Ein diabolisch dreinblickender Wladimir Putin, ein über ihn – fast homoerotisch drapierter – Donald Trump: So macht der aktuelle Spiegel auf. Das Bild vom schönen Deutschen wird genährt wie selten zuvor.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Neu ist das nicht, dass diese kleine Republik mitten in Europa von sich annimmt, nur von Barbaren umgeben zu sein. Die antiken Griechen brachten dieses Wort vom Barbaren auf – für sie hörten sich ihre Anrainer alle so an: Bar bar bar. Gemeint war damit aber mehr, als die Unterscheidung des Hellenischen zu denen, die in fremden Zungen sprachen. Der Barbar war freilich auch einer, der die Segnungen des griechischen Kulturlebens nicht kannte, der anders aß, anders wohnte, anders liebte. Kurz: Er war der Fremde – und genauer noch: Der bedrohliche Fremde.
Dergleichen gibt es freilich überall – der Fremde ist wohl in jedem Land, jeder Gesellschaft ein Thema. In Deutschland hat sich im Laufe der letzten beiden Dekaden eine besondere Form des »Wir-und-die-anderen«-Gedankens etabliert. Die Presse bedient dieses Bild gerne, münzt es aber auf Staatsführungen und Regierungen. Sie bemüht sich stets darum, diese Republik – wobei, Republik? Was ist denn noch öffentliche Sache und was die Angelegenheit der Hinterzimmer? – als Insel der Seligen zu zeichnen, auf der es – Gott sei es gedankt! – noch Staatsleute von Rang und Namen gibt. Man muss sich nur mal den Tagesschau-Bericht zu den Verhandlungen in Berlin zu Gemüte führen: Merz fungiert darin als »ehrlicher Makler«, als geschichtsträchtiger Bundeskanzler, neben dem alle anderen Staatsleute, die er empfing, nur zu Statisten degradiert wirken können.
Allüberall Autokraten
Die deutschen Medien schielen seit spätestens der Finanzkrise ins Ausland – und wittern überall Staatenlenker, Präsidenten und Regierungschefs, die entweder völlig korrupt, machtbesessen oder einfach nur unfähig sind. Autokrat: Das ist auch so ein Lieblingswort der deutschen Medienschaffenden geworden. Der ist, so weiß es der Duden, ein »Alleinherrscher, der die unumschränkte Staatsgewalt für sich beansprucht«. Oft trifft diese Bezeichnung auf die Staatsleute der Anderen jedoch nicht zu. Nehmen wir nur den türkischen Präsidenten Recep Erdoğan. Herrscht er gerne? Vermutlich ja. Aber alleine? Wie oft bremste ihn das oberste Gericht seines Landes aus? Dass er also alleine herrscht, autokratisch, wie es auch heißt, stimmt also so nicht. Daran störte sich aber bislang kein Berichterstatter aus der Berliner Blase.
Denn all das ist komplex, man muss die Länder und Sitten kennen, die Geschichte im Blick haben und darf deutsche Grundlagen nicht zum Maßstab machen. Ein weiterer Autokrat aus deutscher Sicht: Viktor Orbán. Der muss sich kommendes Jahr zur Wahl stellen – unter Umständen verliert er sie. Treten so Autokraten ab? Das ist mindestens atypisch. Orbán erfreute sich über viele Jahre großer Beliebtheit unter den Magyaren, weil er es versteht, die ungarische Kultur im europäischen Anpassungsmechanismus für erhaltenswert zu erachten. Er wurden also seinem Volk nicht aufgestöpselt, sondern ging erfolgreich aus Wahlen hervor, die von internationalen Beobachtern als frei eingestuft wurden – der Deutschlandfunk bestätigte das schon 2014, fügte aber hinzu, dass das Wahlsystem dennoch unfair sei. Könnte man das 2025 in Deutschland noch so schreiben, ohne dass einem die Schamesröte ereilt? Oder wie fair ist eine Wahl, die nicht richtig ausgezählt wurde? Und ist Merz etwa ein Autokrat?
