Alles gegen rechts!

Lesen Sie diesen Artikel gegen rechts. Kommentieren Sie gegen rechts – vielleicht sogar noch vor Ihrem Frühstück gegen rechts.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Gegen rechts
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Eisbaden gegen rechts: Gibt es wirklich – oder gab es. Gestern am Elbstrand in Övelgönne – also in Hamburg. Gleich gegenüber der Verladekräne, also in eher rauer Idylle. Das ist Fake? Dachte ich zunächst auch – aber siehe da: Schon 2024 berichtete das Hamburg Journal von diesem Ereignis. Zu sehen sind die Bilder in der ARD-Mediathek. Lustig jubelnd warfen sich damals einige Hartgesottene in die Fluten. »Anbaden mit politischer Botschaft« titelte das Nachrichtenformat. Irgendwer – man erfährt nicht wer – gibt diesen Eisheiligen dafür Spendengelder. Wem könnte es wohl etwas wert sein, dass sich eine Handvoll Antifa-Leute ins kalte Nass stürzt? Warum spenden die nicht im Trockenen? Wem nützt es, wenn sich die Antifa in Unterhosen einnässt? Außer vielleicht denen, die Spaß an der Freud haben?

Gegen rechts kann man allerlei machen in diesem Land. Gruppen nennen sich so – und Tätigkeiten. Gegen rechts sind Omas – oder man ist zusammen gegen rechts. Es ist möglich Yoga gegen rechts zu üben oder aber man strickt Wollschals gegen rechtsKreativ gegen rechts werden zudem Häkelvorlagen gegen rechts angeboten. Es bimmeln sich Fahrradkorsos gegen rechts durch die Städte und Weiler. Und Katzenbesitzer gegen rechts inszenieren ihre Vierbeiner gegen rechts. Hunde gegen rechts gibt es freilich auch. Und damit die kleinen Nager nicht benachteiligt sind, gibt es immerhin ein T-Shirt zu kaufen, auf dem Hamsterhalter gegen rechts ihre Haltung kundtun können.

Atmen gegen rechts

Im Februar findet – ebenfalls in Hamburg – erneut ein Lauf gegen rechts statt. Gegen rechts getanzt wird in Deutschland schon seit vielen Jahren – getanzt oder das, was man für einen Tanz hält. Freilich darf auch gegen rechts gesungen werden. Oder man geht zum Rave gegen rechts. Da kommt das Fotoshooting gegen rechtsschon eher bieder daher. Die Enten gegen rechts wirken da schon etwas innovativer. Wer gerne zur Disharmonie wippt, kann zum Metal gegen rechts gehen – oder man zockt einfach gegen rechts. Wer es ruhiger mag, der liest gegen rechts. Etliche Verlage gegen rechts bringen Bücher gegen rechts auf den Markt. Wer es noch besinnlicher mag: Kerzen gegen rechts. Danach kommt ein Bürgermeister gegen rechts und hält eine Rede gegen rechts.

Es gibt Pfarrer gegen rechts, die gegen rechts beten – wenn sie nicht gerade mit einer Andacht gegen rechtsbeschäftigt sind. Denn in Deutschland ist man aktiv gegen rechtsstark gegen rechtssteht man auf gegen rechts. Eben auch in der Kirche gegen rechts. Wir finden in Deutschland Männer gegen rechts und Frauen gegen rechts. Das Handwerk ist gegen rechts und selbst die Schützen sind gegen rechts. Die Pflege gegen rechts geht mit den Ärzten gegen rechts Hand in Hand. Und selbstverständlich darf man auch auf die Lehrer gegen rechts setzen. Die Eltern gegen rechts sind hingegen für die frühkindliche Aufklärung zuständig. Man kann wandern gegen rechtsbasteln gegen rechts und reimen gegen rechts – Jecken gegen rechts gibt es zusätzlich. Wie wäre es mit Kino gegen rechts? Oder doch lieber Theater gegen rechts? Letzteres wird von Theaterpädagogen gegen rechts initiiert.

