In den großen deutschen Medien erfährt man heute nichts über die andere Seite der Front im Ukraine-Krieg. Nur noch sehr selten werden deutsche Korrespondenten nach Donezk oder Lugansk geschickt. Man ist unter diesen Umständen gezwungen, sich auch über russische Quellen – wie zum Beispiel Dokumentarfilme – zu informieren, was nicht heißen muss, dass man russische Sichtweisen übernimmt. Ende Februar fand im Moskauer Veranstaltungszentrum Rossija ein Dokumentarfilm- Festival statt. Schwerpunkt des Festivals, war die „Militärische Spezialoperation“ in der Ukraine. Das Festival wird seit 2023 jedes Jahr organisiert.
Ein Exklusivbericht unseres Moskauer Korrespondenten Ulrich Heyden

Angst vor einer Welle von Emotionen?
Was sind die Gründe für die Zurückhaltung russischer Fernsehanstalten und Kinos gegenüber Filmen aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine? Ist es die Angst davor, Zuschauer zu verlieren, ist es etwa versteckte Ablehnung der „Spezialoperation“? Oder gibt es Gründe, die im politisch-psychologischen Bereich liegen?
Fadejew verweist auf die großen staatlichen Film-Teams, die während des „Großen Vaterländischen Krieges“ bei großen Schlachten im Einsatz waren. Aber ist dieser Vergleich korrekt? Kann man die „Militärische Spezialoperation“ in der Ukraine mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichen?
Im „Großen Vaterländischen Krieg“ von 1941 bis 1945 war faktisch das ganze Land, vom Jugendlichen bis zum alten Menschen in irgendeiner Weise in den Abwehrkampf gegen die deutsche Wehrmacht eingeflochten, entweder als Fabrikarbeiter oder als Soldat. Heute hat in Russland aber nur ein Teil der Gesellschaft direkt mit dem Krieg zu tun hat. Es gibt keine allgemeine Mobilisierung, wie in den 1940er Jahren.
Heute gibt es ganz andere politisch-psychologische Umstände. Würden – so meine Vermutung – die Filme von Fadejew im Fernsehen an herausragender Stelle platziert, könnte es zu starken Emotionen im Land kommen. Über Monate dauernde Friedensverhandlungen würden dann möglicherweise kritisiert. Stattdessen könnte der Ruf nach einem härteren Vorgehen gegen die Staatsstreich-Regierung in Kiew lauter werden.
Drei Wochen ohne Wasser
Auf dem Moskauer Dokumentarfilm-Festival gab es noch zwei Filme, die mich beeindruckten, weil sie Einblicke lieferten, die man als Zivilist normalerweise nicht bekommt.
Ebenfalls im großen Veranstaltungssaal des Tagungszentrums wurde vor 150 Zuschauern „Der Krieger allein auf dem Feld“ gezeigt. Bei dem „Krieger“ handelt es sich um Sakari Alijew, einem jungen Soldaten aus Dagestan, der während des Ukraine-Krieges den Kontakt zu seiner Einheit verlor und drei Wochen lang ohne Wasser und Nahrung in einer Erdhöhle ausharrte, bis eine Aufklärungsdrohne der russischen Armee auf ihn aufmerksam wurde und über seinem Unterschlupf Wasser abwarf. Der Film wurde von einer Gruppe um den Autor Artjom Somow gedreht. In den Film sind Aufnahmen eingeblendet, die der allein gelassene Soldat mit seinem Handy aufgenommen hat. Er filmte sich, schon geschwächt im Liegen bei Selbstgesprächen und Gebeten.
Nachdem der Soldat aus Dagestan sich mit dem abgeworfenen Wasser gestärkt hatte, gelang es ihm zu seiner Einheit zu fliehen. Er lief über offenes Feld. Kurz vor dem Ziel wurde er beschossen, doch nicht getroffen. Am Filmende sieht man wie er von seinen Verwandten in einem dagestanischen Dorf erstaunt und herzlich begrüßt wurde. Die Familie wusste gar nicht, dass der Sohn im Krieg war. Der Familie hatte Alijew erzählt, dass er nach Moskau gefahren sei, um dort zu arbeiten.
