Es wird wohl besser sein, wenn man bei Eiseskälte einen Lockdown verhängt. Denn offenbar überlastet man nur auf diese Weise Deutschlands Notaufnahmen und Krankenhäuser nicht.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

In den letzten Tagen kam etwas über Deutschland, von dem man annehmen musste, dass es niemals zuvor dieses Land des ewigen Frühlings befiel: Schnee, Eis und klirrende Kälte! Selbstredend, dass die Deutsche Bahn diesen Grund heranzog, um den Fahrplan bis zur Unkenntlichkeit auszudünnen – wie es Züge pünktlich und komfortabel auf die Gipfel eidgenössischer Berge schaffen, ist eines dieser Rätsel, die man offenbar nie entwirren wird. Jedenfalls waren die Nachrichten voller Angst und Schockstarre Wintereinbruch als Furcht-Event. Empfehlung an alle, medial zu lesen und zu hören: Bleiben Sie daheim.
Das sind freilich witzlose Ratschläge von Leuten, die mindestens die Hälfte ihrer Vertrauensarbeitszeit auf dem heimischen Sofa verbringen und diesen kommoden Zustand mit dem Pseudoanglizismus »Homeoffice« umschreiben. Für einen Großteil der Werktätigen, die keinem Bullshit-Job nachgehen, sondern weitestgehend Teil der Wertschöpfungskette geblieben sind, ist so Tag im heimischen Büro – das noch nicht mal physisch vorhanden sein dürfte – nicht vorstellbar. Eis und Kälte mögen natürlich von liebenswürdigen Arbeitgebern als Ausfallgrund akzeptiert werden – aber einen Rechtsanspruch gibt es für Arbeitnehmer freilich nicht. Was auch gar nicht möglich wäre, denn in vielen Betrieben, eben auch in Pflegeeinrichtungen, kann die Arbeit in Form pflegebedürftiger Humanressourcen – um einen Begriff anzuwenden, der nicht zu sehr ins Romantische abzugleiten droht – nicht einfach liegenbleiben.
Daheimbleiben rettet Notaufnahmen
Warum man aber dennoch besser nicht auf die Straße gehen sollte, wenn es geschneit und gefroren hat, wissen wir nun auch: Die Notaufnahmen sind wegen vieler Glatteisunfälle »extrem überlastet«. Dergleichen liest man immer wieder mal, wenn der Winter sich mal wieder dem Klimawandel verweigert hat. Der medizinische Betrieb ist ohnehin ein sehr anfälliger Organismus, der an sich ja seinen Pflichten nachkommt, wenn die Menschen bloß nicht zu krank werden und sich zu häufig ärztlichen Rat wünschen oder gar medizinische Künste in Anspruch nehmen wollen. Gibt es aber einen Massenanfall von Verletzten – im Fachjargon MANV genannt; »Ohne MANV kein Kampf!« – oder Maladen, dann wird es gemeinhin kritisch. Müßig ist es, an dieser Stelle an die allgemein anerkannten und von der subversiv tagenden Ministerpräsidentenkonferenz abgesegneten Argumentationslinien während der Pandemie zu erinnern – damals sollte sich jedermann in sein Loch (daher ja auch das Wort »Lochdown«) zurückziehen und drinnen bleiben. Auf Deutsch gesagt: Stay home! Denn wenn nicht, bricht der Gesundheitsbetrieb in sich zusammen.
Nicht anders, wenn zu Silvester geböllert wird. Neben den üblichen Rufen nach einem Böllerverbot, lässt sich mancher Mediziner auch wie folgt zitieren: Die Unfälle in der Silvesternacht belasten die Notaufnahmen ungemein – Chinakracher und Polenböller seien die übelsten Finger- und Unterarmdiebe jener Nacht. Die Forderung eines Böllerverbotes ist übrigens eine liebgewonnene deutsche Tradition geworden. Nach einem solchen Verbot ruft man ebenso regelmäßig, wie nach einem Tempolimit oder einem Inlandsflugverbot. Wichtig all diesen Forderungen: Mindestens einmal im Jahr – so will es das Brauchtum choreographierten Empörungsshitbürgertum – müssen sie medial vorkommen und in den Netzwerken für einen kurzen aufflackernden Aufruhr sorgen. Jeder muss sich in dieser Zeit bereithalten und Flagge oder wahlweise mit dem Finger auf andere zeigen, die es vielleicht nicht so haben mit dem Zwei-Minuten-Hass des Augenblickes.