Man ist in Sylt gegen rechts, in Rheinhessen gegen rechts, in Hamburg gegen rechts oder in Rosenheim gegen rechts. Es werden rote Karten gegen rechts gezeigt – nicht nur von jungen Menschen gegen rechts. Oder von Fußballvereinen gegen rechts. Die Krüppel gegen rechts sind auch mit von der Partie. Natürlich auch die Christen gegen rechts. Man tritt hufeisern gegen rechts auf. Mit klarer Kante gegen rechtsStandhaft gegen rechts. Puh, diese Litanei lässt sich beliebig erweitern. Stets wird dabei das »Gesicht gezeigt«, das »Aufstehen« angeregt, die Regenbogenflagge zitiert, man sei für das Bunte – gegendert wird so gut wie bei allen diesen Angeboten. Die Parolen und Losungen sind wie aus einem Guss. Von Sylt bis Rosenheim, von Trier bis Cottbus: Gegen rechts gleichen sich Worte und Sätze, man kann sie untereinander austauschen, ohne dass es jemanden auffallen würde. Deutschland atmet gegen rechts.

Psychose gegen rechts

Was hat sich da in diesem Lande im Laufe der letzten Jahre eigentlich für ein Wahn entwickelt? Es mag ja als anständig angehen, wenn Menschen für sich klarmachen, dass sie das, was sich in jenen schrecklichen Dreißiger- und Vierzigerjahren ereignete, nicht als Wiederholung erleben wollen – aber was sich zuletzt hierzulande herauskristallisiert hat, ist doch kein Engagement im eigentlichen Sinne mehr, sondern so eine Art Aufmerksamkeitsengagement. Was wissen diese Leute eigentlich von damals? Glauben sie wirklich, dass man die Nationalsozialisten mit Clownsnasen, durch Theaterstücke oder mit Yoga aufgehalten hätte? Und wen will ein so flächendeckendes Engagement gegen rechts denn noch erreichen? Diese Gleichschaltung – oh, böses Wort, ich weiß! – stößt womöglich immer mehr Menschen ab, als sie zu sensibilisieren. Wem dient diese Form der »Aufklärung« also wirklich?

Lassen wir an der Stelle mal die Vorstellung derer, die alles Mögliche gegen rechts anstellen, unkommentiert. Sie glauben, dass sich 1933 wiederholt – nur die Partei trage heute einen anderen Namen. Es gibt viele Gründe, in jener heutigen Partei nicht die Wiedergängerin von damals zu wittern. Auch – und vor allem – inhaltliche Gründe erlauben diese Deckungsgleichheit nicht. Dass sich da etwas wiederholt, ist einem Gefühl dieser fast lückenlos agierenden, teils von Steuergeldern finanzierten »Gegen-rechts«-Kultur geschuldet. Gehen wir also der Frage nach, wem so eine Form des Engagements auf allen Ebenen der Gesellschaft dienen soll. Denn die Übersättigung ist in keinem Bereich ratsam – sie führt immer zur Abkehr und Desinteresse. Dennoch blüht jene Kultur auch weiterhin lustig auf. Immer neue »Gegen-rechts«-Ableger erblicken das Licht der Welt – wie gesagt: Dieses Land atmet gegen rechts. Man könnte meinen, dass es morgens gegen rechts aufsteht, gegen rechts frühstückt und später gegen rechts isst, gegen rechts den Kreislauf in Schwung bringt, gegen rechts defäkiert, gegen rechts masturbiert und gegen rechts schwitzt.

Übersättigt sind nur jene nicht, die sich mit Gleichgesinnten treffen, eine Gruppe mit groteskem Namen und noch abwegigerer Freizeitbeschäftigung erfinden, die dann zielgerichtet gegen rechts etabliert werden soll. Schafkopf gegen rechts, Monopoly gegen rechts oder anonyme Alkoholiker gegen rechts: Die gibt es noch nicht, aber bald werden vielleicht auch solche Gruppierungen aus dem deutschen Boden schießen. Außerdem braucht es eine Schwangerschaftsberatung gegen rechts, Finanzbuchhalter gegen rechts, Zuhälter gegen rechts und – natürlich! – Rechte gegen rechts. Dieses Überangebot ist für die gemacht, die dem deutschen Wahn der letzten Jahre total verfallen sind, die die Psychose angenommen und kultiviert haben: Für sich selbst spielt man Zivilgesellschaft und simuliert sich einen Widerstandskampf gegen eine Gefahr, der man sich offenbar mit clownesken Mitteln und läppischer Protesthaltung in den Weg stellen kann.

