Warum die Frage „Rechts oder links?“ nicht verschwinden darf und warum das Kapital nicht als Naturgesetz hinzunehmen ist. Ein Diskussionsangebot.
Ein Beitrag von Ulrich Gausmann

Foto: 7C0, CC BY 2.0 (Titel: Corona-Demonstration 2022 in Frankfurt/Main)
Wer heute in Deutschland politisch heimatlos ist, bekommt ein Angebot. Mehrere sogar. Von rechts: die Freiheitsbewegung, das Alternativ-WEF, der Volkssozialismus als Gemeinschaft gegen die Globalisten. Von links: Antiimperialismus, Friedensbewegung, Kapitalismuskritik ohne Schuldgefühl. Und immer wieder diese eine Einladung, die beide Seiten aussprechen:
Vergiss links und rechts. Das sind Schubladen der Herrschenden. Komm rüber. Wir sind alle im selben Boot. Eine Menschheitsfamilie.
Diese Einladung hat einen Namen. Sie heißt Querfront – und eine Geschichte, die uns in die deutsche Zwischenkriegszeit führt, mit einem Satz, der heute noch genauso klingen könnte.
Im Oktober 1931, als die Weimarer Republik schon zu sterben begann, publizierte Hans Zehrer einen vielbeachteten Grundsatzartikel in seiner Monatszeitschrift Die Tat unter dem Titel: „Links oder Rechts? Die Verwirrung der Begriffe“. Zehrer war der journalistische Wortführer des jungkonservativen Milieus – seine Zeitschrift, die junge Bildungsbürgerschaft las sie wie ein Evangelium und hatte bis zu 30.000 Abonnenten, war der Treffpunkt einer Generation, die sich politisch rechts verortete. Seine These: Die Gemeinsamkeit des konservativen Menschen und des neuen linken Menschen sei größer, als sie ahnen. Der Weg der Zukunft führe dahin, diese beiden zusammenzuführen – zu einer neuen Volksgemeinschaft jenseits von rechts und links. Zehrers Anliegen war nicht die NSDAP, obwohl er sie für historisch notwendig und eine produktive Kraft hielt. Sein eigentliches Ziel war die Beseitigung der letzten Reste liberaler Demokratie aus dem deutschen politischen Denken. Nach 1945 wurde er in der Publizistik wieder höchst einflussreich, unter anderem als Chefredakteur der Welt. Er überlebte die Republik, die er mitzerstört hatte.
Foto: Hans Zehrer 1927 und ein Cover seiner Zeitschrift aus dem März 1933 (Public Domain via Wikimedia Commons)
Neunzig Jahre später, im deutschen Winter 2020 bis 2022, erklangen ähnliche Sätze auf Querdenker-Bühnen, in Telegram-Kanälen, auf Demonstrationen. Links und rechts – das seien Schubladen der Herrschenden. Wir seien doch alle eine Menschheitsfamilie, die gegen dieselbe übermächtige Kontrolle kämpfe. Daniel Sandmann, der dieser Bewegung eine Zeitlang angehörte, nennt das rückblickend „Menschheitsfamiliengezirpe“: ein warmes Gesumme, das die wirklichen Verhältnisse verdeckt. Diese Rhetorik ist nicht neu. Sie hat eine Geschichte, die an ungute Traditionen anknüpft. Und diese Geschichte endet nicht gut.
Die „Nationalrevolutionären“ der Weimarer Zeit – und am Rande auch die kleinere Strömung der „Nationalbolschewisten“ – trugen zur Zerstörung der Republik bei: nicht trotz ihrer programmatischen Uneindeutigkeit, sondern wegen ihr. Sie ebneten ideologisch den Boden, auf dem die NS-Bewegung groß und mächtig werden konnte. Einige von ihnen leisteten später Widerstand. Aber die wenigsten. Ihr elitärer Anspruch sollte sie von den als „spießbürgerlich“ empfundenen nationalen Großorganisationen absetzen; das Verhältnis zur Hitler-Partei war ambivalent und veränderlich. Mancher Nationalrevolutionär wurde Funktionär des NS – mancher linke Mann von rechts wandte sich Anfang der Dreißiger der KPD zu, weil er dort den Antikapitalismus ernst gemeint sah oder hoffte, im Bündnis mit der Sowjetunion die Nation zu alter Größe aufzurichten. (Nachzulesen bei Ernst-Otto Schüddekopf: Linke Leute von rechts. Die nationalrevolutionären Minderheiten und der Kommunismus der Weimarer Republik. Stuttgart: Kohlhammer 1960.) Zu letzteren gehörte etwa der Schriftsteller Bodo Uhse, der nach 1945 in der DDR lebte.
