Schreiben als Schlupfwinkel – Buchtip

„Ein Fremder zeugt in der Fremde mit einer Fremden einen Einheimischen“. In seinem neuen Roman geht Friedrich Ani in die eigene Kindheit zurück.

Ein Beitrag von Sabine Keuschen

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Friedrich Ani 2014. Foto: blu-news.org, CC BY-SA 2.0

Dieses Buch hatte Friedrich Ani nicht geplant. Er schrieb einfach los, als seine Mutter dement wurde. Am Ende wurde es die Geschichte seiner Familie. Sie beginnt damit, wie sich seine Mutter und sein Vater, „der Syrer“, in einem kleinen süddeutschen Dorf kennenlernten. Wie viele andere war seine Mutter 1945 als Vertriebene aus Schlesien hier gestrandet. Sein Vater kam Ende der 1950er Jahre zum Studieren dorthin. 

Die Dorfbewohner gewöhnten sich an die Fremden. Man kam sich näher, „Beziehungen entstanden, Kinder erblickten das Licht der Welt“. Und so wurde auch Georg geboren, wie der Ich-Erzähler im Roman heißt. Während der Wirtschaftswunderjahre und mit dem Zuzug von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache entstand ein Goetheinstitut in dem 4000 Einwohner-Ort. Es gab ein „babylonisches Sprachgewirr, das einen einzigartigen Klang erzeugte und kosmisch eingebettet war ins tägliche Glockengeläut der katholischen und evangelischen Kirche“. 

Diese Veränderungen führten jedoch nicht dazu, dass jeder in dem Dorf herzlich aufgenommen und akzeptiert wurde. „Der Syrer“ war eigentlich nicht erwünscht und wurde von Georgs schlesischen Großeltern abgelehnt. Georg und seine Mutter lebten die erste Zeit, während der Vater noch Deutsch und Medizin studierte, im Haus der Großeltern in einer Kammer ohne Heizung und Bad. Als Georg sechs Jahre alt war, holten die Eltern die Hochzeit nach. Auf die Frage, warum Georg nicht zur Hochzeitsfeier mitgenommen wurde, bekam er keine Antwort. Es wurde nicht viel geredet in der Familie. 

Er schwieg, ich schwieg, sie schwieg, das Bett schwieg, das Haus schwieg, das Dorf schwieg – quadrophonisches Schweigen, als wäre Schweigen eine Sprache.

Mutter und Großmutter nannten seinen syrischen Vater den „Kameltreiber“. Da der Vater nie da war, entwickelte der kleine Georg die Geschichte weiter und stellte sich vor, wie sein Vater tatsächlich Kamele hütete. Georg lachte wenig und weinte viel. Mit vierzehn war er nach außen hin „ausgeheult“ und schwor sich, dass Mutter und Vater ihn nie wieder weinen sehen werden. Am liebsten spielte er Fußball. Bereits mit acht Jahren begann er weiße Blätter zu bekritzeln, das machte ihn glücklich. 

Dichten war sein neuer Atem, er hatte ihn selbst eingehaucht und überlebte jetzt damit.

Sein Schlupfwinkel! Mit fünfzehn war er ein unauffälliger Schüler, talentierter Torwart und Verfasser schwermütiger Gedichte. Am meisten fehlten ihm Geborgenheit und Zuwendung. Die Eltern stritten und brüllten häufig. 

Kein einziges Mal war er Zeuge einer Umarmung, eines Kusses, einer Berührung aus bedingungsloser Zuneigung.

Seine erste Freundin wurde von der Mutter abgelehnt. Um weiteren Ärger zu vermeiden, verschafften ihm seine Freunde Alibis für „Übermut und Hautnähe“ – sein neuer Schlupfwinkel.

Manches an Georgs Geschichte kommt mir bekannt vor: Eltern, die aus ihrer alten Heimat geflüchtet waren oder sich als Kinder im Krieg um ihr Überleben und das der Familie kümmern mussten. Eltern, die keine Zärtlichkeit oder bedingungslose Liebe kannten. Es wurde viel gearbeitet, wenig gesprochen, dafür umso mehr gestritten. Und wir Kinder suchten uns unsere „Schlupfwinkel“. Für Georg alias Friedrich Ani war es das Schreiben. Er hatte sich nicht ausgesöhnt mit den „Monstern“ seiner Kindheit. 

Es gibt Dinge im Leben, die dich immer wieder einholen. 

Die Literatur wurde für ihn zu dem Zufluchtsort, wo er nicht mehr verloren gehen konnte.

Der Roman über eine Kindheit in einem bayrischen Dorf in den 1960er Jahren ist großartig. Friedrich Ani schreibt mit Witz und feiner Ironie über seine Familie, die Umstände der Zeit, das Schweigen und das Bedürfnis nach Zuwendung und Zugehörigkeit. Die frühe Prägung bleibt uns erhalten, auch wenn wir als Erwachsene versuchen, die Vergangenheit unserer Eltern zu verstehen. Bereits 2012 erschien ein Gedichtband des Autors über seinen Vater.

Friedrich Ani wurde 1959 geboren und lebt in München. Er schreibt Romane, insbesondere Kriminalromane, Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet.

Bildbeschreibung

Friedrich Ani: Schlupfwinkel. Fantasien über eine fremde Heimat. Berlin: Suhrkamp 2025. Fester Einband, 128 Seiten, 18 Euro.

Quelle: https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/schreiben-als-schlupfwinkel

Nach einer langen Managementkarriere widmet sich Sabine Keuschen ihrer Leidenschaft für Literatur und arbeitet in einer Buchhandlung.

Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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