Donald Trump: Listig und vernünftig

Für einen kurzen Augenblick klang Friedrich Merz neulich mal wie ein deutscher Bundeskanzler. Vielleicht wirkt Trump endlich als das, was er stets für viele Befürworter in Westeuropa war: Als List der Vernunft.

Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Trump und Hegel, Hintergrund: Nuuk
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Bemerkenswert waren einige Worte des Bundeskanzlers beim Neujahrsempfang der IHK in Dessau. Dem Publikum sagte Merz unter anderem das Folgende:

Wenn es uns dann noch gelingt, dafür zu sorgen, dass Frieden und Freiheit nach Europa zurückkehren, dass wir endlich auch wieder mit unserem größten europäischen Nachbarn, nämlich mit Russland, in der längeren Perspektive einen Ausgleich finden – ich sage es nicht, weil ich hier im Osten bin; ich sage es an jeder anderen Stelle in Deutschland auch: Russland ist ein europäisches Land –, wenn Frieden herrscht, wenn Freiheit gewährleistet ist, wenn uns das alles gelingt, meine Damen und Herren, dann hat diese Europäische Union, dann haben wir auch in der Bundesrepublik Deutschland eine weitere Bewährungsprobe bestanden, und dann können wir auch über das Jahr 2026 hinaus mit großer Zuversicht nach vorn blicken. Ich wünsche uns das. Ich bin mir sicher, dass es gelingt. Tragen Sie dazu bei!

So hat seit vielen Jahren kein deutscher Bundeskanzler mehr gesprochen. All das, was wir seit Jahren aus dem Kanzleramt gewohnt waren – den Tonfall der Eskalationsbereitschaft, das Vokabular der moralischen Selbstvergewisserung – fehlte an dieser Stelle. Stattdessen wartete Friedrich Merz mit einer Perspektive auf: Frieden, Normalität im Umgang mit Russland und auch wirtschaftliche Verbesserung – letzteres ist nicht mehr, als die Formulierung eines nationalen Interesses. Auch so ein Bekenntnis gab es seit langem nicht mehr. Sein Außenminister sprach vor Zeiten von einer »ewigen Feindschaft« zu Russland – aber das Gesagte Merzens steht dem geradezu konfrontativ gegenüber.

Endlich wieder nationale Interessen im Blick?

Lernt Westeuropa also vielleicht tatsächlich wieder, zwischen moralischer Verurteilung und sogenannter »wertebasierter Außenpolitik« und geopolitischer Ordnung zu unterscheiden? Dass Russland ein europäisches Land sei, ist keine Neuentdeckung; kulturell ist es das Land und dieses Volk in Osteuropa selbstverständlich immer – nun ja, seit vielen Jahrhunderten – gewesen. Aber es so zu formulieren, galt bis kürzlich als Provokation. Als Tabubruch, den man nicht dulden durfte. Russland zu ruinieren, Wladimir Putin zu ersetzen: Es scheint fast so, als sind das die Parolen von einst. Woher kommt der mögliche Sinneswandel?

Stichwort: Donald Trump. Seine Absichten, sich Grönland zu sichern und den Westeuropäern – den Dänen – zu entreißen, bringt die transatlantische Agenda in Schieflage. Die Westeuropäer scheinen sich gerade im Zangengriff zwischen den Vereinigten Staaten und Russland zu sehen – sich mit dem Nachbarn zu versöhnen, mit unserem »größten europäischen Nachbarn«, wie Merz es ausdrückte, ist ein realpolitischer Schritt, der jetzt nur logisch erscheint. Oder der zwangsläufig notwendig wird. Denn wie sollte man als Westeuropäer nun einer NATO trauen – das sollte man sowieso nie! –, in der die Hausherren aus Übersee, aus westeuropäischer Sicht nicht mehr kontrollierbar sind?

Was in Merz‘ Worten vordergründig wie eine Annäherung an Russland wirkt, ist in Wahrheit ein Akt westeuropäischer Selbstbehauptung. Wenn Westeuropa seine Zukunft nicht allein als Vorfeld fremder Machtprojektionen verstehen will, muss es seine Nachbarschaftspolitik selbst definieren und Deutschland muss wieder ein Volk guter Nachbarn werden – und einen Ausgleich mit Russland finden. Dazu gehört auch die langfristige Einbindung Russlands in eine gesamteuropäische Friedensordnung. Nicht aus Sympathie, sondern aus Vernunft. Sympathie ist ohnehin etwas für Leute, die Politik als moralistische Selbstbeweihräucherung betreiben – Nationen haben keine Freunde, sie haben Interessen. Friedrich Merz zeigte das in seiner Dessauer Rede an. Solche Töne – man kann das nur wiederholen – vernahm man lange nicht mehr aus dem Mund eines Bundeskanzlers.

