Die Querfront als Falle, Teil 2

Warum die Frage „Rechts oder links?“ nicht verschwinden darf und warum das Kapital nicht als Naturgesetz hinzunehmen ist. Ein Diskussionsangebot.

Ein Beitrag von Ulrich Gausmann

Foto: 7C0, CC BY 2.0 (Titel: Corona-Demonstration 2022 in Frankfurt/Main)

Die Struktur der Täuschung

Was verbindet diese vier Szenen? Es ist nicht Dummheit, nicht Feigheit, nicht böser Wille. Es ist etwas Subtileres: echte Gesellschaftskritik ohne Strukturanalyse. Zehrer, die Strasser-Brüder, Niekisch, die Gewerkschaftsführer – sie alle erkannten wirklich etwas. Sie sahen die Schwäche der Weimarer Demokratie, die Macht des Kapitals, die soziale Zerrüttung der Mittelschichten, den Verrat der etablierten Linken. Ihr Antikapitalismus war keine bloße Pose – er war Ausdruck eines echten Unbehagens. Doch an die entscheidende Frage – wem die Fabriken gehören, wer über Boden, Kapital und Arbeit verfügt – trauten sie sich nicht heran oder wollten es nicht. Stattdessen: Mythos, Gemeinschaft, Nation, Volk – Schlagworte, die mit allem und nichts füllbar waren. Das ist das Muster der Querfront über alle Zeiten: Man erkennt das Falsche, benennt es laut – und scheut die einzige Frage, die wirklich wehtut. Die Spielregeln des Kapitalismus werden nicht befragt. Nur sein Gesicht. Das Ergebnis war keine Überwindung des Systems, sondern seine brutalste Variante. Dieser Befund ist nicht nur historisch interessant.

Querfront 2025: Die neuen Protagonisten

Im Dezember 2024 fand in Prag, hinter verschlossenen Türen eines Kongresshotels, ein Treffen statt, das sich selbst „Alternatives WEF“ nannte. Veranstalter war Stefan Magnet, Chefredakteur des rechtsgerichteten österreichischen Senders AUF1. Die Teilnehmerliste war handverlesen: medizinische Ikonen der Coronadissidenz, prominente Journalisten und Medienfachleute, dazu Markus Krall, der libertäre Goldhändler und Banken-Apokalyptiker, und Martin Sellner, der führende Ideologe der Identitären Bewegung. Magnet feierte, was ihn am meisten berührt habe: die „geglückte Überwindung der Spaltung in links und rechts“. Das Treffen stand unter dem Motto „Frieden schaffen, Krieg verhindern“ und versammelte rund 200 Personen „aus verschiedensten ideologischen Lagern“. Die Formel: keine Gesinnungsprüfung. Freiheit gegen Globalisten. Das Volk gegen die da oben. Zehrer hätte es wiedererkannt.

Die aufschlussreichste Einzelbiographie in diesem Milieu ist die von Jürgen Elsässer, Gründer und Chefredakteur des Magazins Compact. Elsässer kam von ganz links: Kommunistischer Bund, dann Mitherausgeber der Antideutschen, Redakteur bei KonkretJunge WeltNeues Deutschland. Seit Anfang der 2000er Jahre vollzog er eine Wanderung nach rechts, die ihn zum Chefstrategen einer nationalen „Volkssozialismus“-Rhetorik gemacht hat. Er verwendet das Wort „Querfront“ selbst und offen. Als Wagenknecht und Schwarzer 2023 zur Friedensdemonstration einluden, jubelte er: „So kann die Querfront doch noch gelingen!“ – und erschien mit Compact-Werbematerial. Elsässers Weg spiegelt Zehrers in fast perfekter Analogie: vom politischen Bildungsbürgertum zum Demonteur der Demokratie – über die Mitte der Querfront.

Eine subtilere Strategie verfolgt das Institut für Staatspolitik um Götz Kubitschek, das intellektuelle Zentrum der Neuen Rechten. Hier wird keine Querfront angeboten, sondern ein „Antiimperialismus von rechts“: Das linke Vokabular – Kapitalismuskritik, Souveränität, Anti-Nato – wird nicht als Brücke zur Linken benutzt, sondern als Erbmasse eingeklagt. Man will die Linke nicht einbinden. Man will sie beerben. Das ist strukturell näher an Niekisch als an Zehrer – und einen Schritt gefährlicher.