Rechts gegen rechts

Psychose ist medizinisch betrachtet nicht nur eine Form des Realitätsverlustes, sondern eben auch eine sogenannte Ich-Störung. Zwischen Umwelt und dem Ich schiebt sich eine Art von Filter, der die Wahrnehmung massiv verändern kann. Die abnorme Betrachtung der Umwelt erlebt der Betroffene als gelebte Realität – er verschmilzt mit seiner perzeptiven Weltbetrachtung. Konfrontiert man ihn mit der Störung seines Wahrnehmungsbildes, so führt das nicht selten zur Verstärkung des Symptombildes und motiviert dazu, sich noch stärker auf sich selbst zu verlassen. In diesem Sinne scheint das zeitgenössische Deutschland in eine Psychose geraten zu sein, in der sich genau jene in ihrer eingeschränkten Sicht auf die Wahrnehmung bestätigen und Mut zusprechen – um sich als Folge immer stärker in eine Blase zu begeben –, die gegen rechts alles tun, was in einem menschlichen Alltag auch nur denkbar ist. Dafür spricht auch das Fallen der Schamgrenze, denn der Großteil dieser »Gegen-rechts«-Angebote wirkt auf sachliche Betrachter unsäglich banal bis lachhaft: Aber diese »Engagierten« merken es kaum, sie nehmen den Spott als Ausdruck rechter Gegenkultur wahr – denn der Fokus all ihres Handelns ist »der Rechte«.

Der ist der große Weltverschwörer – in ihrem Dasein ist er derjenige, der die Welt verdrehen, sie sich unter den Nagel reißen will. »Der Rechte« lauert überall – in jeder Nische sitzt er und will den »Engagierten« den Alltag, ja die ganze Welt entreißen. Und jeder, der das hinterfragt, muss mindestens ein Agent »des Rechten« sein. Was »den Rechten« ausmacht, was also rechts ist, das können sie hingegen nicht konkret machen. Die »Gegen-rechts«-Kultur ist insofern auch paranoid. Und damit kommt sie jenen gleich, die man zu bekämpfen vorgibt, aber die man eben auch dort wittert, wo sie nicht zu finden sind. Der deutsche Nationalsozialismus war ziemlich sicher von paranoiden Momenten erfüllt. Der Weltverschwörer war der Bolschewik – er lauerte überall. Ob in der Kunst und Kultur, in der Musik, in der Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Er hatte das Land im Griff – so sahen es jedenfalls die Nationalsozialisten. Wer Zweifel anmeldete, musste mit dem Bolschewiken im Bunde stehen – da gab es wiederum keinen Zweifel.

An dieser Stelle ähnelt sich das »Gegen-rechts«-Deutschland und das damalige »Gegen-Bolschewismus«-Deutschland. Man könnte auch sagen, das »Gegen-rechts«-Wesen nimmt die rechten Normen an, die es zu bekämpfen vorgibt. Denn der Impuls der Aufklärung, der hier und da auch als Parole geschwungen wird, ist nichts wert in einem Milieu, in dem vorgestanzte Schlagworte vervielfältigt und Zweifel an der Marschrichtung als Parteinahme für den »großen Feind« interpretiert wird. Von der Bestrebung der Gleichschaltung ganz zu schweigen: Sie ist das Kind eines psychotischen Dranges. Denn Verfolgungswahn gebiert den Wunsch nach Sicherheit – oft gar nach vollumfänglicher Sicherheit. Meinungsbilder, die der eigenen Wahrnehmungsstörung entgegenstehen, grenzt man dann gerne forsch ein – eine Ich-Störung trägt insofern auch den Impuls in sich, dass die wahrgenommene Welt mehr und mehr so werden soll, wie es das geplagte Ich schon ist. Das zeitgenössische Deutschland ist folglich ein ziemlich kranker Ort.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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