Brandmauern sind teuer, schränken ein, engen ein, machen Umbauten schwierig und suggerieren eine trügerische Sicherheit.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Eine Brandmauer – im Duktus der Architekten bevorzugt »Brandwand« genannt – erzeugt zwar etwas, wenngleich keine absolute Sicherheit, ist jedoch auch immer mit Einschränkungen der Lebensqualität in Gebäudekomplexen verbunden. Feuer zu löschen vermag sie nicht – den Brand bei seiner Ausbreitung zu behindern: diese Funktion erfüllt sie. Früher oder später kann sie jedoch so angegriffen werden, dass ihre Funktion aufgehoben ist.
Tatsächlich muss sich der Bautüchtige mit fünf Nachteilen auseinandersetzen, so er eine Brandwand ziehen will – wobei sich konkrete staatliche Vorgaben finden, wann eine solche Baubegrenzung unablässig ist. Erstens: Sie ist kostenintensiv. Zweitens: Sie kann unter Umständen die Lebensqualität beschränken. Drittens: Sie nimmt viel Platz ein. Viertens: Bei Umbauten wird sie zum Hindernis. Fünftens: Sie suggeriert Sicherheit, die es nur bedingt gibt.
Brandschutz: ein architektonischer Einschnitt
Erhöhte Kosten sind in der Regel unumgänglich, wenn man eine Brandmauer errichten möchte. Sie stellt einen höheren Bauaufwand dar und wird aus feuerfestem und daher teurem Material errichtet. Außerdem führen die zusätzlichen baurechtlichen Anforderungen zu einem Kostensprung. Türen und Fenster sind jedoch nicht vorgesehen, was bedeutet, dass Brandmauern die Licht- und Lebensverhältnisse beschränken können, wenn man sie zwischen zwei Gebäudeteile zieht. Außerdem nimmt sie damit Einfluss auf die Raumgestaltung als solche.
Zusätzlich schmälert sie den nutzbaren Wohnraum, da Brandmauern häufig dicker sind als normale Wände. Bei Umbauten können Brandmauern nicht einfach entfernt werden. Eine neue Raumaufteilung muss so immer Rücksicht nehmen auf dieses Bauwerk. Selbstverständlich schützt sie nicht hundertprozentig vor einem Brand, denn im Regelfall sind andere Gebäudeteile aus leichter brennbaren Material erbaut – der Brandmauer bleibt einzig, den Brand eine Weile aufzuhalten. Ersticken kann sie die Flammen jedoch nicht.
Eine solche Brandwand ist immer ein struktureller Einschnitt in die Architektur. Sie verändert die Gestalt des Gebäudes und zwingt Planer dazu, Räume »um die Ecke« zu denken. Durchgänge müssen umgeleitet und Wege neu konzipiert werden. Die Brandmauer verändert den Grundriss des Grundgebäudes. Sie nimmt Einfluss auf die Grundstruktur und kann die Funktionsweise des Gebäudes deutlich verändern. Die Brandmauer ist also nicht ein einfaches Bauteil, sondern ist im gewissen Sinne prägend für das finale Bauwerk. Die Werte, die ein Architekt planerisch in ein Gebäude legt, bekommen einen ganz anderen Dreh, wenn sie auf die Zwangsläufigkeit der Brandmauer treffen.
Ein bisschen Sicherheit, ziemlich viele Einschränkungen
Die Brandmauer ist die bauliche Entsprechung für einen Umstand, den man nicht völlig ausschließen kann – ein Prinzip, das auch jenseits der Baukunst immer wieder bemüht wird. Sie mag einen Augenblick lang Zeit gewinnen lassen, aber die Branddynamik vollkommen einhegen, dazu ist sie nicht in der Lage. Brandherde vereiteln kann sie nicht. Kettenreaktionen eines Brandes kann sie für gewissen Zeit unterbinden, indem sie beispielsweise als Barriere für Frischluftzufuhr wirkt.
Für Menschen, die in Behausungen leben, in denen es solche Mauern gibt, bedeutet sie eine gewisse Distanz zu den ursprünglichen Wohnvorstellungen. Der Mangel an Tageslicht schränkt ein – für diese Leute kann die Brandmauer mitunter wie eine Farce wirken, denn sie soll eine Sicherheit garantieren, wirkt sich aber immens auf die Lebensqualität und ein »natürliches Wohnen« aus. Eine Brandmauer verändert also immer das einst beabsichtigte Konstrukt und kann sich negativ auf das ganze System des Gebäudes auswirken – nur um im Brandfall dann das Abbrennen doch nicht verhindern zu können.
Sicherer ist es daher immer, Brandursachen zu bekämpfen, um etwaige Brandherde gar nicht erst entstehen zu lassen. Brandmauern können lange halten. Der Bewohner vermag sich mit ihnen vielleicht aber nicht immer zu arrangieren, denn häufig stellt sie eine schroffe Grenze zu anderen Gebäudeteilen dar. Die Brandmauer ist Brandschutz, allerdings lediglich ein Brandschutz durch Verzögerung. Dass der Begriff der Brandmauer inzwischen auch politisch verwendet wird, ist daher kein Zufall. Parteien versuchen damit, bestimmte Kräfte durch eine harte Trennlinie auszugrenzen. Doch wie im Bauwesen gilt auch hier: Eine Brandmauer kann ein Feuer nicht löschen – sie verschiebt nur den Moment, in dem es sich dennoch ausbreitet.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →
Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.