Auf der anderen Seite des Spektrums: das Bündnis Sahra Wagenknecht. Das BSW ist keine nationalrevolutionäre Partei – aber es schafft strukturell die Anschlussflächen, die Querfront-Projekte von rechts brauchen. Das Compact-Magazin setzte Wagenknecht bereits 2022 als „Kandidatin für Links und Rechts“ auf die Titelseite. Die programmatische Mischung – sozial links in Wirtschaft und Rente, national-konservativ in Migration und Sicherheit, antiamerikanisch in der Außenpolitik – ist strukturell dieselbe wie bei den historischen Nationalrevolutionären: echte Gesellschaftskritik kombiniert mit nationaler Emphase, die die Eigentumsordnung nicht angeht. Das BSW hat immerhin an einer Stelle mehr Substanz als seine historischen Vorbilder: Es will eine „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“ als neue Unternehmensrechtsform einführen – ein Schritt in Richtung Eigentumsordnungsfrage. Ob er konsequent gedacht wird oder Ornament bleibt, ist die Frage, an der sich entscheidet, ob das BSW Querfront-Falle ist – oder ein anderes Projekt.

Daniel Sandmann hat in einem Text, den er Ausflug der toten Mädchen nannte, die Bilanz eines anderen gescheiterten Aufbruchs gezogen – schonungslos auch gegen sich selbst. Er schreibt über die Coronadissidenz, der er selbst angehörte, und über die Mädchen von Minab, die im Februar 2026 in Iran bei einem Angriff auf ihre Schule getötet wurden. Diese Toten sind für ihn der moralische Prüfstein: Wer sie wegrechnen kann, um eine Bewegung zu rechtfertigen, hat sich verabschiedet.

Die Coronabewegung habe sich im Gefühl einer gemeinsamen Feindschaft gegen „das System“ zusammengefunden – und darin gleiche sie, ob sie es wollte oder nicht, den Querfronten von 1931. Das „Menschheitsfamiliengezirpe“, das warme Gefühl, dass wir doch alle zusammengehören gegen die da oben, war schon bei Zehrer im Angebot. Und beim Prager Alternativ-WEF hieß es: Gemeinsam, aus verschiedensten ideologischen Lagern, für eine freie Welt von morgen. Immer dasselbe Gesumme. Immer dieselbe Leerstelle.

Sandmanns Schlüsselsatz lautet: Die Unterscheidung zwischen links und rechts sei nicht aufgehoben, weil beide dasselbe wären, „sondern weil alle rechts sind. Alle sind dem Kapital zugewandt, alle sind Sklaven davon, alle werfen nicht einmal mehr die Frage auf.“ Das ist keine Querfront-Aussage, sondern ihr Gegenteil: die Diagnose einer Leerstelle. Und diese Leerstelle ist dieselbe, die 1932 auf den Berliner Streikbarrikaden klaffte und 2024 in Prag: Wem gehört was – und nach welchen Regeln?

Das Muster und seine Wiederholung

Beppo Römer, Hans Ebeling, Harro Schulze-Boysen – Menschen aus dem nationalrevolutionären Milieu, die später im Widerstand gegen Hitler endeten, einige mit dem Leben bezahlend. Was half denen, die den richtigen Ausweg fanden? Nicht die nationale Emphase, nicht das Menschheitsfamilien-Gefühl eines Kampfes jenseits aller Klassengrenzen, sondern die Bereitschaft, das Eigentum am System, an der Herrschaft, an der Gewalt zu benennen. Schulze-Boysen landete am Ende bei einem konkreten Nein: nicht zum Deutschen, nicht zum Volk, sondern zur faschistischen Eigentumsordnung und zum Kriegsimperialismus, der aus ihr folgte. 1942 wurde er hingerichtet.

Niekisch dagegen, der klügste Kopf in diesem Milieu, blieb in der Falle. Er hatte Hitler richtig eingeschätzt und bezahlte mit sieben Jahren Zuchthaus. Und doch blieb sein Denken national-mythologisch bis in den Kern: nicht Eigentumsordnung, sondern Völkerpsychologie; nicht Klassenanalyse, sondern germanische Substanz gegen römischen Geist. Elsässers Weg – vom Marxisten zum Querfront-Strategen der Rechten – wiederholt dieses Muster in umgekehrter Richtung, ohne Niekischs persönliche Integrität. Die Struktur aber ist dieselbe: Kapitalismuskritik ohne Kapitalanalyse, Systemüberwindung ohne Eigentumsordnung, Rebellion ohne Substanz.

