Was für ein Jahr! Gut war es. Sehr gut sogar. Wir haben es krachen lassen. 2025 war ein Spitzenjahr – für jeden, der lobotomisiert war.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Nein, mal im Ernst. Man muss auch mal das Gute sehen. Gerade jetzt am Ende des Jahres. Sicher, wir wissen es doch: Auf unseren Seiten steht so viel vom Untergang, von Krieg und Tod, von Endzeitstimmung. Aber es gibt auch noch gute Nachrichten, die man nicht nur erkennen, sondern auch würdigen muss. Das soll heute mal in aller Kürze geschehen, daher die beste Nachricht des Jahres gleich zu Beginn: Wir haben 2025 überlebt! Nein, das ist gar nicht zynisch gemeint, erinnern Sie sich doch zurück, im Laufe des Jahres 2024 sprach man in der deutschen Öffentlichkeit ganz ungeniert und unverhohlen vom Ernstfall. Viele fürchteten für das kommende Jahr das Schlimmste.
Aber siehe da: Die Optimisten hatten verdammt recht! Wir sind noch da. Jedenfalls die, die noch da sind. Die anderen werden an dieser Stelle kaum Widerworte geben wollen. Dazu kommt die Lebenserwartung. Gut, in den unteren Segmenten der Gesellschaft stagniert sie – hier und da ist sie gar rückläufig. Aber wer diese Zahlen mit denen von 1925 vergleicht, ja, selbst wer jene aus den Jahren 1970 oder 1980 heranzieht, muss doch erkennen: Es läuft doch weiterhin großartig! Hurra, wir leben noch! Und hurra, wir leben noch immer lang!
Dysfunktionalität von Weltrang
Dieses endende Jahr war wieder geprägt von Kriegen, von Mord und Totschlag – und eingebettet war das alles in eine politische Infrastruktur des Westens, die es gelernt hat, die Bürger nach ihren Bedürfnissen zu lenken. All das macht es schwierig, die guten Aspekte unserer Lebensform zu erkennen. Doch was haben wir uns Anfang des Jahres vor wirtschaftlichen Verwerfungen gefürchtet! Und jetzt? Die Wirtschaft gibt es noch immer – und es ist kleinlich auf die vielen Pleiten zu sprechen zu kommen und auf die Sorge von Unternehmen, wie sie weiterhin wettbewerbsfähig produzieren können. Manche Autostadt fragt schon mal in Detroit an, ob die vielleicht einen Plan haben, wie man Deindustrialisierung besser managen kann, als jene Metropole in den Vereinigten Staaten einst und heute. Als ob Industrie alles ist! Menschen lebten schon, bevor es die Industrialisierung gab – lebten sie etwa schlechter?
Deutschland hat auch einen Markenkern, den man vehementer vertrat denn je in diesem Jahr. Ich habe es selbst erlebt. Zweimal trieb es mich ins Ausland: Belgien und Österreich – zweimal reiste ich mit der Bahn. Die Hinfahrten waren beide heillos verspätet. Die Rückfahrten starteten immer absolut pünktlich – und die Pünktlichkeit wurde während der Fahrt beibehalten: Bis zur deutschen Grenze. Kaum in Aachen stand der ICE, der von Brüssel bis Grenzübertritt voll im Soll des Fahrplanes lag. Kaum auf deutschem Terrain: Eine Dreiviertelstunde warten. Nach 20 Minuten meldete sich eine Stimme: Personen im Gleisbett. Szenen- und Ortswechsel, Hauptbahnhof Wien: Der ICE zurück war pünktlich – diese Eigenschaft behielt man sich bis zur Grenze bei, bis man in Passau angelangte. Dort stand man eine Stunde – Grund: Die Türen dreier Waggons ließen sich nicht mehr schließen. Eines muss man also sagen: Deutschland bleibt sich treu, man erkennt das Land im Grunde schon in dem Moment, da man seine Grenzen passiert. Man muss diese Dysfunktionalität nicht lieben – doch dass man sie konsequent umsetzt: Das ist wirklich eine Leistung, die man sich hart erarbeitet hat.
