NATO-Generalsekretär Mark Rutte macht klar, dass wir einen Krieg zu erwarten haben, der an den erinnert, den unsere Großeltern erlebt haben. Anders gesagt: Er stellt ein europäisches Blutbad in Aussicht.
Ein Beitrag von Roberto J. De Lapuente

Zeitenwende inmitten der Zeitenwende: Der NATO-Generalsekretär spricht aus, was in den letzten Jahren der kontinuierlichen Eskalation des Krieges in der Ukraine, stets ausgeblendet wurde: Dass der Krieg nämlich grauenhaft ist. Bislang taten die Verantwortlichen jedenfalls so, als wäre ein Krieg nichts anderes als eine nicht weiter nennenswerte Störung im Betriebsalltag des Kontinents – ein steriler Vorgang, der zwar Opfer produziert, aber gemeinhin überschaubar, kalkulierbar und vor allem beherrschbar bleibt.
Seit letzten Donnerstag wissen wir, dass das natürlich blanker Unsinn war – wenn wir es nicht schon vorher wussten. Mark Rutte konkretisiert zögerlich, was zu erwarten sein wird: Ein Krieg wie zu Zeiten der Großeltern. Gemeint sein dürfte damit der Zweite Weltkrieg, ein Waffengang, dem um die 60 Millionen Menschen erlagen – wobei diese Wortwahl viel zu vornehm ist für einen Vorgang, den man besser mit dem Wort »krepieren« bezeichnete. Ein Krieg also, dessen zerstörerische Kraft so verheerend war, dass etliche Nachkriegsgenerationen eine Parole als letzte Wahrheit auf der Zunge trugen, denn egal was auch geschehe, bei einer Sache sei man sich doch in Europa einig: Nie wieder Krieg!
Großvaters Krieg
Ein Krieg wie zu den Zeiten der Großeltern – Mark Rutte erklärte das nicht in einem klandestinen Zirkel, zwischen einigen Kommissköpfen sitzend oder vor den versammelten Hierarchen internationaler Geheimdienste, sondern für alle Welt laut und deutlich hörbar vor einbestellter Presse. Dass keiner was gewusst habe – diesmal zieht die Ausrede wahrlich nicht mehr.
Die Großeltern des Autors dieser Zeilen erlebten jenen Krieg, den er – und sein Kind – nun also in Neuauflage ins Auge fassen soll. Dessen Großvater kam erst 1950 aus Sibirien zurück. Anders als viele seiner Mitgefangenen nicht mit einem überdimensionierten Wasserkopf entstellt – außerdem hatte er noch alle Extremitäten an sich. Immerhin. Fünf Jahre hat er es in der Eiseskälte Sibiriens aushalten müssen – auf der Krim geriet er in Kriegsgefangenschaft. Was hat er gesehen, was musste er ertragen? Hat er getötet? Sattler war er von Beruf – die Eliminierung von Mitmenschen gehörten nicht zu den Fertigkeiten dieses verarbeitenden Gewerbes. Menschen mit Lederwaren einkleiden: das war sein Handwerk. Sie zu erschießen nicht. Wenn er aber nicht abdrückte beim Feindkontakt, tat es der Gegenüber. Deshalb wird er wohl Menschenleben ausgelöscht und Müttern die Söhne und Ehefrauen die Ehemänner genommen haben.
Was den Enkeln, die den Großvater namens Johann niemals kennenlernten, bleibt, ist die Spekulation. Er selbst nahm all das, was ihm in der Kriegsgefangenschaft widerfuhr, mit ins Grab. Verdrängung war eine Strategie, um damit umgehen zu können – aus Erzählungen konnte man ableiten, dass jener Mann es so hielt. Er schob weg, er blendete aus. Wie Zehntausende anderer Männer auch, die zurückkamen, sich einen Platz in der neuen bundesrepublikanischen Gesellschaft suchten und hofften, dass die Geister, die sie plagten, halbwegs sachte an ihnen vorüberzogen. Nächtliche Schreie gab es dennoch. Die Großmutter schien Unverständnis zu quälen. Hat nicht auch sie gelitten? Tote gab es nicht nur an der russischen Front, sondern auch in der bayerischen Provinzstadt, die immerhin groß genug und ausreichend wirtschaftlich wichtig war, um von nächtlichen Bombardements heimgesucht zu werden.