Die Filmemacher erklärten nach der Vorführung, der Film solle den Mut und den Durchhaltewillen eines Soldaten zeigen und auch Beispiel für andere sein.
Nur mit einem Kreuz in den Kampf
Eine Wissenslücke füllte bei mir auch der Dokumentarfilm, „Unter Gott und unter Feuer“ von Aleksandr Simonow. Der Film zeigt das Leben von zwei russisch-orthodoxen Priestern, welche Soldaten und die Bevölkerung an der Front betreuen. Die beiden Priester sind sehr freundliche, warmherzige Männer. Beide sah man – trotz Einsatz in Wald und Feld – nur in langem kirchlichem Gewand.
Der eine Geistliche, Vater Andrej, ist etwa um die 40 und in einer Kirche in Lisitschansk im Norden der Volksrepublik Lugansk tätig. Er erzählt, die ukrainische Armee habe ihn verhaftet und er sei zweimal zur Erschießung geführt worden. Der Priester erzählte auch, dass er für die einfache Bevölkerung in dem Dorf sehr wichtig sei, weil das Gebiet wegen der Frontnähe nicht ausreichend mit humanitärer Hilfe versorgt werde.
Den zweiten Geistlichen, Vater Jefgeni, ein fülliger Mann im Alter von etwa 60 Jahren, sieht man, als er in der zerstörten Stadt Sudscha im russischen Gebiet Kursk die Evakuierung von Kindern, alten Leuten und Kranken organisiert.
Man sieht Vater Jefgeni auch an der Front im ukrainischen Gebiet Sumsk. Dort betreut er eine Einheit des Bataillons Achmat. In der Einheit dienen nicht nur Tschetschenen sondern auch Russen. In einer Episode sieht man, wie der Geistliche und ein Imam Andachten für die Soldaten halten. Die Muslime beten für sich während Vater Jefgeni den russischen-orthodoxen Soldaten mit einem Pinsel ein Kreuz auf die Stirn malt und die Gesichter der Soldaten mit heiligem Wasser bespritzt, eine Prozedur, die auch in Friedenszeiten, etwa bei der Ostermesse gebräuchlich ist. Vater Jefgeni sagt im Film, „das Wichtigste ist es, den Geist und die Seele eines Soldaten für Gott zu öffnen. So haben sie es leichter.“
Soldaten berichten, dass an der Front eigentlich Jeder Soldat zum Gläubigen wird, weil man extremen Beschuss nur so übesteht. Glückliche Wendungen im Kriegsgeschehen werden von Soldaten oft als Fürsorge Gottes gedeutet.
In der anschließenden Diskussion bejahte Regisseur Simonow die Frage, ob die Geistlichen an der Front auch selbst kämpfen. Viele würden selbst kämpften und viele seien auch schon gestorben. Ein Geistlicher habe sich sogar unbewaffnet, nur mit einem Kreuz, an einen Sturmangriff von Marineinfanteristen beteiligt. Er sei vom Gegner getötet worden. Bei dieser Schilderung waren im Saal Rufe des Entsetzens zu hören.
Wie hilft man Kriegsveteranen?
Es gab auf dem Filmfestival auch eine Podiumsdiskussion zum Thema, „wie man den Veteranen helfen kann“. Auf dem Podium saßen vier Männer, die an der „Spezialoperation“ beteiligt waren, drei jüngere Russen und ein älterer Burjate. Zwei der jüngeren Männer hatten Beinprothesen, wie man an ihrem Gang sah. Einer der beiden Jüngeren war Wladislaw Gologwin. Er war Kommandeur einer Sturmbrigade von Marineinfanteristen. Heute ist er Vorsitzender der 2015 – auf Initiative von Wladimir Putin gegründeten – Junarmija, einer Jugendorganisation, welche das Wissen über die russischen Streitkräfte in der Jugend stärken soll.