„Nationalrevolutionäre“ wollten eine „deutsche Revolution“ – weder liberal noch marxistisch, sondern eine Synthese aus nationalem Aufbruch und sozialem Umbau, die den Klassenkampf durch Volksgemeinschaft ersetzen sollte. Sie lehnten Weimar als „westlerisch“ und zu bieder ab, forderten einen starken Staat und die Überwindung des Kapitalismus – aber eines Kapitalismus ohne Eigentümer, nicht ohne Kapital. Die „Nationalbolschewisten“, eine schmalere Strömung am Rand, sahen in Sowjetrussland den natürlichen Verbündeten gegen Versailles – nicht aus marxistischer Überzeugung, sondern weil der Sowjetstaat für sie Disziplin und antiwestliche Härte verkörperte. Was beide Strömungen verband, war das Milieu der bündischen Jugend: jene jugendbewegten Kreise seit dem Wandervogel, die Lagerfeuerromantik, männerbündische Gemeinschaft und Ablehnung des spießbürgerlichen Geschäftslebens pflegten. In Diskussionszirkeln und kleinen Zeitschriften wurde die politische Fantasie der jungen Bildungsbürgerschaft geformt und für nationalrevolutionäre Ideen empfänglich gemacht. Die bündische Jugend lieferte das emotionale Rohmaterial; die Ideologen gossen es in Programme.
Vier Bilder aus der Weimarer Zeit
Damit das nicht abstrakt bleibt, vier historische Szenen.
Berlin, November 1932. Die Berliner Verkehrsbetriebe streiken. Vor den S-Bahn-Höfen stehen Schulter an Schulter: Kommunisten der KPD und SA-Männer der NSDAP. Gemeinsam verteilen sie Streikflugblätter. Die KPD-Führung feiert es als „revolutionäre Einheit der Arbeiterklasse gegen das System“. Drei Monate später sitzen Kommunisten in Konzentrationslagern – errichtet von denselben Männern, mit denen sie gerade noch auf den Barrikaden standen.
Zwei Jahre zuvor, im Sommer 1930, hatte Otto Strasser die NSDAP verlassen – mit dem Ruf: „Die Sozialisten verlassen die NSDAP.“ Strasser war mit seinem Bruder Gregor der Führungskopf des „linken“ NSDAP-Flügels gewesen: Gregor als Reichsorganisationsleiter der Partei, Otto als Chefideologe eines nationalen Sozialismus, der die Betriebe vergesellschaften und die Großgrundbesitzer enteignen wollte. Hitler ließ Gregor am 30. Juni 1934 ermorden. Otto gründete im Exil die Schwarze Front und ließ 1937 auf der Titelseite seiner Prager Zeitung drucken: „Das Hitlersystem bringt den Krieg, der Krieg bringt die Aufteilung Deutschlands!“ Richtig vorausgesagt, falsche Mittel. Strasser war kein Antifaschist. Er war ein anderer Nationalist, der dasselbe wollte wie Hitler – nur mit anderem Gesicht. Seine antikapitalistische Rhetorik hatte nie die Eigentumsordnung im Blick, immer nur den Feind.
Foto: Adolf Hitler (stehend) bei der Neugründung der NSDAP im Februar 1925, rechts Gregor Strasser (Public Domain via Wikimedia Commons)
Komplizierter und in gewisser Weise tragischer liegt der Fall Ernst Niekisch. Niekisch kam von links: 1919 war er als Sozialdemokrat Mitglied der Münchner Räteregierung. Dann driftete er ab, und bis Mitte der zwanziger Jahre war er zum wichtigsten Theoretiker eines radikalen, antiwestlichen Nationalismus geworden. In seiner Zeitschrift Widerstand beschwor er den „preußischen Sozialismus“: die germanische Substanz gegen den „Geist des Westens“, Blut und Boden gegen Parlamentarismus und Liberalismus. 1937 wurde Niekisch verhaftet, 1939 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. 1945 befreite ihn die Rote Armee – halb blind, halb gelähmt. Später zeitweise Hochschullehrer in Ostberlin, wurde er Repräsentant der „Nationalen Front“ in der DDR, brach aber 1953 mit der DDR-Führung. Er hatte Hitler frühzeitig als Katastrophe erkannt. Aber die Alternatividee, für die er stand, war nicht Demokratie oder Eigentumsordnung – es war ein anderer Nationalismus, nur ohne Hitler. Die Nationalrevolutionären der siebziger Jahre in der Bundesrepublik verehrten ihn als Ahnherrn. Das sagt alles.
Und dann der Mai 1933, wenige Tage vor dem Ende der freien Gewerkschaften. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund schreibt in seinem Zentralorgan: Vom Nationalsozialismus unterscheide ihn keine andere Rangordnung der Werte Nation und Sozialismus – lediglich eine andere Prioritätsordnung. „Wir wollten erst den Sozialismus, um die Nation zu gestalten. Der Nationalsozialismus forderte und verwirklichte jetzt die Einheit der Nation, um auf diesem Fundament den deutschen Sozialismus aufzubauen.“ Eine Woche später wurden die Gewerkschaftshäuser gestürmt, das Vermögen beschlagnahmt, die Führer verhaftet. Die Kapitulation vor der Querfront-Logik hatte die stärkste Arbeitnehmerorganisation des Landes wehrlos gemacht.
Quelle: https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/die-querfront-als-falle
Dr. Ulrich Gausmann ist Gesellschaftswissenschaftler, Autor und Gründer der Utopie-Akademie. Zuletzt erschien von ihm (gemeinsam mit Peter Schmuck): „Wem die Welt gehören könnte“.
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