Keiner käme auf die Idee, jenen Friedrich Merz – Messiaskanzler, Diplomatiegenie und legendärer Schlacks – als einen solchen zu bezeichnen. Für die Figur, die er abgibt, fänden sich viele Bezeichnungen. Manche davon nicht jugendfrei, andere sogar justiziabel. Aber Autokrat? Ohnehin ist dieses Wort denen vorbehalten, die Deutschlands Grenzen von außen betrachten – in Deutschland sind wir gesegnet mit einer politischen Klasse, die noch Anstand kennt, das Beste für das Volk will und die seriös auftritt, wie das Amt es gebietet. Die Politiker der Anderen jedoch, die führenden Köpfe anderer Nationen, sind die Barbaren – sie sind das schlechte Beispiel, das man dem deutschen Rezipienten unter die Nase hält: Schau mal, der Trump ist irre, der Putin ein Machtteufel und die Meloni eine Nazitante – sei gefälligst froh, dass wir hier eine anständige Bundesregierung unter Merkel, Scholz oder Merz haben!
Putin – der ewige Barbar
So chauvinistisch, dass man ganze Völker für barbarisch hält, ist man heute selbstverständlich nicht mehr – man hat das umgelagert auf deren Volksvertreter. Ein ganzes Volk zu schmähen: Das kommt höchstens mal vor einem wichtigen Länderspiel vor – oder wenn man die Griechen mit der Troika besucht. Die hatten übrigens damals, als sie in die tiefe Krise schlitterten, recht bald eine Regierung, die vielleicht nicht gleich als autokratisch bezeichnet wurde, aber als populistisch und damit gefährlich und unvernünftig. Heute würde man die Tsipras-Regierung dem Publikum hierzulande wohl als rechts vorstellen und die Omas gegen Tsipras würden lauthals im Berliner Regierungsviertel singen, wenn man diesen gefährlichsten Mann Europas in der Hauptstadt zu Gast hätte.
Gefährlichste Männer gibt es mittlerweile viele auf dem Erdenrund. Xi Jingping etwa, ein Diktator, wie die Außendienststellenleiterin von einst fröhlich verkündete, bevor sie auf einem chinesischen Flughafen im Regen stehengelassen wurde. Natürlich ist auch der indische Premierminister Narendra Modi ein Schurke. Wladimir Putin ist das bereits seit Ewigkeiten – neulich betrachtete der Autor dieser Zeilen einen Zusammenschnitt des Jahres 2000, der mit den Originaltönen der damaligen deutschen Berichterstattung ausgespielt wurde. Zu sehen: Der Wechsel von Jelzin zu Putin. Vom neuen »russischen Zaren« sprach man da, von einer Scheindemokratie, die dieser Mann installiert habe – welche Belege hatte man damals dafür? Die Tonalität der zusammengeschnittenen Berichte war verächtlich, ja geradezu arrogant – dass dieser Mann damals den russischen Staat ordnete, ihn zu einem stabilen Anker nicht nur in einer, sondern gleich in mehreren Weltregionen werden ließ, war damals bereits mindestens absehbar. Aber dass der Russe einen Staatsmann hat, dem es um Ordnung gelegen ist, nachdem die chaotischen und süffigen Jelzin-Jahre so ergiebig waren für die westlichen Aasgeier, sollte wohl nicht zum Thema für das damals schon tendenziöse Infotainment der Deutschen geraten.
Nun haben auch noch die Amerikaner einen Wahnsinnigen als Präsident – einen Reality-Star-Mimen und Vabanque-Spieler. Als ob das in der Geschichte jenes Landes nicht schon gelegentlich der Fall gewesen ist! Die Vereinigten Staaten hatten mehrere Phasen, in denen ein Schattenkabinett die Regierungsgeschäfte führte, weil der jeweilige Mister President in geistiger Umnachtung verweilte – bei Woodrow Wilson war es so, später bei Ronald Reagan und zuletzt bei Joe Biden. Und wie wahnsinnig ist es, einem Chefstrategen eine Millionensumme in Aussicht zu stellen, wenn dieser über die geistige Leistungsverminderung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten schweigt? Und dann denke man auch mal an Richard Nixon zurück. Der war zwar nicht umnachtet, aber völlig hysterisch, eigentlich ein Fall für einen Shrink. Dass die Vereinigten Staaten voller Wahnsinn stecken: Das ist doch nicht der Causa Trump geschuldet, sondern irgendwann Bestandteil eines völlig korrumpierten Politiksystems geworden, das sich gänzlich vom realen Leben abgeschottet hat. Aber für die veröffentlichte Meinung in Deutschland war vor Trump fast alles da drüben harmonisch, demokratisch und fair. Nun sind aber auch die USA ein Reich des Teufels geworden – blöderweise ist es nach wie vor ein mächtiges Reich, nach dessen Pfeife der messianische Kanzler in Berlin zu tanzen hat, ohne zu zeigen, wie sehr er das Tanzbein schwingt.
