zwar, dass Maos Linie, die im Wesentlichen aus Kulturrevolution und Selbstkasteiung bestand, ohnehin an ein Ende geraten wäre. Aber sinnvoll schien es in jedem Falle, die Trauer gut sichtbar zu vollziehen.
Die Inszenierung der Gefühlslage und die überdeutliche Zurschaustellung von Emotionen müssen als Affirmationsritual betrachtet werden. Man will den Leuten, die in der eigenen Gesellschaftsgruppe zu finden sind, ganz deutlich signalisieren: Seht her, uns geht es schlecht, man hat uns übel mitgespielt – und das geht nun wirklich nicht spurlos an uns vorüber. Wir leiden, wir sind bestürzt und fassungslos.
Vielleicht sorgten sich die Mitarbeiter jenes Theaters in Hamburg ja, dass andere Personen, die in der Kulturbranche arbeiten und die stark an der strikten Umsetzung der sogenannten »richtigen Haltung« orientiert sind, sie plötzlich als Abtrünnige sehen könnten, weil sie ohne Widerrede Menschen auf die Bühne ließen, die bei bestimmten Themen der Gesellschaft anders denken. Was, wenn »die Guten« im Lande plötzlich denken, dass diese Belegschaft in Hamburg wirklich zu allem bereit sei, selbst zum Dialog mit Andersdenkenden? Mit dem Todfeind? Muss man da nicht ein Zeichen setzen, dass man immer noch solidarisch mit den Ideen ist, die man sich als die einzig richtigen auserkoren hat? Wäre es da nicht ratsam, Emotionen zu zeigen, um klarzumachen, dass man immer noch Teil der Community ist, die in Deutschland nach wie vor die Deutungshoheit beansprucht und ihre Gegner zu Gefährdern verklärt? Tränen können an dieser Stelle helfen, diesem Kalkül eine menschliche Facette zu verleihen. Denn wer weint, wer leidet, der macht physisch glaubhaft, dass er im Innersten gebrochen ist.
Verletzlichkeit als Überlebensstrategie
Die plakativ präsentierte Verletzlichkeit darf man gleichermaßen als Solidaritätsbekundung wie als Statement begreifen. Solidarität zeigt sie an, indem sie darlegt, dass man den Kontakt zur eigentlich Peer-Group, die Gesellschaft über verletzte Gefühle und Safe Spaces definiert, eben nicht aufgegeben hat. Man sei überrumpelt und den Löwen zum Fraß vorgeworfen worden. Außerdem sei man Opfer einer feindlichen Übernahme geworden; der Feind sei in die erhabenen Hallen eingedrungen, unter Mitwirkung abtrünniger Helfershelfer im eigenen Hause. Die gesundheitliche Verfassung der Belegschaft habe man dabei gewissermaßen übergangen und kalkuliert gefährdet. Als Statement dient die Performance von Verletzlichkeit, weil sie nochmal unterstreicht, dass man weiterhin die »richtige Haltung« verinnerlicht habe – sie sei nur im Angesicht diktatorischer Entscheidungen nicht praktizierbar gewesen. Kurz und gut: Liebe Kulturschaffenden, wisset: wir sind weiterhin auf Linie!
Und auch, wenn natürlich nicht jede Emotionalisierung sofort performativ einzuordnen ist, weil der eine oder andere ja vielleicht wirkliche Gefühle zum Ausdruck bringt, so lässt sich die Konstante instrumentalisierter Emotionen im öffentlichen Streit um die Deutungshoheit wohl nur schwerlich leugnen. Seit jeher werden Gefühle auf einer primitiven Ebene als Instrument der Kontrolle des Gegenübers eingesetzt. Das Impression Management der Hamburger Angestellten des Thalia-Theaters sollte als Flucht nach vorne, als Bekenntnis zur Linientreue und Ausdruck politischer Zuverlässigkeit interpretiert werden. Aus Zwecken der Anschaulichkeit wird das nun hochgekocht – aber mit etwas gesunden Menschenverstand kann man wohl festhalten: niemand ist traumatisiert, weil er Menschen zuhören muss, die anders denken als man es selbst tut. Wer dies ernstlich zu Protokoll gibt, ist im eigentlichen Sinne ein Verdachtsfall für den Verfassungsschutz wie für andere Ermittlungsbehörden. Denn Andersdenkende auszublenden, das gelingt besonders gut in diktatorischen Systemen. Wollen die Zartbesaiteten also die Grundordnung aufheben? Und was, wenn man Andersdenkende so sehr ausschließen will, dass man ihnen nirgends mehr begegnen kann? Liegt da nicht sogar nahe, dass man zu jeder Gewalttat bereit wäre?
Den Trauergemeinden am Sarg der beiden oben genannten historischen Diktatoren und den Kulturschaffenden aus Hamburg mag ein entscheidender Faktor gemeinsam sein: In den jeweiligen Massen gibt man sich der exzessiven Zurschaustellung einer vermeintlichen Emotionalität nur hin, weil man sich vor dem sozialen Ausschluss fürchtet. Der Mensch will nicht von seiner Gruppe verstoßen werden – das ist Teil der conditio humana. Es ist also eine Überlebensstrategie, die sicherstellen soll, dass man einer etwaigen Verstoßung zuvorkommt, indem man sich richtig in Szene setzt und die richtige Seite wählt. Das ganze Konstrukt beruht auf Angst und Angstmache – einige wenige Ideologen, die offenbar an ihre Sache glauben oder es für sinnvoll erachten, einer Ideologie Glauben zu schenken, führen die Masse am Nasenring vor und nutzen die Schwächsten einer jeden Gesellschaft, um durch deren Bereitschaft zur performativen Emotionalität den öffentlichen Debattenraum zu tyrannisieren. Die Theaterleitung in Hamburg sollte sich auf gar keinen Fall einreden lassen, sie habe ihre Fürsorgepflicht verletzt. Arbeitgeber können Arbeitnehmern durchaus zumuten, sich auch mal die Ansichten und Meinungen von Menschen anzuhören, mit denen man privat vielleicht nicht verkehren will. Ein Arbeitsplatz ist am Ende auch keine Glaubenssache und kein Ort der Bekenntnis. Und niemand ist an einen Arbeitsplatz gekettet.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →
Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.