Sandmann landet 2026 an einem ähnlichen Ort wie Schulze-Boysen, von einer anderen Seite kommend. Die Coronabewegung scheiterte nicht daran, dass sie zu radikal war. Sie scheiterte daran, dass sie die falsche Radikalität hatte – eine, die das Kapital als Naturgesetz hinnahm und deshalb für jeden Mythos offenblieb. Für Trump. Für Palantir. Für das Prager Alternativ-WEF, wo Identitäre und Coronakritiker gemeinsam „die Globalisten“ bekämpften – mit der Parole, die 1931 schon existierte: Wir kämpfen gegen das System. Sie meinen damit nur das Gesicht, nicht die Struktur.

Die Eigentumsebene als Scheidelinie

Die Frage nach dem Eigentum ist die eigentliche Scheidelinie. Nicht die Frage, ob man sich links oder rechts nennt. Nicht die Frage, ob man für oder gegen Impfpflicht war. 

Die Frage ist: Wer besitzt was – und nach welchen Regeln?

Wer diese Frage stellt, kann keine Querfront bilden mit denen, die sie nicht stellen. Denn eine Genossenschaft und ein Private-Equity-Fonds sind keine zwei Seiten derselben Medaille. Ein gemeinwirtschaftliches Unternehmen und ein Hedgefonds, der Betriebe aufkauft und ausschlachtet, verfolgen entgegengesetzte Logiken. Das Grundgesetz weiß das. Artikel 14 – „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ – steht seit 1949 im Recht. Er wartet noch auf ernsthafte Anwendung.

Zehrer hatte keine Antwort auf diese Frage. Die Strasser-Brüder hatten sie nicht. Niekisch hatte sie nicht. Die Gewerkschaftsführer von 1933 hatten sie nicht. Elsässer hat sie nicht – er ersetzt sie durch den Feind: die Globalisten, die Eliten. Das Prager Alternativ-WEF hat sie nicht. Und wer beim BSW die Eigentumsordnungsfrage nicht konsequent stellt, landet strukturell am selben Ort: Gesellschaftskritik ohne Kapitalanalyse, die für jeden Mythos offenbleibt.

Was zu retten wäre

Ist damit alles verloren? Sandmanns Text ist bitter, aber nicht hoffnungslos. Er endet mit einer Landschaft: dem Elbursgebirge, dem Persischen Golf, Körpern unter schwarzen Tüchern. Kleinen Körpern, die gerne gelebt hätten. Celans Todesfuge („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“): Das ist der Meister, dem solche Tode zu verdanken sind. Man kann sie sehen. Man kann sie zählen. Er hat eine Eigentumsordnung, eine Logik, eine Geschichte. Und er kennt keine Menschheitsfamilie. Sandmann weigert sich, diese Körper in eine politische Erzählung einzupassen. Sie beginnt damit – bei allem Schmerz –, mit dem anzufangen, was er nicht wegrechnen kann.

Die Widerstandskämpfer aus dem nationalrevolutionären Milieu, die wirklich Widerstand leisteten, ließen sich irgendwann von Abstraktionen nicht mehr blenden. Sie sahen die konkreten Opfer. Den konkreten Krieg. Die konkrete Vernichtung. Niekisch, dem es nicht gelang, diesen Schritt zu vollziehen, blieb ein brillanter Analytiker und ein politisch gescheiterter Mensch – respektiert für seinen Mut, aber ohne Antwort auf die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen soll, die diesen Namen verdient.

Eine Politik, die diese Linie hält – konkret, eigentumsanalytisch, ohne Querfront-Illusion und ohne Menschheitsfamilien-Gesumme –, ist nicht die einfachste. Sie hat keine großen Bühnen. Wer beim Prager Alternativ-WEF mitmacht, hat eine. Wer die Eigentumsordnung befragt, hat keine. Aber diese Frage ist die einzige, die dem Test der toten Mädchen von Minab standhält – und dem Urteil der Geschichte über die Berliner Streikbarrikaden von 1932.

Diese Frage ist links. Nicht im Sinne einer Partei. Im Sinne einer Weigerung, das Kapital als Naturgesetz hinzunehmen. Wer das begreift, hat verstanden, warum die Querfront damals eine Falle war – und warum Elsässer, Magnet und ihre Plattformen sie heute wieder aufstellen.

Quelle: https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/die-querfront-als-falle

Dr. Ulrich Gausmann ist Gesellschaftswissenschaftler, Autor und Gründer der Utopie-Akademie. Zuletzt erschien von ihm (gemeinsam mit Peter Schmuck): „Wem die Welt gehören könnte“.

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