Die Hellenisierung der deutschen Umstände
Vor diesem Hintergrund muss man diese Berliner Inszenierung mit Pomp und Power wohl betrachten. Friedrich Merz ist nicht etwa der neue Chefdiplomat, er muss sondieren, wie die Europäer von der Wand kommen, an die sie sich in den letzten Monaten und Jahren selbst geklatscht haben. Es auf die Amerikaner schieben und mitteilen, dass es unsere Freunde aus Übersee so wollten, ist auch wenig attraktiv – schließlich will kein Vasall, dass man merkt, dass er einer ist. Die Berliner Presse spielt mit, sie skizziert einen außenpolitischen Könner, der jetzt endlich dazu bereit ist, Deutschlands Größe in Europa auszuleben. Angela Merkel hat das sicherlich viel brachialer getan als dieser Lehrling, als sie deutsche Wirtschaftsinteressen in Europa via Brüssel durchdrückte – das ist aber längst vergessen, weil Angela Merkel heute wie Großmama auf das Abendbrot im Altenheim wartet und – schlimmer noch – den Russen nicht den Wirtschaftskrieg erklärte.
Das Ausland und deren Vertreter – übrigens noch nicht genannt wurde der Slowake Robert Fico, auch so ein Ganove nach Lesart des Hauses – sind Teil der deutschen Politikinszenierung geworden. Man sehnt sich geradezu nach Leuten um uns herum, die man mit dem Label des Schurkischen belegen kann. Daneben sehen unsere … nun ja, nennen wir sie: Auserwählten, gleich viel schöner, adretter und verträglicher aus. Denn Korruption, Minister auf Abwegen, Vetternwirtschaft und dergleichen mehr: In Deutschland gibt es das alles nicht – und falls doch, dann sind es lediglich bedauerliche Einzelfälle. Aber sicher kein Anzeichen einer Autokratie. Gott bewahre! Das wäre ja noch schöner, wenn auf deutschem Boden geschähe, was man diversen anderen Ländern unterstellt. Und einen Staatsfunk haben nur die Bösewichte – wir haben staatsferne Sender, die öffentlich arbeiten und rechtlich anständig bleiben. Ein Schlandi macht noch keinen Unrechtstaat.
Und es gibt sie immer noch da draußen, die unbedarften Bürgerseelen, die Vater Staat und Mutter Tagesschau, wie Michael Meyen es gerne ausdrückt, vertrauen. Es werden aber zunehmend weniger Menschen – jedenfalls gefühlt. Aber viele Gläubige sind noch unter uns und lassen sich beeindrucken von der politisch-medialen Allianz von der Spree, die seit langer Zeit so tut, als sei Deutschland der letzte Ort auf Erden, an dem politisch etwas aus dem Ruder geraten könnte. In Deutschland gehen verantwortungsbewusste Menschen in die Politik – und keine angehenden Despoten und Autokraten im Frühstadium. Die Barbaren sind die Anderen. Wir sind die neuen Hellenen, die wie die alten irritiert auf die Barbaren schielen – nicht verwechseln: Wir sind um Himmels willen keine zeitgenössischen Griechen, denn die können nicht mit Geld umgehen, das können nur wir. Die Hellenen damals, sie sprachen eine kultivierte Sprache und hatten eine Demokratie – wie wir. An großen Staatsmännern mangelte es nicht – wie bei uns. Und die Mehrheit hatte nicht mitzubestimmen – kommt uns das bekannt vor?

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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