Der Burjate erzählte er habe sein ganzes Leben in den Sicherheitsstrukturen gedient. Anlass sich im Alter von 63 Jahren als Freiwilliger für die „Spezialoperation“ zu melden, sei gewesen, dass einem derjenigen, die er ausgebildet habe, bei der „Spezialoperation“ etwas zugestoßen sei. Was das genau war, sagte er nicht. Er habe dann gekämpft, sei aber verletzt und später ausgemustert werden. Der Mann sprach unaufgeregt in bedächtigem Ton. Er sagte, die Veteranen müssten sich um einander kümmern. Mit dieser Aussage rannte er bei dem Publikum offene Türen ein. Aufgrund der Fragen aus dem Publikum wurde klar, dass die Zuhörer wissen wollten, „wie können wir unsere Jungs schützen und unterstützen?“
Eine blonde Frau in grüner Militäruniform und vielen Orden, sie war etwas 40 Jahre alt, erklärte in sehr selbstbewusstem Ton, sie habe als Medizinerin an der Front gearbeitet. Ihr sei völlig unverständlich, warum ihre Verletzung, die sie während der „Spezialoperation“ erlitten habe, von den russischen Behörden nur als „Alltags-Verletzung“ und nicht als „militärische Verletzung“ eingestuft wurde. Bei einer Alltags-Verletzung habe sie keinen Anspruch auf materielle Entschädigung.
Der Vorsitzende der Junarmija antwortete der Medizinerin, sie solle ihre Kritik auch auf anderen öffentlichen Foren vortragen. Das sei sehr wichtig. Außerdem riet er den Veteranen ihre Bitten und Ideen für den neuen Lebensabschnitt klar und deutlich zu formulieren und sich dabei gegenseitig zu unterstützen.
Noch von anderen Diskussionsteilnehmern wurde von Fällen über die Nichtzahlung von Entschädigungen berichtet. Aber Niemand der Kritiker erklärte, dass man unter diesen Umständen nicht als Freiwilliger an Kampfhandlungen teilnehmen könne. Sich an der „Spezialoperation“ zu beteiligen, schien für alle Fragesteller ein dringendes Bedürfnis.
Quellen:
Die Filme des IV. Dok-Filmfestivals https://rtdoc.tv/section/SELECTION_14
„Am Rande des Abgrundes“ (vierte Folge), von Maxim Fadejew und Sergej Belous https://t.me/RealdocProductions/832
Alle vier Folgen von „Am Rande des Abgrunds“ in der Mediathek des russischen „Perwij“-Kanals https://kino.1tv.ru/serials/u-kraya-bezdny?e=04
Rockballade „Zehn Schritte“, Wjatscheslaw Butusow https://yandex.ru/video/preview/11030990769303307525
Film „Unter Feuer und unter Gott“ https://vk.com/video-40316705_456474332?ysclid=mmby5qssku751806375
Ulrich Heyden wurde 1954 in Hamburg geboren. Er ist gelernter Metallflugzeugbauer und hat sechs Jahre in Hamburger Metallbetrieben gearbeitet. Er studierte auf dem Zweiten Bildungsweg Volkswirtschaft und danach Neuere und Mittlere Geschichte. Seit 1992 lebt und arbeitet er in Moskau. Er ist mit einer Russin verheiratet. Ab 1992 arbeitete er als freier Journalist für den „Deutschlandfunk“, „die tageszeitung“, „der Freitag“, „Sächsische Zeitung“, „Die Wochenzeitung“ (Zürich) und „Die Presse“ (Wien). Nachdem Mainstream- und auch linke Medien ab 2014 die Zusammenarbeit mit ihm beendeten, ist er nun tätig für „Nachdenkseiten“, „Globalbridge.ch“, „Overton-Magazin“, „Junge Welt“ und „RT DE“. Er macht auch Filme, die man auf seiner Website findet (ulrich-heyden.de).
Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.