Großmutters Krieg
Das Wohnhaus brach ihnen – Großmutter und der kleinen Tochter – über den Köpfen weg – aber es gab Schlimmeres. Schließlich war es durchaus realistisch so zu enden, wie etliche Leute, die es nicht mehr rechtzeitig in den Unterschlupf geschafft haben. Deren lebloser Körper lagen auf der Straße – manchmal nicht mehr in einem Stück. Lebensmittel wurden von Kriegsjahr zu Kriegsjahr knapper – zeitlebens blieb die Großmutter eine sparsame Frau, die selbst eher verdorbene Lebensmittel lieber aß, als sie dem Mülleimer zu überantworten. Ihre Erzählungen aus jenen sogenannten Bombennächten überstand sie so gut wie immer ohne fließende Tränen – aber sie standen ihr in den Augen.
Wie es ihrem Johann ging, wusste sie oft monatelang nicht – als der Krieg beendet war, kein Lebenszeichen ihres Liebsten. Sie schwebte zwischen Hoffnung und Resignation. Würde er die Tochter je kennenlernen, die sie in einem Heimaturlaub gezeugt hatten? Die vorherige Eheschließung erfolgte ohne den Gatten – statt seiner positionierte man einen Stahlhelm auf dem Tisch des Standesbeamten. Er ersetzte die Anwesenheit des Heiratswilligen. Ferntrauung nannte man dieses Prozedere. Großmutter bejahte die Frage. Die Hochzeitsnacht holte man nach – mit Zeugungserfolg. Aus diesem Kinde würde eines Tages die Tante des Autors dieser Zeilen werden. Sie war ein Kleinkind, als sie mit ihrer Mutter ins Kellergewölbe eilen musste. Noch immer erinnert sie sich an die Angst – und Großmutter rannen manchmal dann doch Tränen über die Wangen, wenn sie erzählte, wie die Kleine zitterte und Bumm-Bumm schrie.
Der Krieg ließ die Großmutter nie los – sie war eine fromme Frau, Katholikin, sie benötigte keinen Krieg, um zum Glauben zu finden. Sie hatte ihn ihr ganzes vorheriges Leben gehabt. Sicherlich gab ihr der Glaube ein wenig Stabilität, um nicht irre zu werden an jenen schweren Jahren, in denen sie mal hoffte, mal das Schlimmste fürchtete und – je länger der Krieg ging – Mangel litt. Als der Großvater 1950 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam – Großmutter war Konrad Adenauer sehr dankbar für seinen Einsatz in der Rückführung der letzten Kriegsgefangenen –, war die Tochter um die acht Jahre alt. In der Schule erzählte sie nun jedem, dass sie jetzt auch einen Papa habe.
Großmutters Nachkriegszeit
Obgleich Großvater seine schlimmen Erlebnisse nicht im Alkohol ertrank, obgleich er sich nicht zu einem prügelnden Familiendespoten entwickelte, sondern hin und wieder sogar für etwas Humor stand, blieb der Mann freilich ein letztlich Fremder im Leben seiner Tochter – die zweite Tochter des Ehepaares, die Mutter des Autors, die Jahre nach seiner Rückkehr zur Welt kam, war – so wird erzählt – alles für diesen Mann, der den Krieg gesehen hatte. Er starb 1976 im Idyll seines Schrebergartens – viel zu früh. Die Großmutter blieb bis zu ihrem Lebensende ohne Partner. Erst 2015 starb sie – beerdigt wurde sie neben ihrem Hans. Was er im Krieg erlebt habe, so erzählte die Großmutter ihren Enkeln häufig, wisse sie nicht – sie hätte es so gerne gewusst, wollte der Frage aber nicht nachgehen. Aus Respekt vor dem, der so gelitten haben muss. Dass es harte Jahre waren für ihn, das wusste sie freilich, denn gerade mal so viel ließ er sie wissen. Mehr jedoch nicht.
So waren es die Erzählungen der Großmutter, die den Autor schon als kleinen Jungen fesselten. Anders als der Großvater, der damals schon verstorben war, war sie redselig. Die Eltern des Autors ermahnten sie oft, sie solle den Kindern doch nicht diese traurigen Kriegsgeschichten erzählen – einmal, der Autor erinnert sich, lassen Sie mich persönlicher werden und nicht mehr in der dritten Person verweilen – einmal, so ich erinnere mich, flüsterten wir wegen einer solchen elterlichen Ermahnung: Die Mama sollte nicht hören, dass sie mir schon wieder Geschichten von damals erzählte. Ich saß gebannt im Schneidersitz vor ihr und blickte zu ihr hinauf. Heute glaube ich, sie musste darüber sprechen, sie litt noch immer an den Ausläufern des Krieges, die sie in der bayerischen Provinz, in Ingolstadt an der Donau, erfassten. Es musste raus, weitergetragen werden – hatte sie Angst, dass das, was den Menschen damals widerfuhr, vergessen würde?