2024 begrüßte Deutschland den halben Kontinent zur Fußball-Europameisterschaft. Es war ein unvergessliches Turnier für viele Gäste, die ins Land kamen: Deutschland präsentierte sich als das, was es seit geraumer Zeit ist – als dysfunktionales Gemeinwesen, in dem es überall hakt und in dem die Leute einen nicht sonderlich glücklichen Eindruck machen. Vorneweg war zu lesen, dass diese Europameisterschaft auch für den Krankenhausbetrieb Bedeutung habe. Die Beschäftigten dort müssten im Ausnahmezustand arbeiten – Zusatzschichten seien notwendig. Stay home! konnte man in jenen Tagen nicht so ungeniert fordern – das hätte der UEFA womöglich nicht ins Konzept gepasst.
Glatteis überfordert, Verwundete sind aber kein Problem
Kurzum: Deutschlands medizinischer Betrieb, Kliniken, Krankenhäuser und Notaufnahmen, kommen immer dann über die Grenze des Leistbaren, wenn die Gesellschaft mal nicht vor sich hinplätschert. Diese Einschätzung ist zudem viel zu optimistisch, denn selbst an »normalen Tagen« gibt es in diesem Sektor eine massive Überforderung. Notaufnahmen müssen sich mit Bagatellen abgeben, weil Patienten nicht zu Fachärzten gehen, deren Terminplanung für den Kranken oder Gebrechlichen voraussetzt, nochmal einige Monate im kritischen Zustand zu verharren, um endlich mal an die Reihe kommen zu dürfen. Patient kommt schließlich von patiens, dem Erdulden und dem Umstand, geduldig zu sein. Also klingelt man übergangsweise bei der Notaufnahme, denn die weist nicht gerne ab. Denn das ist mit der Gefahr verbunden, später mit Regressforderungen konfrontiert zu werden, weil sie jemanden fortschickte, der kurz danach auf dem Weg nach Hause ausrutschte und sich das Handgelenk brach. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob der Patient mit einer Grippe in der Notaufnahme richtig war oder nicht. Wäre er behandelt worden, hätte es keinen Sturz gegeben.
Wir sehen also, in Deutschland braucht es keinen Virus und keine Neuauflage einer Pandemie, um die Überlastung des Gesundheitswesens, speziell der stationären Behandlung und der ambulanten Notfallversorgung, zum Gegenstand von Debatten zu erheben. So gut wie alles, was nur etwas mehr Patienten fabrizieren könnte, wird sofort als Gefahrenherd ins Auge gefasst. Und dennoch »wissen« wir seit letztem Jahr, dass wir in der Lage sind, einen Ernstfall medizinisch recht unproblematisch zu überstehen. »1.000 [Verwundete] am Tag ist so eine Größenordnung, über die wir realistisch reden«, sagte der Generaloberstabsarzt des Heeres der Bundeswehr, ein Befehlsempfänger namens Ralf Hoffmann, im letzten September der Presse. Und freilich: Damit würden wir schon fertigwerden. Denn unser Gesundheitswesen sei intakt. 1.000 Verwunderte? Vermutlich ist das eine konservative Schätzung nach einem feindlichen Angriff auf eine deutsche Großstadt. Doch nicht verzagen: Wir schaffen das, liebe Verletzte! Stay home! Am besten im Keller!
Fällt jemanden im journalistischen Betrieb eigentlich auf, dass man abwechselnd von der großartigen Leistungsfähigkeit deutscher Heilkunststätten und den vollumfänglichen Strapazen der Humanressourcenreparatur bei kleinsten Widrigkeiten berichtet? Wie kann ein Gesundheitswesen, das sich bei durch Eiseskälte entstehende Glätte schon sorgenvoll an den dienstbeflissenen Journalismus wendet, um dort vom drohenden Untergang zu berichten, gleichzeitig im Ernstfalle des Ernstfalles zur leistungsfähigen Fließbandheilanstalt mutieren? Dass das Propaganda ist, muss man ja nicht gesondert betonen, jeder Mensch, der unser schönes Land kennt, weiß natürlich, dass sich die Dichter und Denker längst im Broterwerb als Public-Relations-Agenten und Zeitschriftenwerber verdingen. Doch dass das offenbar so gut wie niemanden auffällt, dass die Tagesschau und Co. im Grunde annähernd fast synchron These und Antithese verkündigen können, ohne dass jemand mal ganz zaghaft »Augenblick mal!« ruft, das war, ist und wird wohl immer zu den Erstaunlichkeiten der 2020er-Jahre gehören. Vielleicht sollte man darüber auch nicht zu viel nachdenken, denn unter Umständen belastet das manche psychiatrische Notaufnahme im Übermaß.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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