Dysfunktional war auch die Bundestagswahl. In jenem Paralleluniversum, in dem Deutschland noch halbwegs funktioniert, sitzt das BSW wohl im Bundestag – in dieser Ausgabe des Universums jedoch nicht. Alle Zeichen standen jedoch auf Parlamentseinzug, als man entdeckte, dass es bei der Auszählung der Stimmen Unregelmäßigkeiten gab. Neuauszählung? Gab es keine! Selbst das Bundesverfassungsgericht vereitelte, dass nochmals gezählt werden dürfe. Man könnte das natürlich negativ sehen. Aber die Causa beinhaltet auch etwas, dass uns mit guten Gefühlen beglücken sollte: Die Tagesschau berichtete vom BSW und dessen geforderter Neuauszählung. Viele Sujets, die eine Nachricht wert gewesen wären, können das nicht von sich behaupten. Sie schafften es nicht in jenes Nachrichtenformat und die Zuschauer wissen bis heute nicht, dass sich neben dem, was sie in der Sendung sahen, noch andere Geschehnisse ereigneten und Ereignisse geschahen.
Völkerrechtswidriger Vernichtungskrieg der Marsianer?
Nie wurde die Demokratie so hartnäckig verteidigt und Woche für Woche gerettet, wie in diesen Tagen des Jahres 2025. Selbst die Wahl des Bundeskanzlers wurde – von den Linken – zu einem Akt des Demokratievollzuges erkoren. Einen Demokratiekanzler im Amt zu haben, begünstigt durch eine Partei der Linken, die jetzt sogar als koalitionsfähig betrachtet werden darf: Das ist doch eine grandiose Entwicklung! Sicher, gleichzeitig wird die Demokratie unter Beschuss genommen – wirkungsvoll sogar. Aus den Gefechtsständen Berlins und Brüssels heraus nimmt man sie ins Sperrfeuer. Aber meinen die es nicht gut, wenn sie der kontinentalen Politik mehr Durchschlagskraft verleihen? Ist die Rückkehr der Reichsacht, mit der man gewisse kritische Leute belegte, nicht auch etwas, was wir mit Zuversicht betrachten müssen? Wenn man konsequent Defätisten ächtet und aussperrt, gibt es keine Widerreden mehr und damit endlich geschlossene Reihen, die Spaltung wird Geschichte, man bündelt das Volk – Bündel übersetzt man übrigens mit Fascio ins Italienische. Aber hier anzusetzen wäre defätistisch und ganz und gar nicht zuversichtlich.
Vor einer Woche teilte ich einige meiner wenigen Gedanken zur Krisenweihnacht – das Weihnachtsgeschäft im Handel blieb aus, die Stimmung im Lande ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Das ist ja nicht falsch, muss aber nochmal richtiggestellt werden. Denn dass die Geschäfte schlecht laufen, ist ja nicht per se als negativ zu bewerten. Weihnachten war ja ohnehin total vom Konsum dominiert – die Habgier hatte das einst religiöse Fest übernommen, alle bereicherten sich, die frohe Botschaft blieb mehr und mehr auf der Strecke. Die Kaufzurückhaltung macht das Fest zu einem menschlichen Akt, wir können uns nun alle wieder bei den Händen nehmen und uns aufeinander besinnen. Die drohende Arbeitslosigkeit muss man freilich auch als Chance sehen – ebenso wie den drohenden Mangel, der uns dann ab 2026 ereilen könnte. Dann liegen wir zwar wie jenes Ungetüm der ARD-Christmette im Stroh herum: Aber vielleicht sind wir ja glücklich in unserer neuen sexy Armut.
Vor einigen Tagen war zu lesen, was die großen Seher für 2026 voraussagten. Nostradamus wartete mit dem üblichen auf: Bedrohung aus dem Osten, vielleicht auch ein bisschen Innovation – sicher weiß man bei ihm gar nichts. Baba Wanga prophezeit hingegen einen ersten Kontakt zu Außerirdischen. Neu ist das nicht, immer wieder haben Hellseher das im Repertoire. Aber vielleicht stimmt es diesmal ja und man muss die Rüstungsarie der Westeuropäer neu deuten: Hat ihnen die European Space Agency gesteckt, dass da war auf uns zukommt? Etwas, das mit futuristischen Waffensystemen bestückt ist, denen nur Rheinmetall trotzen kann? War der Alien in der Krippe, den man in der ARD sehen konnte, etwa ein Vorbote? Eigentlich ergäbe dann alles Sinn: »Russe« ist nur ein Synonym für »Alien« – eines, dass man gebraucht, um der Massenpanik und den Weltuntergangsprophetien vorzubeugen, die dann Hochkonjunktur haben würden. Wenn die Fremden uns dann ausrotten sollten, bitte nicht verzagen, liebe Leser. Bleiben sie auch dann positiv. Denn auch das wird schon sein Gutes haben. When I was 21, it was a very good year … Sing es nochmal, Frankie-Boy …

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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