Ein Krieg wie zu den Zeiten der Großeltern – jener Mark Rutte, der vielleicht nie eine Großmutter hatte, die über die Schrecknisse jener Jahre erzählen konnte, reißt nun – wie eingangs erklärt – an, was die westeuropäische Militärpolitik bedeutet. Wir werden also keinen strategisch sauberen, keinen chirurgischen Krieg erleben, sondern ein Blutbad, eine Tragödie von epischem Ausmaß. Was er nicht erklärte: Jener Krieg aus Zeiten der Großeltern sorgte dafür, dass etliche junge Menschen nie die Chance bekamen, eben dies zu werden: Großeltern. Sie endeten – und verendeten – auf irgendeinem gottverlassenen und mit menschlichem Blut gedüngtem Feld. Ihren Geschichten lauschte kein Enkel – ja, nicht mal die Enkel gab es, sie starben mit ihnen.
Unsere Vorkriegszeit
Meine Großmutter starb – ich sagte es bereits – im Jahr 2015. Vor einigen Jahren tröstete es mich, dass sie jene Pandemie nicht mehr erleben musste. Denn die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Altenheim – die Tante, jene aus dem Keller in Nächten mit Fliegeralarm, besuchte sie täglich. Abgesperrt von der Außenwelt zu sein: Welche Bürde blieb ihr da erspart! Nun hat es die Politik abermals geschafft, dass ich froh sein muss, dass die alte Frau gerade noch rechtzeitig ihr Lebensende vollzog. Sollte sie nochmals einen Krieg erleben müssen, der wie zu den Zeiten der Großeltern aussieht – den hatte sie schon, sie brauchte wirklich keinen mehr. Nach allem, was ich von ihr darüber erfahren habe, war das nichts, was man sich wünschen konnte.
Jede Politik, die nicht vollumfänglich bemüht ist, so eine Katastrophe mit allen Mitteln abzuwenden, ist eine Kriegserklärung an die Menschlichkeit – und Menschheit. Mark Rutte mag zwar ehrlicher sein, als alle jene, die vorher von einer Art sorgenfreiem Krieg kündeten, der nicht mehr alle in Mitleidenschaft ziehen wird und die Schurken herausfiltern kann – aber Ruttes Ehrlichkeit versteckt sich auch hinter Euphemismen: Wie zu den Zeiten der Großeltern – diese Floskel klingt auch wie: Apfelstrudel, wie ihn die Großmutter machte. Kartoffelsalat nach Omas Art. Nein, machen wir uns nichts vor, dieser Rutte kündet von einem Blutbad – und wir sollten jetzt verdammt nochmal die Ruhe und Contenance verlieren.
Aus der Ruhe zu geraten, wenn der durch kontinentale Empirie entstandenen Parole, wonach nie wieder ein Krieg stattfinden soll, eine Abfuhr erteilt wird: Das war die Lehre aus der europäischen und speziell deutschen Geschichte – dass diese nun abgeschafft wird, während man parallel so tut, als würde man diesem Erbe mittels choreographierter Nie-wieder-rechts-Haltung gerecht werden, ist die vielleicht kurioseste Entwicklung der letzten drei Jahre. Man hat die Erinnerungskultur um den Pazifismus entkernt – erinnert wird nun geschichtsvergessen und frei von Kriegswarnungen. Großmutter war keine Akademikerin, keine Frau, von der man sagen würde, sie sei sehr gebildet gewesen. Sie besuchte die Volksschule, arbeitete ein wenig im Krieg, bis sie Mutter wurde – und war ab dieser Zeit ihr Leben lang eine Hausfrau, die von Harmoniesehnsucht erfüllt war. Politik kümmerte sie wenig. Damit unterschied sie sich wenig von vielen Frauen aus ihrer Generation. Aber dem Kriege den Krieg zu erklären: Dafür war sie zu haben. Geläutert durch die eigenen Erfahrungen. Großmutter kann man nur vermissen in dieser Zeit, in der Menschen von Dingen schwadronieren, für die ihr Intellekt offenbar nicht ausreicht.

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
Mehr Beiträge von Roberto De Lapuente →
Disclaimer: Berlin 24/7 bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion Berlin 24/7 widerspiegeln. Wir bemühen uns, unterschiedliche Sichtweisen von verschiedenen Autoren – auch zu den gleichen oder ähnlichen Themen – abzubilden, um weitere Betrachtungsweisen darzustellen oder zu eröffnen.



