Wir sind biologische Paradoxien. Mit durchschnittlich nur 26.000 Tagen Lebenszeit agieren wir so, als stünde uns die Ewigkeit offen. Doch dieser „Schlaf der Unsterblichen“ ist lediglich ein Abwehrmechanismus. Mit etwa drei bis vier Jahren, wenn das Kind zum ersten Mal seine eigene Zerbrechlichkeit und Endlichkeit begreift, endet das „Paradies“ der Unwissenheit. Aus diesem Riss in der Psyche entspringen zwei Urkräfte: Eros (Schöpfung/Liebe) und Thanatos (Zerstörung/Todestrieb).
Ein Beitrag von Ruslan Yavorsky

Die psychologische Wurzel: Kapitalismus als Lebenssurrogat
Aus psychoanalytischer Sicht ist die grenzenlose Akkumulation von Kapital der pathologische Versuch, den Tod zu beschwören oder zu bannen. Der Mensch verwandelt sich in einen „Hamster“, der seine Backen nicht zum Genuss mit Gold füllt, sondern um eine Illusion von „Dichte des Seins“ zu erzeugen. Wir suggerieren uns: Wenn ich eine Milliarde besitze, kann der Tod mich nicht verschlingen. Dies ist das psychologische Fundament des Kapitalismus — Akkumulation als magisches Ritual gegen den Verfall. Doch je mehr wir anhäufen, desto weniger Eros bleibt in uns zurück. Wir werden zu Geiseln unserer eigenen Angst.
Die Kaste der Deformierten
Die Geschichte lehrt uns, dass Eliten selten aus Glück und Erfüllung hervorgehen. Oft werden die „Auserwählten“ durch Traumata geformt. Um die Welt zu beherrschen, muss ein Mensch der Empathie beraubt — also innerlich deformiert — sein. Wir beobachten dies bei destruktiven Kulten und geschlossenen Gesellschaften, wie sie im Umfeld von Figuren wie Jeffrey Epstein existierten.
Dies ist nicht bloße Verderbtheit, sondern eine Technologie der Macht. Die künftige Elite wird gezielt durch Initiationen aus Schmerz, Demütigung oder Mittäterschaft an Verbrechen (die „Blutbindung“) geführt. So entstehen Monster ohne Bindung an die Menschlichkeit. Sie sind tief unglücklich, weil ihr Eros bereits im Keim erstickt wurde; zurück bleiben nur Thanatos und der Rausch der Kontrolle. Sie sind Gefangene im goldenen Käfig ihrer eigenen Todesfurcht und versuchen, ihre Agonie auf Kosten anderer zu verlängern.
Das Gute mit Fäusten: Die Notwendigkeit des Zwangs
Eine Welt, die von „Deformierten“ regiert wird, versteht die Sprache der Bitten nicht. Hier entsteht das Konzept des „Zwangs zum Guten“. Wenn das Gute passiv bleibt, wird es zum Komplizen der Zerstörung.
„Das Gute muss Fäuste haben“ — dies ist kein Aufruf zur Gewalt um der Gewalt willen. Es ist die Notwendigkeit, die Kette der Angst zu durchbrechen.
Um den „Hamster“ zu stoppen, der den Planeten für eine Illusion der Unsterblichkeit verschlingt, bedarf es einer Kraft, die fähig ist, ihn in die Realität zurückzuholen. Der Zwang zum Guten ist ein chirurgischer Eingriff. Er ist der politisch-historische Wille, ein Kastensystem zu zerschlagen, in dem das Elend der einen in die Sklaverei der anderen konvertiert wird.
Wir müssen anerkennen: Unsere Endlichkeit ist kein Fluch, sondern ein Grund, wahrhaftig zu leben. Das Durchbrechen der Todesangst-Kette ist der einzige Weg, damit 26.000 Tage zu einer Geschichte der Liebe werden — und nicht zu einer Geschichte der Akkumulation.

Ruslan Yavorsky. Geboren 1973. Diplom-Wirtschaftsingenieur und Master in Internationaler Volkswirtschaftslehre. Tätig in den Bereichen Management und Ingenieurwesen. Autor mehrerer Publikationen auf Russisch und Deutsch. Lebt in Dresden und ist Vater von drei Kindern.
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