Die List der Vernunft

Hier drängt sich ein philosophischer Gedanke auf, ein Rückgriff auf die Geschichtsphilosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels. »List der Vernunft« nennt sich dort ein Leitgedanke. Hegel beschreibt damit jenen paradoxen Prozess, in dem geschichtliche Akteure aus partikularen, oft egoistischen Motiven handeln und dennoch – ohne es zu wollen – einem übergeordneten vernünftigen Gang der Geschichte dienen. In etwa so, wie es Johann Wolfgang von Goethe – der mit Hegel vertraut war – in seinem ersten Faust ausdrückte und dem Mephisto auf die Zunge legte: Ich bin »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft«.

Die geschichtliche Vernunft drückt sich, so sah es der deutsche Philosoph einst, im Weltgeist aus. Dieser bedient sich den Leidenschaften, Interessen und Machtambitionen einzelner Akteure, ohne dass diese selbst das vernünftige Ergebnis anstreben oder auch nur erkennen. Sie handeln aus Ehrgeiz, Furcht, Machtwillen oder Eitelkeit – und gerade dadurch setzen sie Prozesse in Gang, die langfristig zu stabileren, rationaleren Ordnungen führen. Ein klassisches Beispiel ist Napoleons Eroberungspolitik, die Hegel Zeit seines Lebens beschäftigte: Der kleine Korse strebte nach Herrschaft und Ruhm, doch bewirkte er – letztlich gegen seine Absicht – die Verbreitung moderner Rechtsordnungen und moderner staatlicher Rationalität und Aufklärung in Europa. Die Vernunft setzt sich nicht trotz der egoistischen Motive durch, sondern gerade durch sie – sie nutzt sie, wie ein Werkzeug, für ein Ergebnis, das die Handelnden selbst weder planen noch wünschen.

Das klingt zugegeben ein Stück weit esoterisch – aber Beispiele für diesen Umstand, dass aus egomanischen Partikularinteressen am Ende etwas entsteht, dass man – etwas optimistisch, vielleicht aber auch aus Mangel an passenden Begriffen – als Fortschritt bezeichnen könnte, gibt es etliche. Begünstigte Cäsars Diktatur nicht die Entstehung der Pax Romana? Wenngleich all die potenziellen Listen natürlich Interpretationen sind, denn beweisen lässt sich die List freilich nie ganz befriedigend.

Donald Trump und der Weltgeist

Überträgt man diesen Gedanken auf unsere Gegenwart, ergibt sich diese mögliche Interpretation der Zustände: Trumps Politik, die Westeuropa unter Druck setzt, Bündnisse infrage stellt und alte Gewissheiten zerstört, zwingt den Kontinent gerade dadurch zu einem Schritt, den er aus eigener Bequemlichkeit und Sturheit lange vermieden hat – zur Normalisierung der Verhältnisse zu Russland. Die List der Vernunft trägt also einen Namen: Donald Trump. Denn ohne Russland ist Westeuropa Spielball: Viele Grüße von Halford Mackinder.

Donald Trump war für viele Menschen außerhalb der Vereinigten Staaten entweder derjenige, der für Angst und Schrecken sorgen wird – oder aber man wertete seine Wiedererscheinung im Amt des US-Präsidenten als hoffnungsvollen Fall und lobte dessen Agenda. Beide Betrachtungen machen es sich freilich zu einfach. Für einige wenige war dieser Donald Trump der notwendige Präsident, der das Zeug dazu hatte, als eine solche List der Vernunft zu wirken. Man muss wirklich kein Hegelianer sein, um seine Rolle so einzuordnen. Man konnte durchaus ahnen, dass er sein Land spalten und damit dem Rest der Welt einen Gefallen tun könnte. Dass er die Westeuropäer zwingt, sich auf sich selbst zu besinnen – und damit auf Russland, das ein Teil dieses Selbst ist –, schien jedenfalls möglich. Dass das nun so fulminant geschah, war nicht absehbar, macht aber auch Hoffnung. Denn das transatlantische Bündnis ist kein natürliches, das sich durch geographische Nähe nährt. Russland und der Rest Europas teilen sich aber einen Kontinent, einen gemeinsamen Boden und auch einen Kulturraum.

Von dieser Einschätzung ist Friedrich Merz freilich noch meilenweit entfernt. Aber dorthin geht man in kleinen Schritten. Es kann sein, dass der erste kleine öffentliche Schritt in Dessau getan wurde. Falls das stimmt, hat Donald Trump damit zu tun. Sein Erscheinen war ein Schub, sein Hunger nach Grönland rückt etwas zurecht. Für alle, die ihn als Messias sahen: Als Werkzeug sollte man ihn besser sehen. Und allen, die ihn verteufelten, sei gesagt: Jeder hat in dieser Welt seine Berechtigung – denn man kann Richtiges entstehen lassen auf dem Boden des Falschen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.

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